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Chemtrail
Laut deutschem Umweltbundesamt gibt es weder für das Ausbringen von Chemikalien noch für auffällig geänderte Kondensstreifen wissenschaftliche Belege.
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Kern der Chemtrail-Verschwörungstheorie
Als „Chemtrails“ bezeichnen Anhänger einer Verschwörungstheorie bestimmte Kondensstreifen von Flugzeugen, die angeblich der absichtlichen, weltweiten Ausbringung giftiger Chemikalien oder anderer Zusatzstoffe dienen. Die Theorie ist spätestens seit 1996 im Internet verbreitet. Ihre Vertreter behaupten, Chemtrails blieben länger bestehen und breiteten sich stärker aus als gewöhnliche Kondensstreifen. Wissenschaftliche Belege für eine solche Chemikalienausbringung oder für auffällig veränderte Kondensstreifen gibt es laut Umweltbundesamt und weiteren staatlichen und wissenschaftlichen Institutionen nicht.
Von der behaupteten Chemikalienausbringung zu unterscheiden sind reale Vorgänge wie die Hagelabwehr durch Agrarflugzeuge, der militärische Einsatz von Entlaubungsmitteln, der Treibstoffschnellablass in Notfällen und Rauchpatronen beim Kunstflug.
Kondensstreifen und ihre natürliche Erklärung
Kondensstreifen bestehen aus Eiskristallen. Ihre Form, Ausbreitungsgeschwindigkeit und Beständigkeit hängen vor allem von Temperatur, Wind und Luftfeuchtigkeit ab. Bei geringer Luftfeuchtigkeit lösen sie sich rasch auf. Bei hoher Luftfeuchtigkeit können Abgaspartikel als Kristallisationskeime dienen, zusätzlichen Wasserdampf binden und so langlebige, weit ausgebreitete Streifen entstehen lassen. Besonders häufig geschieht dies im Bereich herannahender Wetterfronten, wenn Hebungsvorgänge Feuchtigkeit in hohe Luftschichten transportieren und das Kondensationsniveau erreicht wird.
Aus Kondensstreifen können sich großflächigere Cirruswolken entwickeln, die als Contrail-Cirrus bekannt sind. Die Meteorologie bezeichnet Kondensstreifen als menschengemachte Cirruswolken, fachsprachlich Cirrus homogenitus. Auch gitterartige Muster sind kein Beleg für Sprühaktionen, sondern können durch Flugrouten und atmosphärische Bedingungen entstehen.
Die wachsende Zahl sichtbarer Streifen wird vor allem mit dem stark gestiegenen Flugverkehr erklärt. Allein in Deutschland hat sich die Beförderungsleistung durch Flüge seit den 1980er Jahren verfünffacht; bei über zwei Millionen Starts und Landungen pro Jahr entstehen entsprechend mehr Kondensstreifen. Moderne, effizientere Turbinen-Triebwerke begünstigen sie zusätzlich, weil sie mehr Wasserdampf ausstoßen und niedrigere Abgastemperaturen haben. Kondensstreifen waren zudem bereits lange vor der angeblichen „organisierten Klimaänderung“ bekannt und beispielsweise 1944 hinter US-Bombern in großer Zahl sichtbar.
Entstehung, behauptete Stoffe und Ziele
Als Ausgangspunkt der Theorie gelten Mutmaßungen aus der Mitte der 1990er Jahre, nach denen die US Air Force Wetterbeeinflussung und Kondensstreifen militärisch nutzen wolle. Häufig wurde dabei auf das Strategiepapier „Weather as a Force Multiplier: Owning the Weather in 2025“ verwiesen. Die Air Force bezeichnet die Chemtrailthesen als Hoax und erklärt, das Papier habe weder damaligen militärischen Planungen noch tatsächlichen Fähigkeiten entsprochen.
Über die angeblich versprühten Stoffe besteht unter den Anhängern keine Einigkeit. Häufig werden Barium- und Aluminiumverbindungen genannt. Als mögliche Ziele behaupten sie Geoengineering, militärische Zwecke oder eine Bevölkerungsreduktion. Beim behaupteten Geoengineering sollen Partikel Sonnenlicht reflektieren, dadurch den Treibhauseffekt abschwächen und die globale Erwärmung reduzieren. Als Beleg wird oft das Welsbach-Patent angeführt, das eine Verminderung des Treibhauseffekts durch großflächig in der Atmosphäre verteilte Partikel beschreibt.
Andere Varianten behaupten, die Stoffe sollten Menschen vergiften oder ihre Zeugungsfähigkeit senken. Der Film „Why in the world are they spraying?“ vermutet eine Veränderung des pH-Wertes von Böden durch Aluminiumverbindungen, durch die herkömmliches Saatgut unbrauchbar werde, während Saatgutkonzerne bereits aluminiumresistente gentechnisch veränderte Sorten entwickelt hätten. Teile der Bewegung verfolgen auch kommerzielle Ziele: Im Internet werden für mehrere tausend Euro sogenannte „Chembuster“ aus mit Kunstharz oder Bergkristallen gefüllten Kupferrohren angeboten, die angeblich Schutz bieten.
Behauptete technische Verfahren
Die Erklärungen zur technischen Umsetzung widersprechen einander teilweise und gelten als technisch nicht schlüssig. Einer Variante zufolge werden die angeblichen Chemikalien dem Flugzeugtreibstoff beigemischt. Polymere, Mikroben oder pharmazeutisch wirksame Substanzen würden jedoch in den Brennkammern der Triebwerke zerstört. Metallische oder mineralische Stoffe würden dort zu starkem Verschleiß an den Turbinenschaufeln führen.
Andere Anhänger vermuten versteckte Sprühanlagen, etwa hinter Klappen an der Flugzeugunterseite oder in hohlen Drähten an den Tragflächenkanten. Teilweise ist von besonderen Sprühflugzeugen mit eingeweihtem Personal die Rede, teilweise von einer automatischen Ausbringung aus Linienflugzeugen ohne Wissen der Piloten. Solche Systeme müssten jedoch spätestens bei der Vorflugkontrolle durch Crew und Servicepersonal entdeckt werden. Sichtbare Streifen an scharfen Kanten oder Sensoren können außerdem auch in niedrigeren Höhen durch gewöhnliche Kondensation entstehen. Sie werden mitunter fälschlich für Sprühvorgänge oder Fuel Dumping gehalten; ein Treibstoffschnellablass ist nur in Notfällen gestattet.
Behördliche und wissenschaftliche Bewertung
Das Umweltbundesamt erklärte im März 2011, die Chemtrailbehauptungen seien nicht glaubwürdig. Zwar gebe es theoretische Überlegungen, im Rahmen des Geoengineerings Stoffe zum Klimaschutz in die Atmosphäre einzubringen; diese Ansätze hätten sich jedoch nicht einmal im experimentellen Maßstab durchgesetzt. In den Beobachtungsdaten des Deutschen Wetterdienstes finden sich keine auffälligen Veränderungen von Kondensstreifen. Auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, die Deutsche Flugsicherung, die Weltgesundheitsorganisation, das deutsche Verteidigungsministerium und das europäische Hauptquartier der US Air Force berichteten von keinen entsprechenden Phänomenen oder Projekten. Greenpeace bewertete die Behauptungen 2004 ebenfalls als Verschwörungstheorie.
Politische Anfragen führten zu keinem Nachweis. Das österreichische Landwirtschaftsministerium erklärte 2007 nach ausführlicher Recherche, es gebe keine Hinweise auf eine Ausbringung solcher Stoffe über Österreich. Auch parlamentarische Anfragen in deutschen Ländern, darunter Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Sachsen, lieferten keinen Beleg. Das niedersächsische Umweltministerium plante 2016 wegen erwarteter Kosten im fünfstelligen Bereich keine eigene Untersuchung. Der US-amerikanische Space Preservation Act von 2001 erwähnte zwar Chemtrails, wurde jedoch abgelehnt; der einbringende Politiker Dennis Kucinich erklärte später, ihm sei diese Erwähnung nicht bewusst gewesen und er sei an dem Thema nicht interessiert.
Überprüfung der Behauptungen
Messungen der chemischen Zusammensetzung der Luft in oberen Schichten und am Boden haben bislang keinen Beleg für die Chemtrailhypothese erbracht. Eigene überprüfbare Untersuchungen ihrer Vertreter liegen nicht vor. Manche Anhänger erklären widersprechende Forschungsergebnisse selbst zum Teil der Verschwörung. Skeptiker weisen außerdem darauf hin, dass eine weltweite geheime Ausbringung sehr viele Mitwisser unter Piloten, Flughafenbeschäftigten und Wissenschaftlern erfordern würde, weshalb eine dauerhafte Geheimhaltung sehr unwahrscheinlich wäre.
2016 veröffentlichten der Aerologe Ken Caldeira und Kollegen die erste Expertenbegutachtung mit Peer-Review zu diesem Thema. Von 77 befragten führenden Atmosphärenwissenschaftlern und Geochemikern erklärten 76, in ihrer Forschung keinerlei Hinweise auf eine solche Manipulation der Atmosphäre gefunden zu haben. Die sichtbaren Streifen lassen sich nach ihrer Einschätzung mit herkömmlicher Chemie und Physik erklären. Unterschiede zwischen den Streifen bei verschiedenen Wetterlagen entstehen durch adiabatische Zustandsänderungen von Gasen unter unterschiedlichen Bedingungen von Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchtigkeit.