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Tschick, Wolfgang Herrndorf, Romananalyse, Deutschunterricht | Erinnerungsliteratur

MOOCit Education Matters Lernvideos für die Schule7:04 220 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 48 Zeilen
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  1. Wolfgang Herdorfs Chick. Für viele ist das ja die typische Schullektüre, aber für noch viel viel mehr Menschen ist es das eine Buch, das sie überhaupt erst
  2. zum Lesen gebracht hat. Ein echtes Phänomen. Aber was genau ist das Geheimnis hinter diesem Roadtrip von zwei kompletten Außenseitern? Warum
  3. funktioniert dieser Roman so unglaublich gut im Klassenzimmer und auch weit darüber hinaus? Tja, dem gehen wir heute mal auf den Grund. Also, was macht
  4. dieses Buch so besonders? Ich meine, es gibt ja unzählige gute Jugendromane, aber irgendwas in der DNA von Chick trifft einfach einen Nerv und zwar bei
  5. allen. Bei Schülern, bei Lehrern und bei Kritikern. Lasst uns mal gemeinsam die Schichten von diesem Roman abtragen, um genau diesen Kern freizulegen.
  6. Und so gehen wir vor. Wir starten da, wo jeder anfängt. Bei dem, was sofort ins Auge springt, dem Chick Phänomen. Dann zoomen wir rein auf den Motor der ganzen
  7. Geschichte, diese unwahrscheinliche Freundschaft. Von da aus schauen wir uns die Welt an, aus der die beiden fliehen. Wir hinterfragen ihre Suche nach
  8. Freiheit, schlüpfen dann in Mikes Perspektive und am Ende da fragen wir uns, was heißt das alles eigentlich für den Unterricht? Also, erster Punkt, das
  9. Phänomen. Warum fällt es so vielen, selbst den total lesemüden Jugendlichen so leicht in diese Welt einzutauchen? Ganz einfach, weil Herrndorf ihnen die
  10. Tür sperrangelweit aufmacht. Und das hier ist im Grunde das Erfolgsrezept. Auf der einen Seite haben wir eine Sprache, die super zugänglich ist, fast
  11. schon Jugendsprache und eine Handlung, die von der ersten Seite an Vollgas gibt. Aber auf der anderen Seite, da lauert direkt unter dieser coolen
  12. Oberfläche die ganze Tragik. Mikes Einsamkeit, seine kaputte Familie. Das Buch packt ja echt schwere Themen an, aber es verpackt sie in Humor und
  13. Abenteuer. Und genau das macht es so genial. Es ist leicht zu konsumieren, aber verdammt schwer zu verdauen. Und was ist eigentlich der Treibstoff für
  14. diesen verrückten Roadtrip? Es ist eine Freundschaft, die auf dem Papier überhaupt keinen Sinn ergibt und genau deshalb so unglaublich echt wirkt. Das
  15. ist eben keine Freundschaft, wo sich zwei gleiche finden. Ganz im Gegenteil. Da haben wir Mike, den stillen Beobachter aus der reichen, aber
  16. emotional eiskalten Vorstadtvilla. Und dann haben wir Chick, diesen unberechenbaren Katalysator, der quasi aus dem Nichts auftaucht und die ganze
  17. Sache erst ins Rollen bringt. Jeder von den beiden hat genau das, was dem anderen fehlt. Und zusammen werden diese beiden verlorenen Seelen zu einer
  18. Einheit, die stärker ist als die Welt, die sie hinter sich gelassen haben. Okay, zoomen wir mal raus von den beiden Jungs im Lader und schauen uns die Welt
  19. an, vor der sie eigentlich abhauen. Das ist ein einziges Labyrinth aus sozialen Codes, Etiketten und ja, knallharten Vorurteilen.
  20. Und da ist der Roman wirklich gnadenlos ehrlich. Chick betritt die Klasse und zack kleben die Etiketten an ihm. Der Asi, der Russe. Solche Stereotypen sind
  21. ja wie mentale Abkürzungen, wisst ihr? Sie vereinfachen die Welt, machen sie scheinbar übersichtlich. Aber das Problem ist, sie löschen dabei fast
  22. immer die echte Person dahinter aus. Und klar, diese Etiketten haben ganz oft was mit der sozialen Herkunft zu tun. Wir sehen den krassen Kontrast. Mikes Villa
  23. mit Pool auf der einen Seite, Chicks mysteriöse, unsichere Herkunft auf der anderen. Aber was das Buch so stark macht, ist, dass es noch tiefer geht. Es
  24. zeigt uns, es gibt nicht nur materielle Armut, es gibt auch die emotionale Verwahrlosung in Mikes reichem Zuhause. Eine Lehre, die man mit keinem Geld der
  25. Welt füllen kann. Und genau das ist doch der springende Punkt, oder? Die Labels, die die Gesellschaft verteilt, die sagen am Ende viel mehr über die Gesellschaft
  26. selbst aus, als über die Leute, die sie tragen müssen. Mike und Chick fliehen nicht nur vor ihren Familien, sie fliehen vor diesen Zuschreibungen, vor
  27. diesen Schubladen, die ihnen sagen, wer sie gefälligst zu sein haben. Und diese Flucht, die hat einen Namen, der Roadtrip. Und der ist wirklich das
  28. pulsierende Herz des ganzen Romans. Chick ist also ein Road Novel, wie er im Buche steht. Die äußere Reise spiegelt die innere Suche der beiden wieder. Aber
  29. und das ist das wirklich kluge daran, der Roman stellt uns eine ganz entscheidende Frage. Ist das, was die beiden da erleben, wirklich Freiheit
  30. oder ist es am Ende nur eine flüchtige Illusion? Diese Zerrissenheit ist der Kern ihrer Reise. Jeder einzelne berauschende
  31. Moment der Freiheit hat auch einen dunklen Schatten. Das gestohlene Auto, klar, das bedeutet Unabhängigkeit, aber es ist und bleibt halt eine Straftat.
  32. Das ziose umherfahren fühlt sich an wie das größte Abenteuer, aber es birgt auch ganz reale tödliche Gefahren. Ihre Freiheit ist kein sicherer Hafen,
  33. sondern eher so ein ja ein Drahtseilakt über dem Abgrund der Realität. So und jetzt kommen wir zu einer letzten, aber vielleicht der wichtigsten
  34. Ebene, die alles zusammenhält, der erzählerische Filter. Denn wie die Geschichte erzählt wird, ist mindestens genauso entscheidend wie das, was
  35. erzählt wird. Wir erleben die ganze Geschichte ja nur durch Mikes Augen. Er ist unser Icherzähler. Und das ist absolut entscheidend, weil er die Welt
  36. mit dieser entwaffneten Naivität eines 14-Jährigen beschreibt. Er sieht zwar, was passiert, aber er checkt oft nicht die wahre Bedeutung dahinter.
  37. Und genau in dieser Lücke zwischen dem, was Mike uns berichtet und dem, was wir als Leser zwischen den Zeilen verstehen, genau da liegt die ganze Genialität
  38. dieses Buches. Wir sehen die traurige Wahrheit hinter seinen irgendwie kindlichen Erklärungen und seine trockene Komik, die ist oft nur ein
  39. Schutzschild, um die bittere Realität auf Abstand zu halten. Okay, und was heißt das jetzt alles für den Unterricht? Wie kriegt man es hin, diese
  40. tiefen Schichten zu analysieren, ohne den Kids die pure Freude an der Story zu nehmen? Die rasante Abenteuergeschichte ist der perfekte Köder. Damit kriegt man
  41. die Tür auf für die richtig schweren Themen, die da drunter schlummern. Soziale Unsichtbarkeit, toxische Männlichkeitsbilder, das Versagen von
  42. Familie und Schule. Der Roman legt den Finger in die Wunde, aber eben ohne mit dem moralischen Zeigefinger zu kommen. Ganz praktisch heißt das, man braucht
  43. klare Spielregeln. Alles was man behauptet muss man auch im Text finden können. Und Übungen wie ein Perspektivwechsel, sich mal zu fragen,
  44. was denkt Chick wohl gerade in diesem Moment, können ein viel tieferes Verständnis schaffen. Und das Wichtigste, wirklich das A und O. Man
  45. muss einen sicheren Raum schaffen, indem man offen und respektvoll über diese schwierigen Themen reden kann. Und so stehen wir am Ende da und Chick stellt
  46. uns eine Frage, die weit über das Buch hinausgeht. Wann ist Humor eigentlich eine Brücke, die uns hilft, an schwierige Wahrheiten ranzukommen? Und
  47. wann wird er zu einem Schutzschild, hinter dem wir uns einfach nur verstecken? Und genau diese Frage, die macht das Buch nicht nur zu echt großer
  48. Literatur, sie macht es auch zu einem Spiegel für uns alle.

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