Fin de siècle, Dekadenz, Ästhetizismus | Literaturgeschichte verständlich erklärt MOOCit Education Matters Lernvideos für die Schule https://www.youtube.com/watch?v=b4JIOCqihlc Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Heute wollen wir uns mal einer echt faszinierenden Frage widmen. Warum eigentlich fühlen wir uns von der 0:06 Ästhetik des Verfalls oft so angezogen? Fangen wir doch mal mit einem Gefühl an, dass ihr vielleicht kennt diese seltsame 0:13 Faszination für die Ästhetik des Scheiterns, des Zusammenbruchs. Auf der einen Seite sehen wir da Begriffe 0:20 unserer Zeit wie Doom Asthetics oder Vibe Culture. Aber wisst ihr was? Das ist gar nichts Neues. Auf der anderen 0:27 Seite finden wir nämlich die historische Parallele dazu, das Lebensgefühl des Fien des Jeckel und ein Gefühl, das man 0:33 damals Überdruss nannte. Und da stellt sich natürlich die Frage, warum ziehen uns die Schönheit des Moben und der 0:40 Verfall so in ihren Bann? Um unsere heutige Stimmung zu verstehen, müssen wir eine kleine Zeitreise machen, zurück 0:48 zum Ursprung. Und damit landen wir direkt im sogenannten Feier. Das ist Französisch und heißt wörtlich nichts 0:55 anderes als Ende des Jahrhunderts. Also, was war das genau? Na ja, der Begriff beschreibt weniger einen konkreten Stil 1:03 als viel mehr eine geteilte Stimmung in Europa. So ungefähr von 1890 bis zum Ersten Weltkrieg. Stellt euch das mal 1:10 vor. Eine total paradoxe Mischung aus Endzeitstimmung und Überreizung. Einerseits Skepsis gegenüber dem 1:17 Fortschritt, andererseits eine riesige Faszination für alles, was modern war. Es war also eine zeitvoller, wirklich 1:25 intensiver Widersprüche und wenn es ein Gefühl gab, dass diese Era so richtig geprägt hat, dann war das die sogenannte 1:32 Nervosität. Und Nervosität, das war damals viel mehr als nur persönliche Angst. Man sah das 1:38 als ein Zustand der ganzen Gesellschaft, quasi in der medizinische Diagnose für eine Kultur, die mit diesem neuen 1:45 wahnsinnigen Tempo und der ständigen Reizüberflutung einfach nicht mehr klar kam. 1:51 Okay, aber wie wird aus so einem Gefühl, aus dieser kollektiven Nervosität plötzlich ein Kunststil? Die Antwort 1:58 lautet Dekadenz. Und das war ein ganz bewusstes künstlerisches Programm. Man hat das künstliche, das Inszenierte 2:05 gefeiert und sich damit ganz klar gegen das Natürliche gestellt, was ja im 19. Jahrhundert noch das große Ideal war. 2:12 Stellt euch diesen Kontrast mal vor. Weg von Natur, Echtheit und Erde hin zu Parfüm, Performance und Samt. Plötzlich 2:21 ging es nicht mehr darum, ob Kunst eine moralische Botschaft hatte. Nein, es zählte nur noch die Schönheit, die Form. 2:28 Man liebte das raffinierte und verachtete quasi das Rohe. Dahinter steckten natürlich auch bestimmte 2:33 Strömungen, z.B. der Ästhetizismus, also Kunst um der Kunst willen oder der Symbolismus, wo es viel mehr um 2:41 Andeutungen und Stimmungen ging als um klare Ansagen. Das ging so weit, dass man das Leben selbst als eine Art 2:47 Kunstwerk gesehen hat, dass man bis ins kleinste Detail gestalten muss. Und dieser Stil hat natürlich auch seine 2:54 Stars hervorgebracht, seine Archetypen. Da war zum einen der Dandy, ein Typ, der sein ganzes Leben als Kunstprojekt 3:02 inszeniert hat, immer mit einer gewissen ironischen Distanz. Und auf der anderen Seite die Fem fatal, eine total 3:09 zwiespältige Figur. Sie stand gleichzeitig für die pure Verführung, aber auch für die ganzen Ängste, die mit 3:16 Begehren und den sich wandelnden Geschlechterrollen verbunden waren. Aber mal ehrlich, in was für einer Welt muss 3:23 man leben, um so ein Bedürfnis nach künstlerischer Flucht und gestylter Distanz zu entwickeln? Ein ganz 3:30 entscheidender Faktor, die moderne Metropole. Die war quasi ein regelrechter Angriff auf die Sinne. 3:36 Alles wurde schneller, überall nur noch anonyme Menschenmossen. Dazu dieser ständige überwältigende Lärm und überall 3:46 Werbung, die um deine Aufmerksamkeit kämpft. Und das Ergebnis von alldem. Für viele war es eine ganz tiefe 3:54 grundlegende Erschöpfung. Diese ganze Epoche war also von dieser Spannung geprägt, ein echtes Minenfeld der 4:01 Widersprüche. Fortschritt und Angst, die gingen da Hand in Hand. Auf der einen Seite versprach die Moderne so viel, 4:08 z.B. neue Wissenschaften und Freiheiten. Aber jede dieser Medaillen hatte eben eine Kehrseite, Sinnkrisen, neue soziale 4:16 Kontrolle und diese allgegenwärtige Angst und Überreizung. Und genau da schließt sich der Kreis zu heute. Denn 4:24 mal ehrlich, kommen euch diese Spannungen nicht auch irgendwie bekannt vor? Diese Doom Aesthetics von heute, 4:31 diese ganzen kuratierten Vibes im Netz, das ist natürlich keine eins zu ein Kopie von damals, aber es ist ein Echo, 4:38 ein ganz klares Echo auf eine Welt, die uns heute genauso komplex und überfordernd vorkommt. Die Parallelen 4:45 sind schon echt verblüffend. Klar, die Quellen sind heute andere. Damals war es die Reizüberflutung in der Großstadt, 4:52 heute ist es die digitale Informationsflut. Damals die Futon Kultur, heute die 4:58 Aufmerksamkeitsökonomie von Social Media. Aber das Gefühl dahinter, diese Beschleunigung, diese Sättigung, diese 5:05 Unsicherheit, das ist erstaunlich ähnlich und es führt zu einer ganz ähnlichen kulturellen Reaktion. Und das 5:13 ist der springende Punkt. Damals wie heute scheinen wir unsere Ängste dadurch zu bewältigen, dass wir sie 5:19 ästhetisieren. Wir packen sie in einen Style, den man teilen und konsumieren kann. Wir geben unserer Sorge quasi eine 5:27 schöne Form. Und das wirft am Ende eine Frage auf, die damals genauso aktuell war wie heute. Diese ganze Ästhetik der 5:34 Erschöpfung. Ist das eigentlich Widerstand? Ist es ein echtes Symptom unserer Zeit? Oder ist es am Ende 5:41 vielleicht doch nur eine coole Pose?