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Warum gibt es drei Geschlechter? I musstewissen Deutsch
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 65 Zeilen
- Hast du den Kaugummi dahin geklebt? Du meinst das Kaugummi.
- Gib mir mal das Joghurt. - Das Joghurt? Das sagst du nicht ernsthaft.
- Entweder sagst du "der Joghurt", oder du kannst ihn dir selber holen. Es gibt Tausende von Substantiven im Deutschen
- und jedes hat ein einziges festgelegtes Geschlecht. Einen Artikel, auch Genus genannt.
- Na ja, meistens zumindest. Warum müssen wir uns im Deutschen über "der", "die" und "das" streiten,
- während die Engländer gar keinen Genus haben? The George, the chewing gum and the coke. I love them all.
- Die Frau, der Junge und das Mädchen. Moment mal, warum ist "das Mädchen" denn ein Neutrum?
- Das ist doch eindeutig weiblich. Das Genus, also das grammatikalische Geschlecht,
- hat nur in den allerwenigsten Fällen etwas mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Der Löffel, die Gabel und das Messer.
- Drei ziemlich ähnliche Gegenstände, drei verschiedene Geschlechter. Ein Löffel hat jetzt nichts besonders Männliches an sich
- im Gegensatz zum Messer oder einer Gabel, findet ihr nicht? Auch an dem Wort lässt sich nichts finden.
- Warum heißt es also "der Löffel"? Ähm ... ich weiß es nicht und auch kein Sprachwissenschaftler.
- Das Thema Genus ist zum großen Teil noch ein Rätsel. Die gute Nachricht, bei einigen Wörtern
- kann man die Verwendung des Genus tatsächlich rekonstruieren. Der Ursprung liegt vermutlich schon vor dem Indogermanischen
- in der Sprache unserer Vorfahren, die man vielleicht vor rund 5000 Jahren gesprochen hat.
- Die Entstehung der Genera war wahrscheinlich so: Ich nehme mal das neuhochdeutsche Wort "der Schrei",
- um es euch zu erklären. Das Standardgeschlecht war maskulin.
- Vor allem alle zählbaren Substantive waren männlich. Zum Beispiel der Baum, der Mond, der Schrei.
- Um Handlungen und Vorgänge zu beschreiben, hat man in Abgrenzung dazu das neutrale Geschlecht erfunden.
- Im Gegensatz zu "der Schrei" wurde "das Geschreie" sächlich eingeordnet, um die Tätigkeit zu benennen.
- Der neutrale Artikel war vor allem nicht zählbar. Auch heute noch bekommen alle substantivierten Verben,
- also Handlungen, den neutralen Artikel. Die weibliche Form entstand ursprünglich als Bezeichnung für Sammelbegriffe.
- Also um eine Menge oder eine Gruppe von Dingen oder Personen zu benennen. Außerdem wurden sogenannte Abstrakta,
- also nicht gegenständliche Dinge wie Liebe, Hoffnung oder Heiterkeit, weiblich.
- In unserm Beispiel wäre das dann "die Schreierei". Noch heute sind fast alle Sammelbegriffe und viele Abstrakta weiblich
- und enden oft auf -heit, -keit oder -rei. Wie bekommen jetzt neue Wörter,
- die wir zum Beispiel aus dem Englischen übernehmen, ihren Genus? Diese Ursprungsregel, wenn man das so nennen kann,
- ist mehr als 5000 Jahre her. Aber der Mechanismus der Genuszuweisung,
- der funktioniert immer noch. Jedes neue Wort, das wir aus dem Englischen übernommen haben,
- ist im Deutschen ja genuslos. Wenn wir es in einem deutschen Satz verwenden wollen,
- müssen wir ihm also ein Geschlecht zuteilen. Und zwar häufig nach denselben Kriterien wie in unserer Ursprache.
- Sie haben eine Gemeinsamkeit, es sind Sammelbegriffe für eine begrenzte Zahl von Dingen.
- Also bekommen sie im Deutschen das weibliche Genus. "Das Streaming", "das Comeback", "das Coming-out" oder "das Googeln"
- bezeichnen Vorgänge oder Ergebnisse von Handlungen und werden deswegen sächlich.
- Alle anderen bekommen das Standardgeschlecht zugewiesen. Maskulinum.
- Moment mal ... das Laptop? Hab ich aber neulich auch schon mal gehört.
- Richtig, Laptop hat zwei korrekte Artikel. Und daran sieht man, dass die Zuweisung eben doch nicht immer ganz eindeutig ist.
- Denn teilweise bekommen die Begriffe das Geschlecht eines ähnlichen Wortes oder einer Übersetzung, die schon eingedeutscht ist.
- "Die E-Mail" wird weiblich, vermutlich weil "die Nachricht" weiblich ist. Im Schweizerischen hat sich hingegen "das Mail" eingebürgert.
- In einigen Fällen entscheidet die Endung des Wortes, welches Genus das Wort bekommt.
- "Die App" ist weiblich, weil es eine Kurzform von Applikation oder "application" darstellt.
- Und Wörter auf -ion wie Funktion oder Rebellion sind immer feminin. Die Verniedlichungsform -chen macht aus jedem Wort,
- egal welchen Geschlechts, ein Neutrum. Aus "der Löffel" wird "das Löffelchen",
- aus "die Gabel" "das Gäbelchen" und aus "die Magd" wurde "das Mädchen".
- Mädchen ist ursprünglich eine Verkleinerungsform der Magd. Das erklärt, warum das eindeutig weibliche Mädchen
- grammatikalisch nun mal ein Neutrum ist. Meine Güte, wirklich nicht gerade einfach.
- Warum schaffen wir das Genus nicht ab? Wer Deutsch als Fremdsprache lernt,
- muss für jedes einzelne Substantiv - und davon gibt es ja so einige - den Artikel auswendig lernen.
- Das Deutsche hat eine besondere Fähigkeit. Zwei Wörter, die zusammengehören, können auseinandergezogen werden,
- um dazwischen eine Menge weiterer Informationen zu verstauen, die Nominalklammer.
- Um "die Pflanze" näher zu beschreiben, ziehen wir den Artikel "die" und das Nomen "Pflanze" auseinander
- und packen in den Zwischenraum eine Menge Attribute. Wie zum Beispiel.
- Diesen Ausdruck können wir nur dank unserer drei Geschlechter so problemlos verstehen.
- Denn der Artikel "die" leitet ein feminines Substantiv ein, auf das der Leser dann wartet.
- Erst bei dem passenden Femininum "Pflanze" schließen wir die Nominalklammer.
- Keiner würde auf die Idee kommen, den Ausdruck schon bei "Fleisch" zu schließen.
- Weil das Genus "die Fleisch" einfach nicht passt. Auch die Adjektive wie "grüne" richten sich nach dem Genus.
- Im Englischen sind solche Konstruktionen unmöglich, dort werden Attribute in Nebensätze ausgelagert.
- With me is not good cherry eating. Aber auch im Englischen gab es mal mehrere Geschlechter.
- Die Pronomen "he", "she", und "it" verraten das heute noch. Aber das Genus wurde nach und nach beseitigt,
- weil es überflüssig wurde. Bei uns hat es eine neue Funktion im Satzbau übernommen
- und ist damit unverzichtbar geworden. Aber klar, wenn sich mehr als 100 Millionen Deutschsprecher
- bei so vielen Substantiven auf einen Genus festlegen müssen, dann sind die Diskussionen ab und zu einfach vorprogrammiert.
- Aber so bleibt's ja auch spannend. Schön, dass ihr wieder mit dabei wart.
- "musstewissen" eben, bis zum nächsten Mal, tschüss. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk, 2017