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Der Schleier des Nichtwissens | John Rawls | Gerechtigkeit als Fairness

Ethik-Abi by BOE11:49 114.703 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. John Rawls ist einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Gerechtigkeit bedeutet für ihn Fairness. Er macht sich auf die Suche nach Gerechtigkeitsprinzipien,
  2. auf denen eine gerechte Gesellschaft aufgebaut werden kann. Um diese zu finden, entwickelt er ein spannendes Gedankenexperiment. John Rawls war ein US-amerikanischer Philosoph
  3. und Philosophie-Professor. Er lebte von 1921 bis 2002. Rawls wuchs in materiellem Wohlstand auf, besuchte eine teure Privatschule. Als Kind erkrankte er zweimal schwer,
  4. einmal an Diphtherie und einmal an Lungenentzündung. Er selbst überstand diese Krankheiten, zwei seiner jüngeren Brüder steckten sich jedoch bei ihm an und starben.
  5. Möglicherweise hatte Rawls schon als Jugendlicher das Gefühl, unverdiente Privilegien zu haben. Er wächst in einer privilegierten Schicht auf, hat dadurch bessere Startchancen als Arme oder
  6. Schwarze in seinem Umfeld. Rawls hält diese Privilegien für ungerechtfertigt und das spiegelt sich in seiner Gerechtigkeitstheorie wider. Sein Hauptwerk heißt „A Theory of Justice“,
  7. zu deutsch: „Eine Theorie der Gerechtigkeit“. Es erschien erstmals 1971. 1999 erschien dann eine überarbeitete Fassung. Rawls legt hier seine Version des modernen
  8. Kontraktualismus dar. Und zwar ausdrücklich als Alternative zur Tradition des Utilitarismus. Im Kontraktualismus wird davon ausgegangen, dass sich freie und gleiche Menschen freiwillig
  9. auf Regeln einigen, die dann vertraglich vereinbart werden und für alle gelten. Sie schließen also einen theoretischen Gesellschaftsvertrag miteinander.
  10. Rawls’ Ansicht nach hat eine Gesellschaft die Aufgabe, Interessenharmonie zu fördern und Konflikte zu bewältigen. Dazu braucht es Gerechtigkeit.
  11. Es geht Rawls darum, eine geordnete Gesellschaft zu erschaffen, in der Individuen nach ihrer Befähigung ihren Platz im System erhalten. Außerdem
  12. müssen Regeln für das Zusammenleben gefunden werden, die für alle fair und akzeptabel sind. Aber wie können solche Regeln gefunden werden? Rawls benutzt hierfür ein Gedankenexperiment.
  13. Er nimmt eine fiktive Entscheidungssituation an, in der die Teilnehmer aus rationalem Eigeninteresse die Gesellschaftsform aussuchen, in der sie selbst
  14. leben werden. Diese Entscheidungssituation nennt Rawls „original position“, übersetzt wurde dies in der deutschen Ausgabe des Werks mit „Urzustand“. Die Entscheidung, die vernünftige Menschen
  15. in dieser theoretischen Situation der Freiheit und Gleichheit treffen würden, bestimmt die Grundsätze der Gerechtigkeit. Diese Entscheidungssituation ist dabei
  16. durch faire Bedingungen gekennzeichnet. Denn die Teilnehmer wissen nicht, welche Position sie später in dieser Gesellschaft haben werden. Diese Unkenntnis der Teilnehmer über ihre spätere
  17. gesellschaftliche Position, ihre Talente und Begabungen, ihre körperliche Ausstattung wird durch einen Schleier des Nichtwissens hergestellt, den veil of ignorance,
  18. der den Teilnehmern die eigene Position verbirgt. Rawls schreibt: „Zu den wesentlichen Eigenschaften dieser Situation gehört, dass niemand seine Stellung in der Gesellschaft kennt,
  19. seine Klasse oder seinen Status, ebensowenig sein Los bei der Verteilung natürlicher Gaben wie Intelligenz oder Körperkraft. Ich nehme sogar an, dass die Beteiligten ihre Vorstellung vom
  20. Guten und ihre besonderen psychologischen Neigungen nicht kennen. Die Grundsätze der Gerechtigkeit werden hinter einem Schleier des Nichtwissens festgelegt. Dies gewährleistet,
  21. dass dabei niemand durch die Zufälligkeiten der Natur oder der gesellschaftlichen Umstände bevorzugt oder benachteiligt wird. Da sich alle in der gleichen Lage befinden und niemand
  22. Grundsätze ausdenken kann, die ihn aufgrund seiner besonderen Verhältnisse bevorzugen, sind die Grundsätze der Gerechtigkeit das Ergebnis einer fairen Übereinkunft oder Verhandlung.“
  23. Bei der Entwicklung der Gerechtigkeitsprinzipien sollen also von Geburt an vermittelte Ungleichheiten - Rawls spricht von natural lottery - außer Acht gelassen werden. Eine spätere
  24. Millionärin weiß ebenso wenig von ihrem Reichtum oder ihrer Herkunft wie ein späterer Obdachloser von seiner Armut oder seiner Behinderung. Die Zustimmung zu den Prinzipien der Gerechtigkeit
  25. erfolgt damit in einer fairen Ausgangssituation, die niemandem einen Vorteil einräumt und allen die gleichen Chancen gibt. Die Fairness wird durch den Schleier des Nichtwissens erzeugt,
  26. der die Individuen daran hindert, persönliche Interessen zu verfolgen. Die Menschen im Urzustand sind laut Rawls jedoch keine Wilden oder ein
  27. völlig unbeschriebenes weißes Blatt Papier. Sie haben sehr wohl ein theoretisches Verständnis von politischen Fragen und Wirtschaftstheorien. Sie kennen die Grundregeln der gesellschaftlichen
  28. Organisation und die Gesetze der menschlichen Psychologie. Sie haben außerdem eine schwache Theorie des Guten, das bedeutet, sie wissen, dass bestimmte Güter notwendig dafür sind,
  29. ein gutes Leben führen zu können - wie auch immer dieses gute Leben konkret aussehen mag. Was sie jedoch nicht kennen, ist ihre soziale Stellung, ihre Talente oder Begabungen, ihr Alter,
  30. ihr Geschlecht. Sie wissen nicht, ob sie gesund oder krank sein werden, wie ihre körperliche Verfassung sein wird, welche Intelligenz oder welchen Charakter sie haben werden.
  31. Außerdem kennen sie nicht ihre genaue Moralauffassung und wissen nicht, welche Vorstellung vom Guten sie konkret haben. Fassen wir zusammen:
  32. Die Menschen im Urzustand sind frei und gleich. Sie sind rational und damit in der Lage, vernünftige Entscheidungen zu treffen - auf der Basis ihres theoretischen Wissens über Politik,
  33. Gesellschaft und Psychologie. Sie sind risikoscheu, wollen also das Risiko minimieren, eine potentiell sehr schlechte Position in der späteren Gesellschaft
  34. inne zu haben. Etwa als behinderter Obdachloser. Sie teilen einen verbindlichen Gerechtigkeitssinn, wollen also gerechte Regeln des Zusammenlebens finden.
  35. Ihr Eigeninteresse steht dabei über dem Interesse anderer. Auf welche Gerechtigkeitsprinzipien würden sich diese rationalen Urzustandteilnehmer einigen,
  36. die nur den eigenen Vorteil im Auge haben?Rawls meint, ein rationaler Entscheider im Urzustand würde die Gesellschaft wählen, in der die schlechtestmögliche Rolle noch am
  37. besten ist. Er würde die Option mit dem besten, dem maximalen Minimum wählen Das ist die sogenannte Maximin-Regel. „Die Maximin-Regel ordnet die Alternativen nach
  38. ihren schlechtesten möglichen Ergebnissen: man soll diejenige wählen, deren schlechtestmögliches Ergebnis besser ist als das jeder anderen.“ Es ist also nicht die Gesellschaftsform
  39. gerechtfertigt, die den besten Durchschnittsnutzen hat, sondern die, in welcher es den Schlechtestgestellten noch am besten geht. Rawls leitet aus dem Urzustand keinen
  40. Utilitarismus ab, sondern einen Sozialstaat. Das große Leid Weniger kann hier nicht wie im Utilitarismus mit dem größtmöglichen Glück Vieler verrechnet werden.
  41. Doch welche Prinzipien leitet Rawls denn nun genau aus seinem Gedankenexperiment ab? Nur 2 Gerechtigkeitsprinzipien sollen die Grundstruktur von
  42. Rawls Idee einer gerechten Gesellschaft bilden. Rawls schreibt: „Das erste erfordert Gleichheit in der Zuteilung von grundlegenden Rechten und Pflichten, während das zweite bestimmt,
  43. dass soziale und ökonomische Ungleichheiten, z. B. Ungleichheiten in Bezug auf Reichtum und Autoritätsstellung, nur dann gerecht sind, wenn sie in ausgleichenden Vorteilen für jedermann,
  44. insbesondere für die am schlechtesten gestellten Mitglieder der Gesellschaft, resultieren.“ Schauen wir uns diese beiden Gerechtigkeitsprinzipien einmal genauer an.
  45. Rawls nennt das erste Prinzip „principle of equal liberty“, zu deutsch „Gleichheitsprinzip“ oder „Prinzip der gleichen Freiheit“. Es lautet: „Jede Person soll ein gleiches
  46. Recht auf das umfassendste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten haben, das mit einem entsprechenden System der Freiheit für alle vereinbar ist.“
  47. Thema sind hier also Freiheiten, genauer Grundfreiheiten/ Grundrechte, wie z.B. aktives und passives Wahlrecht, Freiheit der Meinungsäußerung und Versammlung, Freiheit des Gewissens und
  48. des Denkens, Freiheit vor willkürlicher Verhaftung, Recht auf persönliches Eigentum. Diese Freiheiten sollen möglichst groß und möglichst gleich sein. Und
  49. die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Das ist der wesentliche Inhalt des ersten Grundsatzes. Das zweite Prinzip heißt „difference
  50. principle“, Differenzprinzip. Es lautet: „Soziale und ökonomische Ungleichheiten sollen so beschaffen sein, dass sie zum größten Vorteil der am schlechtesten
  51. Gestellten sind, und an Ämter und Stellungen geknüpft sind, die allen offen stehen unter Bedingungen fairer Chancengleichheit.“ Hier geht es nun um die Verteilung
  52. von Gütern und um Chancengleichheit. Unterschiede sind dann gerechtfertigt, wenn sie zum Vorteil des Schwächsten dienen. Das entspricht der Maximin-Regel und unserer
  53. Idee des Sozialstaats. Wenn der behinderte Obdachlose von einer unterschiedlichen Güterverteilung profitiert, ist diese Version einer Gesellschaft besser als eine,
  54. in welcher die Unterschiede nicht allzu groß sind, es den Schwächsten aber schlechter geht. Zudem fordert Rawls Chancengleichheit bei der Verteilung von Ämtern und gesellschaftlichen
  55. Positionen. Es müssen also alle Menschen die gleiche Chance haben, ein bestimmtes Amt oder eine bestimmte Stellung zu erhalten, durch welches sie Wohlstand erlangen können.
  56. Wichtig hierbei ist, dass das Gleichheitsprinzip oder Prinzip der gleichen Freiheit immer Vorrang gegenüber dem Differenzprinzip hat. Das bedeutet, Grundfreiheiten dürfen nur für
  57. andere Freiheiten eingeschränkt werden, nicht für Güter. Freiheitsbeschränkungen können nicht mit der Verbesserung der sozialen oder wirtschaftlichen
  58. Lage von Individuen gerechtfertigt werden. Der zweite Grundsatz darf also nicht auf Kosten von Freiheiten durchgesetzt werden. Rawls fordert demnach eine Art liberalen
  59. demokratischen Sozialstaat. Sein Gedankenexperiment hat gezeigt, dass sich rationale Entscheider hinter dem Schleier des Nichtwissens auf eine Staatsform einigen würden,
  60. in der es den Schwächsten der Gesellschaft immer noch einigermaßen gut gehen würde. Mit dem Quizlet-Lernset „John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness (Urversammlung)“
  61. und „John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness (Gerechtigkeitsprinzipien)“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen und vertiefen. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!

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