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Bosatlas

Der Bosatlas ist der bedeutendste und bekannteste niederländische Schulatlas. Die erste Auflage des Schoolatlas der geheele aarde, von Pieter Roelof Bos …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Entwicklung im Überblick
  2. 2. Gründung und frühe Auflagen
  3. 3. Niermeyer: Mensch, Natur und Wirtschaft
  4. 4. Kwast und Eibergen: Bewahrung des Kartencharakters
  5. 5. Modernisierung und heutige Form

Bedeutung und Entwicklung im Überblick

Der Bosatlas, vollständig De Grote Bosatlas, ist der bedeutendste und bekannteste niederländische Schulatlas. Er dient dem Erdkundeunterricht und verbindet die Darstellung der Erdoberfläche mit Informationen über Bevölkerung, Wirtschaft, Gesellschaft und politische Veränderungen. Die erste Ausgabe erschien 1877 unter dem Titel Schoolatlas der geheele aarde beim Verlag Wolters, heute Noordhoff Uitgevers; 2016 wurde die 55. Ausgabe veröffentlicht.

Die ersten 15 Auflagen bis 1902 bearbeitete Pieter Roelof Bos selbst. Danach folgten J. F. Niermeyer (ab 1904), B. A. Kwast (ab 1923), P. Eibergen, F. J. Ormeling (sr.) und seit 1981 ein Autorenkollektiv. Der Atlas wurde wiederholt an neue Unterrichtsanforderungen, politische Grenzen, gesellschaftliche Entwicklungen und kartografische Möglichkeiten angepasst.

Gründung und frühe Auflagen

Pieter Roelof Bos gehörte zu den frühen Lehrkräften des Schulfachs Erdkunde, das 1868 Prüfungsfach an der Höheren Bürgerschule (HBS) wurde. Für die 1863 eingerichtete HBS wurden neue Lehrmittel benötigt. Bos wollte zunächst einen umfangreicheren Atlas herausgeben, der den Zusammenhang zwischen Land und Bevölkerung zeigen sollte. Als Beispiel stellte er auf einer Karte Österreich-Ungarns Bevölkerungsdichte und Wirtschaft gemeinsam dar.

Der 1877 veröffentlichte Schoolatlas der geheele aarde war aus Kostengründen deutlich kleiner als ursprünglich geplant. Er enthielt 27 Kartenblätter mit 64 Karten, zunächst ohne thematische Karten und Erläuterungen. Zwei Karten zeigten die Niederlande. Der Atlas war trotz zwölf anderer Schulatlanten auf dem Markt erfolgreich, vor allem wegen seines niedrigen Preises. Inhaltlich bestand ein enger Zusammenhang mit Bos’ Erdkunde-Schulbuch.

Bis 1902 erschienen fast jedes Jahr neue Auflagen. Sie wurden auf Wünsche aus dem Unterricht hin verändert und um Karten niederländischer Provinzen sowie weiterer Länder Asiens ergänzt. Bos lehnte den 1884 vereinbarten Nullmeridian von Greenwich zunächst ab, weshalb Greenwich-Meridian und Ferro-Meridian längere Zeit nebeneinander verwendet wurden. Außerdem erprobte er eine ungewöhnliche Farbgebung: Tiefen wurden dunkel und Höhen hell dargestellt, weil dies bei Kunstlicht besser lesbar sein sollte. In den Niederlanden war die Darstellung anfangs noch stark von Bos’ Herkunftsprovinz Groningen geprägt, die besonders viele Ortsnamen erhielt.

Niermeyer: Mensch, Natur und Wirtschaft

J. F. Niermeyer (1866–1923) übernahm nach Bos die redaktionelle Verantwortung. Er arbeitete zunächst als Erdkundelehrer in Rotterdam und wurde 1908 Professor in Utrecht. Anders als Bos war er wenig experimentierfreudig und hielt deutsche Kartografen für zu stark systematisierend. Er wollte nicht die Natur als allein bestimmenden Faktor darstellen, sondern die Wechselwirkung von Mensch und Natur. Dadurch entwickelte sich der Atlas stärker in Richtung wirtschaftliche Erdkunde.

Niermeyer verbesserte besonders die Karten zu Niederländisch-Indien, seinem Forschungsgebiet. Außerdem nahm er mehr Informationen über die Tiefsee und unterseeische Telegrafenkabel auf. Eine wichtige Neuerung war die Nutzung der Rückseiten farbiger Karten für Schwarz-Weiß-Karten.

In seine Zeit fiel der Erste Weltkrieg, durch den Ländergrenzen rasch veralteten. Außerdem kam es zum Prozess Bos tegen Bos. Wolters verklagte 1911 und 1913 den konkurrierenden Noordhoff-Verlag, dessen Atlas von R. Bos, einem nicht mit Pieter Roelof Bos verwandten Redakteur, bearbeitet wurde. Wolters behauptete, etwa die Hälfte der Karten sei aus dem Bosatlas übernommen worden, verlor jedoch beide Verfahren. Das Gericht sah nicht nachgewiesen, dass die Noordhoff-Karten nur mithilfe des Bosatlas erstellt worden sein konnten. Noordhoff argumentierte, beide Atlanten beruhten auf denselben Quellen und geografische Informationen könnten nicht urheberrechtlich geschützt werden.

Kwast und Eibergen: Bewahrung des Kartencharakters

B. A. Kwast, Lehrbuchautor und Erdkundelehrer, gab dem Atlas den Namen Bos-Niermeyer Schoolatlas der gehele aarde. Die Aufnahme Niermeyers in den Titel wird von Ferjan Ormeling damit vermutet, dass Niermeyer trotz seiner eher begrenzten Bedeutung für die weitere Geschichte des Atlas wissenschaftliches Ansehen besaß. Kwast wollte den Atlas nicht vollständig nach den Methoden des Verlags Wolters ausrichten. Für ihn sollte ein Atlas vor allem ein Atlas bleiben, der die Erdoberfläche mit Relief, Flüssen und ähnlichen Grundelementen möglichst deutlich wiedergibt.

P. Eibergen (1890–1972) verantwortete den Atlas anschließend bis 1955. Zunächst erhielt Niederländisch-Indien noch mehr Raum und wurde verstärkt für Vergleiche verwendet; zuvor hatten dafür häufiger Beispiele aus Europa und Amerika gedient. Die 35. Auflage erschien sowohl 1936 als auch 1939. Die spätere Fassung berücksichtigte die neuesten Entwicklungen in Deutschland und auf dem Balkan. Während der Besatzungszeit von 1940 bis 1945 wurde kein neuer Atlas veröffentlicht, weil das Dritte Reich nicht verherrlicht werden sollte; gleichzeitig arbeitete man an zahlreichen Karten weiter.

In dieser Phase blieb der Bosatlas zunehmend hinter der kartografischen Entwicklung zurück. Kritisiert wurden insbesondere die fehlende Vereinheitlichung der Kartensymbole sowie das Fehlen von Luftbildern und verschiedener thematischer Karten, die für den Unterricht nützlich gewesen wären.

Modernisierung und heutige Form

F. J. Ormeling (sr.) (1912–2002), ein Erdkundelehrer und Kartograf, wurde bereits 1952 in die geplante grundlegende Erneuerung des Atlas einbezogen. Diese war auch wegen neuer Konkurrenz notwendig. Seine erste Auflage, die 40. Ausgabe von 1959, enthielt neue thematische Karten. Dieses Kartenangebot wurde in den folgenden Auflagen weiter ausgebaut. Seit 1961 wurden auch Autostraßen außerhalb der Niederlande dargestellt. Kolonien wichen teilweise neuen Auswanderungsländern wie Kanada. Die letzte Auflage unter seinem Namen erschien 1976; sie band den Registerteil erstmals in den Atlas ein und wurde zum ersten Mal im Vierfarbdruck hergestellt.

Nach einer Verlagsfusion von 1968 erschien der Atlas beim Verlag Wolters-Noordhoff; seit 1980 wurden die Atlanten in der Abteilung Wolters-Noordhoff Atlasproducties herausgegeben. Die 1981 erschienene Ausgabe erhielt ein vollständig neues Aussehen mit klaren Konturen. Die Niederlande wurden besonders ausführlich durch thematische Karten dargestellt. Spätere Ausgaben berücksichtigten unter anderem die Veränderung der niederländischen Gesellschaft und die Einwanderung in die Niederlande. Seit 1981 unterzeichnet ein Autorenkollektiv die Ausgaben. 2016 erschien die 55. Ausgabe neben der gedruckten auch in digitaler Form.

Seit 2007 führt der Verlag den Namen Wolters nicht mehr. Nach dem Verkauf des Schulbuchsektors von Wolters Kluwer an einen britischen Private-Equity-Fonds musste Wolters Noordhoff auf den traditionsreichen Namen verzichten. Der Verlag in Groningen blieb jedoch die Heimat des Bosatlas.

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