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Hamlet (Datierung)
In diesem Artikel werden alle bedeutenden Forschungsergebnisse zur Frage der Datierung von Shakespeares Tragödie Hamlet zusammengefasst.
Inhalt6 Abschnitte
Grundproblem der Datierung
Bei Shakespeares Hamlet lässt sich kein einzelnes, sicher bestimmbares „Entstehungsdatum“ angeben. In der Forschung kann „Datierung“ Verschiedenes bedeuten: das Datum der ersten Aufführung, die Zeit der Abfassung beziehungsweise den Abschluss der Niederschrift oder eine Verbindung von Niederschrift und Aufführung („written and produced“). Thompson und Taylor unterscheiden für jedes Shakespeare-Drama mindestens drei relevante Daten: Niederschrift, Aufführung und Druck. Da Hamlet in mehreren Fassungen und Ausgaben überliefert ist, bleibt eine exakte Datierung praktisch unmöglich.
Die Forschung versucht deshalb, durch Vorläufer, zeitgenössische Zeugnisse, Anspielungen in anderen Werken, Stilanalysen und Hinweise im Stück selbst einen wahrscheinlichen Zeitraum zu bestimmen. Die werkimmanenten Hinweise grenzen die Entstehungszeit auf etwa 1599 bis 1601 ein, während die stilistische Beurteilung der erhaltenen Fassungen eine Entstehung der Versionen von 1604–05 vor der Zeit um 1590 ausschließt.
Mögliche unmittelbare Vorläufer
Ob vor 1600 ein unmittelbarer Vorläufer von Hamlet existierte, ist in der Forschung umstritten. Einigkeit besteht nur darüber, dass verschiedene Indizien vorliegen; ihre Bedeutung wird unterschiedlich bewertet. Häufig wird ein sogenannter „Ur-Hamlet“ angenommen, dessen Autor möglicherweise Thomas Kyd war.
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Thomas Nashe erwähnte 1589 im Vorwort zu Robert Greenes Menaphon, ein bei Kerzenlicht gelesener englischer Seneca könne „whole Hamlets“ beziehungsweise „handfuls“ tragischer Reden hervorbringen. Edmond Malone deutete dies als möglichen Hinweis auf ein bereits aufgeführtes Hamlet-Stück.
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Philip Henslowe verzeichnete 1594 im Theater von Newington Butts die Aufführung eines Stückes mit dem Titel Hamlet. Er nannte jedoch weder einen Autor noch weitere Einzelheiten.
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Thomas Lodge berichtete über eine Aufführung im The Theatre in Shoreditch im Jahr 1596. Dabei habe ein Geist so kläglich gerufen: „Hamlet revenge.“ Da Shakespeares Lord Chamberlain’s Men bis Ende 1596 im The Theatre auftraten, ist der Hinweis besonders interessant. Lodge nannte aber ebenfalls weder Autor noch Titel.
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Nashe brachte das fragliche Stück mehrfach mit Thomas Kyd in Verbindung. Als weiterer Grund für die Ur-Hamlet-These gelten die Ähnlichkeiten zwischen Hamlet und Kyds Die Spanische Tragödie. Deren erweiterte, erstmals 1602 gedruckte vierte Fassung könnte nach Ansicht verschiedener Forscher teilweise zwischen 1596 und 1598 von Shakespeare selbst ergänzt worden sein.
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G. Blakemore Evans verwies auf Robert Parrys höfischen Roman Moderatus. Darin erscheint das Motiv, ein königliches Schreiben zu öffnen, zu fälschen und wieder zu versiegeln. Evans deutet dies als Hinweis auf die Existenz des Ur-Hamlet.
Externe Zeugnisse und ihre Grenzen
Vier äußere Zeugnisse werden besonders für die Datierung herangezogen. Ihre Aussagekraft ist jedoch unterschiedlich und wird in der Arden-Ausgabe von Thompson und Taylor kritisch bewertet.
Eine 1598 von Francis Meres angelegte Liste von Shakespeares Stücken enthält Hamlet nicht. Viele Gelehrte schließen daraus, dass das Stück vor 1598 möglicherweise noch nicht existierte. Im selben Jahr erwähnte Gabriel Harvey in handschriftlichen Randnotizen Hamlet und bezeichnete Shakespeare, Edmund Spenser und Thomas Watson als „florishing metricians“. Die Notizen enthalten jedoch widersprüchliche Angaben: Harvey erwähnt Empfehlungen des Earl of Essex, der 1601 starb, und Epigramme von John Owen, die erst 1607 erschienen. Deshalb berechnen einige Forscher daraus ein mögliches Abfassungsdatum, während andere den Marginalien jeden Wert für die Datierung absprechen.
Deutlich aussagekräftiger ist ein Eintrag von James Roberts im Stationers’ Register vom 26. Juli 1602: „A booke called the Revenge of Hamlett Prince of Denmark as yt was latelie Acted by the Lord Chamberleyne his servantes.“ Der Eintrag nennt keinen Autor und entspricht nicht den Titeln der späteren Shakespeare-Ausgaben. Er belegt aber, dass ein Stück mit diesem Inhalt kurz zuvor von den Lord Chamberlain’s Men aufgeführt worden war.
Ein weiteres, vermutlich von Antony Scoloker stammendes Zeugnis findet sich im Gedicht Daiphantus und dessen Anhang. Dort gibt es Hinweise auf Shakespeare und Hamlet sowie eine sinngemäße Widmung an die Leser von Hamlet. Andrew Gurr vermutet einen Zusammenhang mit der Bücherverbrennung vom 1. Juni 1599, dem sogenannten Bishops Ban. Diese Deutung bleibt jedoch eine Vermutung.
Hinweise im Stück selbst
Vier Stellen in Hamlet werden als werkimmanente, also aus dem Stück selbst gewonnene Hinweise auf die Entstehungszeit gedeutet.
Die Erwähnungen von Julius Cäsars Tod erlauben eine relative Einordnung, weil Hamlet vermutlich nach Julius Cäsar entstand. In Hamlet wird der Ort von Cäsars Ermordung fehlerhaft angegeben: Nach Plutarch wurde Cäsar bei einer Senatssitzung im Theater des Pompeius getötet. Die falsche Ortsangabe könnte auf Chaucers The Monk’s Tale zurückgehen. Die Erwähnung wird außerdem als mögliche Werbung für eine eigene Aufführung verstanden.
Zwischen Hamlet und John Marstons Antonio’s Revenge bestehen zahlreiche Parallelen. Der Eintrag im Stationers’ Register datiert dieses Stück auf den 24. Oktober 1601. Daraus wurden jedoch sehr verschiedene Schlüsse gezogen: Jenkins hält Marston für von Shakespeare abhängig, G. K. Hunter nimmt eine gemeinsame Abhängigkeit vom Ur-Hamlet an, Charles Cathcart sieht Hamlet als Vorlage eines noch früheren Stücks von Marston, W. Reavly Gair vermutet eine gleichzeitige Konkurrenz und Katherine Duncan-Jones eine Zusammenarbeit. Daher ergibt dieser Vergleich keine sichere Datierung.
Eine in Q1 und F1 überlieferte Stelle wird mit dem War of the Theatres in Verbindung gebracht, dem Konflikt zwischen Ben Jonson, Thomas Dekker und John Marston. Auch die Erwähnung von Kinderdarstellern wird auf die Children of the Chapel bezogen, die um 1600 neu gegründet wurden.
Schließlich erscheint die Symbolfigur des Herkules, der die Welt auf seinen Schultern trägt. Sie war das Wappen des Globe Theatre. Die Stelle kann daher frühestens nach der Gründung des Globe im Jahr 1599 niedergeschrieben worden sein. Zusammengenommen führen die werkimmanenten Hinweise zu einem möglichen Entstehungszeitraum von 1599 bis 1601.
Zeugnisse früher Aufführungen
Für die frühen Aufführungen von Hamlet gibt es fünf ernst zu nehmende Indizien, doch auch sie ergeben kein vollständig sicheres Bild.
Das früheste ausdrücklich auf Hamlet bezogene Aufführungszeugnis datiert vom 5. September 1607. Die Aufführung soll vermutlich auf dem Handelsschiff Red Dragon stattgefunden haben, das auf der Fahrt nach Indien vor der Westküste Nordafrikas, im heutigen Sierra Leone, ankerte. Der Hinweis stammt aus einer Veröffentlichung der Mitte des 19. Jahrhunderts. In den Aufzeichnungen des Kapitäns William Keeling, die Samuel Purchas 1625 herausgab, fehlt er. Deshalb hielten einige Autoren die Einträge für eine Fälschung; in jüngerer Zeit wurde diese Vermutung wieder zurückgewiesen.
Die Titelseite der ersten Quartoausgabe behauptet, Hamlet sei an den Universitäten von Cambridge und Oxford aufgeführt worden. Alan H. Nelson bezweifelt diese Angabe, weil die Universitätsverwaltung in Cambridge damals Theateraufführungen untersagte. Er vermutet deshalb eine verkaufsfördernde Fälschung.
Richard Burbage, ein bedeutender Theaterbesitzer und Schauspieler sowie laut F1 einer der „principal actors“, wird in seinem Nachruf möglicherweise mit der Totengräberszene in Verbindung gebracht. Nur Q1 enthält den Hinweis, dass Hamlet in das Grab springen soll. Das wird als Indiz dafür gewertet, dass eine Q1-Fassung aufgeführt wurde.
Das Fehlen eines Narren kann mit der Besetzung der Truppe zusammenhängen. Die Yorickszene wird so gedeutet, dass zeitweise kein passender Darsteller zur Verfügung stand. William Kempe, bekannt unter anderem als Darsteller des Falstaff, schied vermutlich 1599 aus und starb etwa 1603. Um 1600 wurde Robert Armin verpflichtet, der einen neuen Typ des Narren verkörperte.
Parodistische Anspielungen in Theaterstücken nach 1600 gelten als Zeichen für den Aufführungserfolg von Hamlet. Dazu zählen die Yorickszene in The Honest Whore von Dekker und Middleton, Anspielungen auf Ophelias Tod in Eastward Hoe von Chapman, Marston und Jonson sowie weitere Bezüge in The Woman Hater, The Scornful Lady, The White Devil und Die beiden edlen Vettern.
Stil, Nebenüberlieferung und Ausgaben
Die Stilanalysen von Wells und Taylor gelten als maßgeblich. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Hamlet-Versionen von 1604–05 stilistisch nicht vor 1590 entstanden sein können. Thompson und Taylor halten dennoch für möglich, dass Lodge und Nashe bereits um 1596 eine frühe Fassung kannten oder dass sie sogar vor 1589 existierte. Als Argument gilt das zentrale Motiv des Geistes, der Rache fordert: „Hamlet, revenge“. Dieses Motiv erscheint in Q1, Q2 und F1 und ist auch für das unbekannte Stück von 1596 bezeugt.
Ein weiteres wichtiges Zeugnis ist Tragoedia von Hamlet einen Printzen in Dennemarck, das eine englische Schauspieltruppe am 24. Juni 1624 in Dresden aufführte. Vermutlich handelt es sich um Der bestrafte Brudermord oder Prinz Hamlet aus Dännemarck. Der Prosatext wurde nach einem zunächst verlorenen Manuskript vom Oktober 1710 im Jahr 1781 veröffentlicht. Er ist eine komprimierte Fassung von Hamlet. Nach Jenkins lässt sich nicht entscheiden, welcher überlieferten Hamlet-Fassung der Text am nächsten steht. Gelehrte des 19. Jahrhunderts vermuteten dagegen, Fratricide Punished beruhe auf dem Ur-Hamlet.
Für die wissenschaftliche Arbeit mit den verschiedenen Textfassungen sind unter anderem folgende Ausgaben wichtig: Harold Jenkins’ Arden-Ausgabe von 1982, Philip Edwards’ New Cambridge Shakespeare von 1985 beziehungsweise 2003 sowie die Arden-Ausgabe von Ann Thompson und Neil Taylor aus dem Jahr 2006. Deren zweiter Band enthält außerdem The Texts of 1603 and 1623. Eine englisch-deutsche Studienausgabe legten Norbert Greiner und Wolfgang G. Müller 2008 vor.
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