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Beißhemmung
Als Beißhemmung versteht die klassische vergleichende Verhaltensforschung einen angeborenen Schutzmechanismus, bei dem das überlegene Tier bei Raubtieren …
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Grundidee und klassische Deutung
Beißhemmung bezeichnet in der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung einen angeborenen Schutzmechanismus. Bei vielen Tierarten soll er bewirken, dass ein im Kampf unterlegenes Tier vom siegreichen Artgenossen nicht ernstlich verletzt wird, wenn es seine Niederlage durch eine „Demutsgeste“ anzeigt. Besonders bei Raubtieren aus der Familie der Hundeartigen wird darunter verstanden, dass das überlegene Tier trotz seiner Möglichkeit nicht massiv zubeißt. Andere Autoren definieren Beißhemmung allgemeiner als die Fähigkeit, die Intensität des Beißens zu kontrollieren. Diese Fähigkeit werde von Welpen schrittweise durch Spielverhalten erlernt.
Im deutschen Sprachraum wurde das Konzept vor allem durch Konrad Lorenz’ Buch Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen bekannt, das 1949 erstmals erschien. Lorenz schilderte darin eine Beobachtung im Whipsnade Zoo in London: Zwei Wölfe kämpften zunächst heftig. Danach standen sie plötzlich still. Der jüngere und angeblich unterlegene Wolf habe den Kopf zur Seite gedreht und dem älteren Wolf seine ungeschützte Kehle präsentiert. Der ältere habe sein Maul dicht an den Hals des anderen herangeführt, aber nicht zugebissen. Lorenz deutete dies als absichtliches Darbieten der empfindlichsten Körperstelle und als Auslöser eines angeborenen Hemmungsmechanismus.
Lorenz und andere Autoren verallgemeinerten diese Deutung später auf das Ende von Kämpfen bei Tieren anderer Arten. Bereits 1943 hatte Lorenz „Demutsgesten“ bei Mensch und Tier beschrieben. Solche Gesten sollten beim überlegenen Gegner angeborene Hemmungen aktivieren. Nach dieser Vorstellung entwickelten sich solche hemmenden Schlüsselreize im Verlauf der Stammesgeschichte, damit weitere schädigende Handlungen beendet werden, sobald der Ausgang einer Auseinandersetzung eindeutig ist.
Auch Werner Fischel unterschied 1947 in seinem Buch Die kämpferischen Auseinandersetzungen in der Tierwelt drei Phasen eines Tierkampfes: Drohen, Kämpfen und Unterwerfen. Eine wichtige Gegenbeobachtung stammt jedoch von Rudolf Schenkel. In seiner ebenfalls 1947 veröffentlichten Monografie über Wölfe beschrieb er wiederholte gemeinsame Angriffe großer Wölfe auf dasselbe Tier. Dieses verlor dabei weitgehend seine Stellung als sozialer Partner und konnte durch die wiederholten Attacken unter Umständen tödlich verletzt werden. Schenkel lieferte damit keinen Beleg für eine allgemein wirksame Beißhemmung.
Kritik und alternative Erklärung
Der Kynologe und Lorenz-Schüler Erik Zimen bezweifelte, dass Lorenz einen wirklich ernsten Kampf beobachtet hatte. Nach Zimens Einschätzung könnte Lorenz außerdem den unterlegenen mit dem überlegenen Wolf verwechselt haben. Beim Hund folgten auf Drohen, Imponieren und aggressiv wirkende Handlungen nur sehr selten echte Beschädigungskämpfe. Solche ernsthaften Kämpfe verliefen laut Zimen lautlos, ohne deutliches Ausdrucksverhalten und weitgehend hemmungslos. Sie würden außerdem niemals durch eine demütige Unterwerfung beendet.
Die Verletzungen vermeidende Zurückhaltung in sogenannten Schaukämpfen erklärt Zimen deshalb nicht durch einen angeborenen Schutzmechanismus, sondern durch Lernen und die Angst vor Schmerzen. Ein Tier beißt demnach meist nicht fest zu, weil der Gegner sonst ebenfalls mit festem Beißen reagieren würde. Welpen müssten zunächst lernen, wo die Grenzen des spielerischen Kämpfens liegen. Beißhemmung beim Welpenspiel und bei den meisten aggressiven Auseinandersetzungen älterer Wölfe wäre somit ein erlernter, auf Schmerzfurcht beruhender Mechanismus, der Verletzungen innerhalb des Rudels weitgehend verhindert.
Eine angeborene Beißhemmung erkennt Zimen nur im zurückhaltenden Verhalten erwachsener Tiere gegenüber Jungtieren. Dieser Bereich wird mit dem Kindchenschema und dem Welpenschutz verglichen. Daraus lässt sich außerdem ableiten, dass schlecht sozialisierte oder in ihrer Jugend misshandelte Hunde hinsichtlich ihrer Aggressivität unberechenbar werden können. Sie haben möglicherweise nicht gelernt, dass eigene Zurückhaltung auch den gegnerischen Hund oder Menschen zur Zurückhaltung beim Zufügen von Schmerzen veranlasst.
Dorit Urd Feddersen-Petersen schließt sich Zimens Kritik an. Sie hält die frühere Vorstellung, Wölfe verfügten wegen ihrer gefährlichen Waffen über besonders wirksame Verletzungshemmungen, für falsch. Das von Fischel beschriebene Darbieten des Halses sei von Lorenz als Demutsgeste missdeutet worden. Nach Feddersen-Petersen entsteht dieses Verhalten, wenn der überlegene Hund demonstrativ wegschaut; es sei daher ein Imponierausdruck und keine Geste, die den Kampf durch Beißhemmung beendet.