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Die Fermate

Die Fermate ist eine Musikernovelle von E. T. A. Hoffmann, die im Januar/Februar 1815 entstand und gegen Ende desselben Jahres im „Frauentaschenbuch für das …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und zentrale Idee
  2. 2. Theodors musikalische Erweckung
  3. 3. Wiederbegegnung und Wirkung der ersten Liebe
  4. 4. Deutung und Rezeption
  5. 5. Überlieferung und Forschung
  6. 6. Zentrale Aussage

Gegenstand und zentrale Idee

Die Fermate ist eine Musikernovelle von E. T. A. Hoffmann. Sie entstand im Januar und Februar 1815, wurde gegen Ende desselben Jahres im „Frauentaschenbuch für das Jahr 1816“ vorabgedruckt und erschien 1819 im ersten Abschnitt des ersten Bandes der Sammlung „Die Serapionsbrüder“.

Im Mittelpunkt steht eine Künstlergenese als Selbstfindungsprozedur. Der Komponist Theodor erinnert sich an seine musikalische Erweckung in der Jugend und denkt über die titelgebende Fermate nach. Eine Fermate ist in der Notenschrift ein Ruhezeichen: Sie verlängert einen Ton oder eine Pause und bezeichnet einen Moment des Innehaltens. In der Novelle wird sie zugleich zum Bild für die künstlerische Gestaltung von Zeit und für die Spannung zwischen einem vergänglichen Erlebnis und seiner dauerhaften Wirkung.

Safranski bezeichnet die Erzählung als „eine pittoresk-heitere Geschichte über das Mißlingen der Vollendung“. Schulz sieht in ihr ein komisch-leichtes Gegenstück zur Tragödie Krespels.

Theodors musikalische Erweckung

Im Herbst 1814 stehen die Freunde Eduard und Theodor in der Berliner Kunstausstellung vor J. E. Hummels Gemälde „Die Fermate“, das etwa 1814 entstand. Das Bild zeigt in einer römischen Gaststätte zwei Italienerinnen und einen Geistlichen. Der Geistliche spielt für eine Gitarristin und eine Sängerin den Dirigenten und markiert gerade eine Fermate.

Theodor versinkt so stark in die dargestellte Szene, dass er sich selbst als Dirigenten wahrnimmt und die beiden Italienerinnen für Lauretta und Teresina hält. Eduard führt den benommenen Freund in das italienische Stübchen Sala Tarone, Unter den Linden 32, Ecke Charlottenstraße. Bei einer Flasche Wein erzählt Theodor dort seine Geschichte.

Als 19-Jähriger hatte er in seinem Vaterstädtchen in der deutschen Provinz die beiden schlanken, hochgewachsenen Italienerinnen kennengelernt. Als Lauretta sang, wurde seine „innere Musik, so lange tot und starr, entzündet“. Besonders begeisterten ihn Duette von Abbate Steffani, die Lauretta und Teresina gemeinsam vortrugen. Theodor idealisierte Lauretta und folgte den Schwestern in die Residenz.

Bei einem Konzert begleitete er die Italienerinnen auf dem Flügel. Dabei misslang ihm der entscheidende musikalische Moment: Er brach die letzte Fermate zu früh ab und nahm Lauretta einen ihrer sonst lang anhaltenden Harmonika-Triller weg. Dadurch stahl er ihr die Wirkung des Vortrags. Lauretta wies ihn scharf zurück. Teresina näherte sich ihm jedoch, während Lauretta verärgert reagierte. Als Theodor zufällig ein Gespräch der Italiener mithörte, erkannte er, dass sie ihn für einen deutschen Tollpatsch hielten und ihn ausnutzten.

Wiederbegegnung und Wirkung der ersten Liebe

Viele Jahre später begegnet Theodor in der Umgebung Roms den inzwischen bekannten Schwestern erneut. Die Italiener nennen ihn nun Signor Maestro. Lauretta schimpft, weil ihr erneut mitten in einer Fermate der Trillo abgeschnitten wurde. Diesmal ist Abbate Ludovico der Übeltäter; der Vorfall ereignet sich während einer Canzonetta von Anfossi und entspricht der Szene auf Hummels Gemälde. Als Lauretta den Compositore Teodoro erkennt, ist ihr Ärger vergessen.

Theodor betrachtet die Schwestern nach vierzehn Jahren Trennung und mit inzwischen umfangreicher Kunsterfahrung anders als früher. Lauretta ist nicht mehr schlank, und ihr Gesang enttäuscht ihn. Damit droht auch die Musik zu sterben, die in seinem Innern seit der Jugend weitergelebt hat.

Trotzdem trinken Theodor und Eduard auf das Wohl der beiden Schwestern und verlassen die Sala Tarone. Sie sind sich einig, dass die erste Liebe vergeht – auch im Komponisten. Ihre Wirkung verschwindet jedoch nicht vollständig: Es bleibt „ein himmelherrlicher Ton“, der „in ewiger Jugendfülle und Schönheit“ fortlebt und aus dem Melodien geboren werden.

Deutung und Rezeption

Die Erzählung verbindet mehrere Künste miteinander: Literatur, Musik und Malerei. Zu Beginn lässt Theodor seinen Freund und die Lesenden glauben, das auf Hummels Gemälde dargestellte Geschehen habe er tatsächlich erlebt. Dadurch entsteht Spannung zwischen Bild, Erinnerung und erzählter Wirklichkeit.

Schulz deutet die Fermate als Beispiel für die „Totalität der zeitlosen göttlichen Kunst“. Der interpretierende Dirigent wirkt künstlerisch, indem er die Dauer einer Fermate passend festlegt. Zugleich bleibt der Künstler an die Zeit gebunden. Die Erzählung greift außerdem durch ihre Bezüge auf ein Gemälde, musikalische Werke und literarische Texte multimediale Verfahren auf. Deshalb ist sie auch lange nach Hoffmanns Niederschrift Gegenstand breit angelegter Untersuchungen.

Eichendorff bezog sich 1826 in seinem „Taugenichts“ ausdrücklich auf Hoffmanns Beschreibung von Hummels Bild. Die Forschung diskutiert außerdem die Beziehungen zwischen Bild, Erzählung und musikalischer Aufführung.

Überlieferung und Forschung

Die Erstausgabe erschien 1819 in „Die Serapionsbrüder. Gesammelte Erzählungen und Mährchen“, herausgegeben von E. T. A. Hoffmann, erster Band, Berlin, bei G. Reimer; der Band umfasst 604 Seiten.

Als verwendete Ausgabe wird die Fassung in E. T. A. Hoffmann: „Die Fermate“, Seiten 71–94, herausgegeben von Wulf Segebrecht, „Die Serapions-Brüder“, Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 28, Frankfurt am Main 2008, genannt. Sie entspricht Band 4 der von Segebrecht herausgegebenen Ausgabe „Sämtliche Werke in sieben Bänden“ von 2001.

Zur Sekundärliteratur gehören unter anderem Arbeiten von Peter von Matt, Rüdiger Safranski, Gerhard R. Kaiser sowie Gerhard Schulz im Rahmen der von Helmut de Boor und Richard Newald herausgegebenen Literaturgeschichte. Kaiser verweist außerdem auf Untersuchungen von James M. McGlathery aus dem Jahr 1978 sowie von Ernst Scheyer und Christoph E. Schweitzer aus dem Jahr 1973.

Zentrale Aussage

Die Bedeutung der späten Wiederbegegnung fasst die Novelle in einem Satz zusammen: „Glücklich ist der Komponist zu preisen, der niemals mehr im irdischen Leben die wiederschaut, die mit geheimnisvoller Kraft seine innere Musik zu entzünden wußte.“

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