STRAßENSLANG || Wie Rap Deutschland verändert mit Celo&Abdi, Gio19, Mo Chachrour, Özge Inan HYPECULTURE https://www.youtube.com/watch?v=xGr4iytJIGo Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Man hat Heckmeck mit Amcas, Iba'ash und Muftara. Wegen Tijara mit Inz3n, Sattla und Beyda. 0:05 Abhängen mit Achis, Bratuchas und Habibis. Per Tokat ein paar Miskins und Picos treffen. 0:09 Bis vor ein paar Jahren hätte kein Tobias und keine Annika verstanden, was das bedeutet. 0:13 Aber wie kam es dazu, dass deutsche Kids heute einen Remix aus unzähligen Sprachen sprechen? 0:18 Und was haben Joachim Ringelnatz, mittelalterliche Gauner und Jan Böhmermann damit zu tun? 0:22 (Lockere Musik) (Rap-Musik) 0:40 ♪ Scheiß auf Grammatik, Subjekt, Artikel, ♪ ich sag es, wie ich's will. 0:44 Auf der Straße wurde schon immer anders gesprochen als im Könighaus, vor Gericht oder im Parlament. 0:49 Es gab eine Amtssprache und eine, sagen wir mal, eine Otto-Normalverbraucher-Sprache. 0:55 Ja, jeder kennt diese Telefonistenstimme. Da steht man neben einem Kumpel, wenn er bei Amt anruft oder so. 0:59 "Ja, hallo, ich wollte mich mal melden." Ich weiß nicht, woher das kommt. Straße, nicht Straße, Bürgersteig. 1:05 Bevor Martin Luther die Bibel ins Hochdeutsche übersetzte, konnten sich die Deutschen dank der vielen unterschiedlichen Dialekte 1:11 eh kaum untereinander verstehen. Schon im Spätmittelalter entstand Rotwelsch, 1:14 eine Milieusprache der Gauner und Vagabunden. Mit Wörtern aus dem Deutschen, Jiddischen und den Romanessprachen, 1:19 der Romnja und Sintizze, wurde Rotwelsch bis ins 20. Jahr- hundert als Geheimsprache benutzt. 1:24 Als Code, der für die Polizei und das Bürgertum unverständlich war. Wird auch in Frankfurt auf der Straße gesprochen - Rotwelsch. 1:31 Übrigens wurde Rotwelsch immer dann besonders populär, wenn große Kriege zu Ende gingen 1:35 und viele Söldner und Heimatlose unterwegs waren. An manchen Orten haben sich bis heute Variationen des Rotwelsch gehalten. 1:40 In Münster spricht man Masematte, in Gießen Manisch, in Paderborn Mastbrucher Emmes 1:45 und in Minden gibt es bis heute die Böttjersprache. Der Mindener Rapper Curse benutzte deswegen schon vor über 20 Jahren 1:50 Worte wie "Chabo", "Chaya", "Lacho" und "Kosengs". Konkret Finn aus Frankfurt, 1:54 wo die Hip-Hopper schon seit den 80ern an der Hauptwache auf unterschiedliche Subkulturen und Milieus trafen, 1:59 rappte sogar schon 1993: Das Krasse ist, die Zeilgalerie gibt's ja nicht mehr. 2:11 Leider. Rap ist einfach das Sprache der Straße. 2:14 Und zwar nicht nur bei den Themen, die die Rapper behandeln, sondern auch in der Art, wie sie reden. 2:19 In den Nullerjahren diskutierten deutsche Medien immer wieder über das Kiezdeutsch. 2:22 Ein Multi-Ethnolekt aus Großstadtvierteln, die stark von Migration geprägt sind. 2:26 Also das, was man heute Straßenslang nennen würde. Sprachwissenschaftler:innen beobachten, 2:30 dass sich hier das Vokabular der Umgangssprache vergrößert und die Grammatik dafür vereinfacht wird. 2:34 Der Wortschatz vergrößert sich, aber für Deutsche ist unser Slang für immer 2:37 dieses Erkan-und-Stefan-Deutsch. Die haben einfach so zu dir gesagt, ohne Grund: 2:42 "Boah, krass ey." - "Konkret". Konkret. 2:45 Da denkst du dir: Was hab ich gemacht? Du hast ganz normal geredet. 2:49 Boah ey, krass. - Mit dieser Bewegung. Hat eigentlich einen ganz einfachen Grund. 2:54 Wo viele Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen zusammenkommen, 2:57 bringt jeder seine eigenen Worte mit. Dafür wird vieles weggelassen, was die Kommunikation erschwert. 3:02 Komplizierte Grammatik wie der Genitiv zum Beispiel. Manche Wortendungen verschwinden, Artikel und Präpositionen ebenso. 3:07 Außerdem ändert sich häufig die Reihenfolge im Satzbau. Zentrale Informationen rücken an den Anfang. 3:12 All das macht die Kommunikation effektiver und das Leben damit leichter. 3:15 Ja, da sind ganz viele direkte Übersetzungen. Satzbautechnisch oder Redewendungen. 3:20 Zentrale Informationen an den Anfang ist nicht nur eine Vereinfachung, sondern auch sinnvoller einfach. 3:25 Zum Beispiel "Wo ist Ali?" So ein älterer Mann hat einmal gesagt: "Ali, wo ist?" 3:29 Ich appelliere an den Duden, ändert es. Auch wenn man heute eher "Fanta 4", 3:33 "Fettes Brot" oder "Die Beginner" kennt, Hip-Hop wurde in Deutschland in den 80ern hauptsächlich 3:38 von migrantischen Jugendlichen aufgebaut. Nur logisch, dass 1990 im Straßenslang gerappt wurde. 3:42 (Lockere Musik) ♪ Zwei Jahre her, ich nicht viel gefreut, 3:51 ♪ mein Leben sei nicht schwer, mein Arbeitschef mir sagen: ♪ "Kanake, ey, wie geht's?" 3:55 ♪ Ich sag "Hastirlan" ... Aber auch typisch für Sprecher:innen von Kiezdeutsch, 3:59 Rapper Tacheles wechselte zur Mitte der Strophe in akzentfreies Hochdeutsch. 4:02 "Code Switching" nennt man das. ♪ Wir sitzen in der Bahn, da kommt ein besoffener Mann 4:06 ♪ und sitzt nebenan, der Mann sagt: ♪ "Du Knoblauch stinken." 4:17 Man redet schon anders. Wenn ich einen Deutsch-Deutschen ... Fang ich an zu Berlinern. 4:21 Da red ick so mit den Deutschen. Aber kennt ihr dieses extra-falsch-Deutsch-Sprechen? 4:25 "Lass mal diese". Du weißt genau, dass nicht "Lass mal diese" heißt. 4:29 Vielleicht will man sich ein bisschen von den Leuten abheben, die auf einen herabschauen. 4:33 Im Mainstream waren die Meinungen zum Kiezdeutsch gespalten. Einige Sprachwissenschaftler:innen waren der Meinung, 4:38 Kiezdeutsch sei eine Art neuer Dialekt und würde bloß bestehende Tendenzen der deutschen Sprache aufgreifen 4:43 und vorantreiben. Sie prophezeien, in Zukunft würde sich auch das Hochdeutsch 4:47 in Richtung der Umgangssprache verändern. Andere hingegen befürchten den Verfall der deutschen Sprache. 4:52 Vor allem der konservative Verein Deutsche Sprache und Politiker von CDU, CSU und AfD 4:55 schlagen bis heute immer wieder Alarm. Das fällt denen zufällig immer bei Wahlkampf gerade ein. 5:01 Das ist so typisches, so ultrakonservatives Nazi-Gebabble. Es ist ja auch ein bisschen getragen 5:08 von dieser Idee von Überfremdung allgemein. Ja, wenn es aus dem Orientalischen kommt, dann ist es nicht angebracht. 5:15 Dann fuckt's ab. - Dann fuckt's ab. Dann stört's. 5:17 Ich kann's verstehen als Deutscher, dass du deine Sprache nicht verlieren willst, 5:21 aber Sprache entwickelt sich halt. Reden die immer noch wie Goethe sein Großvater? 5:25 Die deutsche Sprache ist von Jahrhundert zu Jahrhundert verfallen, theoretisch. 5:29 Also, die hat sich geändert, entwickelt mit der Zeit. Da haben eure Lieblingsrapper natürlich eine klare Haltung. 5:42 Diese Debatten fallen in die erste große Blütezeit des deutschen Straßenraps. 5:45 Deswegen werden in Artikeln aus dieser Zeit auch häufig Rapper wie Bushido und Sido erwähnt. 5:49 Wenn man sich deren alte Tracks heute anhört, muss man aber allerdings sagen, 5:53 klar, die Sprache bei Aggro ist hart, aber eher Hochdeutsch. Bushido wäre vielleicht sogar nie so erfolgreich geworden, 5:58 hätte er damals so viel Slang benutzt wie Rapper heute. Medien und Politik zeichnen nämlich häufig ein Stereotyp 6:03 des türkischen Machos. Gewaltbereit, kriminell und patriarchal. 6:13 Die sieht in dir offenbar irgendwie eine Karikatur und eine Bedrohung. Ey, dass man da in dem Zusammenhang 6:18 von einem türkischen Macho gesprochen hat, in dem Zeitungsartikel, zeigt, 6:21 wie scheißegal denen das ist, woher wir kommen. Diese Identitätsfrage ist egal. 6:26 Ach so, ja, wir sind alle Türken. Alle Kanaken, alle Türken. 6:30 Was willst du dagegen machen außer "Hä, ist gar nicht so"? Und Ausländerslang war im Mainstream oft nur dann zu hören, 6:35 wenn man sich darüber lustig machte. Comedians wie Kaya Yanar, Erkan und Stefan und Mundstuhl 6:39 brachten ihr deutsches Publikum mit erfundenem Türkenslang und rassistischen Stereotypen zum Lachen. 6:44 Hey Tarkan, geb ich dir (Unverständlich), brauchst du Gesichtsmorphie? 6:48 Guten Morgen. Ich hätte gern ein Nummer. 6:51 Ich mach Auszubildung zu Groß- und Einzelhandelkauffrau Oder wie der heißt. 6:55 (Lachen) Über einen Kulturkreis, wie er redet, lachen die darüber. 7:00 Diese Leute haben der Community mehr geschadet, als dass sie Gutes für uns gemacht haben. 7:05 In der Süddeutschen Zeitung kam ein Artikel vor zwei Wochen oder so über Neukölln, Titel "Was guckst du?" 7:12 Junge, es ist 25 Jahre her, kommt drüber hinweg. Unser Künstler Olexesh, der hat ja ein Lied mit Vanessa Mai gemacht, 7:19 also einer berühmten Schlagersängerin, und er hat einen Hip-Hop-Part gemacht. 7:22 Das war so ein Crossover, ein raplastigeres Lied. Und damit ist sie aufgetreten. 7:29 Und dann hat die gute Barbara in so alter Erkan-und-Stefan-Manier angesagt so: 7:35 "Boah, krass ey", irgend so was. Die haben uns die Türen auf jeden Fall 7:39 noch ein bisschen mehr zugemacht. Da würde man am liebsten umdrehen und wieder nach Hause gehen. 7:45 Wo wohnt sie? Ist sie einmal auf die Straße gegangen? Wohnt sie in Isolierhaft? 7:49 Also, ich denke mir so, das kann doch nicht sein. Einer der ersten, der auch arabische Wörter 7:54 in deutschen Rap-Texten verwendet hat, war Massiv. Er hängt übrigens immer noch ab mit Chahrours aus Beirut. 8:04 Das hat mich damals sehr, sehr, sehr hart gecatcht, auf jeden Fall. Das hat natürlich voll viel Anklang gefunden auf der Straße, 8:10 dieses "Al'Hamdulillah". Einfach nur dieses Aussprechen von arabischen Worten hat funktioniert. 8:15 Es spricht das nähere Familienumfeld an. Also, mit was man aufgewachsen ist. 8:19 Jeder, der sich so viel mit Massiv befasst hat, weiß halt, der redet halt so. 8:23 Der ist schon relativ ins Herz gegangen. Der ist ins Herz gegangen. 8:26 Dass heute auch Akademiker, Kinder und ZDF-Zuschauer:innen wissen, was Tijara, Wallah und Para bedeutet, 8:31 ist vor allem drei Rappern zu verdanken. Celo, Abdi und Haftbefehl. 8:35 Vor etwa zehn Jahren haben die den Frankfurter Straßenslang in den Deutschrap-Mainstream befördert. 8:40 (Ernste Musik) Und in der Konsequenz auch in Feuilleton, ins Fernsehen. 8:48 Und ins Wörterbuch. Ich hab auch nur die Hälfte verstanden. 8:52 Ich sag dir ehrlich, der ist schon sehr krass mit seinem Slang. Wir waren ja in Artikeln drin so: "Oh, wie reden die denn exotisch?" 8:58 Und so. Und dann nach zwei, drei Jahre haben die alle so gerappt im Endeffekt. 9:03 Dann war es nicht mehr exotisch, dann war es so alltäglich. Vor 20 Jahren war noch Kanakensprache, jetzt Jugendsprache. 9:08 Weil ja auch im Rap dann viele sich auch an diesen Wörtern bedient haben. Dieses Wort "Tijara", ich hab mich gar nicht mehr getraut, das zu sagen. 9:15 Es war so ausgelutscht. Dabei gab es gerade zu Beginn auch echt noch viel negatives Feedback. 9:25 Man kann sich gut vorstellen, dass der hessische Sprachmix für ein breites Publikum erst mal recht verwirrend war. 9:40 (Durcheinanderreden) Le "Mecro". Mecro ist ein Mercedes. 9:44 Ah. In Frankreich sagen die zu Mercedes "Mecro". 9:48 Allein in der Line stecken Deutsch, Arabisch, Französisch, Englisch und Slangwörter aus dem kriminellen Milieu. 9:53 Du musst es ja nicht mal verstehen, um es zu feiern. Das ist ja das Gute an Rap einfach. 9:57 Und Celo rappt in seiner Strophe vom ... Das "069", versteht man nur, wenn man im Bahnhofsviertel zu Hause ist. 10:04 "Chivatos", Verräter, kennt jeder. Musst nur (Unverständlich) geguckt haben. 10:07 Zum Glück hat sich das Duo Nomero Uno auf seinem zweiten Album die Mühe gemacht, 10:11 den Hinterhofjargon auch für Hans und Franzi verständlich zu erklären. (Rockige Rapmusik) 10:35 Das ist Berbisch. Tijara ist aus dem Arabischen. 10:39 Muschteri ist auch ein osmanisches Wort. Eko Fresh hatte sogar schon ein Jahr vorher 10:43 den Song "Türkenslang" veröffentlicht. ♪ Der Türkenslang, lan, bring mir bei. 10:47 ♪ "Hallo, ich will Tee", heißt "Selam, bring mir Çay". Straßenrap war für Mainstream 10:51 schon immer ein Fenster in eine Parallelwelt. Die Azzlack waren besonders authentisch, 10:55 weil sie aus dieser Welt in ihrer eigenen Sprache berichteten. Haftbefehl hatte auch gleich einen Namen für den Slang parat. 11:03 Richtig reclaimed ist es dann, wenn es in der Mehrheitsgesellschaft keine beleidigende Wirkung 11:08 mehr entfalten kann, weil alle sich so nennen. Mit dem Begriff "Kanackis" 11:12 eigneten sich die Rapper eine rassistische Fremdbezeichnung an, machten sie zum eigenen Image und definierten ihre eigene Zivilgruppe. 11:18 ♪ An alle Chabos, an alle Azzlacks. An alle Chos, Chayas und Kahbas. Dass sie sich Azzlackz, also asoziale Kanaken nannten. 11:27 Ist das ein türkisches Wort? Ich weiß nicht, ob das von Deutschen gegen Ausländer sind 11:32 oder unter Ausländern unter Ausländern. Wir sind abgegangen, wenn jemand uns Kanake genannt hat. 11:36 Wenn es im richtigen Mund ist, ist es was anderes. Als wenn es jemand mit Hass sagt. 11:41 Du kannst es mit Liebe sagen. Wir haben uns den Begriff zurückgeholt, und das ist krass. 11:46 Und die haben da schon auch sehr viel zu beigetragen, dass das Teil der Identität geworden ist. 11:50 Und Haftbefehl von sich als Azzlack-Stereotyp sprach, machte deutlich, dass sich die Straßenrapper 11:54 der Vorurteile bewusst waren. Sie spielten mit den Bildern, 11:57 dass ihnen die deutsche Mehrheitsgesellschaft als Kinder von Migranten zusprach. 12:00 Durchaus erfolgreich. Haftbefehl, Celo und Abdi wurden zur Blaupause 12:03 für modernen deutschen Straßenrap. Und Ende 2012 hatte Haftbefehl mit "Chabos wissen, wer der Babo ist", 12:08 den großen Hit, mit dem sein Straßenslang auch all diejenigen erreichte, 12:12 die sich vorher nie für Rap interessiert hatten. 2013 wurde Babo dann auch gleich zum Jugendwort des Jahres gewählt. 12:17 Deutscher Straßenrap erlebte seine zweite Blüte. Wohin man auch schaute, gab es neue Artists, 12:21 die real waren und sich ebenso real ausdrückten. Schwesta Ewa beispielsweise 12:25 brachte einige Begriffe aus dem Rotlichtmilieu rein. Auch Xatar und SSIO aus Bonn prägten die Jugendsprache mit Slang, 12:35 der viral ging. Außerdem vermischt er sich hier Straßenslang mit lokalen Eigenheiten 12:47 wie der Bonner Bi-Sprache. (Dröhnende Rapmusik) 13:03 Der Dichter Joachim Ringelnatz hat schon 1928 ein Gedicht in Bi-Sprache geschrieben. 13:07 "Ibich habibebi dibich, Libittebi ..." Eigentlich ist das wie Rotwelsch, eine Geheimsprache. 13:13 Muss ja nicht jeder Bobille mitbekommen, wenn SSIO und Co über Pabicks, Kobiks und Nubitten reden. 13:18 Gerade am Telefon, nicht wahr, Pasha? Genau. Solche Codes gibt's seit vielen Generationen 13:26 auch im Pariser Banlieues, wo Jugendliche neue Wörter formen, indem sie selben vertauschen. 13:30 "Verlan" heißt das und kommt von: À l'envers heißt umgedreht. 13:35 Verlan ist umgedreht. Umgedreht: drehtgeum. Du nimmst die erste Silbe oder die ersten zwei Silben 13:40 und drehst das um. Das ist auch meine Heimatsprache. 13:43 Das ist Chatrovatski. Das ist auch so eine Räubersprache. 13:46 (Er bringt Beispiele.) Also, du nimmst die erste Silbe oder die ersten zwei Silben 13:50 und drehst das um. Die sagen nicht Polizei, sondern Zeipoli. Lizpo. 13:54 Josef, Sefjo, Poker, Kerpo. Rimka. - (beide:) Karim. 13:58 Ähnlich machen das Kids in Belgrad, Zagreb und Sarajevo. Und auch dort werden Wörter aus der Romanessprache benutzt. 14:04 Außerdem hat jede Gegend eigene Begriffe, von denen man vielleicht gar nicht mehr so genau weiß, 14:08 woher sie kommen. Wo kommt das jetzt her, Sumi? Warum sage ich das? 14:12 Du kennst das ja, man hat so im Laufe des Lebens immer so ein paar Begriffe aufgeschnappt. 14:16 Und dann, keine Ahnung, automatisch wird das so zu deinem Jargon. Und aber jetzt wieso, weshalb oder woher, 14:21 die Entstehung des Begriffs, keine Ahnung. Also, aber das sagt man so halt auf jeden Fall. 14:25 Etymologieren oder her, fest steht, Straßenrapslang ist ein Ausdruck eines ganz bestimmten Milieus, 14:30 das von der Gesellschaft ausgegrenzt wird. Ja, aber sind auch 'ne Inklusion statt. 14:34 Nicht nur von außen, sondern auch man selbst hat sich ein bisschen isoliert und selbst empowert. 14:39 Es gibt auch Banker, die sagen: "Chab, was geht?" Haben die von ihrem Dealer gelernt. (Lachen) 14:44 Nenn es wie du willst. Kiezdeutsch, Ausländerdeutsch, Kanaksprach, Straßenslang, 14:49 Hinterhofjargon oder Kanackis. Für viele Menschen bedeutet diese Sprache 14:52 nicht bloß effiziente Kommunikation, sondern auch Heimat. Untereinander erkennt man einfach, wer ein Echter ist. 14:57 Es ist eine Heimat, die sonst oft verwehrt bleibt. Egal, ob als angeblich Fremder in Deutschland 15:02 oder als vermeintlich Deutscher in den Herkunftsländern der Eltern und Großeltern. 15:05 Zu Hause ist, wo Leute sprechen wie ich. Heimat ist halt, wo man sich nicht erklären muss, 15:10 sondern wo es irgendwie klar ist. Digga, Sprache macht viel. 15:13 Das ist ja auch ein bisschen wie Personalausweis. Du merkst direkt, wenn die Frankfurter Jungs quatschen 15:18 oder wenn die Berliner Jungs quatschen. Ich hab keine Vorurteile. 15:21 Außer wenn du Sächsisch sprichst, denk ich manchmal, du bist ein Nazi. Ja, aber so ist das. 15:27 Vielleicht haben wir alle ein bisschen unsere Vorurteile. Vielleicht müssen wir alle daran arbeiten. 15:32 Genau deswegen ist es auch bisschen schwierig, wenn privilegierte Rapfans den Jargon einfach übernehmen, 15:37 ohne sich damit auseinanderzusetzen, wo er eigentlich herkommt. Klar, manche Herkunftsdeutsche 15:41 sind genauso auf der Straße aufgewachsen wie ihre postmigrantischen Freunde. 15:44 Auch geil, dass ausländische Wörter und Redewendungen ihren Weg in die deutsche Umgangssprache gefunden haben. 15:50 Aber Jan Böhmermann etwa musste sich schon viel Kritik anhören, weil er den Straßenslang als Gimmick für seine Comedy benutzt. 15:55 ♪ Achtung, muck nicht, sonst hol' ich Polizei. ♪ Fährt mit Limousine bei dir zu Haus vorbei. 16:00 Es ist die Sprache einer Klasse, der wahrscheinlich niemand so wenig angehört wie Jan Böhmermann. 16:06 Er kann das nicht, und man hört's raus, weil die Attitude dahinter nicht stimmt. 16:09 Wir sind so aufgewachsen, Digga. Was soll ich dir sagen? Man kennt's einfach, man fühlt es, ob es echt ist. 16:14 YouTuber wie Freshtorge schminken sich mit dunklem Make-up einen Migrationshintergrund an. 16:18 Äffen rassistische Stereotype nach und stellen pauschal Straßenslang mit Dummheit gleich. 16:23 Wallah, nee. Das ist zu schwer, Junge. 16:25 Woher sollen wir das wissen? Wir sind keine Politi- ... (beide:) Wir sind keine Politizen. 16:29 Ich find das heftig asozial. Und ich kann nicht kapieren, wie die Leute, 16:34 die sich über jeden Scheiß aufregen, den noch gewähren lassen. Ich find's jetzt auch nicht, dass ich sage, "Rassist". 16:40 Ich fühl mich nicht getriggert. Ich find's nicht lustig. Wer das Video guckt und sagt: 16:44 "Boah, solche Menschen gibt's in der Gesellschaft, voll traurig". Wähl AfD und geh einfach. 16:48 Das ist das Pendant von Du siehst einen arabischen Mann mit Turban, du denkst an Taliban. 16:52 Dieser Typ mit fünf Millionen Abonnenten malt halt das Bild von der dummen Kanakenfrau. 16:57 Steht dann halt unkritisch einfach da. Was stellst du dem entgegen? 17:01 Diese Idioten gibt's einfach. Wir müssen auch mit denen klarkommen oder auch nicht. 17:05 Währenddessen drucken CDU-Politiker Haftbefehl-Zitate auf Wahlplakate. Herkunftsdeutsche Mittelstandskids reden von Chabos und Schababs, 17:12 um cool zu wirken. Vielleicht, weil sie ihre Stars nachahmen wollen. 17:16 Für viele hat Gangster-Rap auch etwas Exotisches, das vielleicht interessanter erscheint 17:20 als die eigene privilegierte Identität. Vielleicht hat die Faszination auch mit Voyeurismus und Grusel zu tun. 17:25 Alle diese Leute haben eins gemeinsam: Viele profitieren vom Slang der Straßenrapper, 17:29 ohne die entsprechende Sozialisation vorweisen zu können. Und wenn es nicht mehr angesagt ist, so zu reden, 17:34 hören sie halt einfach damit auf. Wie ein Kostüm, das man ablegen kann. 17:37 Währenddessen bekommen Kinder aus Gastarbeiter:innenfamilien auch in der zweiten, dritten oder vierten Generation Probleme 17:43 auf dem Arbeitsmarkt, der Wohnungssuche oder beim Behördengang, 17:46 wenn sie kein perfektes Hochdeutsch sprechen. Wer sich über das vermeintlich falsche Deutsch lustig macht, 17:50 vermittelt manchmal den Eindruck, als würde sie die wirtschaftliche und soziale Diskriminierung von Migrant:innen 17:55 und deren Nachkommen überhaupt nicht jucken. "Vermitteln manchmal den Eindruck", ist noch zu nett gesagt. 18:00 Ich denke nicht, dass das böse gemeint ist oder rassistisch. Er hat aber den Vorteil natürlich, dass er es ablegen kann. 18:05 Sei ihm gegönnt. Was dagegen hilft? 18:08 Denn die deutsche Jugendkultur, sogar die deutsche Popkultur, wurde von Menschen mit Migrationsgeschichte geprägt. 18:13 Respekt gegenüber dieser Historie bedeutet, sich gegen Rassismus und Klassismus stark zu machen, 18:18 statt Witze darüber zu reißen. Das Problem ist nicht Klassismus im Sinne von, 18:21 dass die unteren Klassen gemein behandelt werden. Das Problem ist, dass es überhaupt Klassen gibt. 18:26 Leute, die tatsächlich aus einer Unterschicht kommen, die Probleme haben, 18:29 auf deren Kosten machen andere ... aus einer gut gesitteten Familie ... 18:36 Profit. Könnte man so sagen, ja. 18:39 Ja, das sind die Dummen aus dem Armenviertel. Und die sind da, weil die den Arsch nicht hochbekommen. 18:43 Weil guck mal, ich red auch so, aber ich bin angekommen. Die wissen aber nicht, wenn sich einer bewirbt, 18:48 der von da herkommt, wo wir herkommen, vielleicht allein schon aufgrund der Adresse 18:52 Bewerbung zusammengeknüllt wird und im Papierkorb landet. Im Endeffekt siehst du ja anhand der Kommentare dann, 18:58 dass man ja recht hat, dass es so ist, dass die Leute das nicht verstehen. 19:02 Und dass dann noch so ein Spruch kommt wie Hauptschüler, du willst jemanden wieder in deine Ecke tun, 19:08 dass der nicht gebildet bist. Intelligenz hat Ebenen, Formen. 19:13 Egal, ob du weißt, wann der Zweite Weltkrieg angefangen hat. 1. September 1939. 19:18 Und bitte verstellt euch nicht für ein bisschen Cloud. Ihr seid doch gut, so wie ihr seid. Tamam? 19:22 Schreibt mal in die Kommentare, welchen Hype sollen wir als Nächstes machen? 19:26 Und habt ihr schon mal Yarak gegessen? Nein. 19:30 (Lachen) (Unverständlich) 19:36 Da gibt's noch einen, der so Tagesthemen-Sprecher, der hat doch gesagt ... - (mehrere:) Jajaja.