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Österreichisches Seminar für Zwölftonmusik

Das Österreichische Seminar für Zwölftonmusik (1953–1959) war ein Forum in Wien für die Musik- und Weltauffassung durch Josef Matthias Hauer.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Grundlagen
  2. 2. Entwicklung vor der Gründung
  3. 3. Kulturelle Voraussetzungen nach 1945
  4. 4. Organisation und Unterricht
  5. 5. Teilnehmende und Wirkungskreis
  6. 6. Dokumentation und Ende

Bedeutung und Grundlagen

Das Österreichische Seminar für Zwölftonmusik bestand von 1953 bis 1959 in Wien. Es war ein Forum für die Musik- und Weltauffassung des Komponisten und Musiktheoretikers Josef Matthias Hauer. Zwölftonmusik verstand Hauer nicht nur als Kompositionstechnik, sondern als umfassende Ordnungslehre: Die zwölf Töne sollten in ihren möglichen Beziehungen eine vollkommene musikalische Ordnung bilden. Diese Ordnung verband er mit Vorstellungen von geistiger Freiheit, menschlicher Gemeinschaft und Harmonie.

Hauer betrachtete Musik, Mensch und Welt als zusammengehörig. Musikalische Strukturen sollten nach seiner Auffassung zugleich Vorgänge in der Natur und Grundformen menschlichen Seins sichtbar beziehungsweise hörbar machen. Deshalb bezog das Seminar neben Musik auch Religion, Philosophie, Atomtheorie sowie natur- und geisteswissenschaftliche Vorstellungen ein.

Entwicklung vor der Gründung

Bereits am 9. April 1918 stellte Hauer im Wiener Institut für Kulturforschung der sogenannten „Weltkulturgesellschaft“ unter dem Titel „Neue Wege in der Musik“ seine Ideen vor. Nach kritischen Auseinandersetzungen in den „12 Musikerbriefen“ und parallelen Arbeiten mit Johannes Itten zur Selbstfindung beschrieb er im Mai 1919 in „Vom Wesen des Musikalischen“ seine grundlegende Auffassung. Er wollte diese musikalischen Grundlagen im entstehenden Bauhaus als elementare Kurse lehren und erwog einen Umzug von Wien nach Weimar.

1922 verbreitete Hauer seine Lehre vom Tonsystem und von den möglichen Wendungen der Zwölftonmusik in einer dreisprachigen Programmnummer der Zeitschrift „Melos“, die anlässlich der Gründung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik erschien. Zu den Werken, mit denen er seine Vorstellungen vermitteln wollte, gehörten die in „Melos“ veröffentlichte „Äolsharfe“, die „Atonale Melodienlehre“ als Hörschule und die „Melodiösen Zwölftonetüden“. Letztere waren als Vortragsstücke für besonders geschulte Hörer gedacht und wurden schließlich Arnold Schönberg gewidmet.

Kulturelle Voraussetzungen nach 1945

1945 erklärte Hauer das umfassende Strukturdenken der Zwölftonmusik zu einem zukunftsweisenden geistigen und zwischenmenschlichen Weg. Der Familienfreund Johann Muschik berichtete, Hauer habe ein Wiener Wirtshaus gern als eine Art „Lehrstuhl“ genutzt. Seine Gedanken beeinflussten die Künstler Herbert Boeckl und Fritz Wotruba, die ihn bei der Neuorientierung der Akademie der Bildenden Künste in Wien als besonders klaren Denker schätzten.

Auch Kulturzeitschriften beschäftigten sich mit Hauer, darunter Leopold Wolfgang Rochowanskis „Agathon“ 1946, 1947 und 1948, Otto Basils „Plan“ 1947 sowie eine Musikzeitschrift unter Friedrich Wildgans 1948. Interpreten wie Othmar Steinbauer, Ilona Steingruber und Victor Sokolowski führten seine Musik auf. Peter Lafite setzte sich kulturpolitisch für die Wiener Schule und für Hauers 1950 dem Bundespräsidenten gewidmete Werke ein.

Organisation und Unterricht

Ein unmittelbarer Anstoß zur Gründung war eine Aufführung aktueller Zwölftonmusik durch Paul Kont und Hans Kann im Art Club am 12. Januar 1952. Hauer verspottete diese Musik als „russisch barbarisierte Salonmusik“, legte jedoch zugleich in einem „Entwurf“ seine eigene Vorstellung der Zwölftonordnung als kosmisches Spiel dar. Der damals Siebzigjährige wurde Ehrenmitglied des Art Clubs; zahlreiche Kreative aus dessen Umfeld schlossen sich ihm an und bildeten die Grundlage des Seminars.

Johannes Schwieger, der Hauer bereits 1921 und 1947 freundschaftlich begegnet war, organisierte das Seminar in seiner Wohnung am Bauernfeldplatz 4/8 im IX. Wiener Bezirk. Dort gab es Raum für Gespräche und Aufführungen. Schwieger fertigte außerdem archivierende Abschriften an und erledigte Anfragen und Amtsgeschäfte. Das Seminar begann am 17. März 1953. Hauer beteiligte sich gelegentlich mit Kompositionsaufgaben, Korrekturen und persönlichen Begegnungen und entwickelte zugleich seine Lehre weiter.

Die Ausbildung umfasste drei Stufen:

  • Erlernen der Zwölfton-Notenschrift.
  • Singen oder instrumentales Erarbeiten der Stimmführung innerhalb der „Melosbewegung“. „Melos“ bezeichnete bei Hauer eine umfassende musikalische Einheit, in der sich Körper und Geist verbinden sollten.
  • Schulung von Ohr und Verstand, damit die Lernenden innerhalb aller Möglichkeiten eine vollkommene Ordnung erkennen konnten.

Die Studierenden sollten Musikspiele mit vorgegebenem Anfang und Schluss vervollständigen und aufführen. Im Quartett wurde beispielsweise der vierfache Kontrapunkt ausgearbeitet: Beim Kontrapunkt werden mehrere selbstständige Stimmen nach bestimmten Regeln miteinander verbunden. Hauer verstand die temperierte, zur Harmonie gebrachte Form zugleich als Modell des menschlichen Seins in einer geistigen Struktur und des Wachstums in der Natur.

Als musikalische Grundlagen dienten die beiden Bände „Atonale Musik“ von 1920 bis 1922, zusammengefasst als „Thesaurus Duodecaphonii“ mit dem „XXIV. Zwölftonspiel“ und weiteren Stücken. Hinzu kamen „Die Vollendung des wohltemperierten Klavieres“ als Band 3 sowie das vierhändige Klavierwerk „Das wohltemperierte Klavier“ als Band 4. Schwieger stellte Hauers Gedanken auf Lehrtafeln dar, unter anderem zum Thema „Sein und Zeit“. In Lehrgesprächen behandelten Hauer und Schwieger Hauers Entwicklungsstufen, die Quellen seines Denkens, den Weg über die Intuition zur absoluten Musik und die Einheit des Melos. Schwieger fasste seine eigene Gesamtschau in der Formel „Pathodizee – Theodizee – Melodizee“ zusammen. Mitschriften und stenografische Aufzeichnungen in Tagebüchern sind erhalten, wurden laut Artikel aber bislang nicht umfassend erforscht.

Teilnehmende und Wirkungskreis

Im Seminarbuch sind 60 Beteiligte tabellarisch verzeichnet; auch der Zeitpunkt ihrer Beschäftigung mit Hauers Zwölftonmusik wurde dokumentiert. Einzelne Notenunterlagen blieben erhalten. Die Gruppe umfasste Menschen aus Musik, Philosophie, Literatur, Musikwissenschaft und bildender Kunst.

Zu den bekannten Teilnehmern gehörten die Komponisten Friedrich Cerha, René Clemencic, Nikolaus Fheodoroff und Rolf Liebermann, der Philosoph Arnold Keyserling, der Musiktheoretiker Hermann Pfrogner, die Musikwissenschaftlerin Monika Lichtenfeld sowie der Schriftsteller, Komponist und bildende Künstler Gerhard Rühm. Auch die Schriftstellerin Jutta Schutting und der Cembalist Victor Sokolowski nahmen teil. Dal-Sung Kim wurde mit dem Hauer-Institut in Seoul, Dominik Száva mit dem Hauer-Institut in Toronto verbunden. Die Zusammensetzung zeigt, dass das Seminar über eine reine Kompositionsausbildung hinausging.

Dokumentation und Ende

Hauer sah sein Lebenswerk in drei miteinander verbundenen Ausdrucksformen: seiner Musik, darunter besonders dem aus barocken Grundlagen weiterentwickelten „Wohltemperierten Klavier“; seinen Schriften wie „Theorie I–III“, Testamenten und Manifesten; sowie seinen Gesprächen, die in Notizen, Briefen und Berichten über Begegnungen festgehalten wurden. Alle drei Formen waren für ihn Stationen auf einem Weg zur Ganzheit.

Schwieger versuchte, Hauers Gedanken nach den drei Feldern Musik, Mensch und Welt beziehungsweise Melos, Gott und das Atomare zu ordnen. Er deutete das Lebenswerk als Verbindung von klingenden, sittlich-religiösen und kosmischen Testamenten. Für eine 1956 begonnene „Denk-Schrift“ sammelte er Quellen, Forschungen, Briefe, kommentierte Tageszeitungen, Gegenpositionen und amtliche Anerkennungen in Mappen. Als Universitätsbibliothekar ergänzte er Material über alte Kulturen sowie natur- und geisteswissenschaftliche Lehren, um nach möglichen Grundlagen von Hauers Strukturordnung zu suchen.

Einen Höhepunkt bildete die Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises an Hauer im Jahr 1955; Schwieger durfte ihn 1956 stellvertretend übernehmen. 1958 folgte ein Fernsehfilm über Hauer in Wien. Mit Hauers Tod 1959 endete das Seminar. Die Theodor Körner-Stiftung erkannte die „Denk-Schrift“ 1958 an und förderte sie 1960 finanziell. Schwieger formulierte das Werk jedoch nicht mehr zur Veröffentlichung aus. Die umfangreiche Materialsammlung wird heute in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt.

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