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Christentum - 3 Ideen aus anderen Religionen | Terra X

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  1. Das Heilige Land – für mich ist das der gesamte Nahe Osten, in den ich immer wieder zurückkehre. Mein Name ist Daniel Gerlach. Mich fasziniert diese Weltgegend seit langem, weil hier religiöse Ideen entstanden, die Menschen bis heute bewegen.
  2. Mich beschäftigt vor allem eine Frage: Wieviel Orient steckt im Christentum und damit in unserer Kultur? Meine Reise auf den Spuren alter Kulte führt mich fast 2000 Jahre zurück. Damals waren Nordafrika und der Nahe Osten Teil des Römischen Reichs.
  3. Und für mich gibt es kaum einen Ort, an dem man Macht und Kultur dieses Imperiums noch so erleben kann wie im heutigen Libanon. In der Antike lag hier die römische Provinz Syrien. Ich durchquere die Hochebene Bekaa nahe der syrischen Grenze.
  4. Heute ist sie verrufen als Revier der Drogenhändler, Schmuggler und Milizen. Fruchtbar war die Bekaa immer – daher galt sie als Kornkammer und Obstgarten des Römischen Reichs. Vor mir liegt Baalbek, einst „Heliopolis“ genannt. Vor rund 1800 Jahren entstand an diesem Ort eine prächtige Kultstätte.
  5. Ich bin oft hier gewesen, und doch ergreift mich jedes Mal ein erhabenes Gefühl, wenn ich eintrete in dieses Heiligtum. Was müssen Menschen erst in der Antike empfunden haben, wenn sie hierherkamen, um ihrem Kaiser und den Göttern Opfer darzubringen?
  6. Das Ausmaß dieser Ruinen ist gigantisch. Die hier verbauten Steine sollen zu den größten gehören, die jemals von Menschenhand bewegt wurden. Warum aber bauten die Römer ausgerechnet hier, in der orientalischen Provinz, am Rande ihres Imperiums ein solches Super-Heiligtum?
  7. Eine Frage, die ich Laure Salloum vom libanesischen Antikendienst stelle. Ihr geht es übrigens wie mir, bei jedem Besuch entdeckt sie Neues. Obwohl Baalbek Teil ihrer alltäglichen Arbeit ist. Es ging darum, die Macht des Römischen Reiches zu demonstrieren. Der Kaiser vermittelte hier eine Botschaft: Ich bin der Kaiser und kann Unmögliches möglich machen.
  8. Wie diese Demonstration römischer Macht damals ausgesehen haben mag? Das hat Laure Salloum gemeinsam mit Forschern des Deutschen Archäologischen Instituts und 3D-Spezialisten rekonstruiert. Mit ihrer App kann man eine Zeitreise in die Antike unternehmen und die verlorene Pracht des größten Tempels der Anlage erahnen: Er war dem römischen Gott Jupiter geweiht.
  9. Jupiter Optimus Maximus Heliopolitanus. Das Kürzel des höchsten Gottes hier in Baalbek. "Der Jupiter der Sonnenstadt“. Er sollte hier die Nummer eins der Götter werden und womöglich den orientalischen Sonnenkult ablösen.
  10. Etwas verkürzt gesagt, geschah dann aber das Gegenteil: Die Römer fanden zunehmend Gefallen an der Verehrung der Sonne. Der Lauf der Sonne gibt dem Kalender seine Rahmendaten. Und ganz bedeutend ist die Wintersonnenwende. Da werden die Tage länger und die Sonne beginnt ihren Siegeszug.
  11. In der Spätantike feierte man an diesem Tag den Geburtstag des Sonnengottes Sol. Sol Invictus, die unbesiegte Sonne. Und laut dem Julianischen Kalender fiel dieses Ereignis auf ein Datum, das uns bekannt vorkommt: den 25. Dezember!
  12. Am Geburtstag von Sol Invictus begehen wir also das Weihnachtsfest. Warum mit alten Traditionen brechen? Der Erlöser konnte schließlich nicht an irgendeinem Tag zur Welt gekommen sein. Sondern an einem Schlüsseldatum für den Sternenkalender.
  13. Wie Sol, der Sonnengott. Den verehrten sie hier in Baalbek übrigens noch bis ins 6. Jahrhundert, als das Christentum längst Staatsreligion geworden war. Ob und wann die frühen Christen Elemente anderer Kulturen übernommen haben? Darüber streitet sich die Forschung seit langem.
  14. Aber je weiter man in den Alten Orient vordringt, desto deutlicher offenbaren sich die Überschneidungen. Von Baalbek führt mich meine Reise in den östlichen Teil des Heiligen Landes. Denn ohne das alte Mesopotamien im heutigen Irak gäbe es weder die Bibel noch überhaupt irgendein Buch.
  15. Leben, Reichtum und Kultur kommen seit jeher aus den beiden Flüssen Euphrat und Tigris. Und so ist es kein Wunder, dass sich auch in der Religion alles um das Wasser drehte: Quell des Lebens, Symbol für Reinheit und Neuanfang.
  16. Im Irak ist dieses Erbe des Alten Orients noch immer lebendig. Entlang der Ufer des Tigris leben alte Rituale weiter. Diese Menschen haben die antiken Traditionen bewahrt: Sie werden „Mandäer“ genannt. Sie glauben an den einen Gott, den sie den „Lichtkönig“ nennen.
  17. Ihr höchster Prophet ist einer, den Christen aus den Evangelien kennen. Johannes der Täufer. Fließendes Wasser bedeutet für die Mandäer Leben. Es steht zudem symbolisch für Gott und seinen Geist. Deshalb ist jeder Mandäer und jede Mandäerin gehalten, in der Nähe eines Flusses zu leben.
  18. Diese rituellen Handlungen erscheinen mir manchmal vertraut, dann wieder sehr geheimnisvoll. Sie folgen streng einer Überlieferung: Die heilige Schriftensammlung der Mandäer heißt „Ginza Rabba“, der „Große Schatz“. Ihre eigene Ritualsprache – Mandäisch – ist ein Dialekt des Aramäischen, das man hier schon in der Antike sprach.
  19. Mein Bekannter Scheich Sattar Helou ist das Oberhaupt der wenigen tausend Mandäer im Irak. Ich frage ihn nach den Gemeinsamkeiten zwischen Mandäern und anderen Religionen. Was unsere christlichen Brüder als Taufe bezeichnen, nennen wir “SEBAGHA”. Wir Mandäer tauchen dabei dreimal in fließendes Wasser.
  20. Für unseren Körper, unsere Seele, unseren Geist, um als Ganzes rein zu sein. Bei Mandäern ist die Taufe – anders als im Christentum – keine einmalige Sache. Sie wird von Kindestagen an regelmäßig wiederholt. Immer sonntags.
  21. Und zwar so wie Johannes der Täufer einst Jesus im Jordan untergetaucht haben soll. Manche Forscher vermuten, dass die Mandäer, genau wie die Christen aus einer jüdischen Sekte hervorgegangen sind. Die ersten europäischen Reisenden, die hier im Irak voller Erstaunen auf die Mandäer trafen, nannten sie „Johanneschristen“. Schließlich verehrten sie Johannes den Täufer.
  22. Aber als Christen verstanden sich diese Menschen nie. Das Wort Mandäer kommt vermutlich vom aramäischen »Manda«, was für geheimes Wissen steht.
  23. Ihre Rituale haben nicht nur symbolische, sondern auch magische Bedeutung. Sie gehen auf viel ältere Traditionen zurück. Die Mandäer sind ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass die Religionen einen Stammbaum besitzen. Der hat sich zwar immer weiter verzweigt.
  24. Aber die gemeinsame Herkunft und Verwandtschaft können sie nicht leugnen. Und wo könnte das deutlicher werden als in einem Land der Wunder, in dem die Ausnahme immer schon die Regel war: Ägypten mit seiner Hauptstadt Kairo.
  25. Bereits im 3. Jahrhundert expandierte der christliche Glaube im damals von den Römern regierten Land der Pharaonen. Zu einer Zeit, da die frohe Botschaft in Europa noch weitgehend unbekannt gewesen ist.
  26. Ich war oft in Kairo, verlaufe mich jedoch immer noch. Die Christen haben hier eigene Stadtviertel und ein eigenes Kreuz. Man nennt sie Kopten, was vom griechischen gyptos kommt und einfach „ägyptisch“ heißt.
  27. Der Evangelist Markus soll der Legende nach seinen Glauben nach Ägypten getragen haben. Er ist der Patron der koptischen Kirche. Heute werden in diesem überwiegend muslimischen Land etwa 10 Prozent der Bevölkerung der koptischen Gemeinschaft zugerechnet.
  28. Eine kleine Minderheit? Bei einem Volk von über 100 Millionen wie den Ägyptern ist das eine ganze Menge. Und so kommt es, dass die Kopten eine der größten christlichen Gemeinschaft des Orients sind. Sie waren lange vor dem Islam hier und sie behaupten von sich, Nachfahren der antiken Pharaonen zu sein, und eine der ältesten, wenn nicht die älteste christliche Kirche. Selbstbewusstsein haben sie.
  29. Wohin floh die Heilige Familie nach der Geburt Christi? Nach Ägypten! Wo gab es eines der ersten christlichen Bistümer in der Geschichte und zwar lange vor Konstantinopel? Hier in Ägypten! In diesem Land ist das Christentum seinen ganz eigenen Weg gegangen. Kein Wunder. Denn wer auf eine so alte, mächtige Kultur trifft, wird früher oder später ägyptifiziert!
  30. Das koptische Ostern fällt zusammen mit dem traditionellen Frühlingserntefest, „Sham Ennessim“, das man bis heute in Ägypten begeht. In alter Zeit kündigte zu dieser Saison ein warmer Wind aus dem Süden die Nilschwemme an. Die Alten Ägypter feierten dann den Zyklus des Lebens. Für die Christen kam das Fest der Auferstehung hinzu.
  31. Der Gedanke, dass es nach dem Tod weitergeht, dass ich als Person irgendwo, irgendwie weiter existiere, ist eine zentrale Botschaft des christlichen Glaubens. Allerdings ist diese Botschaft viel, viel älter als das Christentum.
  32. Die alten Ägypter kannten sich mit dem ewigen Leben sehr gut aus. Sie waren Meister darin, dem Tod am Ende doch noch ein Schnippchen zu schlagen. Der Sehnsucht nach Unsterblichkeit hat man in diesem Land die größten Anstrengungen gewidmet.
  33. Und es gibt einen Ort, ungefähr 1000 Kilometer nilaufwärts von hier, der von dieser Sehnsucht besonders eindrucksvoll erzählt. Die Perle des Nils. Südlich von Assuan liegt ein Tempel, der für mich zu den schönsten in Ägypten zählt. Seine Geschichte ist ebenso abenteuerlich wie mysteriös.
  34. In Begleitung der Grande Dame der Ägyptologie, meiner Freundin Hourig Sourouzian, setze ich über. Nach dem Bau des Assuan-Staudamms hatte das Wasser den Tempel immer wieder überflutet. In den 1970er Jahren versetzten Ingenieure ihn deshalb an seinen heutigen, etwas höhergelegenen Platz.
  35. Als ich das erste Mal in Philae war, stand das Wasser etwa 1 Meter 30 unter dem Türsturz. Und es gab keine Touristen? - Niemand, der Bootsmann, das Boot und ich. Und ich konnte nicht widerstehen.
  36. Ich bin ins Wasser gestiegen und durch den überfluteten Hof geschwommen, umringt nur von Kapitellen. Es war fabelhaft. Zumal es meine erste Begegnung mit diesem Ort war. Hattest Du keine Angst? - Nein, aber ich habe irgendwie gespürt, dass die Götter hier sind. - Du hast die Präsenz der Isis gespürt!
  37. Isis, die anmutigste ägyptische Göttin! Oft dargestellt als schlanke, aufrechte Frau mit einer Sonnenscheibe. Die Ägypterinnen und Ägypter verehrten sie als Gottheit der Geburt und der Magie. Und sie spielt die Heldenrolle in einem mythologischen Drama, das seinesgleichen sucht.
  38. Es dreht sich um Osiris, Bruder und Gemahl von Isis, und Herrscher im Götterreich. Die Reliefs auf den Wänden und Säulen erzählen den Krimi. Seth, der missgünstige Bruder des Osiris, ermordet ihn, zerstückelt die Leiche und verteilt die Körperteile im ganzen Land. Aber Isis sammelt alle Gliedmaßen wieder ein. Nun ja, fast alle.
  39. Aber dann entdeckt sie, dass das wichtigste Körperteil fehlt. - Ein Nilhecht hat es verschlungen. - Das ist doch eine Tragödie, überhaupt nicht amüsant. Um ein Kind von ihrem Mann zu empfangen, verwandelt sich Isis in einen Falken, landet auf dem liegenden Körper des Osiris und schlägt mit den Flügeln.
  40. Nicht nur um ihn zu beschützen, sondern um ihm Atem einzuhauchen, den Atem der Leidenschaft und der Liebe, der ihn lange genug ins Leben zurückholt, um Isis zu befruchten. Und daraus wird ihr Sohn Horus geboren. Isis gelingt also die Wiederbelebung ihres Gatten. Für einen kurzen, aber entscheidenden Moment wird der Tod überwunden; der Auferstehungsmythos ist perfekt!
  41. Ein grausamer Mord, Verrat, eine dramatische Rettungsaktion, Hoffnung, Magie, größte Leidenschaft. Kein Wunder, dass die Story von Isis und Osiris die Zeiten überdauert hat. Aber es gibt noch einen anderen Grund für den besonderen Erfolg dieser Geschichte:
  42. Der Osiris-Kult öffnete sich mit der Zeit allen, auch den einfachen Menschen und versprach ihnen etwas, was bis dahin nur den Königen vorbehalten war: Die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Auferstehung, Erlösung, Geburt eines Gottessohnes, eine liebevolle, sich aufopfernde Mutter – Motive, die auch das Christentum kennt.
  43. Ist diese Ähnlichkeit ein Zufall? Isis mit dem Horus-Knaben an der Brust. Einmal klassisch ägyptisch und einmal aus römischer Zeit. Die christliche Kultur kennt das Motiv als »Maria lactans«, die Gottesmutter stillt das Jesuskind.
  44. Mit der Christianisierung Ägyptens wurde der Tempel von Philae in eine christliche Kirche umgewandelt. Aber noch bis ins 6. Jahrhundert kamen Pilger hierher, um Isis zu verehren.
  45. Ich denke mir: Gegen eine so beliebte Göttin hatte das Christentum es schwer. Aber es gab nun ja mit Maria eine andere weibliche Figur, der die Menschen sich zuwenden konnten. Auf schöne Bilder, Legenden und überzeugende Ideen gibt es kein Copyright. Jedenfalls nicht bei Religionen.

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