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Die Harzreise

Die Harzreise ist der Titel des ersten Reiseberichts Heinrich Heines, den er als Göttinger Student nach einer Wanderung im Herbst 1824 verfasst hat.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundidee
  2. 2. Reiseroute und Naturerlebnis
  3. 3. Satire, Märchen und geistiger Konflikt
  4. 4. Entstehung und Veröffentlichung
  5. 5. Wirkung, Wege und Ausgaben

Werk und Grundidee

Die Harzreise ist Heinrich Heines erster Reisebericht. Heine verfasste ihn nach einer Wanderung im Herbst 1824 als Göttinger Student. Der Text erschien 1826 im ersten von vier Bänden der Reisebilder beim Hamburger Verlag Hoffmann & Campe. Er war Heines erster großer Publikumserfolg und zählt bis heute zu seinen beliebtesten Texten.

Heine verbindet den traditionellen Reisebericht mit Satire, Naturbeschreibung, Gedichten, Gesprächen und volkstümlichen Märchen- und Sagenmotiven. Die Reise durch den Harz dient dabei nicht nur der Schilderung von Landschaften. Heine beobachtet akademische Sitten, kleinstädtisches Bürgertum, Studenten, Reisende und zeitgenössische geistige Strömungen. Seine Kritik richtet sich besonders gegen starres, lebloses Wissen, Philistertum und eine einseitige Vernunftgläubigkeit. Der ursprünglichen Natur und der volkstümlichen Fantasie stellt er den kommerzialisierten und sentimentalen Brocken-Tourismus gegenüber.

Reiseroute und Naturerlebnis

Heine schildert den ersten Teil seiner Harz-Wanderung von Göttingen aus durch das Weender Tor über das Harzvorland zum Brocken. Der Abstieg führt durch das Ilsetal nach Ilsenburg. Genannte Stationen sind Nörten, die Wirtshaussonne in Northeim, Osterode mit Übernachtung, die Osteroder Burgruine, Lerbach, Klausthal mit den Gruben Dorothea und Karolina, Zellerfeld mit Übernachtung in der Krone, Goslar, der Blick auf den Rammelsberg, die Gegend nahe der Harzburg, eine Übernachtung beim Bruder eines Klausthaler Steigers nahe Goslar, der Brocken mit Übernachtung im Brockenhaus und der Ilsestein.

Der Ausgangspunkt Göttingen wird verlassen, weil Heine offenbar das Leben in der „berühmt durch Würste und Universität“ genannten Stadt überdrüssig ist. Sobald er in die freie Landschaft gelangt, beschreibt er die Natur zunehmend ausführlich. Dazu gehören hübsche Wiesentäler, silberne Wasser, zwitschernde Waldvögel, Herdenglocken, vielfältig grüne Bäume und die Sonne. Auf dem Brocken und besonders im Ilsetal verbindet Heine die Landschaft mit lyrischen und märchenhaften Vorstellungen. Im Eingangsgedicht formuliert er den Wunsch, auf die Berge zu steigen, „wo die Brust sich frei erschließet, Und die freien Lüfte wehen.“

Der Brocken erscheint dabei nicht nur als romantischer Naturort. Heine beschreibt seinen „Kahlkopf“ und seine gelegentliche weiße Nebelkappe mit einem „Anstrich von Philiströsität“, den er zugleich als ironische Eigenschaft großer Deutscher deutet. Die bürgerlichen Touristen, darunter viele Göttinger Studenten, trinken Bier, Wein und Punsch und singen romantische Lieder. In einer grotesken Szene halten zwei berauschte junge Männer Kleiderschranktüren für Fenster und glauben, vom Berg aus die schlafenden Städte und blauen Gewässer zu sehen.

Satire, Märchen und geistiger Konflikt

Göttingen wird mit spöttischen Einzelheiten als graue, altkluge Universitätsstadt dargestellt. Heine verspottet Professoren, Universitätspedelle und Studenten, die sich nach dem alten Gesetzbuch, dem „Komment“, richten. Die Universität bewacht sich selbst, damit keine neuen Ideen von einem Privatdozenten eingeschmuggelt werden. Selbst alltägliche Themen werden in einem trockenen, schematischen akademischen Stil behandelt. In Osterode verfolgt Heine diese Welt sogar im Traum: Die Titanin der juristischen Fakultät erscheint mit einem lärmenden Gefolge, sodass die Decke eines historischen Saals einzustürzen droht.

Demgegenüber stehen volkstümliche Figuren und Erzählungen. Ein Schneidergeselle begleitet Heine zeitweise mit sentimentalen Liedern; ein kleiner Junge aus Lerbach erzählt von den „Kropfleuten“ und „weißen Mohren“. Heine erklärt, dass die deutsche Märchenwelt aus einem unmittelbaren Anschauungsleben hervorgehe. In ihr können Tiere, Pflanzen und scheinbar leblose Gegenstände sprechen und handeln. In Zellerfeld verbindet er ein Ritter-und-Prinzessin-Märchen mit seinen Eindrücken aus dem Bergwerk, allerdings mit einem ernüchternden Ende. In Goslar erinnert ihn der Mond über dem Rammelsberg an eine slawische Sage. Am Schluss erzählt er verschiedene Fassungen der Sage von der Prinzessin Ilse und ihrem Zauberschloss am Ilsestein. In einer Anspielung auf das Paris-Urteil gibt Heine Ilse den Apfel und nicht Bode oder Selke.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Verhältnis von Vernunft und Mystik. Heine bezeichnet sich zu dieser Zeit als Mystiker und widerspricht dem rationalistischen Hofrat B., dem Verfasser von „Die Religion der Vernunft“. Er erkennt jedoch den „unschätzbaren Wert der rationalistischen Bemühungen“ an, weil sie unter anderem alten Kirchenschutt und überlieferte Missstände beseitigt hätten. Zugleich warnt er vor einem Vernunftabsolutismus, der alle Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen aus dem Leben herausphilosophiere und nur ein „kalte[s], positive[s] Grab“ übrig lasse. In einer Vision versucht das Gespenst Saul Aschers unter Berufung auf Kants „Kritik der reinen Vernunft“ zu beweisen, dass es nur eine Täuschung von Heines Fantasie sei. Heine sucht stattdessen eine Verbindung von Außenwelt und innerem Erleben, in der Landschaft, Gedanken, Erinnerung, Gefühle und Gerüche ineinander übergehen.

Entstehung und Veröffentlichung

Heine kannte Göttingen bereits aus dem Wintersemester 1820/21. Während seiner zweiten Studienzeit an der Georg-August-Universität Göttingen 1824–1825, die mit der Promotion zum juristischen Doktortitel endete, wanderte er vom 14. bis 21. September 1824 von Göttingen über Goslar zum Brocken, dem höchsten Berg des Harzes. Danach setzte er die Reise über Eisleben, Halle, Jena, Weimar und Kassel bis nach Göttingen fort. Die gesamte Reise im September und Oktober 1824 dauerte ungefähr vier Wochen und konnte später im Wesentlichen anhand seiner Tagebücher rekonstruiert werden.

Die Reisebilder waren Heines erstes veröffentlichtes Prosawerk; zuvor hatte er vor allem Gedichte und Tragödien publiziert. Die Harzer Eindrücke erschienen zunächst im Januar und Februar 1826 in 14 Folgen in Friedrich Wilhelm Gubitz’ Berliner Zeitschrift Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz. Wegen preußischer Zensur war dieser Abdruck „vielfach verstümmelt“. Für die Buchausgabe ergänzte Heine die ausgelassenen Stellen und schrieb Anfang und Schluss neu. Er selbst bezeichnete die Aufzeichnungen als Fragment. Die Harzreise wurde als erster Band der Reisebilder bei Hoffmann & Campe veröffentlicht.

Wirkung, Wege und Ausgaben

Die Harzreise machte Heine öffentlich bekannt. Ihr Stil verbindet trockenen Witz, schwärmerische Naturschilderung, beißende Zeitsatire, genaue Umweltbeobachtung und lyrische Stimmungsbilder. Konservative und moralisierende Kritiker griffen das Werk wegen seiner Polemik und seiner Mischung unterschiedlicher Formen scharf an; viele Leser fanden jedoch Gefallen daran. Zu Heines Lebzeiten erschienen fünf Auflagen, eine Separatausgabe und verschiedene Teilnachdrucke, besonders des Göttingen-Abschnitts. Der Text wurde in europäische Sprachen übersetzt, mehrfach ins Französische, außerdem unter anderem ins Russische, Englische, Chinesische und Niederländische.

Heines Reiseberichte wurden für eine Generation oppositioneller Schriftsteller zu einem „Vehikel des Ideenschmuggels“: Über die Beschreibung fremder Orte konnten politische und gesellschaftliche Verhältnisse indirekt angesprochen werden. Heute gilt Heine als Pionier einer neuen Form des Reisebildes, die lebendige Beobachtung, Reportage, Feuilleton, Kritik und literarische Gestaltung miteinander verbindet.

Ein Teil der historischen Route ist als Heinrich-Heine-Weg erschlossen. Er führt von Ilsenburg durch das Ilsetal am Ilsestein und den Ilsefällen vorbei, durch Buchenwälder und an Felsformationen entlang, über das Heine-Denkmal, die Hermannsklippe, den Harzer Grenzweg, die Bismarckklippe und den Kleinen Brocken mit 1.019 m bis zur Brockenkuppe. An Heine erinnern außerdem Gedenktafeln und Gedenksteine in Harzgerode, auf dem Brocken und im Ilsetal. Die Wirkungsgeschichte umfasst zudem Lesungen und zahlreiche Illustrationen.

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