Der Schleier des Nichtwissens | John Rawls | Gerechtigkeit als Fairness Ethik-Abi by BOE https://www.youtube.com/watch?v=d2N9iK9uHCA Transkript (automatisch erstellt) 0:00 John Rawls ist einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Gerechtigkeit bedeutet für ihn Fairness. Er macht sich auf die Suche nach Gerechtigkeitsprinzipien, 0:11 auf denen eine gerechte Gesellschaft aufgebaut werden kann. Um diese zu finden, entwickelt er ein spannendes Gedankenexperiment. John Rawls war ein US-amerikanischer Philosoph 0:23 und Philosophie-Professor. Er lebte von 1921 bis 2002. Rawls wuchs in materiellem Wohlstand auf, besuchte eine teure Privatschule. Als Kind erkrankte er zweimal schwer, 0:36 einmal an Diphtherie und einmal an Lungenentzündung. Er selbst überstand diese Krankheiten, zwei seiner jüngeren Brüder steckten sich jedoch bei ihm an und starben. 0:47 Möglicherweise hatte Rawls schon als Jugendlicher das Gefühl, unverdiente Privilegien zu haben. Er wächst in einer privilegierten Schicht auf, hat dadurch bessere Startchancen als Arme oder 0:58 Schwarze in seinem Umfeld. Rawls hält diese Privilegien für ungerechtfertigt und das spiegelt sich in seiner Gerechtigkeitstheorie wider. Sein Hauptwerk heißt „A Theory of Justice“, 1:11 zu deutsch: „Eine Theorie der Gerechtigkeit“. Es erschien erstmals 1971. 1999 erschien dann eine überarbeitete Fassung. Rawls legt hier seine Version des modernen 1:24 Kontraktualismus dar. Und zwar ausdrücklich als Alternative zur Tradition des Utilitarismus. Im Kontraktualismus wird davon ausgegangen, dass sich freie und gleiche Menschen freiwillig 1:37 auf Regeln einigen, die dann vertraglich vereinbart werden und für alle gelten. Sie schließen also einen theoretischen Gesellschaftsvertrag miteinander. 1:46 Rawls’ Ansicht nach hat eine Gesellschaft die Aufgabe, Interessenharmonie zu fördern und Konflikte zu bewältigen. Dazu braucht es Gerechtigkeit. 1:56 Es geht Rawls darum, eine geordnete Gesellschaft zu erschaffen, in der Individuen nach ihrer Befähigung ihren Platz im System erhalten. Außerdem 2:06 müssen Regeln für das Zusammenleben gefunden werden, die für alle fair und akzeptabel sind. Aber wie können solche Regeln gefunden werden? Rawls benutzt hierfür ein Gedankenexperiment. 2:17 Er nimmt eine fiktive Entscheidungssituation an, in der die Teilnehmer aus rationalem Eigeninteresse die Gesellschaftsform aussuchen, in der sie selbst 2:28 leben werden. Diese Entscheidungssituation nennt Rawls „original position“, übersetzt wurde dies in der deutschen Ausgabe des Werks mit „Urzustand“. Die Entscheidung, die vernünftige Menschen 2:40 in dieser theoretischen Situation der Freiheit und Gleichheit treffen würden, bestimmt die Grundsätze der Gerechtigkeit. Diese Entscheidungssituation ist dabei 2:51 durch faire Bedingungen gekennzeichnet. Denn die Teilnehmer wissen nicht, welche Position sie später in dieser Gesellschaft haben werden. Diese Unkenntnis der Teilnehmer über ihre spätere 3:03 gesellschaftliche Position, ihre Talente und Begabungen, ihre körperliche Ausstattung wird durch einen Schleier des Nichtwissens hergestellt, den veil of ignorance, 3:13 der den Teilnehmern die eigene Position verbirgt. Rawls schreibt: „Zu den wesentlichen Eigenschaften dieser Situation gehört, dass niemand seine Stellung in der Gesellschaft kennt, 3:25 seine Klasse oder seinen Status, ebensowenig sein Los bei der Verteilung natürlicher Gaben wie Intelligenz oder Körperkraft. Ich nehme sogar an, dass die Beteiligten ihre Vorstellung vom 3:37 Guten und ihre besonderen psychologischen Neigungen nicht kennen. Die Grundsätze der Gerechtigkeit werden hinter einem Schleier des Nichtwissens festgelegt. Dies gewährleistet, 3:48 dass dabei niemand durch die Zufälligkeiten der Natur oder der gesellschaftlichen Umstände bevorzugt oder benachteiligt wird. Da sich alle in der gleichen Lage befinden und niemand 4:00 Grundsätze ausdenken kann, die ihn aufgrund seiner besonderen Verhältnisse bevorzugen, sind die Grundsätze der Gerechtigkeit das Ergebnis einer fairen Übereinkunft oder Verhandlung.“ 4:12 Bei der Entwicklung der Gerechtigkeitsprinzipien sollen also von Geburt an vermittelte Ungleichheiten - Rawls spricht von natural lottery - außer Acht gelassen werden. Eine spätere 4:25 Millionärin weiß ebenso wenig von ihrem Reichtum oder ihrer Herkunft wie ein späterer Obdachloser von seiner Armut oder seiner Behinderung. Die Zustimmung zu den Prinzipien der Gerechtigkeit 4:36 erfolgt damit in einer fairen Ausgangssituation, die niemandem einen Vorteil einräumt und allen die gleichen Chancen gibt. Die Fairness wird durch den Schleier des Nichtwissens erzeugt, 4:48 der die Individuen daran hindert, persönliche Interessen zu verfolgen. Die Menschen im Urzustand sind laut Rawls jedoch keine Wilden oder ein 4:59 völlig unbeschriebenes weißes Blatt Papier. Sie haben sehr wohl ein theoretisches Verständnis von politischen Fragen und Wirtschaftstheorien. Sie kennen die Grundregeln der gesellschaftlichen 5:10 Organisation und die Gesetze der menschlichen Psychologie. Sie haben außerdem eine schwache Theorie des Guten, das bedeutet, sie wissen, dass bestimmte Güter notwendig dafür sind, 5:22 ein gutes Leben führen zu können - wie auch immer dieses gute Leben konkret aussehen mag. Was sie jedoch nicht kennen, ist ihre soziale Stellung, ihre Talente oder Begabungen, ihr Alter, 5:34 ihr Geschlecht. Sie wissen nicht, ob sie gesund oder krank sein werden, wie ihre körperliche Verfassung sein wird, welche Intelligenz oder welchen Charakter sie haben werden. 5:44 Außerdem kennen sie nicht ihre genaue Moralauffassung und wissen nicht, welche Vorstellung vom Guten sie konkret haben. Fassen wir zusammen: 5:54 Die Menschen im Urzustand sind frei und gleich. Sie sind rational und damit in der Lage, vernünftige Entscheidungen zu treffen - auf der Basis ihres theoretischen Wissens über Politik, 6:07 Gesellschaft und Psychologie. Sie sind risikoscheu, wollen also das Risiko minimieren, eine potentiell sehr schlechte Position in der späteren Gesellschaft 6:18 inne zu haben. Etwa als behinderter Obdachloser. Sie teilen einen verbindlichen Gerechtigkeitssinn, wollen also gerechte Regeln des Zusammenlebens finden. 6:28 Ihr Eigeninteresse steht dabei über dem Interesse anderer. Auf welche Gerechtigkeitsprinzipien würden sich diese rationalen Urzustandteilnehmer einigen, 6:39 die nur den eigenen Vorteil im Auge haben?Rawls meint, ein rationaler Entscheider im Urzustand würde die Gesellschaft wählen, in der die schlechtestmögliche Rolle noch am 6:52 besten ist. Er würde die Option mit dem besten, dem maximalen Minimum wählen Das ist die sogenannte Maximin-Regel. „Die Maximin-Regel ordnet die Alternativen nach 7:06 ihren schlechtesten möglichen Ergebnissen: man soll diejenige wählen, deren schlechtestmögliches Ergebnis besser ist als das jeder anderen.“ Es ist also nicht die Gesellschaftsform 7:24 gerechtfertigt, die den besten Durchschnittsnutzen hat, sondern die, in welcher es den Schlechtestgestellten noch am besten geht. Rawls leitet aus dem Urzustand keinen 7:35 Utilitarismus ab, sondern einen Sozialstaat. Das große Leid Weniger kann hier nicht wie im Utilitarismus mit dem größtmöglichen Glück Vieler verrechnet werden. 7:45 Doch welche Prinzipien leitet Rawls denn nun genau aus seinem Gedankenexperiment ab? Nur 2 Gerechtigkeitsprinzipien sollen die Grundstruktur von 7:56 Rawls Idee einer gerechten Gesellschaft bilden. Rawls schreibt: „Das erste erfordert Gleichheit in der Zuteilung von grundlegenden Rechten und Pflichten, während das zweite bestimmt, 8:10 dass soziale und ökonomische Ungleichheiten, z. B. Ungleichheiten in Bezug auf Reichtum und Autoritätsstellung, nur dann gerecht sind, wenn sie in ausgleichenden Vorteilen für jedermann, 8:22 insbesondere für die am schlechtesten gestellten Mitglieder der Gesellschaft, resultieren.“ Schauen wir uns diese beiden Gerechtigkeitsprinzipien einmal genauer an. 8:33 Rawls nennt das erste Prinzip „principle of equal liberty“, zu deutsch „Gleichheitsprinzip“ oder „Prinzip der gleichen Freiheit“. Es lautet: „Jede Person soll ein gleiches 8:47 Recht auf das umfassendste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten haben, das mit einem entsprechenden System der Freiheit für alle vereinbar ist.“ 8:56 Thema sind hier also Freiheiten, genauer Grundfreiheiten/ Grundrechte, wie z.B. aktives und passives Wahlrecht, Freiheit der Meinungsäußerung und Versammlung, Freiheit des Gewissens und 9:10 des Denkens, Freiheit vor willkürlicher Verhaftung, Recht auf persönliches Eigentum. Diese Freiheiten sollen möglichst groß und möglichst gleich sein. Und 9:22 die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Das ist der wesentliche Inhalt des ersten Grundsatzes. Das zweite Prinzip heißt „difference 9:33 principle“, Differenzprinzip. Es lautet: „Soziale und ökonomische Ungleichheiten sollen so beschaffen sein, dass sie zum größten Vorteil der am schlechtesten 9:44 Gestellten sind, und an Ämter und Stellungen geknüpft sind, die allen offen stehen unter Bedingungen fairer Chancengleichheit.“ Hier geht es nun um die Verteilung 9:56 von Gütern und um Chancengleichheit. Unterschiede sind dann gerechtfertigt, wenn sie zum Vorteil des Schwächsten dienen. Das entspricht der Maximin-Regel und unserer 10:08 Idee des Sozialstaats. Wenn der behinderte Obdachlose von einer unterschiedlichen Güterverteilung profitiert, ist diese Version einer Gesellschaft besser als eine, 10:18 in welcher die Unterschiede nicht allzu groß sind, es den Schwächsten aber schlechter geht. Zudem fordert Rawls Chancengleichheit bei der Verteilung von Ämtern und gesellschaftlichen 10:30 Positionen. Es müssen also alle Menschen die gleiche Chance haben, ein bestimmtes Amt oder eine bestimmte Stellung zu erhalten, durch welches sie Wohlstand erlangen können. 10:40 Wichtig hierbei ist, dass das Gleichheitsprinzip oder Prinzip der gleichen Freiheit immer Vorrang gegenüber dem Differenzprinzip hat. Das bedeutet, Grundfreiheiten dürfen nur für 10:52 andere Freiheiten eingeschränkt werden, nicht für Güter. Freiheitsbeschränkungen können nicht mit der Verbesserung der sozialen oder wirtschaftlichen 11:00 Lage von Individuen gerechtfertigt werden. Der zweite Grundsatz darf also nicht auf Kosten von Freiheiten durchgesetzt werden. Rawls fordert demnach eine Art liberalen 11:15 demokratischen Sozialstaat. Sein Gedankenexperiment hat gezeigt, dass sich rationale Entscheider hinter dem Schleier des Nichtwissens auf eine Staatsform einigen würden, 11:25 in der es den Schwächsten der Gesellschaft immer noch einigermaßen gut gehen würde. Mit dem Quizlet-Lernset „John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness (Urversammlung)“ 11:37 und „John Rawls: Gerechtigkeit als Fairness (Gerechtigkeitsprinzipien)“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen und vertiefen. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!