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Der englische Patient
Der englische Patient (engl. Originaltitel: The English Patient) ist ein 1992 veröffentlichter Roman des kanadischen Schriftstellers Michael Ondaatje.
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Roman und Ausgangslage
„Der englische Patient“ (Originaltitel: „The English Patient“) ist ein 1992 veröffentlichter Roman des kanadischen Schriftstellers Michael Ondaatje. Er spielt im Sommer 1944 während des Italienfeldzugs in einer zerbombten, verminten Villa in der Toskana. Nachdem sich die deutschen Truppen zurückgezogen haben, bleiben dort vier vom Krieg geprägte Menschen zurück.
Im Mittelpunkt stehen Erinnerung, Verlust, Liebe, Krieg und die Frage nach Zugehörigkeit. Der zunächst namenlose, schwer verbrannte Patient wird für einen Engländer gehalten; seine Identität und Vergangenheit werden im Lauf des Romans schrittweise enthüllt. Der Roman erhielt 1992 den Booker Prize und 2018 den Golden Man Booker Prize als bester bisher mit dem Booker Prize ausgezeichneter Roman.
Hana und der Patient
Hana ist knapp 21 Jahre alt und als Krankenschwester nach Italien gekommen. Sie bleibt mit dem nicht transportfähigen Patienten in der Villa San Girolamo zurück, einem früheren Kloster und provisorischen Krankenhaus. Tatsächlich hat sie im Krieg viele Menschen verloren: Patienten, ihren Mann und ihren Stiefvater; außerdem hat sie ihr Kind abgetrieben. Sie befürchtet deshalb, ein Fluch lasse alle Menschen sterben, die sie liebt.
Die Pflege des Patienten gibt Hana Halt. Sie spritzt ihm Morphium, liest ihm vor und versorgt mit ihm den Garten. Das Vorlesen wirkt für sie wie Literaturtherapie, also als Hilfe gegen seelische Belastung.
Der Patient ist kein Engländer, sondern der ungarische Wüstenforscher und Spion Ladislav Almásy. Er hat große Gedächtnislücken. Seine Ausgabe von Herodot dient als Schlüssel zu seinen Erinnerungen: Sie enthält neben dem eigentlichen Text Briefe, Zeichnungen, Karten und Fotos. Durch diese Gegenstände und durch Hanas Vorlesen erinnert er sich nach und nach an seine Vergangenheit.
Almásys Geschichte und Caravaggio
Almásy erforschte seit 1930 als Kartograf für die Royal Geographical Society die nordafrikanische Wüste. 1936 schließen sich Geoffrey Clifton und dessen Frau Katharine der Gruppe an. Almásy und Katharine beginnen trotz ihrer Ehe eine leidenschaftliche Beziehung, die Katharine 1938 beendet.
1939 weiß Geoffrey von der Affäre. Er lässt sein Flugzeug, in dem Katharine sitzt, absichtlich abstürzen und stirbt. Katharine wird schwer verletzt. Almásy bringt sie in die von ihm entdeckte Höhle der Schwimmer und macht sich zu Fuß auf den Weg nach El Tag, um Hilfe zu holen. Die Briten helfen ihm nicht, sondern verhaften ihn wegen seines ausländisch klingenden Namens als Spion. Er arbeitet daraufhin für die Deutschen und führt den Spion Eppler durch die Wüste nach Kairo. Als er später zu Katharine zurückkehrt, ist sie tot. Beim Versuch, ihre Leiche mit einem Flugzeug wegzubringen, gerät dieses in Brand; Almásy wird trotz eines Fallschirmsprunges schwer verbrannt und 1944 von Beduinen gerettet.
Seine Berichte über Katharines Tod widersprechen einander: In verschiedenen Versionen überlebt sie den Absturz, stirbt später in seiner Gegenwart oder ist bereits beim Absturz tot. Diese Unsicherheit bleibt ungelöst.
David Caravaggio ist ein früherer Dieb, der im Krieg für den britischen Geheimdienst spionierte. Die Deutschen folterten ihn nach seiner Festnahme; seine Hände und seine Seele sind schwer verletzt. Er kennt Hana seit ihrer Kindheit und kommt in die Villa, weil er Almásy als Spion erkannt hat. Zunächst will er dessen Identität aufdecken. Durch Almásys Erzählung verliert seine Feindseligkeit jedoch an Stärke. Caravaggio erfährt beziehungsweise ergänzt, dass Geoffrey für den britischen Geheimdienst arbeitete, dieser von der Affäre wusste und Almásy wegen seiner Unterstützung der Deutschen in der Wüste töten lassen wollte.
Kip, Erzählweise und historischer Bezug
Kip, eigentlich Kirpal Singh, ist ein junger indischer Sikh im britischen Militärdienst. Er ist darauf spezialisiert, Minen und Bomben zu entschärfen. Diese lebensgefährliche Arbeit hat ihn geprägt, zumal sein Ausbilder Lord Suffolk und sein Kamerad Sergeant Hardy dabei starben. Hana hilft ihm, wieder Nähe zu anderen Menschen zuzulassen. Beide werden Liebende und verbringen einen Monat miteinander.
Als Kip im August 1945 von den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki erfährt, reagiert er mit großer Empörung. Er meint, die westliche Welt hätte eine solche Gewalt niemals gegen ein westliches Land eingesetzt. Almásy wird für ihn zum Symbol des Westens. Kip bedroht ihn kurz mit einer Waffe, verlässt die Villa dann aber endgültig. Er kehrt nach Indien zurück, wird Arzt und gründet eine Familie; dennoch denkt er oft an Hana.
Der Roman verbindet Vergangenheit und Gegenwart fortlaufend. Er wird abwechselnd aus der Perspektive der vier Hauptfiguren erzählt. Almásys Erinnerungen sind fragmentarisch, nicht chronologisch und teilweise widersprüchlich. Auch andere Fragen, etwa die genauen Gründe für die Trennung von Katharine oder der Zeitpunkt seiner Spionagetätigkeit, bleiben offen.
Die Figur Almásy beruht auf dem ungarischen Wüstenforscher László Ede Almásy (1895–1951), der in den 1930er Jahren die ägyptische und libysche Wüste erforschte und im Zweiten Weltkrieg unter Erwin Rommel für das Afrikakorps der deutschen Wehrmacht arbeitete. Die Romanhandlung weicht jedoch in weiten Teilen von seinem tatsächlichen Leben ab. 1996 wurde der Roman von Anthony Minghella mit Ralph Fiennes, Juliette Binoche, Willem Dafoe und Kristin Scott Thomas verfilmt; der Film erhielt neun Oscars bei zwölf Nominierungen.