Warum gibt es drei Geschlechter? I musstewissen Deutsch musstewissen Deutsch https://www.youtube.com/watch?v=jmP2w-Qa_LE Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Hast du den Kaugummi dahin geklebt? Du meinst das Kaugummi. 0:03 Gib mir mal das Joghurt. - Das Joghurt? Das sagst du nicht ernsthaft. 0:07 Entweder sagst du "der Joghurt", oder du kannst ihn dir selber holen. Es gibt Tausende von Substantiven im Deutschen 0:16 und jedes hat ein einziges festgelegtes Geschlecht. Einen Artikel, auch Genus genannt. 0:21 Na ja, meistens zumindest. Warum müssen wir uns im Deutschen über "der", "die" und "das" streiten, 0:29 während die Engländer gar keinen Genus haben? The George, the chewing gum and the coke. I love them all. 0:35 Die Frau, der Junge und das Mädchen. Moment mal, warum ist "das Mädchen" denn ein Neutrum? 0:41 Das ist doch eindeutig weiblich. Das Genus, also das grammatikalische Geschlecht, 0:46 hat nur in den allerwenigsten Fällen etwas mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Der Löffel, die Gabel und das Messer. 0:52 Drei ziemlich ähnliche Gegenstände, drei verschiedene Geschlechter. Ein Löffel hat jetzt nichts besonders Männliches an sich 0:59 im Gegensatz zum Messer oder einer Gabel, findet ihr nicht? Auch an dem Wort lässt sich nichts finden. 1:04 Warum heißt es also "der Löffel"? Ähm ... ich weiß es nicht und auch kein Sprachwissenschaftler. 1:10 Das Thema Genus ist zum großen Teil noch ein Rätsel. Die gute Nachricht, bei einigen Wörtern 1:15 kann man die Verwendung des Genus tatsächlich rekonstruieren. Der Ursprung liegt vermutlich schon vor dem Indogermanischen 1:22 in der Sprache unserer Vorfahren, die man vielleicht vor rund 5000 Jahren gesprochen hat. 1:26 Die Entstehung der Genera war wahrscheinlich so: Ich nehme mal das neuhochdeutsche Wort "der Schrei", 1:32 um es euch zu erklären. Das Standardgeschlecht war maskulin. 1:35 Vor allem alle zählbaren Substantive waren männlich. Zum Beispiel der Baum, der Mond, der Schrei. 1:42 Um Handlungen und Vorgänge zu beschreiben, hat man in Abgrenzung dazu das neutrale Geschlecht erfunden. 1:47 Im Gegensatz zu "der Schrei" wurde "das Geschreie" sächlich eingeordnet, um die Tätigkeit zu benennen. 1:54 Der neutrale Artikel war vor allem nicht zählbar. Auch heute noch bekommen alle substantivierten Verben, 1:59 also Handlungen, den neutralen Artikel. Die weibliche Form entstand ursprünglich als Bezeichnung für Sammelbegriffe. 2:09 Also um eine Menge oder eine Gruppe von Dingen oder Personen zu benennen. Außerdem wurden sogenannte Abstrakta, 2:16 also nicht gegenständliche Dinge wie Liebe, Hoffnung oder Heiterkeit, weiblich. 2:21 In unserm Beispiel wäre das dann "die Schreierei". Noch heute sind fast alle Sammelbegriffe und viele Abstrakta weiblich 2:28 und enden oft auf -heit, -keit oder -rei. Wie bekommen jetzt neue Wörter, 2:33 die wir zum Beispiel aus dem Englischen übernehmen, ihren Genus? Diese Ursprungsregel, wenn man das so nennen kann, 2:38 ist mehr als 5000 Jahre her. Aber der Mechanismus der Genuszuweisung, 2:43 der funktioniert immer noch. Jedes neue Wort, das wir aus dem Englischen übernommen haben, 2:47 ist im Deutschen ja genuslos. Wenn wir es in einem deutschen Satz verwenden wollen, 2:52 müssen wir ihm also ein Geschlecht zuteilen. Und zwar häufig nach denselben Kriterien wie in unserer Ursprache. 3:00 Sie haben eine Gemeinsamkeit, es sind Sammelbegriffe für eine begrenzte Zahl von Dingen. 3:05 Also bekommen sie im Deutschen das weibliche Genus. "Das Streaming", "das Comeback", "das Coming-out" oder "das Googeln" 3:12 bezeichnen Vorgänge oder Ergebnisse von Handlungen und werden deswegen sächlich. 3:16 Alle anderen bekommen das Standardgeschlecht zugewiesen. Maskulinum. 3:23 Moment mal ... das Laptop? Hab ich aber neulich auch schon mal gehört. 3:27 Richtig, Laptop hat zwei korrekte Artikel. Und daran sieht man, dass die Zuweisung eben doch nicht immer ganz eindeutig ist. 3:34 Denn teilweise bekommen die Begriffe das Geschlecht eines ähnlichen Wortes oder einer Übersetzung, die schon eingedeutscht ist. 3:41 "Die E-Mail" wird weiblich, vermutlich weil "die Nachricht" weiblich ist. Im Schweizerischen hat sich hingegen "das Mail" eingebürgert. 3:50 In einigen Fällen entscheidet die Endung des Wortes, welches Genus das Wort bekommt. 3:54 "Die App" ist weiblich, weil es eine Kurzform von Applikation oder "application" darstellt. 3:59 Und Wörter auf -ion wie Funktion oder Rebellion sind immer feminin. Die Verniedlichungsform -chen macht aus jedem Wort, 4:07 egal welchen Geschlechts, ein Neutrum. Aus "der Löffel" wird "das Löffelchen", 4:13 aus "die Gabel" "das Gäbelchen" und aus "die Magd" wurde "das Mädchen". 4:19 Mädchen ist ursprünglich eine Verkleinerungsform der Magd. Das erklärt, warum das eindeutig weibliche Mädchen 4:26 grammatikalisch nun mal ein Neutrum ist. Meine Güte, wirklich nicht gerade einfach. 4:31 Warum schaffen wir das Genus nicht ab? Wer Deutsch als Fremdsprache lernt, 4:35 muss für jedes einzelne Substantiv - und davon gibt es ja so einige - den Artikel auswendig lernen. 4:40 Das Deutsche hat eine besondere Fähigkeit. Zwei Wörter, die zusammengehören, können auseinandergezogen werden, 4:45 um dazwischen eine Menge weiterer Informationen zu verstauen, die Nominalklammer. 4:50 Um "die Pflanze" näher zu beschreiben, ziehen wir den Artikel "die" und das Nomen "Pflanze" auseinander 4:56 und packen in den Zwischenraum eine Menge Attribute. Wie zum Beispiel. 5:07 Diesen Ausdruck können wir nur dank unserer drei Geschlechter so problemlos verstehen. 5:11 Denn der Artikel "die" leitet ein feminines Substantiv ein, auf das der Leser dann wartet. 5:17 Erst bei dem passenden Femininum "Pflanze" schließen wir die Nominalklammer. 5:22 Keiner würde auf die Idee kommen, den Ausdruck schon bei "Fleisch" zu schließen. 5:26 Weil das Genus "die Fleisch" einfach nicht passt. Auch die Adjektive wie "grüne" richten sich nach dem Genus. 5:33 Im Englischen sind solche Konstruktionen unmöglich, dort werden Attribute in Nebensätze ausgelagert. 5:39 With me is not good cherry eating. Aber auch im Englischen gab es mal mehrere Geschlechter. 5:44 Die Pronomen "he", "she", und "it" verraten das heute noch. Aber das Genus wurde nach und nach beseitigt, 5:50 weil es überflüssig wurde. Bei uns hat es eine neue Funktion im Satzbau übernommen 5:55 und ist damit unverzichtbar geworden. Aber klar, wenn sich mehr als 100 Millionen Deutschsprecher 5:59 bei so vielen Substantiven auf einen Genus festlegen müssen, dann sind die Diskussionen ab und zu einfach vorprogrammiert. 6:06 Aber so bleibt's ja auch spannend. Schön, dass ihr wieder mit dabei wart. 6:09 "musstewissen" eben, bis zum nächsten Mal, tschüss. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk, 2017