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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Digitale Kunstgeschichte

Digitale Kunstgeschichte ist ein Forschungsgebiet, das digitale Methoden und Verfahren für die Untersuchung kunsthistorischer Fragestellungen verwendet.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Entwicklung
  2. 2. Dokumentation und digitale Wissensbestände
  3. 3. Digitalisierung, Raumbezug und visuelle Methoden
  4. 4. Vernetzung, Vermittlung und konkrete Projekte
  5. 5. Ausbildung und kritische Debatte

Begriff und Entwicklung

Digitale Kunstgeschichte ist ein Forschungsgebiet, das digitale Methoden und Verfahren zur Untersuchung kunsthistorischer Fragestellungen nutzt. Wenn passende Verfahren noch fehlen, werden sie für den jeweiligen Forschungszweck entwickelt. Das Gebiet wird meist als Teil der Kunstgeschichte verstanden und steht in engem fachlichem und personellem Zusammenhang mit den Digital Humanities, also den digitalen Geisteswissenschaften. Verwandt, aber nicht gleichbedeutend sind kunsthistorische Fachinformatik, Kulturinformatik sowie Digitale Kunst und Medienkunst.

Frühe digitale Aktivitäten entstanden in Forschungsprojekten wie dem Census of Antique Works of Art and Architecture Known To The Renaissance und The Place of Narrative, heute The Piero Project/ECIT. Seit den 1990er Jahren digitalisierten Archive und Bibliotheken ihre Bestände. In Deutschland bereitete das Bildarchiv Foto Marburg den auf Mikrofiches vorhandenen Marburger Index digital auf und machte ihn Ende der 1990er Jahre online zugänglich. Nach 2000 wurde daraus das allgemein zugängliche Nationale Bildarchiv der Kunst und Architektur.

2001 ergänzte prometheus – Das verteilte digitale Bildarchiv für Forschung & Lehre das zentralistische Modell. Das Projekt entstand im Förderprogramm „Neue Medien in der Lehre“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und stand zugleich mit frühen E-Learning-Bemühungen wie der „Schule des Sehens“ in Verbindung. Ebenfalls 2001 wurden die digitale Rezensionszeitschrift Kunstform und später das Portal arthistoricum.net aufgebaut. 2012 entstand in Nymphenburg bei München der Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte, der Aktivitäten im deutschsprachigen Raum bündelt, etwa zweimal jährlich Arbeitstreffen veranstaltet und ein Wiki mit Informationen zu Projekten und Publikationen betreibt.

Dokumentation und digitale Wissensbestände

Eine zentrale Grundlage der digitalen Kunstgeschichte ist die wissenschaftliche Dokumentation von Kunstwerken, Bauwerken, Quellen und historischen Sachverhalten. Museen, Bildarchive, Denkmalämter und Forschungsinstitute erfassen Informationen zunehmend in interaktiven Systemen, die Institutionen, Forschung und Publikum miteinander verbinden. Dazu müssen Datenmodelle und Erfassungsstandards entwickelt werden.

Bestandsdatenbanken verzeichnen meist die Objekte einer bestimmten Sammlung. Sie arbeiten jedoch häufig mit unterschiedlichen Standards. Das von Foto Marburg verbreitete MIDAS-System (Marburger Informations-, Dokumentations- und Administrations-System) führte in einigen Bereichen über den Diskus-Verbund zu einer gewissen Vereinheitlichung, wurde aber nicht flächendeckend übernommen. In Frankreich entstand mit Base Joconde ein staatlich geprägter Einheitskatalog, dessen Datenqualität dennoch unterschiedlich präzise sein kann. Heute geht die Entwicklung stärker zu vernetzten Datenbanken oder zu Metadatenbanken, die heterogene Einzeldaten zusammenführen. Beispiele sind das Virtuelle Kupferstichkabinett, Europeana und der Digitale Portraitindex. Die ECHO-Initiative zeigt, wie heterogen interdisziplinäre Sammlungs- und Forschungsdaten sein können.

Forschungsdatenbanken speichern und veröffentlichen Forschungsprimärdaten, etwa Bilder, Quellentexte und noch nicht traditionell publizierte Sachverhalte. Sie beziehen sich meist auf übergeordnete Themen und nicht nur auf einen einzelnen Bestand. Die Grenzen zu Bestandsdatenbanken verschwimmen durch die zunehmende Vernetzung. Besonders schwierig ist die digitale Verarbeitung, weil kunsthistorische Gegenstände sehr verschieden sind und Beziehungen zu Archäologie, Geschichte und historischer Soziologie bestehen.

Für diese Aufgaben wurden verschiedene Modelle entwickelt. Die Categories for the Description of Works of Art (CDWA) des Getty Research Center bieten einen normativen Beschreibungskatalog; wegen ihrer Komplexität entstand eine „lite“-Version als XML-Datei. Das CIDOC Conceptual Reference Model (CIDOC CRM) beschreibt Objekte dagegen ereignisbasiert in ihrem historischen Zusammenhang und ist auch auf andere historische Sachverhalte anwendbar. Der Census of Works of Arts Known to the Renaissance erfasste bereits Beziehungen zwischen antiker Rezeption und Renaissance-Kunstwerken. Das System Zuccaro orientiert sich an CIDOC CRM und soll eine generische Grundlage für vernetzte, interaktive kunsthistorische Arbeitsumgebungen schaffen.

Thesauri und Normdaten dienen als einheitliche Referenzpunkte. Das Getty Research Institute entwickelte unter anderem den Getty Thesaurus of Geographic Names, die Union List of Artist Names und den Art and Architecture Thesaurus. Das System Iconclass ermöglicht die sprachunabhängige Klassifikation ikonographischer Inhalte. Solche Normdaten gewinnen auch für Linked Data an Bedeutung, sofern sie online zugänglich sind.

Digitalisierung, Raumbezug und visuelle Methoden

Die Digitalisierung analoger Abbildungen, Quellendokumente und kunsthistorischer Literatur war ein früher Anstoß für digitale Methoden. Bibliotheken stellen heute digitalisierte Quellen und Bilder über Online-Kataloge bereit. Bilddaten können mit weiteren Dokumentationsformen verknüpft werden. Prometheus ermöglicht den zentralen Zugriff auf Bildbestände zahlreicher Mitglieder, teilweise kostenpflichtig. Ein frühes Experiment war 1992 die bildbasierte Erschließung der Ebstorfer Weltkarte an der Universität Lüneburg; daraus entwickelten sich Arbeiten zu den Ensembles Anna Oppermanns sowie die Technik HyperImage und der Dienst Meta-Image.

In der Bauforschung, Denkmalpflege und Archäologie werden Geoinformationssysteme (GIS) eingesetzt. Sie verbinden ortsbezogene Informationen über Bauaufnahmen, Fundstellen und Grabungen mit Datenbanken. Die Darstellung kann zweidimensional auf Karten oder dreidimensional erfolgen. In dreidimensionalen Rekonstruktionen lassen sich auch Fotos und andere Informationen an den jeweils passenden Stellen einfügen.

Automatisierte Bildanalyse dient der formalen Untersuchung und Gruppierung von Bildern. Die dafür nötigen Technologien sind jedoch noch nicht fachspezifisch entwickelt oder frei zugänglich. Inhalte und Bedeutungen können bisher nur ansatzweise automatisch erkannt werden. Cultural Analytics und Visual Analytics nutzen informatische Methoden zur Analyse und Visualisierung großer Datenmengen, digitaler Bilder und digitalisierter Bilder. Auch Netzwerke kultureller und kunsthistorischer Zusammenhänge können aus Texten oder Metadaten als interaktive Visualisierungen dargestellt werden.

Virtuelle Modelle, häufig CAD-Modelle genannt, stellen Bauwerke, Bauwerksgruppen und ihren Umraum digital dar. Ihre wissenschaftliche Aussage hängt von der Quellenlage ab: Ausgewertet werden können erhaltene Gebäudeteile, historische Fotografien, nicht ausgeführte Entwürfe, schriftliche Quellen und Aussagen von Zeitzeugen. Die Modelle machen unterschiedliche Interpretationen, Alternativen und Wissenslücken sichtbar. Hubertus Günther bezeichnete diesen Ansatz um 2001 als CACV („computer aided critical visualization“). Der Modellierungsprozess kann Erkenntnisse über Entwurfsphasen, Konstruktionsprinzipien und Baustrukturen liefern und das Verständnis von Raumverhältnissen fördern. Mit CIDOC CRM und Linked Data soll die Dokumentation solcher Prozesse transparent und dauerhaft nachvollziehbar werden.

Eye-Tracking ermöglicht schließlich die Aufzeichnung von Augenbewegungen bei der Betrachtung von Kunstwerken. Dadurch können individuelle Betrachtungsstrategien im Rahmen interdisziplinärer Rezeptionsforschung untersucht werden.

Vernetzung, Vermittlung und konkrete Projekte

Seit den 1990er Jahren verschob sich der Schwerpunkt von der standardisierten Digitalisierung zunächst zur Online-Bereitstellung und anschließend zur sinnvollen Verknüpfung digitaler Daten. Das Semantic Web soll über solche Verknüpfungen Bedeutungen übertragen und erzeugen. Linked Open Data betont dabei die freie Zugänglichkeit und technische Kompatibilität verknüpfter Daten. Für die Kunstgeschichte ist dies besonders wichtig, weil Bilder, Ortsdaten, Biographien und Quellenbestände miteinander verbunden und für Forschung sowie Wissensvermittlung genutzt werden können.

Digitale Publikationsmedien erhielten zunehmend soziale Funktionen. Zu den wichtigen Angeboten gehören die Mailingliste H-Arthist, die Online-Rezensionszeitschrift Kunstform, das Themenportal arthistoricum.net mit Blog sowie das Kunstgeschichte Open Peer Reviewed Journal. HyperImage erlaubt es, beliebig viele Bilddetails zu markieren, zu beschreiben und Annotationen miteinander zu verlinken. Ergebnisse können als hypermediale Online- oder Offline-Publikationen ausgegeben werden; die Technik ist als Meta-Image Bestandteil von Prometheus.

ARTigo ist ein „game with a purpose“: Zwei Personen beschreiben ein Bild mit Tags und erhalten nur dann Punkte, wenn beide denselben Tag vergeben. Auf diese Weise wird Wissen eines breiten Publikums für die Bildverschlagwortung nutzbar gemacht. Weitere im Artikel genannte Projekte und Angebote sind HASTAC und Artefakt. Die Entwicklung des Feldes wurde außerdem durch Konferenzen begleitet, darunter die seit 1985 jährlich stattfindenden CHART-Konferenzen, die seit 1990 im Zweijahresrhythmus veranstalteten EVA-Konferenzen, ICHIM, ICOM-CIDOC und „Museums and the Web“. Hinzu kamen deutschsprachige Tagungen zu kooperativer visueller Forschung, digitaler und digitalisierter Kunstgeschichte, E-Learning, HyperImage und der digitalen Perspektive.

Ausbildung und kritische Debatte

Studienangebote zur digitalen Kunstgeschichte entstanden unter anderem an der Universität München, der Leuphana Universität Lüneburg, der Universität Bamberg und der Universität Regensburg. Neue Digital-Humanities-Studiengänge in Darmstadt, Würzburg und Trier sind meist philologisch ausgerichtet, beziehen aber zunehmend kunsthistorische Inhalte ein. Viele kunsthistorische Bachelor- und Masterstudiengänge bieten einzelne Module zur digitalen Kunstgeschichte an.

Seit den frühen 2010er Jahren wird diskutiert, ob die Digitale Kunstgeschichte ein eigenes Forschungsfeld ist. Johanna Drucker prägte die Debatte mit „Is there a Digital Art History?“ (2013). Sie unterschied zwischen digitaler Kunstgeschichte, die computergestützte analytische Verfahren umfasst, und digitalisierter Kunstgeschichte, die analoge Bestände in digitale Form überführt. Diese Unterscheidung wurde unterschiedlich ausgelegt; Georg Schelbert verwendete die Begriffe 2018 in umgekehrter Bedeutung und schlug statt einer strikten Trennung ein zyklisches Modell vor.

James Cuno kritisierte 2012, die Kunstgeschichte sei digital nicht ausreichend anschlussfähig. Raphael Rosenberg widersprach der Diagnose, die Kunstgeschichte habe den Anschluss an die Digital Humanities verpasst, und forderte eine „systematische Kunstgeschichte“, die psychologische, kunsthistorische und digitale Methoden verbindet. Zugleich wird auf die Zurückhaltung vieler Kunsthistoriker gegenüber digitalen Verfahren hingewiesen. Digitale Methoden eröffnen neue Möglichkeiten, etwa für postkoloniale und feministische Fragestellungen und für die Sichtbarmachung von Machtverhältnissen. Konsens besteht jedoch darin, dass digitale Innovation kritisch begleitet werden muss und quantitative Analysen ohne qualitative kunsthistorische Interpretation nicht ausreichen.

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