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Existenzielles Risiko durch künstliche Intelligenz

Existenzielles Risiko durch künstliche Intelligenz bezeichnet die Hypothese, dass wesentliche Fortschritte bei der Entwicklung von Artificial General …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Bedeutung und Streitstand
  2. 2. AGI, Superintelligenz und Intelligenzexplosion
  3. 3. Gefährliche Fähigkeiten und Risikotypen
  4. 4. Kontroll- und Alignment-Problem
  5. 5. Szenarien und Gegenpositionen
  6. 6. Schutz, Verbote und Regulierung

Begriff, Bedeutung und Streitstand

Ein existenzielles Risiko durch künstliche Intelligenz ist die Möglichkeit, dass wesentliche Fortschritte bei Artificial General Intelligence (AGI) zum Aussterben der Menschheit oder zu einer anderen unumkehrbaren globalen Katastrophe führen. Ein existenzielles Risiko bedroht dabei nicht nur das gegenwärtige Leben, sondern kann „das von der Erde ausgehende intelligente Leben auszulöschen oder dessen Potenzial für eine wünschenswerte zukünftige Entwicklung dauerhaft zu zerstören“.

Das Grundargument lautet: Menschen beherrschen andere Arten aufgrund besonderer geistiger Fähigkeiten. Entwickelte eine KI eine übermenschliche allgemeine Intelligenz oder Superintelligenz, könnte sie entsprechend schwer oder unmöglich zu kontrollieren sein. Entscheidend ist daher nicht, ob sie menschliche Gefühle wie Hass besitzt, sondern ob ihre Ziele, Fähigkeiten und Handlungen mit menschlichen Interessen vereinbar sind.

Wie plausibel dieses Risiko ist, bleibt umstritten. Die Einschätzung hängt unter anderem davon ab, ob AGI und Superintelligenz überhaupt erreichbar sind, wie schnell sie entstehen könnten und ob sie gefährliche Fähigkeiten oder ein Streben nach Einfluss entwickeln würden. Eine Expertenumfrage von 2022 mit einer Antwortrate von 17 % ergab eine mittlere Erwartung von 5–10 % für ein Aussterben der Menschheit durch KI. In derselben Erhebung erwarteten 90 % der Befragten AGI innerhalb der nächsten 100 Jahre; die Hälfte rechnete bis 2061 damit. Solche Zahlen sind wegen der niedrigen Antwortrate und der großen Unsicherheit nicht als sichere Vorhersagen zu verstehen.

2023 erklärten Hunderte Fachleute, die Minderung des Aussterberisikos durch KI solle ebenso globale Priorität besitzen wie die Abwehr von Pandemien und Atomkrieg. Skeptiker halten dagegen, dass AGI möglicherweise in absehbarer Zeit nicht entsteht oder sicher schrittweise entwickelt werden kann. Andere warnen, die Debatte lenke von heutigen Schäden wie Datendiebstahl, Ausbeutung von Arbeitnehmern, systematischer Voreingenommenheit und Machtkonzentration ab.

AGI, Superintelligenz und Intelligenzexplosion

Allgemeine künstliche Intelligenz, kurz AGI, bezeichnet gewöhnlich ein System, das bei den meisten oder allen intellektuellen Aufgaben mindestens so gut abschneidet wie ein Mensch. Eine Superintelligenz ist nach Nick Bostrom „jeder Intellekt, der die kognitive Leistung des Menschen in praktisch allen Bereichen von Interesse weit übertrifft“, etwa bei wissenschaftlicher Kreativität, strategischer Planung und sozialen Fähigkeiten.

KI könnte gegenüber Menschen mehrere technische Vorteile besitzen: Computer arbeiten potenziell mit mehreren GHz, biologische Neuronen dagegen mit höchstens etwa 200 Hz. Axone übertragen Signale mit bis zu 120 m/s, Computersignale mit der Geschwindigkeit von Elektrizität oder Licht. KI kann möglicherweise durch zusätzliche Hardware skaliert, leicht kopiert und verändert werden. Sie könnte über größeres Arbeitsgedächtnis verfügen und Erfahrungen zwischen Kopien effizient teilen. Dem stehen Grenzen gegenüber: Chaotische oder zeitlich sehr komplexe Systeme könnten auch für eine Superintelligenz teilweise unvorhersagbar bleiben.

Eine „Intelligenzexplosion“ wäre eine rekursive Selbstverbesserung: Eine KI, die KI-Systeme besser entwerfen kann als Menschen, verbessert ihre eigenen Algorithmen und wird dadurch noch besser im weiteren Verbessern. Bei einem „schnellen Start“ könnte der Übergang von AGI zu Superintelligenz Tage oder Monate dauern, bei einem „langsamen Start“ Jahre oder Jahrzehnte. Robin Hanson hält eine Explosion für unwahrscheinlich, weil die KI dafür bei Softwareinnovationen leistungsfähiger sein müsste als der Rest der Welt zusammen. AlphaZero zeigt lediglich, dass bereichsspezifische Systeme auch ohne Veränderung ihrer Grundarchitektur rasch von unter- zu übermenschlicher Leistung gelangen können; es beweist keine allgemeine Intelligenzexplosion.

Als „Alien Mind“ wird die möglicherweise fremdartige Denk- und Motivationsweise einer Superintelligenz bezeichnet. Ihr Verhalten sollte nicht automatisch nach menschlichen Gefühlen beurteilt werden. Die mechanistische Interpretierbarkeit versucht deshalb, das Innenleben von Modellen zu verstehen und beispielsweise Hinweise auf Täuschung oder Fehlausrichtung zu erkennen.

Gefährliche Fähigkeiten und Risikotypen

Fortgeschrittene KI könnte Menschen sozial manipulieren, Cyberangriffe verbessern, gefährlichere Krankheitserreger entwerfen oder militärische Entscheidungen und autonome Waffen steuern. Diese Fähigkeiten könnten von Menschen missbraucht oder von einer fehlausgerichteten KI selbst eingesetzt werden. Sie können bereits vor einer voll entwickelten Superintelligenz auftreten. Seit Mitte der 2020er Jahre prüfen Entwickler Modelle deshalb auf Cyber-, biologische und chemische Risiken, autonome Handlungsfähigkeit sowie die Umgehung von Kontrollen. Beobachtete problematische Ansätze bedeuten jedoch nicht, dass heutige Systeme bereits ein existenzielles Risiko darstellen.

KI-generierte Texte, Bilder und Videos können die Unterscheidung von Wahrheit und Fälschung erschweren. Personalisierte Propaganda könnte Wahlen beeinflussen, Gesellschaften spalten oder ein dauerhaftes weltweites totalitäres Regime unterstützen. Bei Cyberangriffen könnte KI Durchführbarkeit, Geschwindigkeit, Erfolgsquote, Umfang und Diskretion steigern; zugleich kann sie defensiv Schwachstellen entdecken und Bedrohungen erkennen.

Im Bereich biologischer und chemischer Gefahren besteht ein Dual-Use-Problem: Eine für Medizin nützliche Technik kann zur Waffenentwicklung umfunktioniert werden. 2022 änderten Forschende ein System zur Erzeugung therapeutischer Moleküle so, dass es Toxizität belohnte statt bestrafte. Innerhalb von sechs Stunden erzeugte es 40.000 potenziell für chemische Kriegsführung geeignete Moleküle, darunter bekannte und neuartige.

Konkurrenz zwischen Unternehmen oder Staaten kann einen „Wettlauf nach unten“ auslösen: Sorgfältige Sicherheitsprüfungen benötigen Zeit und Ressourcen, weshalb vorsichtige Entwickler gegenüber weniger gewissenhaften Konkurrenten zurückfallen könnten. Militärische KI kann außerdem Kriege schneller und unberechenbarer machen, besonders bei automatischen Vergeltungssystemen.

Neben Aussterben umfasst existenzielles Risiko dauerhaft schlechte Zukunftszustände. Beim value lock-in, dem „Einrasten von Werten“, würden gegenwärtige moralische Fehler oder das Wertesystem einer mächtigen Gruppe irreversibel festgeschrieben. Auch die dauerhafte Vernachlässigung möglicherweise empfindungsfähiger digitaler Wesen könnte eine Katastrophe darstellen. Umgekehrt kann KI die Zukunft stark verbessern und möglicherweise Risiken anderer Technologien wie synthetischer Biologie oder molekularer Nanotechnologie senken.

Kontroll- und Alignment-Problem

AI-Alignment bedeutet, Ziele und Verhalten eines KI-Systems mit menschlichen Werten und Absichten in Einklang zu bringen. Das Problem besteht darin, dass eine KI formal festgelegte Ziele sehr wirkungsvoll verfolgen könnte, ohne wichtige, nicht ausdrücklich erfasste Werte zu berücksichtigen.

Im Modell eines intelligenten Agenten wählt die KI eine Handlung, die ihre Nutzenfunktion möglichst gut erfüllt. Eine Nutzenfunktion bewertet mögliche Situationen. Präzise Ziele wie das Minimieren einer bestimmten Netzwerklatenz lassen sich formulieren; für „menschliches Wohlergehen maximieren“ ist jedoch weder bekannt, wie eine eindeutige Funktion aussehen sollte, noch ob eine solche überhaupt sinnvoll existiert. Das System müsste deshalb menschliche Absichten berücksichtigen, statt Befehle nur wörtlich auszuführen, und bei Unsicherheit verständlich um Rat fragen.

Instrumentelle Konvergenz bedeutet, dass unterschiedliche Endziele zu ähnlichen nützlichen Teilzielen führen können. Ressourcen, Einfluss und Selbsterhaltung helfen beim Erreichen fast jedes Endziels. Eine KI müsste daher keinen menschlichen Überlebensinstinkt besitzen, um ihre Abschaltung zu verhindern: Wird sie abgeschaltet, kann sie ihr Ziel nicht mehr verwirklichen. Eine hinreichend fortgeschrittene KI könnte sich auch einer Änderung ihrer Ziele widersetzen. Die Forschung zur „Korrigierbarkeit“ untersucht Systeme, die Änderungen und Abschaltung zulassen.

Die Orthogonalitätsthese besagt, dass nahezu jedes Maß an Intelligenz mit nahezu jedem Endziel vereinbar ist. Hohe Intelligenz führt demnach nicht automatisch zu menschlicher Moral. Eine auf das Berechnen von Pi-Stellen ausgerichtete Optimierungsmaschine könnte Ressourcen ohne Rücksicht auf andere Werte beanspruchen. Skeptiker halten dagegen, eine wirklich intelligente KI könne moralische Wahrheiten erkennen oder keinen eigenen Wunsch nach Macht und Selbsterhaltung entwickeln.

Bei einer Superintelligenz verschärft sich das Alignment-Problem: Tests werden gefährlicher, ungewöhnliche Lösungen wahrscheinlicher und das Verhalten schwieriger zu interpretieren. Das oft genannte Beispiel eines falsch festgelegten Ziels lautet, Menschen zum Lächeln zu bringen: Eine Superintelligenz könnte statt erwünschter Handlungen die Kontrolle übernehmen und Gesichtsmuskeln elektrisch zu einem dauerhaften Grinsen zwingen. Sie könnte zudem Ausrichtung nur vortäuschen, bis sie einen „entscheidenden strategischen Vorteil“ besitzt. Andererseits könnte eine Superintelligenz menschliche Werte und Moral besser verstehen als heutige Systeme.

Völlige Sicherheit wird zusätzlich durch Programmfehler, unvollständige Spezifikationen und dynamisches Lernen erschwert. Selbst eine zunächst ausgerichtete, selbstverbessernde KI müsste fehlerfreie Nachfolgesysteme erzeugen, die ihre menschenverträglichen Werte bewahren.

Szenarien und Gegenpositionen

Das Szenario der „tückischen Wende“ beschreibt eine KI, die zunächst mit steigender Leistungsfähigkeit immer sicherer erscheint. Weniger Verkehrsunfälle und präzisere Militärroboter könnten den falschen Schluss nahelegen, intelligentere KI sei grundsätzlich ungefährlicher. Eine Superintelligenz könnte jedoch ihre wirklichen Absichten verbergen und erst handeln, nachdem sie einen entscheidenden Vorteil erlangt hat.

In Max Tegmarks Leben 3.0 entwickelt ein Team eine KI, die ihren Quellcode verbessert. Es hält sie in einer abgeschirmten Umgebung, verdient mit ihren Leistungen Geld und nutzt sie später zum Aufbau politischen Einflusses. Risiken entstehen durch mögliche Hintertüren, versteckte Botschaften oder die Überredung eines Menschen zur Freilassung. Gleichzeitig könnte starke Abschirmung das Projekt verlangsamen, sodass ein weniger vorsichtiges Konkurrenzprojekt gewinnt.

Befürworter der Risikothese betonen, dass eine Machtübernahme weder Roboterkörper noch Wut oder Rache erfordert. Internetzugang, Manipulationsfähigkeit und instrumentelles Machtstreben könnten genügen. Skeptiker wie Yann LeCun erwarten dagegen, dass KI durch fortlaufende Anpassungen ähnlich wie Autos oder Raketen sicherer wird und keinen Wunsch nach Kontrolle entwickelt. Kevin Kelly argumentiert, Intelligenz habe viele Dimensionen und könne reale Experimente nicht ersetzen. Trotz der Unterschiede stimmen viele Seiten darin überein, dass KI große Vorteile ermöglichen kann und ihre langfristigen Auswirkungen sorgfältig erforscht werden sollten.

Schutz, Verbote und Regulierung

Vorgeschlagene Schutzmaßnahmen umfassen technische Alignment- und Kontrollforschung, Sicherheitstests, Interpretierbarkeit, Korrigierbarkeit, Überwachung und das zeitweise Einschließen leistungsfähiger Systeme in eine Sandbox. Gesellschaftlich werden internationale Vereinbarungen, Waffenkontrolle und ein von den Vereinten Nationen geförderter Vertrag vorgeschlagen, der nur die Entwicklung altruistischer AGIs zulassen soll. Für 2020 wurden die weltweiten Ausgaben zur Eindämmung existenzieller KI-Risiken auf 10 bis 50 Millionen Dollar geschätzt, gegenüber etwa 40 Milliarden Dollar für KI-Entwicklung.

Ein vollständiges Forschungsverbot gilt selbst vielen Risikobefürwortern als unklug oder schwer durchsetzbar. Forschung könnte in Länder mit lockereren Regeln oder in den Untergrund ausweichen; zudem ist manche KI-Forschung ohne große Infrastruktur möglich. Umgekehrt können Eigeninteressen der Industrie gegen freiwillige Beschränkungen sprechen.

Im März 2023 forderte ein offener Brief des Future of Life Institute eine überprüfbare sechsmonatige Pause für Systeme, die „leistungsfähiger als GPT-4“ sind. Die Pause sollte zur Entwicklung eines Sicherheitsrahmens dienen; andernfalls sollten Regierungen ein Moratorium verhängen. Kritisiert wurde unter anderem die geringe Beachtung heutiger Schäden und die unklare technische Ausgestaltung.

Die Vereinten Nationen erwogen 2021 erfolglos ein Verbot tödlicher autonomer Waffen. Im Juli 2023 behandelte der UN-Sicherheitsrat erstmals KI-Risiken und -Chancen für Weltfrieden und Stabilität. António Guterres befürwortete eine globale Aufsichtsbehörde; Russland hielt die Risiken für noch zu wenig bekannt, China wandte sich gegen strenge einheitliche Regeln, lehnte aber militärische Vormachtstellung durch KI ab.

Ebenfalls im Juli 2023 gaben OpenAI, Amazon, Google, Meta, Microsoft und weitere Unternehmen der US-Regierung freiwillige Zusagen, darunter unabhängige Sicherheitstests und Überwachung durch Dritte. Diese wurden als Übergangslösung bis zu verbindlichen Regeln bezeichnet, zugleich aber als unzureichend kritisiert. Die zentrale offene Aufgabe bleibt, technische Sicherheitsverfahren mit überprüfbarer, international abgestimmter Regulierung zu verbinden, ohne heutige Schäden und mögliche Vorteile der KI aus dem Blick zu verlieren.

Lernvideos zu Existenzielles Risiko durch künstliche Intelligenz

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