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Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen

Mit dem Begriff Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) werden Höreinschränkungen bezeichnet, die nicht in einer Verminderung des …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Was sind AVWS?
  2. 2. Auditive Teilleistungen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnostik
  5. 5. Behandlung

Was sind AVWS?

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) sind Höreinschränkungen, die nicht durch eine Schädigung des Hörorgans selbst (peripheres Gehör) erklärbar sind. Der Begriff wurde 2000 in einem Konsensusstatement der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) eingeführt und lehnt sich an den englischen Begriff Auditory Processing Disorder (APD) an. Gemeint sind Störungen der zentralen Prozesse des Hörens: die vorbewusste Verarbeitung im Hirnstamm sowie die bewusste Wahrnehmung unter Beteiligung kognitiver Funktionen. Laut aktueller DGPP-Definition liegt eine AVWS vor, wenn bei normalem Tonaudiogramm zentrale Hörprozesse gestört sind. Diese umfassen u. a. die Analyse, Differenzierung und Identifikation von Zeit-, Frequenz- und Intensitätsveränderungen akustischer Signale, binaurale (beidohrige) Interaktion wie Geräuschlokalisation und Störgeräuschbefreiung sowie dichotische Verarbeitung. In der ICD-10 trägt die Störung die Kodierung F80.20, in der ICD-11 die Kodierung AB5Y.

Auditive Teilleistungen

Die auditive Verarbeitung und Wahrnehmung umfasst mehrere Teilleistungen, die bei AVWS unterschiedlich betroffen sein können. Für die Diagnose müssen mindestens zwei Teilleistungsbereiche deutlich (mit signifikanten Normabweichungen) betroffen sein. Zu den Teilleistungen zählen: • Schall-Lokalisation: beidohriges Richtungshören durch Auswertung von Zeit- und Pegeldifferenzen zwischen den Ohren; dies bereitet das Verstehen im Störgeräusch vor. • Auditive Selektion: Herausfiltern von Sprachsignalen aus konkurrierenden Geräuschen („Cocktailparty-Effekt“). • Auditive Separation (dichotisches Hören): unabhängige Verarbeitung unterschiedlicher, gleichzeitig auf beiden Ohren einlaufender Signale, vermutlich vermittelt durch das Corpus callosum (Balken). • Auditive Differenzierung: Unterscheiden ähnlich klingender Schallereignisse; die Phonemdifferenzierung bezieht sich auf Sprachlaute, z. B. /d/ vs. /t/. Bei Kindern mit AVWS sind meist sehr ähnliche Laute betroffen. Die Unterscheidung /da/–/ta/ beruht auf der Voice Onset Time (VOT), einer akustischen Lücke von etwa 5–20 Millisekunden; Lücken unter 10 Millisekunden sind normalerweise wahrnehmbar. Dies wird als auditive Zeitauflösung bezeichnet. • Auditive Identifikation: Erkennen von Schallereignissen bzw. Sprachlauten (Phonem-Identifikation); ist sie gestört, fällt die Zuordnung zu Buchstaben schwer. • Auditive Analyse und Synthese: Einzellaute aus Wörtern heraushören (z. B. /l/ aus Eule) bzw. aus Lauten ein Wort bilden (/r/–/a/–/b/–/e/ → Rabe). • Auditives Kurzzeitgedächtnis: kurzfristiges Merken gehörter Information; Störungen treten gehäuft bei umschriebenen Sprachentwicklungsstörungen (USES) und Lese-Rechtschreib-Störungen auf (Modell der phonologischen Schleife des Arbeitsgedächtnisses).

Symptome

Betroffene können klagen über: • Beeinträchtigung der auditiven Aufmerksamkeit • Probleme mit dem Verstehen gehörter Informationen • Missverständnisse bei verbalen Aufforderungen • verlangsamte Verarbeitung gesprochener Informationen • verzögerte Reaktion auf auditive oder verbale Stimuli • eingeschränktes auditives Gedächtnis (z. B. Hörmerkspanne) • beeinträchtigte Erkennung und Unterscheidung von Schallreizen • Probleme der Schallquellenlokalisation („Richtungshören“) • Schwierigkeiten beim Sprachverständnis und Hören im Störgeräusch (z. B. King-Kopetzky-Syndrom) • Probleme beim Verstehen veränderter Sprachsignale, z. B. bei schlechter Telefonverbindung. Ähnliche Auffälligkeiten treten auch als Folgestörungen bei peripherer Schwerhörigkeit auf; selbst geringgradige oder minimale periphere Hörstörungen können ähnliche Symptome verursachen. Die DGPP stellt einen Anamnese-Fragebogen bereit, der von Eltern, Lehrern oder Hortpersonal ausgefüllt werden kann. Er dient der strukturierten Anamnese und Verlaufskontrolle, ist aber kein diagnostisches Instrument und ersetzt keine Diagnostik.

Diagnostik

Vor der speziellen AVWS-Diagnostik muss eine periphere Hörstörung (Außen-, Mittel- oder Innenohr) – auch geringgradige – sicher ausgeschlossen werden. Zudem sind häufigere Störungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen: Lernbehinderungen, Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätssyndrome sowie rezeptive (Sprachverständnis-) und expressive Sprachentwicklungsstörungen (z. B. Dyslalie, Dysgrammatismus). Gibt die Vordiagnostik keine hinreichende Erklärung, folgt eine umfassende pädaudiologische Untersuchung der auditiven Funktionen. Diese erfolgt durch Fachärzte für Phoniatrie und Pädaudiologie bzw. pädaudiologisch fortgebildete HNO-Ärzte in Kliniken, Krankenhausabteilungen oder Praxen. Die Diagnostik ist eine Regelleistung der Krankenkassen, keine Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL). Da AVWS oft mit Sprachentwicklungsstörungen, Lese-Rechtschreib-Störungen oder ADHS einhergeht, sind differenzialdiagnostische Fragen interdisziplinär zu klären, z. B. mit Kinder- und Jugendpsychiatern, -psychologen und -psychotherapeuten sowie Neuropädiatern.

Behandlung

Die Behandlung bei Kindern beruht grundsätzlich auf drei Säulen: übende Verfahren, Förderung von Kompensationen der beeinträchtigten Funktionen und Verbesserung der akustischen Signalqualität. Zu den übenden Verfahren gehören sprachgebundene, teilfunktionsspezifische Übungen (Phonemdifferenzierung, Phonemidentifikation, Phonemanalyse, Phonemsynthese, phonologische Bewusstheit) sowie Trainings sprachfreier auditiver Funktionen (z. B. Ordnungsschwellentraining) oder mit modifizierten Sprachsignalen (z. B. Fast-ForWord, Lateraltraining, Hochtontraining). Die Forschungslage spricht eindeutig für die sprachgebundenen teilfunktionsspezifischen Verfahren als Therapie der Wahl. Transfereffekte auf die Lese-Rechtschreib-Leistungen sind in vielen Studien belegt; nach sprachlich-auditivem Training wurden auch Effekte in objektiven Verfahren (fMRT, späte akustisch evozierte Potentiale) berichtet. Dagegen zeigten die meisten kontrollierten Studien keine eindeutigen Transfereffekte des Trainings basaler auditiver Funktionen auf Sprache oder Lese-Rechtschreiben. Für Fast ForWord gab es positive Befunde, die sich in anderen Studien aber nicht bestätigen ließen. Ein Cochrane Review von 2011 fand für Klangtherapien, u. a. die Tomatis-Therapie, keine Hinweise auf therapeutische Effekte. Kompensationsstrategien nutzen z. B. die visuelle Modalität (etwa das Phonembestimmte Manualsystem) und metakognitive Strategien; Ziel ist, dass Patienten Hörschwierigkeiten eigenständig einschätzen und dagegen steuern. Die Signalqualität lässt sich durch Geräuschreduktion im Klassenraum, Sitzplatzänderung oder Schalldämmung verbessern; ggf. kann eine FM-Anlage im Unterricht hilfreich sein – Voraussetzung ist eine fachärztlich-pädaudiologische AVWS-Diagnose mit beeinträchtigtem Hören im Störgeräusch. Bei deutlichen Komorbiditäten (z. B. Lese-Rechtschreib-Störung, Sprachentwicklungsstörung, ADHS, Autismusspektrum) ist der Therapiebedarf im auditiven Bereich unter Berücksichtigung der AVWS-Ausprägung, der Alltagssymptomatik und der interdisziplinären Befunde abzuwägen.

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