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Bluttest für Schwangere – Selektion auf Kassenleistung? | engel fragt | Dokus & Reportagen
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 254 Zeilen
- Ich bin Mama von vier Kindern. Ich bin Mama von vier Kindern.
- In jeder Schwangerschaft habe ich alle Untersuchungen machen lassen. Ich wollte wissen, ob meine Kinder gesund sind.
- Bei meinem vierten Kind konnte ich das schon ganz früh herausfinden. Ganz zu Beginn der Schwangerschaft, dritter Monat,
- wurde mir dafür Blut abgenommen. Ein paar Tage später gabs dann schon das:
- Ein Zettel auf dem stand, wie wahrscheinlich es ist, dass mein Kind eine von drei Trisomien hat.
- Genetische Auffälligkeiten, von denen das Downsyndrom am häufigsten vorkommt.
- Bei mir stand überall unter einem Prozent. Also erst mal großes Aufatmen.
- Ein Kind mit Downsyndrom hätten wir auf jeden Fall bekommen. Das hatten mein Mann und ich vorher intensiv besprochen.
- Aber was, wenn mein Kind eine noch schwerere Behinderung gehabt hätte? Und wie würden andere Eltern entschieden?
- UNTERTITEL: Hessischer Rundfunk Denn nicht bei jedem steht da "unter ein Prozent",
- wie bei Familie Putz aus Dillenburg. Und was dann?
- Und ja! Diese Bande hält Gianmarco und Nadine Putz ganz schön auf Trab.
- Jonathan, sieben Jahre. Guiliano, neun.
- Emely, elf Jahre. Und Gianluca, 15.
- Zwei von den vier Kindern haben das Downsyndrom. Jonathan ist jetzt in dem Alter, er ist sieben Jahre alt,
- vielleicht von einem Drei-, Vierjährigen. Und Drei-, Vierjährige laufen einfach weg.
- Daran sind die Eltern fast schon gewöhnt. Denn bei Emily war das auch schon so.
- Als Nadine mit ihr schwanger war, wussten sie noch nichts von dem Gendefekt ihrer Tochter.
- Dann sagte der Kinderarzt zu mir: "Ihre Tochter hat das Down-Syndrom." Und dann bin ich erst mal umgekippt. Dann lag ich erst mal da.
- Dann wurde Emily mit vier Monaten am Herz operiert. Hätten wir es nicht gemacht, wäre Emily nur ein Jahr alt geworden.
- Gottseidank alles überstanden, braucht keine Medikamente. Da sind wir auch echt froh.
- Emily entwickelt sich langsamer als andere Kinder. Und das kostet Zeit. Emily hat schon angefangen mit der Frühförderung,
- da war sie fünf Monate alt. Dann kam da noch Logopädie für die Sprache hinzu.
- Es kam die Ergotherapie für die ganze Motorik dazu. Krankengymnastik, Ergotherapie, Logopädie, Frühförderung.
- Es gab eine Zeit, da hatten wir montags bis donnerstags täglich Therapien.
- Als Altenpflegerin kann Nadine Putz nicht mehr arbeiten. Da habe ich von selber gemerkt,
- dass man irgendwie so einen Druck hatte. Ich konnte auch auf einmal nicht mehr.
- Ich wollte nicht mehr arbeiten. Ich wollte mehr für die Kinder da sein.
- Das wird mit der Zeit, mit den Jahren etwas weniger, wenn dann das Kind in die Schule geht.
- Weil die Schule übernimmt sehr viel Therapien. Hallo.
- Zwei Jahre nach Emily kommt Guiliano auf die Welt, völlig gesund. Als Nadine Putz zum vierten Mal schwanger ist,
- lassen sie alles vorher genau untersuchen. Aber nicht, um eine Entscheidung zu treffen,
- wenn eine Diagnose rauskommt wie Down-Syndrom, dass wir sagen: "Okay, Schwangerschaftsabbruch."
- Deswegen haben wir das nicht gemacht. Wir haben es gemacht, damit wir uns drauf vorbereiten können.
- Sie gehen aber davon aus, dass alles gut wird. Doch der Frauenarzt hat schlechte Neuigkeiten.
- Er hat mir das dann gesagt. Dann habe ich erst auch ein bisschen geschluckt.
- Dann habe ich aber sofort zu ihm gesagt: "Ich werde das Kind nicht abtreiben."
- "Ich möchte das Kind behalten." Weil ich das gesehen hab, wie die Emily sich entwickelt hat.
- Und ich habe ihn ja schon vorher gespürt. Meine Frau rief mich dann nach dem Termin im Krankenhaus
- auf der Arbeit an und sagte mir: "Es ist wieder ein Kind mit Down-Syndrom."
- Ich war natürlich auch völlig überrumpelt, weil ich war auf der Arbeit.
- Ja, ich wurde dann auch lauter am Telefon, hab gesagt: "Abtreiben. Wie sollen wir das schaffen? Das funktioniert nicht."
- Ich weiß aber genau, mein Gedanke war wieder: "Wenn wir jetzt ein Down-Syndrom-Kind wieder kriegen,
- hat vielleicht dieses Kind wieder einen Herzfehler." "Wie kriege ich das untergebracht?"
- Ich will auch im Krankenhaus bei meinem Kind sein, was operiert wird. Wie kriege ich die anderen Kinder unter?
- Erst richtig begriffen habe ich das, wie ich auf dem Nachhauseweg war.
- Ich hab mir auf dem Nachhauseweg sehr viele Gedanken gemacht Mein Nachhauseweg von der Arbeit, 'ne halbe Stunde ungefähr,
- da war der Gedanke schon weg. Da habe ich g meine Frau einfach nur in den Arm genommen und gesagt:
- "Mach dir keine Gedanken, packen wir schon." Nicht eine Sekunde bereuen wir,
- dass wir zwei Kinder mit Down-Syndrom haben. So was kann man nicht bereuen. Das geht nicht.
- Der Bluttest, den ich bei meinem Sohn gemacht habe, wird nun Kassenleistung.
- Ist das gut? Schon jetzt werden neun von zehn Kindern mit Trisomie 21 abgetrieben.
- Werden es dann noch mehr? Wir haben in dem Film schon euer buntes Familientreiben kennengelernt
- und gesehen, ihr seid sehr glücklich, zufrieden wie es ist. Und trotzdem reden wir in der Sendung immer von dieser Zahl,
- dass neun von zehn Eltern sagen: "Wir treiben lieber ab, bevor wir ein Kind mit Downsyndrom bekommen."
- Fühlst du dich oder auch deine besonderen Kinder dadurch abgewertet? Nein, ich finde die zwei so goldig.
- Und die sind so verschieden, alle beide. Die bringen dich zum Lachen. Und manchmal denkst du: "Wow. und jetzt sind die schon so alt!"
- Entschuldigung. * Sie schluchzt * Ich glaube manchmal, dass unsere Gesellschaft viel zu verwöhnt ist.
- Es geht alles so nach Plan B, ja. Wir heiraten, schaffen uns ein Haus,
- kriegen Kinder und sind glücklich, gehen auf Reisen. Und was ist, wenn dann was dazwischen kommt?
- Die Frage ist wirklich: Wenn ich ein Kind bekomme, wenn ich schwanger werde,
- muss ich mir bewusst sein, es kann ein Kind mit Einschränkungen sein. Dann muss ich auch damit leben. Es muss nicht das Downsyndrom sein.
- Das Kind wird ganz normal geboren. Entwicklungsverzögert, ADHS, keine Ahnung, was es alles noch gibt.
- Autismus kann man nicht vorzeitig sehen. Was machst du dann? Willst du dann sagen:
- "Ich gebe das Kind ab, weil es passt nicht in mein Leben rein"? Trotzdem ist das ein bisschen die Entscheidung,
- die bei vielen Paaren mitspielt: Traue ich mir das Leben mit einem Kind mit Downsyndrom zu?
- Die Lebensweise, die ich jetzt habe, kann ich das irgendwie miteinander vereinbaren?
- Wie viel bin ich auch bereit aufzugeben? Im Grunde: Wie egoistisch darf ich in dieser Gesellschaft sein?
- Man müsste die Gesellschaft viel mehr aufklären. Wenn man ein Kind mit Downsyndrom kriegt,
- wird man nicht alleine gelassen. Es gibt so viel Institutionen, so viel Hilfe,
- die man bekommen kann, wo man sich Beratung holen kann. Es heißt auch nicht, dass die Kinder sich nicht entwickeln.
- Sie entwickeln sich nur langsamer. Wenn ihr hört, dass so viele Frauen
- das theoretisch vorher testen lassen können, was befürchtet ihr? Es gibt ja nicht nur eine Behinderung, die Downsyndrom heißt.
- Es gibt ja viel mehr Einschränkungen. Behinderte Leute, die im Rollstuhl sitzen.
- Dass dadurch das ganze Verhältnis zu den Menschen mit Einschränkungen einfach kaputt gemacht wird.
- Ich merke, das Thema nimmt dich total mit, was mehr als verständlich ist.
- Als Mama, die zwei Kinder mit dem Downsyndrom hat, glaubst du, dass solche Kinder bei uns aus der Gesellschaft
- mehr und mehr dadurch verschwinden werden? Ja, natürlich verschwinden die dann. Und das wär eigentlich traurig.
- Also ist für mich traurig. Das kann ich gut verstehen. Denn hier steht viel auf dem Spiel.
- Für die Gesellschaft, aber auch für jede Mama und jeden Papa. Was, wenn das Ergebnis tatsächlich auffällig ist, vielleicht sogar
- eine noch schwerere Behinderung als das Downsyndrom anzeigt? Würde ich mich wirklich immer für das Kind entscheiden?
- Und wie sehr darf ich bei dieser Entscheidung auch an mich und mein Leben denken?
- Inwieweit machen sich andere Eltern darüber im Vorfeld Gedanken? In Bad Vilbel treffe ich junge Frauen,
- die entweder noch schwanger, oder frisch gebackene Mamas sind. Cool, dass so viele von euch gekommen sind.
- Fangen wir einfach mal mit Handzeichen an: Wer von euch hat diesen Test machen lassen?
- Ich ja auch. Alle. Krass. Katha, wir starten einfach mal mit dir: Warum?
- Wir haben den machen lassen, so doof es klingt, wegen meinem Mann. Ich hätte ihn gar nicht machen wollen, glaube ich.
- Weil ich über das Ergebnis nicht hätte nachdenken wollen. Wenn man das Baby hat, hat man es lieb. Und dann ist gut.
- Man muss sich nicht über die Konsequenzen Gedanken machen. Er wollte aber gern auf Nummer sicher und wissen.
- Und dann haben wir das gemacht. Habt ihr vorher mal besprochen: Was machen wir, wenn?
- Was ist, wenn da was auffällig ist? Nein, die Energie geht in Denkrichtung.
- Deswegen sind wir einfach davon ausgegangen, dass alles gut ist. Wir haben das Ganze auch nicht ganz bis zu Ende gedacht.
- Wir haben gesagt, wenn das Kind Trisomie 21 hätte, wäre das völlig in Ordnung für uns.
- Wir haben allerdings nicht weiter gedacht. Wenn es jetzt Trisomie 18 oder so was gewesen wäre,
- oder das Kind einfach nicht lebensfähig gewesen wäre, hätten wir noch mal drüber sprechen müssen.
- Bei der Entscheidung, oder wenn du dir Gedanken gemacht hast: "Was mache ich, wenn da eine ziemlich hohe Prozentzahl steht?"
- Inwiefern ist es okay, an sich und sein eigenes Leben zu denken, wenn du eine Entscheidung über das Leben deines Babys fällst?
- Es ist auf jeden Fall relevant. Wobei ich das etwas differenzierter
- sehe oder sehen möchte, oder glaube zu sehen. Weil ich das nicht abschätzen kann, ob ich nicht auch ein glückliches
- und erfülltes Leben mit behindertem Kind führen kann. Und ich glaube, dass ich das kann.
- Wobei, da haben wir schon drüber gesprochen, es gibt diese und jene Ausprägungen von Behinderung.
- Gibt es da so eine Linie, die du vielleicht für dich gezogen hast? Wo du sagst: "Das kann ich noch. Das kann ich nicht mehr."
- Ich habe keine Linie, die ich da ziehen kann. Ich glaube, dass es so individuelle Entscheidungen
- und Beeinträchtigungen sind, dass ich das im Vorfeld nicht hätte sagen können.
- Wenn das Kind eine sehr geringe Lebenserwartung oder ein schweres Leben vor sich hat.
- Ich glaube, wir hätten uns dann dagegen entschieden. Das haben wir im Vorfeld auch so besprochen.
- Die Frage ist immer, wenn man es schon in sich trägt und dann so ein Test negativ ist, ob man es dann noch übers Herz bringt.
- Was heißt denn schwer? Da gab es Krankheiten, wo das Kind maximal ein Jahr lebt.
- Da spreche ich wahrscheinlich auch für meinen Mann, da ist es schwieriger, das Kind zur Welt zu bringen,
- ein Jahr lang absolut zu lieben. Ich kann ihn jetzt schon nicht mehr hergeben seit der ersten Sekunde.
- Wird jedem so gehen. Und dann immer zu wissen, es lebt nur ein Jahr. Das wäre für mich viel schlimmer als das ganze vorher zu beenden.
- So schlimm auch das sein mag. Dieser Bluttest wird auch NIPT-Test genannt,
- also "nicht-invasiver Pränatal Test". Weil bei der Blutabnahme kein Risiko für die Mutter oder das Kind besteht.
- Bislang musste man sich diesen Test leisten können. Bald steht er Schwangeren kostenfrei zur Verfügung.
- Was halten die Mamas davon? Es gibt die Bluttests sowieso,
- Ob man die bezahlt oder nicht, die Frauen können ihn machen. Dass der Bluttest Kassenleistung ist und es den gibt,
- ist ein riesiger medizinischer Fortschritt und für die Gesellschaft, für die Frauen.
- Wenn das Thema jetzt Kassenleistung wird und viele Menschen darauf Zugriff haben, was ich sehr gut finde,
- gehört für mich eine vernünftige Beratung mit dazu. Ich habe einen Stapel Papiere mitbekommen.
- Den sollte ich brav durchlesen und hinterher sagen: "Ich habe alles gelesen und verstanden."
- Was ich nicht verstanden habe, konnte ich nachfragen. Aber es hat keine Beratung stattgefunden.
- Hast du sie vermisst? - Ja, absolut. Ich merke:
- Fast alle wollten mit dem Test vorbereitet sein auf ihr Baby. Dafür brauchten sie Zeit und eine gute Begleitung.
- Den Bluttest zu machen und das Ergebnis in den Händen zu halten, das ist das eine, die Beratung drumherum das andere.
- Ich weiß noch, bei mir hat die zum Beispiel keine zwei Minuten gedauert. Wie gut werden junge Eltern wirklich vor dem Test beraten
- und nach dem Test auch aufgefangen, wenn das Ergebnis auffällig ist? Prof. Franz Bahlmann ist Pränataldiagnostiker
- im Bürgerhospital in Frankfurt. Jeden Tag untersucht er Schwangere,
- die wissen wollen ob ihr Kind gesund auf die Welt kommt. Und führt dabei auch NIPT-Tests durch. Julia.
- Mit welcher Erwartungshaltung machen Frauen diesen NIPT-Test? Diese Erwartungshaltung: Eltern wollen ein gesundes Kind.
- Und mit dieser Erwartungshaltung gehen die rein. Die wollen diese Bestätigung haben, dass das Kind gesund ist.
- Wichtig ist in diesem Gespräch, das der Arzt oder die Ärzte dann durchführen,
- dass dieses sehr detailliert und ausführlich stattfindet, um Vor- und Nachteile dieser Untersuchungsmethoden,
- Screening-Methoden durchzuführen. Aber auch durchaus, um den Eltern mitzuteilen,
- dass es Befunde gibt, die nicht so gut sind. Da kann es zu Konfliktsituationen kommen.
- Auch auf diese Situation muss man sich einstellen. Und man muss wissen, dass man auf die Untersuchung verzichten kann
- und auch ein Recht auf Nichtwissen hat. Dieses Recht auf Nichtwissen
- wollen die meisten Eltern wahrscheinlich nicht wahrnehmen. Ja, das ist genau der Punkt.
- Da schalten die meisten auf Durchzug und hören diesen Satz nicht. Aber der ist ganz wichtig eigentlich.
- Das ist ja auch festgelegt in dem Gen-Diagnostik-Gesetz. Aber Eltern wollen das nicht hören.
- Die wollen einfach wissen: "Meinem Kind geht's gut." Die wollen die Gewissheit, dass es eine gesunde Schwangerschaft ist.
- Sie müssen diesen Test ja dann aber immer noch verschreiben. Gibt es da Kriterien, wo man sagt,
- das kriegen nur bestimmte Frauen oder kriegen den wirklich alle? Im Prinzip können wir das jeder Frau anbieten.
- Ursprünglich war der Plan, es nur Risiko-Frauen anzubieten. Zum Beispiel über 35 Jahre
- oder Zustand nach einer Geburt mit einer Trisomie 21 oder in der Familie ein auffälliger Befund.
- Das war ursprünglich das Konzept. Aber im Sinne der Gleichberechtigung hat man gesagt:
- Nee, es muss gleiches Recht sein für alle. Man kann das jetzt allen anbieten, bzw. die Eltern können es verlangen.
- Also eine psychische Indikation, wenn sie so wollen. Wird sich dadurch, dass der Test jetzt Kassenleistung ist
- die Anzahl der Menschen mit Downsyndrom in unserer Gesellschaft noch weiter verringern?
- Der Screening-Test wird nicht exorbitant zunehmen, glaube ich, weil der eh schon sehr stark in Anspruch genommen wird.
- Wir machen das Ultraschall-Screening im ersten Trimenon. Darüber werden auch schon sehr viele Auffälligkeiten entdeckt,
- sodass ich jetzt nicht denke, dass das jetzt drastisch zunehmen wird. Der Bluttest erkennt drei große Gendefekte, sog. Trisomien.
- Die machen aber nur 5 Prozent aller möglichen Behinderungen aus. Es braucht also auch andere Untersuchungsmethoden,
- um Auffälligkeiten beim Kind zu erkennen. Was raten Sie denn den Frauen, wenn die einen auffälligen Befund haben
- oder einen ziemlich eindeutigen Ultraschall? Ja, direkt raten kann ich nicht. Ich kann keine Empfehlung abgeben.
- Ich kann nur die Diagnose mitteilen und auch, was das bedeutet. Das ist immer ganz schwierig,
- weil man in die einzelnen Familien eigentlich reingucken muss und auch das psychosoziale Umfeld sich anschauen muss.
- Es ist ja Gott sei Dank auch nicht so, dass die Entscheidung von heute auf morgen gefällt werden muss.
- Da haben wir wirklich auch mehrere Tage, Wochen. Es gibt Eltern, die brauchen Monate, um eine Entscheidung zu treffen.
- Da sollte man nie Druck aufbauen. Man sollte die Eltern abholen, dass sie sich nicht alleingelassen fühlen
- und auch immer einen Ansprechpartner haben. Das fand ich jetzt wirklich noch mal krass zu hören,
- dass dieser Bluttest nur einen Bruchteil der Behinderungen anzeigt, die bei einem Kind überhaupt möglich sind.
- Es unter 5 Prozent. Das heißt, viele Frauen wiegen sich natürlich in falscher Sicherheit.
- So auch diese junge Frau hier mit einer bewegenden Geschichte. Wir haben damals diesen Test in der 12 Woche gemacht,
- um einfach sicher zu gehen, dass alles in Ordnung ist. Das war der Gedanke dahinter.
- Dann kam der Anruf von meiner Ärztin Und es war alles unauffällig.
- Wir hatten lange auf ein Kind gewartet. Umso freudiger waren wir,
- dass wir die kritischen 12 Wochen geschafft hatten. In den folgenden Wochen sind die werdenden Eltern unbeschwert,
- Dann möchten sie in der 16. Schwangerschaftswoche das Geschlecht ihres Babys erfahren.
- Die 34-jährige geht zum Ultraschall zur Frauenärztin. Mir fiel nicht auf, dass sie die ganze Zeit geschwiegen hatte.
- Sie war sehr ruhig. Und dann nach ein paar Minuten sagte sie mir,
- dass da ein Befund vorliegt, der nicht in Ordnung ist. Ja genau.
- Dann hat sie mir gezeigt, dass am Kopf meines Babys so eine Art große Blase war.
- Für mich kamen natürlich 1000 Fragen hoch. Was ist das? Was bedeutet das?
- Kann mein Kind damit leben? Es ist am Kopf ...
- Das war alles erst mal ein großer Schock. Ich bin dann aus der Praxis raus und dann ist es über mich gekommen.
- Dann habe ich nur noch geweint. Zu Hause recherchiert Katharina.
- Ihr Kind könnte einen offenen Schädel haben, ähnlich wie auf diesen Internetbildern.
- Ein paar Tage später, beim Pränataldiagnostiker, bestätigt sich der Verdacht.
- Der Kopf war hinten offen. Er hat sich nicht geschlossen,
- Dadurch ist sein Gehirn ... Es ist ein Junge, wie wir dann auch erfahren haben.
- Sein Gehirn ist aus dem Kopf rausgewachsen. Er meinte zu uns, Kinder mit dieser Fehlbildung können nicht leben.
- Vielleicht würde er die Geburt überleben und wenige Stunden leben. Aber die Atmung versagt früher oder später,
- weil das Gehirn nicht funktioniert. Es ging um maximal ein paar Stunden.
- Meistens versterben diese Kinder aber während der Schwangerschaft. Ich habe das in dem Moment nicht realisiert.
- Ich habe es ja lebend am Bildschirm gesehen. Ich habe gesehen, wie er sich an Nase kratzt und am Daumen nuckelt.
- Solange der Tod nicht eingetreten ist, hat man immer diese Hoffnung auf ein Wunder.
- Dase es vielleicht wieder zurückgeht, dass das Gehirn doch wieder in den Kopf wächst.
- Ja das war dann in den Tagen danach war das so .... Das war meine Frage: Was kann ich tun, um ihn zu retten?
- Stattdessen bekommen Katharina und ihr Mann von den Ärzten gesagt, sie können entscheiden, ob sie die Schwangerschaft beenden wollen.
- Da wurde mir klar, ich brauche Hilfe. Man hat sein Kind schon so lange bei sich, man ist so verliebt.
- Der Gedanke, dass es nicht leben kann und dass man jetzt Wahl hat, wie der Tod aussehen wird.
- Ich brauchte jemanden, der mich da unterstützen kann. Sie holt sich Beratung bei der Katharina-Kasper-Stiftung
- in Frankfurt. Marion Topp hat sich auf Problemfälle spezialisiert,
- die durch frühe Pränataldiagnostik erkannt werden. "Richtig" und "falsch" ist hier ganz viel das Thema.
- Oder auch Schuld. Warum ist das so? Warum ist unser Kind krank?
- Warum ist die Behinderung da? Warum ist das bei mir so? Aber auch: Darf ich das? Was sagt die Gesellschaft?
- Oder auch der Zwiespalt: Leidet mein Kind? Auch für Katharina war das eine sehr große Frage.
- Man konnte es am Ultraschallschall immer mehr sehen, diese Blase würde wohl früher oder später einreißen
- Und dann wäre das Gehirn dem Fruchtwasser ausgesetzt. Und das zersetzt es.
- Das war für mich ganz schwer zu ertragen, weil ich nicht wusste, was spürt er davon.
- Ich wusste, dass er zu dem Zeitpunkt, in dem ich in der Schwangerschaft war, noch kein Schmerzempfinden hat.
- Das haben mir die Ärzte gesagt. Und das war dann für mich ausschlaggebend.
- Dann wurden die Wehen früher eingeleitet. Und ich habe ihn geboren.
- Nur, dass er eben nicht lebend zur Welt kam. Das war in der 20. Schwangerschaftswoche.
- Wenn man das nicht erlebt hat, kann man das nicht beschreiben. Es ist einfach, als wurde einem was rausgerissen.
- Und man hatte ihn die ganze Zeit, und plötzlich ist er weg. Natürlich fragt man sich:
- "Was wäre gewesen, wenn?" Wie wäre es abgelaufen, wenn ich ihn ausgetragen hätte?
- Aber es spendet einem doch dann Trost, wenn man sich sagen kann, man hat ihn vielleicht vor Schlimmeren bewahrt.
- Diese Geschichte geht mir sehr nah. Auf einmal steht man vor der Entscheidung über Leben und Tod.
- Nach allem, was ich jetzt weiß, sehe ich den Test nun deutlich kritischer. Was also passiert mit uns, unseren Kindern, unserer Gesellschaft,
- wenn dieser simple Bluttest allen Schwangeren zur Verfügung steht? Das frage ich den Medizinethiker Professor Eckhard Nagel.
- Hallo nach Bayreuth, Herr Professor Nagel. Hallo, Frau Tzschätzsch!
- Ich finde, da ist ein Paradox in der Gesellschaft, dass wir sagen: Wir wollen Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft haben.
- Klar wollen wir Menschen mit Downsyndrom sehen. Aber nicht in meiner eigenen Familie, nicht als eigenes Kind.
- Wie passt das zusammen? - Na ja, leider gar nicht. Ich meine, in meiner Generation.
- Ich gehöre zu den geburtenstarken Jahrgängen des letzten Jahrhunderts. Da gab es regelmäßig auch in den Schulklassen Kinder mit Downsyndrom,
- die Teil unserer Volksschulausbildung waren. Das findet man heute gar nicht mehr.
- Das heißt, auch die Integration von Kindern, die Einschränkungen haben, findet nicht mehr statt.
- Ich sehe, wie Sie es beschreiben, auch eine Leichtfertigkeit. Sozusagen ein: Das können wir eben mal mitmachen!
- Deshalb ist es auch dringend geboten, darüber öffentlich zu diskutieren und davor zu warnen.
- Gleichzeitig muss man die Ärzteschaft in die Pflicht nehmen. Was würden Sie sagen:
- Wie viel Egoismus ist beim Fällen dieser Entscheidung okay? Ich glaube, das kann man von außen nicht sagen.
- Ich bin jemand, der die Möglichkeit, Schwangerschaften zu unterbrechen, auch ethisch unterstützt.
- Es ist eine Entscheidung der Mutter, die sozusagen Mutter wird, im Hinblick auf die Frage: Kann ich Fürsorge für mein Kind haben?
- Kann ich das ausüben oder lebe ich in einer Gesellschaft, die diese Fürsorge für mich unter Umständen unterstützend übernimmt?
- Und wenn es Situationen gibt, in denen das nicht der Fall ist, dann kann ich auch Mütter verstehen oder auch Eltern verstehen,
- die eine solche Entscheidung treffen. Es ist eine gravierende Entscheidung,
- weil es eine Tötungsentscheidung ist. Darüber muss man sich klar werden.
- Deswegen darf die nicht eben mal so getroffen werden. Sie muss reflektiert, sie muss verantwortet
- und sie muss auch im Nachhinein begleitet werden. Das ist ein Zahl, die mich schon die ganze Sendung umtreibt.
- 9 von 10 Eltern treiben ihr Kind ab, wenn sie die Diagnose Downsyndrom bekommen.
- Das werden mit diesem Test wahrscheinlich noch mehr, oder? Es ist leider nicht auszuschließen.
- Wobei es bei 9 von 10 ja nicht mehr viel mehr werden können. Und ich glaube, was wir hier sehen,
- ist eine gesellschaftliche Entwicklung dahingehend, dass man die perfekte Person, das perfekte Kind haben möchte.
- Das ist eine bedenkliche, aus meiner Sicht auch schwierige Entwicklung. Man kann außer den Trisomien auch das Geschlecht bestimmen lassen.
- Ich habe das auch gemacht. Ich dachte, es ist nett, meinen drei großen Kindern sagen zu können,
- ihr kriegt ein Brüderchen oder Schwesterchen. Aber wenn ich das Ganze noch mal öffne, dieses Gedankenspiel,
- dass in manchen Kulturkreisen Mädchen nicht so wertvoll sind wie Jungs. Es ist schon eine üble Entwicklung eigentlich.
- Wir erleben ein gravierendes sozialgesellschaftliches Experiment. Wir haben Gesellschaften wie zum Beispiel in Indien,
- in denen im Moment mehr Jungen als Mädchen geboren werden. Aufgrund der Pränataldiagnostik ist das überhaupt nur möglich.
- Wenn wir als Menschen diese natürliche Verteilung verändern, wird es gravierende Probleme geben.
- Die sehen wir z.B. in Indien im Umgang zwischen Männern und Frauen. Also Sie sind eigentlich dagegen, dass der Test Kassenleistung wird?
- Nein, ich bin nicht dagegen, dass es einen fairen Zugang gibt für medizinischen Fortschritt.
- Kassenleistung bedeutet hier, dass jede und jeder es sich leisten kann und es nicht nach finanziellen Möglichkeiten geht.
- Wogegen ich bin, ist die Ausweitung der Indikation. Aber es gibt wenige Indikationen, wenige Fälle, Schwangerschaften,
- die kompliziert verlaufen. Eltern, die deutlich über 35 sind.
- Familien, in denen es schon genetische Störungen gibt. Dann ist ein solcher Test sinnvoll.
- In allen anderen Situationen ist er nicht sinnvoll. Wer sich für den Test entscheidet, der sollte sich im Klaren sein,
- was das in letzter Konsequenz bedeuten kann. Für sich selbst und für die Gesellschaft.
- Und trotzdem finde ich es gut, dass der Test jetzt von der Krankenkasse übernommen wird.
- Der ist unkompliziert. Dass ihn alle machen können, ist eine faire Sache. Aber bitter ist es natürlich, wenn es dazu führt,
- dass noch mehr Kinder mit Downsyndrom abgetrieben werden. Nach allem, was ich heute gehört habe, fürchte ich wirklich,
- dass das so weit kommt und dass diese Menschen irgendwann kaum noch bei uns in der Gesellschaft sichtbar sind.
- Copyright Untertitel: hr 2022
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