Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Gletscherschwund seit 1850

In den meisten Regionen der Welt steigen die Temperaturen hauptsächlich infolge des menschlichen Ausstoßes von Treibhausgasen an. · Im Gegensatz zur …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Messung und Ursachen
  2. 2. Gletscher als Klimaindikatoren
  3. 3. Globale Entwicklung und regionale Beispiele
  4. 4. Tropische und polare Gletscher
  5. 5. Folgen und Gegenmaßnahmen

Begriff, Messung und Ursachen

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts geht die Masse und Fläche der Gletscher nahezu weltweit zurück. Dieser langfristige Massenverlust heißt Gletscherschwund oder Gletscherschmelze. Er ist nicht mit der jährlichen Schneeschmelze im Frühling gleichzusetzen. Auch Schmelzen im Zehrgebiet ist bei einem Gletscher im Gleichgewicht normal, wenn es durch entsprechenden Massenzuwachs im Nährgebiet ausgeglichen wird.

Die wichtigste Messgröße ist die Massenbilanz. Sie entspricht der Differenz zwischen Akkumulation und Ablation:

• Akkumulation: Gewinn von Schnee und Eis durch Schneefall, Triebschnee, Lawinen, Kondensation von Wasserdampf und Anfrieren von Regenwasser. • Ablation: Verlust durch Schmelzen, Sublimation und Abbruch von Eis oder Lawinen.

Im Nährgebiet bleibt Schnee zumindest teilweise über den Sommer erhalten und wird zu Gletschereis. Im Zehrgebiet überwiegt der Eisverlust. Dazwischen liegt die Gleichgewichtslinie; dort sind sommerliche Ablation und winterliche Akkumulation im Mittel gleich groß. Eine negative Massenbilanz führt zum Rückzug. Kann ein Gletscher kein neues Gleichgewicht erreichen, schmilzt er bei gleichbleibendem Klima möglicherweise vollständig ab.

Seit wenigstens 1960 ist die globale Massenbilanz deutlich negativ. Von 173 weltweit untersuchten Gletschern schrumpften zwischen 1970 und 2004 83 %; der durchschnittliche Rückgang betrug 31 cm pro Jahr. Die Gletscher der Alpen verloren seit 1850 etwa ein Drittel ihrer Fläche, ihr Volumen sank zwischen 1901 und 2011 fast um die Hälfte.

Hauptursache ist die vom Menschen verstärkte globale Erwärmung. Zwischen 1906 und 2005 stieg die weltweite bodennahe Lufttemperatur um 0,74 °C (± 0,18 °C). Die Erwärmung ist in Polnähe und in größerer Gebirgshöhe stärker. Für Niederschläge gibt es dagegen keine weltweit eindeutige Entwicklung: In einigen Regionen nahmen sie zu, in West- und Ostafrika sowie im Westen Lateinamerikas wurden Rückgänge bis zu 50 % gemessen. Deshalb müssen die Ursachen regional untersucht werden.

Zusätzlich kann Kryokonit, ein dunkler biogener Staub aus Mineralpartikeln und organischer Materie, die Reflexion des Sonnenlichts vermindern und das Schmelzen beschleunigen. Natürliche Klimaschwankungen verursachten auch früher Vorstöße und Rückzüge. Der seit den späten 1970er-Jahren wieder stark beschleunigte Rückgang wird jedoch hauptsächlich anthropogenen Einflüssen zugeschrieben. In den Alpen könnten Rußpartikel seit der Industrialisierung zunächst die Albedo, also das Rückstrahlvermögen, gesenkt haben.

Gletscher als Klimaindikatoren

Gletscher reagieren auf Temperatur und Niederschlag und befinden sich ständig in einer glazialen Oszillation zwischen Vorstoß und Rückzug. Kleinere Gletscher reagieren schneller und eignen sich eher zur Untersuchung kurzfristiger Klimaereignisse. Maritime Gletscher sind dafür meist besser geeignet als kontinentale, weil bei kontinentaler trockener Luft ein Teil des Eises durch Verdunstung verloren geht und dabei Verdunstungswärme abgeführt wird, die sonst zum Schmelzen beitragen könnte.

Die Reaktion hängt außerdem von Eismasse, Oberfläche, Untergrund, Hangneigung, Talform, Wind, Luv- und Lee-Effekten sowie dem Verhalten des Schmelzwassers ab. Große Gletscher sind träger und werden weniger von einzelnen Wetterlagen als von längerfristigen Klimaveränderungen beeinflusst. Deshalb zeigen sie besonders gut die langfristige Temperaturentwicklung. Johannes Oerlemans rekonstruierte aus den Längenänderungen von 169 weltweit verteilten Gletschern die globale Mitteltemperatur der vergangenen 400 Jahre; für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ergab sich eine Erwärmung um etwa 0,5 °C.

Eisbohrkerne reichen in manchen Gletschern mehrere Jahrtausende zurück. Aus grönländischen und antarktischen Eisschilden lassen sich Klima und atmosphärische Zusammensetzung sogar über mehrere hunderttausend Jahre rekonstruieren. Funde von Torf und Baumstämmen an zurückweichenden Gletschern zeigen, dass einige Gletscher im Holozän, also in den letzten 11.700 Jahren, zeitweise deutlich kleiner waren. Der Artikel nennt unter anderem den Fund von „Ötzi“, der vor etwa 5300 Jahren auf einem damals eisfreien Joch ums Leben kam. Zugleich wird eine Studie erwähnt, nach der die Kleine Eiszeit vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die größte Alpengletscherausdehnung der letzten 10.000 Jahre bewirkt haben könnte; der Einfluss der Sonnenaktivität wird dabei als möglicherweise unterschätzt bezeichnet.

Globale Entwicklung und regionale Beispiele

Die Entwicklung unterscheidet sich regional, doch praktisch alle Gletscher der mittleren Breiten und Tropen haben eine negative Massenbilanz. Für die 2040er- und frühen 2050er-Jahre wird ein Höhepunkt von jährlich etwa 4000 verschwindenden Gletschern erwartet.

In den Alpen bedeckten etwa 5150 Gletscher in den 1970er-Jahren 2903 km². Bis 1970 waren 35 % der seit 1850 vorhandenen Fläche verschwunden, bis 2000 annähernd 50 %; zwischen 2000 und 2015 gingen jährlich weitere 1,8 % verloren. Im Zeitraum 1995–2000 zogen sich 103 von 110 untersuchten Schweizer, 95 von 99 österreichischen, alle 69 italienischen und alle 6 französischen Gletscher zurück. Der Große Aletschgletscher verlor seit 1870 knapp 2800 m Länge. In Deutschland gab es Ende der 2010er-Jahre noch fünf kleine Gletscher; seit 2022 wird der Südliche Schneeferner nicht mehr als Gletscher geführt. Bei einer sommerlichen Erwärmung um 3 °C bis 2100 könnten die Alpengletscher etwa 80 % ihrer Fläche von 1971–1990 verlieren, bei 5 °C nahezu vollständig verschwinden.

Die Pyrenäengletscher verloren zwischen 1850 und 2016 knapp 90 % ihrer Fläche; 2023 waren noch 15 Gletscher mit zusammen etwas mehr als 1,4 km² vorhanden. Auch in Skandinavien, Norwegen, dem Kaukasus, den Gebirgen Zentralasiens und Neuseeland überwiegt der Rückgang. Der Rückgang kann zeitweise unterbrochen werden: In Norwegen wuchsen in den 1990er-Jahren 11 von 25 beobachteten Gletschern wegen hoher Winterniederschläge. In Neuseeland wuchsen Fox- und Franz-Josef-Gletscher zeitweise, zogen sich seit 2009 aber wieder stark zurück.

Asiatische Gletscher sind für die Wasserversorgung arider Gebiete besonders wichtig. Allein im Himalaya bedecken etwa 6500 Gletscher 33.000 km²; schätzungsweise 800 Millionen Menschen sind zumindest teilweise auf ihr Schmelzwasser angewiesen. Die meisten Himalaya-Gletscher schrumpfen, während die lange beobachtete Karakorum-Anomalie mit zeitweise ausgeglichener Massenbilanz inzwischen ebenfalls durch Masseverluste abgelöst werden könnte. Im Tian Shan gingen zwischen 1955 und 2000 jährlich fast 2 km³ Eis verloren. Im Pamir verloren die Gletscher im 20. Jahrhundert 20 km³ Eis.

In Nordamerika beschleunigte sich der Rückgang seit den frühen 1980er-Jahren. In den Nordkaskaden verloren Gletscher zwischen 1984 und 2005 durchschnittlich mehr als 12,5 m Dicke und 20–40 % ihres Volumens. Der Athabasca-Gletscher zog sich seit dem späten 19. Jahrhundert um 1500 m zurück. In Alaska stieg der hochgerechnete jährliche Volumenverlust von 52 ± 15 km³ zwischen Mitte der 1950er- und Mitte der 1990er-Jahre auf 96 ± 35 km³ zwischen Mitte der 1990er-Jahre und 2001. In Patagonien gingen fast alle Gletscher zurück; der O’Higgins-Gletscher verlor zwischen 1975 und 1996 14,6 km Länge. Eine Ausnahme ist der Perito-Moreno-Gletscher, der sich zwischen 1947 und 1996 um 4,1 km verlängerte und sich zuletzt in einem Gleichgewichtszustand befand.

Tropische und polare Gletscher

Tropische Gletscher liegen zwischen den Wendekreisen, jeweils etwa 2600 km nördlich und südlich des Äquators. Wegen ganzjährig hoher Temperaturen, geringer jahreszeitlicher Schwankungen und weniger ausreichend hoher Berge sind sie klein, isoliert und besonders empfindlich. Ihre Fläche in den tropischen Anden sank von 2750 km² in den 1970er-Jahren auf 1920 km² im Jahr 2013 und 1409 km² im Jahr 2023. Mehr als 99 % der tropischen Gletscherfläche liegen in Südamerika, vor allem in Peru und Bolivien.

Venezuela verlor sein Gletschereis bis auf ein Relikt von 0,02 km² am Pico Humboldt und ist seit 2023 der erste Andenstaat ohne nutzbaren Gletscherbestand. Kolumbien verlor seit Mitte des 20. Jahrhunderts 69 % seiner Gletscherfläche. In Ecuador sank sie seit den frühen 1990er-Jahren von 92 km² auf 43,5 km² im Jahr 2017. Bolivien verlor zwischen 1986 und 2014 mehr als 40 % seiner Gletscherfläche; der Chacaltaya-Gletscher war 2009 vollständig abgeschmolzen. In Peru gingen zwischen 2000 und 2016 29 % der Gletscherfläche verloren. Die Quelccaya-Eiskappe verlor zwischen 1980 und 2010 knapp 30 % ihrer Fläche und könnte bei unveränderten Bedingungen laut einer genannten Prognose in etwa 50 Jahren vollständig abschmelzen.

Afrikas Gletscher bedeckten Anfang der 2020er-Jahre nur noch 1,36 km² und hatten gegenüber dem Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 90 % ihrer Fläche verloren. Am Kilimandscharo sank das Eisvolumen zwischen 1912 und 2021 um etwa 91 %, von 11,4 km² auf 0,98 km². Auf dem Mount Kenya gingen seit Beginn des 20. Jahrhunderts etwa 96 % der Masse verloren. Auch die Gletscher des Ruwenzori-Gebirges schrumpften stark. Auf Neuguinea teilte sich die 1936 geschlossene Eiskappe des Puncak Jaya in mehrere Gletscher; der Meren-Gletscher verschwand zwischen 1994 und 2000 vollständig.

Etwa 99 % des Süßwassereises der Erde liegen in den polaren und subpolaren Eisschilden von Antarktis und Grönland. Beide verlieren zusammen derzeit etwa 125 Gt pro Jahr: Grönland etwa 100 Gt, die Westantarktis 50 Gt, während die Ostantarktis etwa 25 Gt gewinnt. In der Antarktis verlor der Eisschild zwischen April 2002 und August 2005 durchschnittlich 152 (± 80) km³ Eis pro Jahr. Larsen A löste sich 1995 auf, Larsen B brach 2002 mit einer Eisfläche von 3250 km² ab. In Grönland verlor der Eisschild zwischen 2003 und 2012 jährlich etwa 274 ± 24 Gt Eis; Oberflächenverlust und Verluste durch Kalbung trugen ungefähr gleich viel bei. Auch Island, Spitzbergen und der kanadisch-arktische Archipel verzeichnen überwiegend Rückzüge.

Folgen und Gegenmaßnahmen

Die wichtigsten Folgen sind der Anstieg des Meeresspiegels, eine zunächst zunehmende und später abnehmende Wasserverfügbarkeit sowie häufigere Gletscherseeausbrüche. Der Meeresspiegel stieg von 1901 bis 2018 um etwa 20 cm (±5 cm); seit Beginn der Satellitenmessungen 1993 bis Anfang der 2020er-Jahre um etwa 10 cm. Die jährliche Anstiegsrate erhöhte sich von 1,3 mm (1901–1971) über 1,9 mm (1971–2006) auf 3,7 mm (2006–2018). Bis 2100 werden zusätzlich 28–55 cm bei strengem Klimaschutz und 63–101 cm bei hohen Treibhausgasemissionen erwartet. Das Schmelzen der weltweiten Gletscher könnte davon 8–18 cm beitragen.

Das in Gebirgsgletschern gespeicherte Wasser entspricht ungefähr 30 cm Meeresspiegelanstieg. Ein vollständiges Abschmelzen Grönlands würde den Meeresspiegel um etwa 7,3 m erhöhen, ein Abschmelzen der Antarktis um etwa 57 m. Ein Anstieg um 1 m könnte ohne Gegenmaßnahmen weltweit 150.000 km² Land überfluten, 180 Millionen Menschen betreffen und Schäden von 1,1 Billionen Dollar verursachen.

In Flussgebieten nimmt der Abfluss zunächst zu, langfristig aber ab. Dadurch können Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Industrie und Wasserkraft gefährdet werden. Besonders abhängig sind Regionen am Himalaya, in den Anden sowie Städte wie Quito und La Paz. Beim Rückzug bilden Moränen natürliche Dämme. Wächst der dahinter entstehende Gletschersee, kann der Damm brechen und einen Gletscherlauf auslösen. In Nepal, Bhutan und Tibet stieg die Häufigkeit solcher Ausbrüche von 0,38 pro Jahr in den 1950er-Jahren auf 0,54 in den 1990er-Jahren. Ein Ausbruch des Luggye Tsho 1994 in Bhutan forderte 23 Menschenleben; der Ausbruch des Dig Tsho in Nepal 1985 verursachte eine bis zu 15 m hohe Flutwelle.

Der Gletscherschwund erschwert außerdem Gletscherskilauf und Bergtourismus, weil Skigebiete ihre Sommersaison verlieren und Gletscherspalten sowie tauender Permafrost die Wege gefährlicher machen.

Als Gegenmaßnahmen nennt der Artikel vor allem wirksamen Klimaschutz, die Verringerung von Treibhausgasen, Ressourcenschonung und eine effizientere Wassernutzung, etwa durch nachhaltige Landwirtschaft. Örtlich werden Gletscherflächen mit Spezialvlies gegen Sonneneinstrahlung geschützt. In der Schweiz kostet der Erhalt eines Kubikmeters Eis dadurch jährlich 0,6 bis 8 CHF; für den globalen Gletscherschwund ist diese Methode jedoch ohne Bedeutung. Die Vereinten Nationen erklärten 2025 zum Internationalen Jahr der Erhaltung der Gletscher.

Lernvideos zu Gletscherschwund seit 1850

Weiterlesen

Gletscher Der Prozess der Ansammlung von Schneemassen wird Akkumulation genannt und infolgedessen der Entstehungsbereich eines Gletschers mit Akkumulationsgebiet ( … Gletscherdynamik Auch innerhalb eines Gletschers ist die Geschwindigkeit nicht homogen. Im Akkumulationsgebiet (Nährgebiet) des Gletschers nimmt sie im Allgemeinen zu, im … Globale Erwärmung Nach Abschätzung des IPCC sind 1,07 °C der 1,09 °C Erwärmung der Erdoberfläche zwischen 1850 und 1900 sowie zwischen 2011 und 2020 auf menschliche Aktivitäten … Intergovernmental Panel on Climate Change Der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), im Deutschen als Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen, meist als Weltklimarat bezeichnet, … Vulkan Ein Vulkan ist eine geologische Struktur, die entsteht, wenn Magma (Gesteinsschmelze) bis an die Oberfläche eines Planeten (z. B. der Erde) aufsteigt. Treibhausgas Treibhausgase (THG) sind Spurengase, die zum Treibhauseffekt eines Planeten beitragen. Sie absorbieren einen Teil der von der Planetenoberfläche abgegebenen … Treibhauseffekt Im Gegensatz zu den auf geologischen Zeitskalen stattfindenden natürlichen Klimaveränderungen läuft der anthropogene Klimawandel in extrem kurzer Zeit ab. Folgen der globalen Erwärmung Mit Folgen der globalen Erwärmung werden zahlreiche die Menschheit und die Erde betreffende Veränderungen durch einen weltweiten Temperaturanstieg beschrieben. Meeresspiegel Der Meeresspiegel ist das Höhenniveau der Meeresoberfläche. Er entspricht genähert einer Äquipotentialfläche des Erdschwerefeldes. Akkumulation (Geowissenschaften) In der Meteorologie bezeichnet man als Akkumulation die Anhäufung oder Ablagerung von Schnee im Windschatten von Felsen, Bäumen oder Gebäuden bzw. die Bildung … Lawine Als Lawinen werden in der Meteorologie Massen von Schnee, Eis oder Schlamm bezeichnet, die sich von Berghängen ablösen und zu Tal gleiten oder stürzen. Erdatmosphäre Was als Luft bezeichnet wird, besteht im Wesentlichen bei Außerachtlassen des wechselnden Wasserdampfgehalts (d. h. in Volumenprozent trockener …