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STRAßENSLANG || Wie Rap Deutschland verändert mit Celo&Abdi, Gio19, Mo Chachrour, Özge Inan
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 235 Zeilen
- Man hat Heckmeck mit Amcas, Iba'ash und Muftara. Wegen Tijara mit Inz3n, Sattla und Beyda.
- Abhängen mit Achis, Bratuchas und Habibis. Per Tokat ein paar Miskins und Picos treffen.
- Bis vor ein paar Jahren hätte kein Tobias und keine Annika verstanden, was das bedeutet.
- Aber wie kam es dazu, dass deutsche Kids heute einen Remix aus unzähligen Sprachen sprechen?
- Und was haben Joachim Ringelnatz, mittelalterliche Gauner und Jan Böhmermann damit zu tun?
- (Lockere Musik) (Rap-Musik)
- ♪ Scheiß auf Grammatik, Subjekt, Artikel, ♪ ich sag es, wie ich's will.
- Auf der Straße wurde schon immer anders gesprochen als im Könighaus, vor Gericht oder im Parlament.
- Es gab eine Amtssprache und eine, sagen wir mal, eine Otto-Normalverbraucher-Sprache.
- Ja, jeder kennt diese Telefonistenstimme. Da steht man neben einem Kumpel, wenn er bei Amt anruft oder so.
- "Ja, hallo, ich wollte mich mal melden." Ich weiß nicht, woher das kommt. Straße, nicht Straße, Bürgersteig.
- Bevor Martin Luther die Bibel ins Hochdeutsche übersetzte, konnten sich die Deutschen dank der vielen unterschiedlichen Dialekte
- eh kaum untereinander verstehen. Schon im Spätmittelalter entstand Rotwelsch,
- eine Milieusprache der Gauner und Vagabunden. Mit Wörtern aus dem Deutschen, Jiddischen und den Romanessprachen,
- der Romnja und Sintizze, wurde Rotwelsch bis ins 20. Jahr- hundert als Geheimsprache benutzt.
- Als Code, der für die Polizei und das Bürgertum unverständlich war. Wird auch in Frankfurt auf der Straße gesprochen - Rotwelsch.
- Übrigens wurde Rotwelsch immer dann besonders populär, wenn große Kriege zu Ende gingen
- und viele Söldner und Heimatlose unterwegs waren. An manchen Orten haben sich bis heute Variationen des Rotwelsch gehalten.
- In Münster spricht man Masematte, in Gießen Manisch, in Paderborn Mastbrucher Emmes
- und in Minden gibt es bis heute die Böttjersprache. Der Mindener Rapper Curse benutzte deswegen schon vor über 20 Jahren
- Worte wie "Chabo", "Chaya", "Lacho" und "Kosengs". Konkret Finn aus Frankfurt,
- wo die Hip-Hopper schon seit den 80ern an der Hauptwache auf unterschiedliche Subkulturen und Milieus trafen,
- rappte sogar schon 1993: Das Krasse ist, die Zeilgalerie gibt's ja nicht mehr.
- Leider. Rap ist einfach das Sprache der Straße.
- Und zwar nicht nur bei den Themen, die die Rapper behandeln, sondern auch in der Art, wie sie reden.
- In den Nullerjahren diskutierten deutsche Medien immer wieder über das Kiezdeutsch.
- Ein Multi-Ethnolekt aus Großstadtvierteln, die stark von Migration geprägt sind.
- Also das, was man heute Straßenslang nennen würde. Sprachwissenschaftler:innen beobachten,
- dass sich hier das Vokabular der Umgangssprache vergrößert und die Grammatik dafür vereinfacht wird.
- Der Wortschatz vergrößert sich, aber für Deutsche ist unser Slang für immer
- dieses Erkan-und-Stefan-Deutsch. Die haben einfach so zu dir gesagt, ohne Grund:
- "Boah, krass ey." - "Konkret". Konkret.
- Da denkst du dir: Was hab ich gemacht? Du hast ganz normal geredet.
- Boah ey, krass. - Mit dieser Bewegung. Hat eigentlich einen ganz einfachen Grund.
- Wo viele Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen zusammenkommen,
- bringt jeder seine eigenen Worte mit. Dafür wird vieles weggelassen, was die Kommunikation erschwert.
- Komplizierte Grammatik wie der Genitiv zum Beispiel. Manche Wortendungen verschwinden, Artikel und Präpositionen ebenso.
- Außerdem ändert sich häufig die Reihenfolge im Satzbau. Zentrale Informationen rücken an den Anfang.
- All das macht die Kommunikation effektiver und das Leben damit leichter.
- Ja, da sind ganz viele direkte Übersetzungen. Satzbautechnisch oder Redewendungen.
- Zentrale Informationen an den Anfang ist nicht nur eine Vereinfachung, sondern auch sinnvoller einfach.
- Zum Beispiel "Wo ist Ali?" So ein älterer Mann hat einmal gesagt: "Ali, wo ist?"
- Ich appelliere an den Duden, ändert es. Auch wenn man heute eher "Fanta 4",
- "Fettes Brot" oder "Die Beginner" kennt, Hip-Hop wurde in Deutschland in den 80ern hauptsächlich
- von migrantischen Jugendlichen aufgebaut. Nur logisch, dass 1990 im Straßenslang gerappt wurde.
- (Lockere Musik) ♪ Zwei Jahre her, ich nicht viel gefreut,
- ♪ mein Leben sei nicht schwer, mein Arbeitschef mir sagen: ♪ "Kanake, ey, wie geht's?"
- ♪ Ich sag "Hastirlan" ... Aber auch typisch für Sprecher:innen von Kiezdeutsch,
- Rapper Tacheles wechselte zur Mitte der Strophe in akzentfreies Hochdeutsch.
- "Code Switching" nennt man das. ♪ Wir sitzen in der Bahn, da kommt ein besoffener Mann
- ♪ und sitzt nebenan, der Mann sagt: ♪ "Du Knoblauch stinken."
- Man redet schon anders. Wenn ich einen Deutsch-Deutschen ... Fang ich an zu Berlinern.
- Da red ick so mit den Deutschen. Aber kennt ihr dieses extra-falsch-Deutsch-Sprechen?
- "Lass mal diese". Du weißt genau, dass nicht "Lass mal diese" heißt.
- Vielleicht will man sich ein bisschen von den Leuten abheben, die auf einen herabschauen.
- Im Mainstream waren die Meinungen zum Kiezdeutsch gespalten. Einige Sprachwissenschaftler:innen waren der Meinung,
- Kiezdeutsch sei eine Art neuer Dialekt und würde bloß bestehende Tendenzen der deutschen Sprache aufgreifen
- und vorantreiben. Sie prophezeien, in Zukunft würde sich auch das Hochdeutsch
- in Richtung der Umgangssprache verändern. Andere hingegen befürchten den Verfall der deutschen Sprache.
- Vor allem der konservative Verein Deutsche Sprache und Politiker von CDU, CSU und AfD
- schlagen bis heute immer wieder Alarm. Das fällt denen zufällig immer bei Wahlkampf gerade ein.
- Das ist so typisches, so ultrakonservatives Nazi-Gebabble. Es ist ja auch ein bisschen getragen
- von dieser Idee von Überfremdung allgemein. Ja, wenn es aus dem Orientalischen kommt, dann ist es nicht angebracht.
- Dann fuckt's ab. - Dann fuckt's ab. Dann stört's.
- Ich kann's verstehen als Deutscher, dass du deine Sprache nicht verlieren willst,
- aber Sprache entwickelt sich halt. Reden die immer noch wie Goethe sein Großvater?
- Die deutsche Sprache ist von Jahrhundert zu Jahrhundert verfallen, theoretisch.
- Also, die hat sich geändert, entwickelt mit der Zeit. Da haben eure Lieblingsrapper natürlich eine klare Haltung.
- Diese Debatten fallen in die erste große Blütezeit des deutschen Straßenraps.
- Deswegen werden in Artikeln aus dieser Zeit auch häufig Rapper wie Bushido und Sido erwähnt.
- Wenn man sich deren alte Tracks heute anhört, muss man aber allerdings sagen,
- klar, die Sprache bei Aggro ist hart, aber eher Hochdeutsch. Bushido wäre vielleicht sogar nie so erfolgreich geworden,
- hätte er damals so viel Slang benutzt wie Rapper heute. Medien und Politik zeichnen nämlich häufig ein Stereotyp
- des türkischen Machos. Gewaltbereit, kriminell und patriarchal.
- Die sieht in dir offenbar irgendwie eine Karikatur und eine Bedrohung. Ey, dass man da in dem Zusammenhang
- von einem türkischen Macho gesprochen hat, in dem Zeitungsartikel, zeigt,
- wie scheißegal denen das ist, woher wir kommen. Diese Identitätsfrage ist egal.
- Ach so, ja, wir sind alle Türken. Alle Kanaken, alle Türken.
- Was willst du dagegen machen außer "Hä, ist gar nicht so"? Und Ausländerslang war im Mainstream oft nur dann zu hören,
- wenn man sich darüber lustig machte. Comedians wie Kaya Yanar, Erkan und Stefan und Mundstuhl
- brachten ihr deutsches Publikum mit erfundenem Türkenslang und rassistischen Stereotypen zum Lachen.
- Hey Tarkan, geb ich dir (Unverständlich), brauchst du Gesichtsmorphie?
- Guten Morgen. Ich hätte gern ein Nummer.
- Ich mach Auszubildung zu Groß- und Einzelhandelkauffrau Oder wie der heißt.
- (Lachen) Über einen Kulturkreis, wie er redet, lachen die darüber.
- Diese Leute haben der Community mehr geschadet, als dass sie Gutes für uns gemacht haben.
- In der Süddeutschen Zeitung kam ein Artikel vor zwei Wochen oder so über Neukölln, Titel "Was guckst du?"
- Junge, es ist 25 Jahre her, kommt drüber hinweg. Unser Künstler Olexesh, der hat ja ein Lied mit Vanessa Mai gemacht,
- also einer berühmten Schlagersängerin, und er hat einen Hip-Hop-Part gemacht.
- Das war so ein Crossover, ein raplastigeres Lied. Und damit ist sie aufgetreten.
- Und dann hat die gute Barbara in so alter Erkan-und-Stefan-Manier angesagt so:
- "Boah, krass ey", irgend so was. Die haben uns die Türen auf jeden Fall
- noch ein bisschen mehr zugemacht. Da würde man am liebsten umdrehen und wieder nach Hause gehen.
- Wo wohnt sie? Ist sie einmal auf die Straße gegangen? Wohnt sie in Isolierhaft?
- Also, ich denke mir so, das kann doch nicht sein. Einer der ersten, der auch arabische Wörter
- in deutschen Rap-Texten verwendet hat, war Massiv. Er hängt übrigens immer noch ab mit Chahrours aus Beirut.
- Das hat mich damals sehr, sehr, sehr hart gecatcht, auf jeden Fall. Das hat natürlich voll viel Anklang gefunden auf der Straße,
- dieses "Al'Hamdulillah". Einfach nur dieses Aussprechen von arabischen Worten hat funktioniert.
- Es spricht das nähere Familienumfeld an. Also, mit was man aufgewachsen ist.
- Jeder, der sich so viel mit Massiv befasst hat, weiß halt, der redet halt so.
- Der ist schon relativ ins Herz gegangen. Der ist ins Herz gegangen.
- Dass heute auch Akademiker, Kinder und ZDF-Zuschauer:innen wissen, was Tijara, Wallah und Para bedeutet,
- ist vor allem drei Rappern zu verdanken. Celo, Abdi und Haftbefehl.
- Vor etwa zehn Jahren haben die den Frankfurter Straßenslang in den Deutschrap-Mainstream befördert.
- (Ernste Musik) Und in der Konsequenz auch in Feuilleton, ins Fernsehen.
- Und ins Wörterbuch. Ich hab auch nur die Hälfte verstanden.
- Ich sag dir ehrlich, der ist schon sehr krass mit seinem Slang. Wir waren ja in Artikeln drin so: "Oh, wie reden die denn exotisch?"
- Und so. Und dann nach zwei, drei Jahre haben die alle so gerappt im Endeffekt.
- Dann war es nicht mehr exotisch, dann war es so alltäglich. Vor 20 Jahren war noch Kanakensprache, jetzt Jugendsprache.
- Weil ja auch im Rap dann viele sich auch an diesen Wörtern bedient haben. Dieses Wort "Tijara", ich hab mich gar nicht mehr getraut, das zu sagen.
- Es war so ausgelutscht. Dabei gab es gerade zu Beginn auch echt noch viel negatives Feedback.
- Man kann sich gut vorstellen, dass der hessische Sprachmix für ein breites Publikum erst mal recht verwirrend war.
- (Durcheinanderreden) Le "Mecro". Mecro ist ein Mercedes.
- Ah. In Frankreich sagen die zu Mercedes "Mecro".
- Allein in der Line stecken Deutsch, Arabisch, Französisch, Englisch und Slangwörter aus dem kriminellen Milieu.
- Du musst es ja nicht mal verstehen, um es zu feiern. Das ist ja das Gute an Rap einfach.
- Und Celo rappt in seiner Strophe vom ... Das "069", versteht man nur, wenn man im Bahnhofsviertel zu Hause ist.
- "Chivatos", Verräter, kennt jeder. Musst nur (Unverständlich) geguckt haben.
- Zum Glück hat sich das Duo Nomero Uno auf seinem zweiten Album die Mühe gemacht,
- den Hinterhofjargon auch für Hans und Franzi verständlich zu erklären. (Rockige Rapmusik)
- Das ist Berbisch. Tijara ist aus dem Arabischen.
- Muschteri ist auch ein osmanisches Wort. Eko Fresh hatte sogar schon ein Jahr vorher
- den Song "Türkenslang" veröffentlicht. ♪ Der Türkenslang, lan, bring mir bei.
- ♪ "Hallo, ich will Tee", heißt "Selam, bring mir Çay". Straßenrap war für Mainstream
- schon immer ein Fenster in eine Parallelwelt. Die Azzlack waren besonders authentisch,
- weil sie aus dieser Welt in ihrer eigenen Sprache berichteten. Haftbefehl hatte auch gleich einen Namen für den Slang parat.
- Richtig reclaimed ist es dann, wenn es in der Mehrheitsgesellschaft keine beleidigende Wirkung
- mehr entfalten kann, weil alle sich so nennen. Mit dem Begriff "Kanackis"
- eigneten sich die Rapper eine rassistische Fremdbezeichnung an, machten sie zum eigenen Image und definierten ihre eigene Zivilgruppe.
- ♪ An alle Chabos, an alle Azzlacks. An alle Chos, Chayas und Kahbas. Dass sie sich Azzlackz, also asoziale Kanaken nannten.
- Ist das ein türkisches Wort? Ich weiß nicht, ob das von Deutschen gegen Ausländer sind
- oder unter Ausländern unter Ausländern. Wir sind abgegangen, wenn jemand uns Kanake genannt hat.
- Wenn es im richtigen Mund ist, ist es was anderes. Als wenn es jemand mit Hass sagt.
- Du kannst es mit Liebe sagen. Wir haben uns den Begriff zurückgeholt, und das ist krass.
- Und die haben da schon auch sehr viel zu beigetragen, dass das Teil der Identität geworden ist.
- Und Haftbefehl von sich als Azzlack-Stereotyp sprach, machte deutlich, dass sich die Straßenrapper
- der Vorurteile bewusst waren. Sie spielten mit den Bildern,
- dass ihnen die deutsche Mehrheitsgesellschaft als Kinder von Migranten zusprach.
- Durchaus erfolgreich. Haftbefehl, Celo und Abdi wurden zur Blaupause
- für modernen deutschen Straßenrap. Und Ende 2012 hatte Haftbefehl mit "Chabos wissen, wer der Babo ist",
- den großen Hit, mit dem sein Straßenslang auch all diejenigen erreichte,
- die sich vorher nie für Rap interessiert hatten. 2013 wurde Babo dann auch gleich zum Jugendwort des Jahres gewählt.
- Deutscher Straßenrap erlebte seine zweite Blüte. Wohin man auch schaute, gab es neue Artists,
- die real waren und sich ebenso real ausdrückten. Schwesta Ewa beispielsweise
- brachte einige Begriffe aus dem Rotlichtmilieu rein. Auch Xatar und SSIO aus Bonn prägten die Jugendsprache mit Slang,
- der viral ging. Außerdem vermischt er sich hier Straßenslang mit lokalen Eigenheiten
- wie der Bonner Bi-Sprache. (Dröhnende Rapmusik)
- Der Dichter Joachim Ringelnatz hat schon 1928 ein Gedicht in Bi-Sprache geschrieben.
- "Ibich habibebi dibich, Libittebi ..." Eigentlich ist das wie Rotwelsch, eine Geheimsprache.
- Muss ja nicht jeder Bobille mitbekommen, wenn SSIO und Co über Pabicks, Kobiks und Nubitten reden.
- Gerade am Telefon, nicht wahr, Pasha? Genau. Solche Codes gibt's seit vielen Generationen
- auch im Pariser Banlieues, wo Jugendliche neue Wörter formen, indem sie selben vertauschen.
- "Verlan" heißt das und kommt von: À l'envers heißt umgedreht.
- Verlan ist umgedreht. Umgedreht: drehtgeum. Du nimmst die erste Silbe oder die ersten zwei Silben
- und drehst das um. Das ist auch meine Heimatsprache.
- Das ist Chatrovatski. Das ist auch so eine Räubersprache.
- (Er bringt Beispiele.) Also, du nimmst die erste Silbe oder die ersten zwei Silben
- und drehst das um. Die sagen nicht Polizei, sondern Zeipoli. Lizpo.
- Josef, Sefjo, Poker, Kerpo. Rimka. - (beide:) Karim.
- Ähnlich machen das Kids in Belgrad, Zagreb und Sarajevo. Und auch dort werden Wörter aus der Romanessprache benutzt.
- Außerdem hat jede Gegend eigene Begriffe, von denen man vielleicht gar nicht mehr so genau weiß,
- woher sie kommen. Wo kommt das jetzt her, Sumi? Warum sage ich das?
- Du kennst das ja, man hat so im Laufe des Lebens immer so ein paar Begriffe aufgeschnappt.
- Und dann, keine Ahnung, automatisch wird das so zu deinem Jargon. Und aber jetzt wieso, weshalb oder woher,
- die Entstehung des Begriffs, keine Ahnung. Also, aber das sagt man so halt auf jeden Fall.
- Etymologieren oder her, fest steht, Straßenrapslang ist ein Ausdruck eines ganz bestimmten Milieus,
- das von der Gesellschaft ausgegrenzt wird. Ja, aber sind auch 'ne Inklusion statt.
- Nicht nur von außen, sondern auch man selbst hat sich ein bisschen isoliert und selbst empowert.
- Es gibt auch Banker, die sagen: "Chab, was geht?" Haben die von ihrem Dealer gelernt. (Lachen)
- Nenn es wie du willst. Kiezdeutsch, Ausländerdeutsch, Kanaksprach, Straßenslang,
- Hinterhofjargon oder Kanackis. Für viele Menschen bedeutet diese Sprache
- nicht bloß effiziente Kommunikation, sondern auch Heimat. Untereinander erkennt man einfach, wer ein Echter ist.
- Es ist eine Heimat, die sonst oft verwehrt bleibt. Egal, ob als angeblich Fremder in Deutschland
- oder als vermeintlich Deutscher in den Herkunftsländern der Eltern und Großeltern.
- Zu Hause ist, wo Leute sprechen wie ich. Heimat ist halt, wo man sich nicht erklären muss,
- sondern wo es irgendwie klar ist. Digga, Sprache macht viel.
- Das ist ja auch ein bisschen wie Personalausweis. Du merkst direkt, wenn die Frankfurter Jungs quatschen
- oder wenn die Berliner Jungs quatschen. Ich hab keine Vorurteile.
- Außer wenn du Sächsisch sprichst, denk ich manchmal, du bist ein Nazi. Ja, aber so ist das.
- Vielleicht haben wir alle ein bisschen unsere Vorurteile. Vielleicht müssen wir alle daran arbeiten.
- Genau deswegen ist es auch bisschen schwierig, wenn privilegierte Rapfans den Jargon einfach übernehmen,
- ohne sich damit auseinanderzusetzen, wo er eigentlich herkommt. Klar, manche Herkunftsdeutsche
- sind genauso auf der Straße aufgewachsen wie ihre postmigrantischen Freunde.
- Auch geil, dass ausländische Wörter und Redewendungen ihren Weg in die deutsche Umgangssprache gefunden haben.
- Aber Jan Böhmermann etwa musste sich schon viel Kritik anhören, weil er den Straßenslang als Gimmick für seine Comedy benutzt.
- ♪ Achtung, muck nicht, sonst hol' ich Polizei. ♪ Fährt mit Limousine bei dir zu Haus vorbei.
- Es ist die Sprache einer Klasse, der wahrscheinlich niemand so wenig angehört wie Jan Böhmermann.
- Er kann das nicht, und man hört's raus, weil die Attitude dahinter nicht stimmt.
- Wir sind so aufgewachsen, Digga. Was soll ich dir sagen? Man kennt's einfach, man fühlt es, ob es echt ist.
- YouTuber wie Freshtorge schminken sich mit dunklem Make-up einen Migrationshintergrund an.
- Äffen rassistische Stereotype nach und stellen pauschal Straßenslang mit Dummheit gleich.
- Wallah, nee. Das ist zu schwer, Junge.
- Woher sollen wir das wissen? Wir sind keine Politi- ... (beide:) Wir sind keine Politizen.
- Ich find das heftig asozial. Und ich kann nicht kapieren, wie die Leute,
- die sich über jeden Scheiß aufregen, den noch gewähren lassen. Ich find's jetzt auch nicht, dass ich sage, "Rassist".
- Ich fühl mich nicht getriggert. Ich find's nicht lustig. Wer das Video guckt und sagt:
- "Boah, solche Menschen gibt's in der Gesellschaft, voll traurig". Wähl AfD und geh einfach.
- Das ist das Pendant von Du siehst einen arabischen Mann mit Turban, du denkst an Taliban.
- Dieser Typ mit fünf Millionen Abonnenten malt halt das Bild von der dummen Kanakenfrau.
- Steht dann halt unkritisch einfach da. Was stellst du dem entgegen?
- Diese Idioten gibt's einfach. Wir müssen auch mit denen klarkommen oder auch nicht.
- Währenddessen drucken CDU-Politiker Haftbefehl-Zitate auf Wahlplakate. Herkunftsdeutsche Mittelstandskids reden von Chabos und Schababs,
- um cool zu wirken. Vielleicht, weil sie ihre Stars nachahmen wollen.
- Für viele hat Gangster-Rap auch etwas Exotisches, das vielleicht interessanter erscheint
- als die eigene privilegierte Identität. Vielleicht hat die Faszination auch mit Voyeurismus und Grusel zu tun.
- Alle diese Leute haben eins gemeinsam: Viele profitieren vom Slang der Straßenrapper,
- ohne die entsprechende Sozialisation vorweisen zu können. Und wenn es nicht mehr angesagt ist, so zu reden,
- hören sie halt einfach damit auf. Wie ein Kostüm, das man ablegen kann.
- Währenddessen bekommen Kinder aus Gastarbeiter:innenfamilien auch in der zweiten, dritten oder vierten Generation Probleme
- auf dem Arbeitsmarkt, der Wohnungssuche oder beim Behördengang,
- wenn sie kein perfektes Hochdeutsch sprechen. Wer sich über das vermeintlich falsche Deutsch lustig macht,
- vermittelt manchmal den Eindruck, als würde sie die wirtschaftliche und soziale Diskriminierung von Migrant:innen
- und deren Nachkommen überhaupt nicht jucken. "Vermitteln manchmal den Eindruck", ist noch zu nett gesagt.
- Ich denke nicht, dass das böse gemeint ist oder rassistisch. Er hat aber den Vorteil natürlich, dass er es ablegen kann.
- Sei ihm gegönnt. Was dagegen hilft?
- Denn die deutsche Jugendkultur, sogar die deutsche Popkultur, wurde von Menschen mit Migrationsgeschichte geprägt.
- Respekt gegenüber dieser Historie bedeutet, sich gegen Rassismus und Klassismus stark zu machen,
- statt Witze darüber zu reißen. Das Problem ist nicht Klassismus im Sinne von,
- dass die unteren Klassen gemein behandelt werden. Das Problem ist, dass es überhaupt Klassen gibt.
- Leute, die tatsächlich aus einer Unterschicht kommen, die Probleme haben,
- auf deren Kosten machen andere ... aus einer gut gesitteten Familie ...
- Profit. Könnte man so sagen, ja.
- Ja, das sind die Dummen aus dem Armenviertel. Und die sind da, weil die den Arsch nicht hochbekommen.
- Weil guck mal, ich red auch so, aber ich bin angekommen. Die wissen aber nicht, wenn sich einer bewirbt,
- der von da herkommt, wo wir herkommen, vielleicht allein schon aufgrund der Adresse
- Bewerbung zusammengeknüllt wird und im Papierkorb landet. Im Endeffekt siehst du ja anhand der Kommentare dann,
- dass man ja recht hat, dass es so ist, dass die Leute das nicht verstehen.
- Und dass dann noch so ein Spruch kommt wie Hauptschüler, du willst jemanden wieder in deine Ecke tun,
- dass der nicht gebildet bist. Intelligenz hat Ebenen, Formen.
- Egal, ob du weißt, wann der Zweite Weltkrieg angefangen hat. 1. September 1939.
- Und bitte verstellt euch nicht für ein bisschen Cloud. Ihr seid doch gut, so wie ihr seid. Tamam?
- Schreibt mal in die Kommentare, welchen Hype sollen wir als Nächstes machen?
- Und habt ihr schon mal Yarak gegessen? Nein.
- (Lachen) (Unverständlich)
- Da gibt's noch einen, der so Tagesthemen-Sprecher, der hat doch gesagt ... - (mehrere:) Jajaja.
Zum Nachlesen
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Babo (Jugendsprache)Der Begriff Babo (Aussprache: [baːbo]) bedeutet in der deutschen Jugendsprache so viel wie Boss, Anführer oder Chef und wurde ab 2012 im deutschsprachigen …