Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Geyik Dağları
Die Geyik Dağları sind ein etwa 150 km langer Gebirgszug in der Südtürkei nordöstlich von Antalya ca. zwischen 36°30′ N, 32°42′ O und 37,30° N, …
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und Lage
Die Geyik Dağları sind ein etwa 150 km langer Gebirgszug im Übergang vom Westlichen zum Mittleren Taurus in der Südtürkei. Sie liegen nordöstlich von Antalya und markieren die Grenze der Provinzen Konya, Karaman und Antalya. Das Kernmassiv ist etwa 75 km lang, liegt rund 40 km nördlich des Mittelmeers und umfasst 2108 km². Wegen hoher Gipfel und schroffer Felsformen wird es auch „Alpen von Antalya“ genannt.
Das Gebirge trennt Inneranatolien von der Mittelmeerregion. Sein höchster Gipfel ist der Geyik Dağı („Hirschberg“) mit offiziell 2877 m; auf älteren Karten erscheint oft die Angabe 3002 m. Zahlreiche weitere Gipfel übersteigen 2500 m. Die Geyik Dağları werden teils zum östlich anschließenden Taşeli-Plateau gerechnet, die Mehrheit der Forschung ordnet dieses Plateau jedoch dem Rauen Kilikien zu.
Geographisch gliedert sich der Zug in einen nördlichen Teil am Quellgebiet des Çarşamba Çayı, ein alpines Zentral- und Ostmassiv um den Geyik Dağı sowie einen Süd- und Südostteil zum Taşeli-Plateau. Tiefe Täler und steile, bis zu 300 m hohe Klippen prägen besonders den Bereich um Gündoğmuş. Flache, gut nutzbare Flächen sind selten; wichtige Pässe wie Karahasan Gediği (1750 m), Yellibel Geçidi (2100 m) und Feslikan Geçidi (1540 m) ermöglichen den Verkehr zwischen dem Binnenland und der Küste.
Gesteinsbau, Karst und Landschaftsformen
Die Geyik Dağları sind geologisch komplex und bestehen überwiegend aus Karbonatgesteinen, also vor allem Kalk- und Dolomitgesteinen. Diese wurden vom Kambrium bis zum Tertiär, genauer bis Paläozän/Eozän, abgelagert. Faltung und tektonische Überschiebungen formten das Gebirge stark. Die wichtigste Gesteinsmasse ist die Geyik-Dağı-Einheit, auch Anamas-Akseki-Autochthon genannt; sie wird an Rändern von der Aladağ-Einheit und dem Antalya-Komplex überschoben.
Die Überschiebungen hängen mit der alpidischen Gebirgsbildung zusammen: Die afrikanische Platte bewegte sich nordwärts, ozeanische Kruste wurde unter die eurasische beziehungsweise anatolische Platte geschoben. Markante Gipfel über 2000 m bestehen meist aus fossilreichen, flachmarinen Kalksteinen der Kreidezeit. Jüngere eozäne Flyschablagerungen, vor allem Sandsteine, überlagern die mesozoischen Kalke stellenweise diskordant, also nach einer Ablagerungspause.
Löslicher Kalkstein begünstigt Verkarstung. Karst ist eine Landschaft, die durch Lösung des Gesteins durch Wasser entsteht. Zwischen 550 und 2800 m wurden 2019 insgesamt 25.599 Karstsenken erfasst: 23.785 Dolinen, also meist trichter- oder schüsselförmige Senken, und 1814 Uvalas, größere zusammengesetzte Senken. Die höchste Dichte beträgt 145 Karsthohlformen pro km²; 80 % liegen zwischen 1600 und 2400 m. Bedeutende große Senken sind das Akseki-Polje sowie die Randpoljen Sarıot und Sülek. Ein Polje ist eine große, geschlossene Karstsenke. Das 3,5 km lange Sarıot-Polje wird im Winter und Frühjahr überstaut und über Dolinen entwässert; im 9 km langen Sülek-Polje können Estavellen je nach Grundwasserstand Quelle oder Schluckloch sein.
Glaziale und karstische Prozesse wirken zusammen. Oberhalb von 2000–2200 m kommt hochalpiner Karst vor, zwischen 1700 und 2200 m schneebedingter Karst. 2019 wurden 98 Kare festgestellt, 2025 bereits 142. Kare sind kesselförmige, von Gletschern ausgeschürfte Hohlformen. 78 % der Kare sind einfach geformt; einzelne erreichen jedoch Tiefen bis 656 m. Wiederholte Hebungen im Quartär förderten außerdem Höhlensysteme in verschiedenen Höhenlagen.
Eiszeitliche und heutige Gletscher
Mit einer gesamten ehemaligen Gletscherfläche von 132 km² bilden die Geyik Dağları das größte eiszeitliche Vergletscherungsgebiet des westlichen Taurus. Das Quartär begann vor 2,588 Millionen Jahren. Aus dieser Zeit blieben Kare, Moränen, Rundhöcker und Trogtäler erhalten. Moränen sind vom Gletscher abgelagerte Gesteinsmassen; Rundhöcker sind vom Eis glatt geschliffene Felsformen. Besonders an Nordhängen zeigen diese Formen frühere Talvergletscherung, während an Südhängen fast keine Spuren glazialer Erosion vorkommen.
Für das ausgehende Quartär wird eine Eiskappe von etwa 50 km² angenommen, die bis 2500 m Höhe reichte. Von ihr gingen Vorlandgletscher aus. Beim letzten glazialen Maximum entstanden vor 18,0 ± 1,1 Tausend Jahren Buckelmoränen. Seitenmoränen belegen einen Gletschervorstoß während der Jüngeren Dryas vor 11,6 ± 1,3 Tausend Jahren. Der Rückzug setzte im frühen Holozän rasch ein; einzelne Seitenmoränen sind 9,0 ± 2,0 bis 10,0 ± 2,0 Tausend Jahre alt. Die Forschungen deuten darauf hin, dass das letzte glaziale Maximum hier vergleichsweise spät erreicht wurde und die Vergletscherung der Jüngeren Dryas innerhalb der Türkei am Geyik Dağı am intensivsten und weitesten verbreitet war.
Obwohl 26 glazial überprägte Kare bekannt sind, gibt es keine Karseen. Die stark verkarsteten Kalksteine lassen Oberflächenwasser versickern. Die mittlere Paläo-Gleichgewichtslinienhöhe, kurz pELA, wurde für die quartäre Schneegrenze auf 2185 m geschätzt, regional zwischen 2000 und 2400 m. Die heutige entsprechende Höhe liegt bei etwa 3350 m; damit ist das Gebirge wegen seiner geringeren Gipfelhöhen schwächer vergletschert als das östliche Schwarzmeergebirge mit einer Paläo-ELA von 2815 m.
Aktive Gletscher wurden erst nach einem Hinweis vom 27. Oktober 2023 wissenschaftlich bestätigt: ein Zentral- und ein Ostgletscher in nordseitigen Karen des Geyik Dağı. Sie sind häufig von Schutt und Schnee bedeckt. Ihre anhand von Satellitenbildern für 2023 ermittelte Gesamtfläche beträgt 44.500 m² (0,0445 km²), nur etwa 0,06 % der während des letzten glazialen Maximums erreichten Fläche von etwa 13 (±0,780) km². Seit dem 6. September 2010 ist mehr als die Hälfte ihrer Fläche geschmolzen. Vier Rückzugsmoränen belegen den Schwund; beide Gletscher könnten laut Schätzung innerhalb von 5 Jahren verschwinden. Frontmoränen stauten nach dem früheren Rückzug auf 2100 m Höhe den Eğrigöl auf, der als größter Moränensee Anatoliens gilt.
Klima, Gewässer, Vegetation und Nutzung
Im Gebirge und auf dem Taşeli-Plateau dominiert nach Köppen-Geiger der Klimatyp DSB: sommerwarmes, trockenes Kontinentalklima mit warmen, trockenen Sommern sowie feuchten, kalten Wintern. Der wärmste Monat bleibt im Mittel unter 22 °C, mindestens vier Monate liegen über 10 °C, und im trockensten Sommermonat fallen oft weniger als 30 mm Niederschlag. In sehr hohen Lagen beträgt die Jahresmitteltemperatur etwa 1,5–2 °C. Der maritime Mittelmeereinfluss ist in tieferen Lagen erkennbar, reicht wegen des steilen Gebirgsanstiegs aber nur begrenzt ins Inland. Etwa 75 % des Jahresniederschlags fallen im Winter und Frühjahr. An den Süd- und Südwesthängen können durch orographischen Aufstieg feuchter Mittelmeerluft lokal fast 2000 mm fallen, während Hadim im Regenschatten etwa 500 mm erhält.
Der wichtigste Fluss ist der Göksu Nehri, in der Antike Kalykadnos genannt. Sein Einzugsgebiet umfasst etwa 10.000 km², seine Länge über 250 km; nach Wassermenge gilt er als dritt- oder viertgrößter Fluss Südanatoliens. Seine Quellflüsse, der nördliche Göksu und der südliche Ermenek Çayı beziehungsweise Gevne Çayı, entspringen auf den Yedi Kaza-Hochebenen. Schmelzwasser speist außerdem Alara Çayı, Karpuz Çayı und Kargı Çayı. Der Çarşamba Çayı entspringt bei der Sugözü Yaylası und endet bei Çumra in Bewässerungskanälen der Konya-Ereğli Ovası. Ob der in hethitischen Quellen genannte Hulaia mit dem Göksu oder dem Çarşamba Çayı gleichzusetzen ist, bleibt umstritten.
Die Vegetation bildet eine Übergangszone zwischen mediterranen und iranisch-turanischen Einflüssen. In Küstennähe zwischen 500 und 1000 m kommt Macchie vor. In höheren Lagen wachsen Mischwälder unter anderem aus Schwarzkiefer, Kalabrischer Kiefer, Libanon-Zeder, Kilikischer Tanne und Griechischem Wacholder. Die Waldgrenze liegt bei 1800–2000 m; darüber herrscht karge Steppe, in der besonders Kretischer Tragant vorkommt. Auf dem Geyik Dağı selbst und in Moränentälern gibt es fast keine Vegetation.
Die Region ist überwiegend Weideland. Viehzucht, marginaler Ackerbau und saisonale Hochweidewirtschaft sind zentrale Erwerbsformen. Seit den 1960er Jahren nahm die Waldfläche in untersuchten Bergregionen um mehr als 20 % ab. Seit den 1990er Jahren wurden Weiden zunehmend in Ackerflächen umgewandelt; 2016 dienten fast 30 % der Landnutzung dem Nutzpflanzenanbau. Straßenbau, dauerhafte Besiedlung und Beweidung veränderten auch Hochplateaus und beeinträchtigten Feuchtflächen sowie alpine Vegetation.
Hochweiden, Verkehrswege und Geschichte
Yaylacılık bezeichnet die Transhumanz, also den saisonalen Wechsel zwischen Winterweiden (Kışla) und Sommerweiden (Yayla). Sie prägte das ländliche Leben seit seldschukischer und osmanischer Zeit und wird teilweise weiterhin betrieben. Die Höhenlagen liefern durch Schneeschmelze im Sommer Wasser und Weide für die Tiere. Die Yedi Kaza Yaylaları liegen meist über 2000 m zwischen Akseki, Bozkır, Gündoğmuş und Hadim. Ihr Zentrum ist die Eğrigöl Yaylası am 2350 m hoch gelegenen und 6–7 km langen Eğrigöl. Märkte auf Hochweiden wie Yenice, Söbü Çimen, Perşembe, Barçın und Zeyve dienen saisonalen Bewohnern als lokale Wirtschaftsorte.
Die Pässe der Geyik Dağları waren wichtige Verbindungen zwischen der Mittelmeerküste und Inneranatolien. Ein Zweig der Seidenstraße führte von Alanya nach Konya und teilte sich bei Şarapsa Han. An den Wegen lagen Karawansereien wie Gelesandra Hanı und Dereyol Hanı sowie Brücken über den Alara Çayı. Ein antiker Weg zwischen Coracesium (Alanya) und Iconium (Konya) wurde im 2. Jahrhundert n. Chr. angelegt, in seldschukischer Zeit instand gesetzt und sowohl von Karawanen als auch für Transhumanz genutzt. Sultan Alaeddin Keykubad nutzte eine solche Route bei der Eroberung Alanyas.
Frühgeschichtliche Spuren sind selten. In der Kadıini-Höhle bei Alanya weisen Funde auf eine Nutzung von vor etwa 20.000 Jahren bis in Spätchalkolithikum und frühe Bronzezeit hin. In der Antike lagen Gebirgs- und Vorlandbereiche zwischen Pisidien, Isaurien, Kilikien und Pamphylien; die genauen Grenzen, besonders Isauriens, sind umstritten. Das Gebirge war zugleich natürliche und kulturelle Barriere. Römische Kontrolle verstärkte sich vor allem während der Kaiserzeit durch Straßenbau und Stadtgründungen, blieb in den Berggebieten aber begrenzt.
Die türkische Besiedlung setzte nach 1071 durch Yörük- und turkmenische Nomaden aus Zentralasien ein. Viele siedelten sich in zuvor weitgehend verlassenen Gebieten an, gründeten Dörfer oder nutzten antike Ruinenplätze. Regionen wie Hadim, Taşkent, Bozkır, Gündoğmuş, Akseki und Sarıveliler wurden zunächst seldschukisch, später karamanidisch und schließlich osmanisch geprägt. Die jahrhundertelange Verbindung von Sesshaftigkeit, Viehzucht und nomadischer Weidewirtschaft erklärt die bis heute bedeutende Rolle der Yaylas.