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Kinder und Politik – Über Schutz, Autonomie und Mitbestimmung (APuZ #10)
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 196 Zeilen
- Holger Klein: Willkommen zu „Aus Politik und Zeitgeschichte“, einem Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung.
- Ich bin Holger Klein, und wir sprechen heute über Kinder, Jugendliche und politische Beteiligung. Wenn Sie sich nach dem Hören tiefer mit dem Thema befassen wollen,
- finden Sie die APuZ zum Thema auf bpb.de/apuz. O-Ton Kind: Mitbestimmung bedeutet für mich eigentlich,
- dass man seine Meinung mit einbringen kann. Und dass man sagen kann, was man richtig oder falsch findet
- und ein Teil davon ist, das mitzuentscheiden. Holger Klein: Bestimmen, entscheiden, sagen was richtig und falsch ist:
- Das machen in unserer Gesellschaft fast immer die Erwachsenen. Dabei machen Kinder, also alle Menschen unter 18,
- keinen kleinen Anteil der Bevölkerung aus, nämlich fast ein Fünftel. In der Politik mitreden, das dürfen sie aber trotzdem nicht so richtig.
- In dieser Folge geht es darum, welche Rolle Kinder in unserer Gesellschaft spielen und wie mehr Mitbestimmung für Kinder und Jugendliche aussehen könnte.
- Ich habe mit der Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen darüber gesprochen, was Kinder brauchen und warum wir ihnen durchaus mehr zutrauen können.
- Andresen: „Überall dort, wo Kinder sind und zwar von Beginn an, müssen sie die Erfahrung machen, dass sie wertgeschätzt werden,
- Holger Klein: Der Jugendforscher Simon Schnetzer erklärt, wie es der Jugend in Deutschland gerade geht. Schnetzer: Das Riesenproblem ist, dass junge Menschen in diesen sämtlichen Krisen in eine Opferrolle gesteckt wurden
- und keinen Raum bekommen haben, um sich für die Lösung der Krisen einzusetzen. Holger Klein: Und weil es in dieser Folge genau darum geht,
- hören wir auch die Meinungen von Kindern. Frieda, Erik, Malou und Lumina sind alle zwischen zehn und zwölf Jahren alt
- und erzählen in dieser Folge, was sie in der Politik gerne ändern würden: O-Ton Kind: „Wenn ich Politikerin wäre,
- würde ich wahrscheinlich mehr Bäume und Blumen und Hecken und Büsche und so einpflanzen, weil ich so grüne Sachen eben mag.
- *Musik* Holger Klein: Kinderrechte sollen im Grundgesetz verankert werden.
- So steht es im Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Wieder einmal. Die Große Koalition hatte das auch schon vor,
- 2021 gab es für den Vorschlag aber keine Zwei-Drittel-Mehrheit in Bundestag und Bundesrat. Grundlage für die Kinderrechte ist die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen.
- Die umfasst zum Beispiel das Recht auf Gleichbehandlung, auf Bildung, auf Gesundheit. Und sie legt fest, dass die Stimme von Kindern gehört werden soll.
- O-Ton Kind: „UN-Kinderrechtskonvention, Artikel zwölf: Kinder müssen bei allen Entscheidungen, die sie betreffen, nach ihrer Meinung gefragt werden.
- Kinder dürfen ihre Meinung frei heraussagen und diese muss dann auch berücksichtigt werden. Holger Klein: Die UN-Kinderrechtskonvention hat Deutschland schon vor 30 Jahren ratifiziert.
- In politischen Entscheidungen werden Kinder und ihre Bedürfnisse trotzdem oft nicht mitgedacht. Wenn Kinder aber mehr mitbestimmen dürften – dann würde die Welt vielleicht wirklich ganz anders aussehen.
- Das meinen jedenfalls die Kinder: O-Ton Kind: Also, ich glaube, wenn die jungen Leute mehr mitentscheiden könnten,
- gäbe es vielleicht auch viel mehr Projekte wie es gäbe mehr Mülleimer und es gäbe vielleicht auch so Aufräumaktionen am Strand vor allem.
- Wenn Kinder mitbestimmen dürften, würde es mehr Bildung und mehr Schule geben auch für Leute, die nicht viel Geld haben, für Leute, die eine andere Hautfarbe haben.
- Ich glaube, es würde auch viel mehr Hilfsstationen für Obdachlose geben, damit die sich wieder aufrappeln. Ich glaube, Politiker würden sich vielmehr um die Umwelt kümmern.
- Und ich glaube viele Jugendliche wissen auch, dass sie das auch irgendwann ziemlich doll beschäftigen wird. Es kommt ja irgendwie drauf an, was für Kinder es sind,
- weil Kleinkinder, die würden wahrscheinlich eher Spielplätze, aber dann für Kinder, die schon so älter sind, werden wahrscheinlich Spielplätze dann nicht mehr so interessant
- und die wollen irgendwie mehr Handys und iPads und so. Holger Klein: Also mich hat das jetzt nicht überrascht:
- Auch Kinder haben politische Visionen, viele davon betreffen ihr direktes Umfeld, die Schule und die Natur. Was davon wohl umsetzbar wäre, das müsste man diskutieren,
- aber im Moment kommt es zu diesem Austausch auf politischer Ebene nicht. Denn Kinder werden in unserer Gesellschaft nicht als Gesprächspartner ernst genommen,
- vor dem Jugendalter schon gar nicht. Es ist eher so: Die Erwachsenen glauben immer noch, besser zu wissen,
- was für Kinder gut oder schlecht ist und wenn‘s um politische Beteiligung geht, dann wird schon heftig darum gestritten, ob man sich erlauben kann, das Wahlalter auf 16 zu senken.
- Sabine Andresen meint, dass wir die Fähigkeiten von Kindern und auch das, was wir als Erwachsene für sie tun können und sollten, oftmals ziemlich falsch einschätzen.
- Sie ist Professorin für Familienforschung und Sozialpädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Und sie war lange die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.
- Hallo Frau Andresen. Andresen: Hallo Herr Klein.
- Holger Klein: Welche Rolle spielen Kinder in unserer Gesellschaft denn eigentlich? Was schuldet die Gesellschaft den Kindern?
- Andresen: Die Gesellschaft schuldet den Kindern, dass das Vertrauen, dass Kinder uns als Erwachsenen in der Gesellschaft quasi als Vorschuss entgegenbringen,
- dass wir dem auch gerecht werden. Das heißt, dass die Interessen, die Rechte, die Bedürfnisse, die Kinder haben
- und die auch Jugendliche haben und für deren Befriedigung sie selbst nicht sorgen können, dass wir darauf achten und diese so gut wie möglich erstens befriedigen
- und den Rechten und Interessen nach bestem Wissen und Gewissen gerecht werden. Holger Klein: Und diese Bedürfnisse, was wären das für welche?
- Andresen: Zunächst einmal haben Kinder das Bedürfnis nach Sicherheit, nach stabilen vertrauensvollen Beziehungen, nach der Möglichkeit sich auszuprobieren,
- ihrer Neugier nachzugehen, die Umwelt zu erkunden. Sie haben das Bedürfnis keine Gewalt zu erleben.
- Sie haben das Bedürfnis nach Fürsorge einerseits, andererseits aber auch das Bedürfnis nach Autonomie. Kinder wollen auch ein Maß an Selbstbestimmung haben, an Möglichkeiten ihren eigenen Interessen nachzugehen,
- auch mal unbeobachtet zu sein und Wahlmöglichkeiten zu haben, zwischen denen sie entscheiden können. Holger Klein: Sie sagten eben Sicherheit und Schutz.
- Wir sehen Kinder ja immer so als schutzbedürftige Wesen. Wovor müssen die denn geschützt werden?
- Andresen: Zuerst sind Kinder ja ganz besonders abhängig. Sie sind abhängig davon, dass die Erwachsenen, die unmittelbar mit ihnen zu tun haben,
- die Familien, in die sie hineingeboren werden, es gut mit ihnen meinen. Wenn diese es nicht gut mit ihnen meinen, wenn sie sie als Objekte behandeln,
- die vielleicht zur eigenen Bedürfnisbefriedigung nur da sind, dann wird es dazu führen, dass Kindern Gewalt angetan wird.
- Also Gewalt ist das allererste, wovor Kinder geschützt werden müssen und wenn das nicht diejenigen tun, Mutter, Vater, Großeltern, also unmittelbare Familie,
- dann müssen andere in der Gesellschaft dafür Sorge tragen, dass einem Kind keine Gewalt angetan wird und wenn ihm Gewalt angetan wird,
- dass die Gewalt beendet wird, so schnell wie möglich. Das ist das Erste.
- Das Zweite, Kinder, die in Armut aufwachsen, die viele Mangelerfahrungen machen, die sie machen, weil ihre Familie, ihre Eltern kein ausreichendes Einkommen haben,
- da hat die Gesellschaft eine Verantwortung, dass Kinder ein gedeihliches, um es mal so zu nennen, Aufwachsen ermöglicht wird.
- Denn das Aufwachsen ist eine Angelegenheit in privater, familiärer und öffentlicher Verantwortung. Die zweite Perspektive: Ja, wir betrachten historisch bis in die Gegenwart Kinder als auch schutzbedürftige Menschen,
- aber wir dürfen sie darauf natürlich nicht reduzieren, wenn ich das Kind nur betrachte als schutzbedürftig, dann weiß die erwachsene ältere Person ja immer schon, was richtig und gut für das Kind ist.
- Das heißt, die Möglichkeit zur Selbstbestimmung ist eben immer auch mitzudenken. Holger Klein: Wie können wir dieses Problem lösen?
- Also wie können wir die Stimmen von Kindern besser hörbar machen? Also überall dort, wo Kinder sind, und zwar von Beginn an,
- müssen sie die Erfahrung machen, dass sie wertgeschätzt werden, dass die Signale, die sie senden oder das, was sie erzählen, aufgenommen wird,
- dass sie ein Recht darauf haben. Und das spricht die quasi Verantwortung von Familienangehörigen, vor allen Dingen den Eltern,
- spricht es genauso an wie die Kindertagesstätte, der Kindergarten, die Schule, der Sportverein. Und den pädagogischen Einrichtungen und den Fachkräften, die dort tätig sind,
- denen kommt hier eine ganz zentrale Rolle zu, also mit welcher Haltung begegnen sie Kindern? Mit welcher Qualifikation begegnen sie Kindern?
- Und welche Strukturen sind da, die es eben der Erzieherin oder dem Sozialarbeiter auch ermöglichen, jedem einzelnen Kind auch in einer Gruppe gerecht zu werden
- und Situationen zu schaffen, in denen Kinder auch sprechen können und in denen ihnen zugehört wird.
- Holger Klein: Diese umfassende Beteiligung, wo würden Sie sagen, ist die eher keine gute Idee? Also an welchen Stellen würden wir die Kinder lieber stärker beteiligen, an welchen Stellen lieber nicht?
- Andresen: Bei der Frage nach der Beteiligung geht es um die Frage auch: wer hat wofür Verantwortung?
- Wenn es zum Beispiel im Privatraum darum geht, dass Eltern aushandeln: Trennen wir uns oder trennen wir uns nicht?
- Da das Kind in dem Sinne zu beteiligen, ist eine Beteiligung, die ein Kind und auch noch eine jugendliche Person vermutlich überfordern würde.
- Beteiligt werden müsste es aber dann daran, wenn es zu der Frage kommt, wie teilen sich die Eltern das Sorge- und das Umgangsrecht.
- Also wo ein Kind sich mehrheitlich aufhält, wie die Wochenenden und die Ferien gestaltet werden. Da ist ein Kind zu beteiligen, denn das betrifft unmittelbar das Kind und den Alltag des Kindes.
- Das lässt sich dann auch auf andere Bereiche übertragen. Aktuell ist es häufig so, dass Kinder und Jugendliche berichten:
- Wir werden vielleicht beteiligt daran, wie wir unser Klassenzimmer gestalten. Aber welche Themen wir für wichtig halten, dass wir sie lernen, daran werden wir nicht beteiligt.
- Und solche Diskussionen auch zu führen im Sinne der Beteiligung ist sicherlich ganz wichtig und wird viel zu wenig gemacht.
- Nicht nur, weil Lehrerinnen und Lehrer das nicht wollen, sondern weil auch die Strukturen dafür gar nicht gegeben sind
- und die Zeit gar nicht dafür da ist. Beteiligung hat ganz viel damit zu tun, wie Strukturen sind,
- welche Ressourcen da sind, denn Beteiligungsprozesse benötigen Zeit und einen guten Rahmen, in dem sich eben auch möglichst viele gut entfalten können und sich einbringen können.
- Holger Klein: Also diese Strukturen, die Ressourcen, die sind ja eine Frage des äußeren Rahmens, also möglicherweise auch der Rechte, die Kindern zugebilligt werden.
- In der APuZ habe ich gefunden, da nennen sie vier Narrative, die ins Feld geführt werden, wenn's darum geht, Kinder mit mehr Rechten, also mehr Macht auszustatten, beziehungsweise das nicht zu tun.
- Sie sagen, das ließe sich alles leicht entkräften. Können wir eigentlich jetzt machen.
- Andresen: Genau, also der erste Punkt ist, man würde generell Verantwortung verschieben von Erwachsenen auf Kinder,
- trifft nicht zu, weil es bei der Forderung nach Kinderrechten und Beteiligung eben nicht darum geht, dass Zuständigkeiten, die an bestimmte Bereiche gebunden sind,
- einfach auf Kinder übertragen werden. Weil es eben im Gegenteil darum gehen muss,
- dass wir uns als auch Erwachsene noch mal sehr viel mehr Klarheit darüber verschaffen, wofür haben wir denn Verantwortung und ich würde einmal sagen,
- dass die Verantwortung der Erwachsenen eigentlich eher zunimmt, wenn sie dazu bereit sind, Kinder stärker, umfassender zu beteiligen.
- Holger Klein: Das zweite Narrativ war Schwächung von Elternrechten. Andresen: Na ja, wenn wir uns die Debatten, die ja nun schon viele Jahre alt sind,
- anschauen zu der Frage, gehören nicht die Kinderrechte ins Grundgesetz? Dann sind diejenigen, die dagegen argumentieren, ziehen häufig heran,
- dass die Stärkung der Kinderrechte die Elternrechte schwächen würden, weil wir im Grundgesetz ja die Elternrechte verankert haben.
- Dabei wird aber unterschlagen, dass die Kinder Teil der Familie sind in der Regel, ja. Aber sie sind auch unabhängig von der Familie, Rechtsträgerinnen und -träger.
- Sie sind Subjekte, das geht nicht auf im Elternrecht. Hier würde ich auch sagen, starke Kinderrechte ermöglichen auch den Eltern gegenüber dem Staat Rechte einzufordern.
- Also, nehmen wir das Recht des Kindes auf Beratung in Konfliktsituationen. Dieses Recht des Kindes, das ja auch im Interesse vieler Eltern ist,
- dass dieses Angebot auf Beratung da ist, ist es eine Stärkung auch gegenüber dem Staat, hier auch den Verpflichtungen, die mit Rechten einhergehen, nachzukommen.
- Also ich habe große Zweifel an diesem Argument, man würde automatisch mit der Stärkung der Kinderrechte, die Elternrechte schwächen.
- Das ist aber das gängigste Argument gegen Kinderrechte im Grundgesetz. Holger Klein: Tatsächlich? Ich hätte gedacht, das nächste, Abkehr von Erziehung,
- wäre wesentlich gängiger, weil dann tun die Blagen ja nicht mehr, was man ihnen sagt, wenn man ihnen zu viele Rechte gibt, ne?
- Andresen: Nichts erregt die öffentlichen Gemüter so sehr wie vermeintlich der Verfall der Erziehung. Und diese öffentlichen Diskussionen flammen ja immer wieder mal auf.
- Historisch betrachtet zieht sich das durch mindestens das gesamte 20. Jahrhundert, dass es immer wieder solche Diskussionen gibt,
- gerade wenn in der Gesellschaft an den Rechten von Kindern orientierte Positionen bezogen werden. Also gegen die Prügelstrafe im 20. Jahrhundert, für eine stärkere Orientierung an dem,
- was Kinder sich wünschen, dafür dass man doch besser aufsteht, wenn das Kind nachts schreit. Also für Formen einer am Kind orientierten und seinen Bedürfnissen orientierten Erziehungsvorstellungen.
- Wenn die in die öffentliche Diskussion gekommen sind, Mütter dafür eingetreten sind, Pädagogen dafür eingetreten sind, hat es immer auch den Gegendiskurs gegeben,
- der genau in solchen Hinwendungen zum Kind einen Verfall gesehen haben. Holger: Zuletzt, und das ist eigentlich mein Liebling,
- Irrationalität von Entscheidungen und Handlungen in der Jugendphase. Mit anderen Worten: Kinder sind viel zu doof, selbst irgendwas zu entscheiden.
- Sind die das wirklich? Andresen: Nein. Das ist ja ein Vorbehalt, den ich auch schon oft zu hören bekommen habe
- als Kindheits- und Jugendforscherin, die genau das macht, nämlich mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch kommen
- oder Kinder und Jugendliche zu bitten, einen Fragebogen auszufüllen. Und wie oft wird auch von Seiten der Wissenschaft die Frage gestellt,
- ja, aber sind das denn valide Aussagen? Damit wird einerseits zum Ausdruck gebracht, wenn man Erwachsene fragt,
- die antworten nicht situationsbedingt, die sagen immer die Wahrheit nach bestem Wissen und Gewissen. Also so ein Bild von Erwachsenen, das da eigentlich zum Ausdruck kommt,
- wenn man in Zweifel zieht, dass Kinder und Jugendliche, Expertinnen auch sind und sehr wohl Auskunft geben können und sehr wohl auch zwischen unterschiedlichen Optionen abwägen können
- und dann eine Entscheidung treffen wollen. Und da würde ich eher nochmal darauf hinweisen:
- Was wissen wir denn über die Rationalität von Entscheidungen Erwachsener? Also diese Idealisierung, die ist glaube ich in die Kritik zu bringen.
- Holger Klein: Wenn ich wenn ich mir Kinder unterschiedlichen Alters angucke, die haben natürlich unterschiedliche Bedürfnisse,
- die sind, was weiß ich, ein Vierjähriger oder so, wird ja wahrscheinlich doch wesentlich impulsiver und über einen kurzfristigeren Zeitraum die Konsequenzen seiner Handlungen betrachten als ein 17-jähriger zum Beispiel.
- Wäre es denn sinnvoll, diese Beteiligung oder auch Rechte nach Alter zu staffeln? Andresen: Also es ist wichtig, das Alter im Blick zu haben.
- Aber Rechte nach Alter staffeln wäre eine Fehlentwicklung. Denn das Recht auf Bildung, das Recht auf gute Beziehungen,
- das Recht auf Gesundheit und Zugang zu medizinischer Versorgung, das Recht auf Beteiligung, überall dort, wo ein Kind sich aufhält, ist altersunabhängig.
- Das sind Grundrechte. Es geht darum, von Anfang an dem Kind, auch dem Säugling, dem Kleinkind,
- dem Kindergartenkind, dem Grundschulkind so zu begegnen, dass das Kind nicht abhängig davon ist, dass die Erwachsenen alles machen, regeln, managen,
- sondern dass es einen Überblick erhält und dass es die Erfahrung macht, dass es mitgestalten kann. Nicht ohne Grund gibt es viele Initiativen, das Wahlalter herabzusenken.
- Auf 16 oder vielleicht auch, wie der Kinderschutzbund zum Beispiel fordert, auf 14 Jahre. Das ist sicherlich etwas, was in die Struktur unserer demokratisch verfassten Gesellschaft,
- was diese adressiert, ja. Welche prinzipiellen Möglichkeiten der demokratischen Teilhabe,
- Beteiligung habe ich und wer wird davon ausgeschlossen? Und es gibt, wenn wir uns die Befragung von Jugendlichen anschauen,
- die Gruppe, die sagt, genau das ist das, was wir wollen, aber es geht auch darum, dass Sie in der Schule oder am Ausbildungsplatz, an der Universität die Erfahrung machen wollen,
- dass sie auch hier beteiligt werden an dem, was sie tagtäglich betrifft. Holger Klein: Wenn ich das jetzt kombiniere, also eine eine größere Autonomie im,
- ich sage mal, Nahbereich, die dann zu mündigeren Entscheidungen, also angenommen das Wahlalter wäre gesenkt,
- die dann zu mündigeren Entscheidungen an der Wahlurne führen würde, würden wir insgesamt eine mündigere Gesellschaft werden?
- Andresen: Zunächst einmal würde ich mir wünschen, dass Kinder und Jugendliche und zwar unabhängig davon, in welcher Familie sie aufwachsen,
- dass Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen: unsere Stimme zählt. Und auch das ist so ein Narrativ, dem häufig entgegengebracht wird:
- Ja, dann, wenn wir das so machen, dann bekommen die Kinder immer Recht. Darum geht es nicht, darum geht es auch den Kindern und Jugendlichen,
- nach dem, was ich aus der Forschung und der Befragung von Kindern und Jugendlichen kenne, darum geht es auch denen nicht.
- Es geht darum, überhaupt die Chance zu bekommen, sich zu beteiligen, die Interessen einzubringen und in der Diskussion auch abzuwägen
- oder meinetwegen zwischen unterschiedlichen Vorschlägen abzustimmen. Denn die Kinder und Jugendlichen geben unserer Gesellschaft ein eher kritisches Zeugnis.
- Sie haben auch als Jugendliche das Gefühl, sie werden nicht ernst genommen, sie werden allzu oft nur pseudomäßig beteiligt und befragt.
- Und es wird allzu oft abgetan, als: Werd erstmal erwachsen. In dem Bewusstsein derjenigen, die erwachsen sind, mit ihrer Macht und hier würde ich ansetzen.
- Und ja, die Perspektive darauf wäre schon, dass damit auch die Demokratie, die demokratische Kultur gewinnen würde. Holger Klein: Sabine Andresen, vielen Dank.
- Andresen: Ich danke Ihnen. Holger Klein: Wir sollten Kindern mehr Respekt entgegenbringen
- und sie mit ihren persönlichen Bedürfnissen ernstnehmen. Das sagt Sabine Andresen.
- Aus unserem Gespräch wird aber auch deutlich, dass „Kinder“ immer nur der Überbegriff sein kann für eine gar nicht homogene Gruppe.
- Wir können Kinder verstehen als „alle unter 18“, damit umfasst der Begriff aber natürlich junge Menschen in ganz verschiedenen Lebensphasen.
- Simon Schnetzer ist Jugendforscher und unter anderem beteiligt an der Studie „Jugend in Deutschland“, die erscheint halbjährlich.
- Und diese Jugendstudie stuft alle 14- bis 29jährigen als Jugendliche ein. Demnach geht die Jugendphase dann los,
- wenn ein gewisses Maß an Persönlichkeitsentwicklung und Selbstständigkeit erreicht ist und die eigene Zukunft eine realistische Dimension bekommt.
- Diese Findungsphase endet nicht automatisch mit der Volljährigkeit. Und weil Zukunftsfragen für Jugendliche besonders relevant sind,
- wirken sich die Krisen der letzten Jahre auf sie besonders deutlich aus, das zeigen die Studienergebnisse.
- Schnetzer: „Das größte Thema war, wie sich in den letzten zwei Jahren die psychische Gesundheit verschlechtert hat. Diese psychische Belastung aufgrund dieses Dauerkrisenmodus durch Klima, Krieg, Corona, das lastet schwer.
- Nicht nur, weil's einfach diese Krisen gibt, sondern die damit verbundenen Unsicherheiten, dass man nicht mehr das Leben planen kann, wie man es gerne würde.
- Man kann zwar Pläne machen, aber man muss gleichzeitig davon ausgehen, dass sie nicht umsetzbar sind.
- Holger Klein: Dieses Gefühl steigert sich jetzt gerade nochmal, auch durch die Inflation. Simon Schnetzer fällt das auch in seiner Forschung auf:
- Geld wird als Motivation immer wichtiger für junge Menschen, und der Grund dafür ist die Sorge um die Zukunft:
- Schnetzer: Das ist kein neuer Materialismus, sondern es ist Existenzialismus So wie in der Maslow'schen Bedürfnispyramide:
- Wir können uns um die Selbstverwirklichung solange kümmern, solange wir das Gefühl haben, unsere Sicherheitsanforderungen sind safe.
- Wenn das nicht mehr gegeben ist, dann müssen wir das wieder in unsere Prioritätenskala nach oben setzen. Holger Klein: Dass junge Menschen ihre Zukunft als so unsicher wahrnehmen,
- wirkt sich auf ihre Lebensplanung aus. Aber es bedeutet nicht, dass sie jetzt langfristiger planen wollen:
- Schnetzer: Es gibt eine Zeit, in der Menschen ihre Work-Life-Balance auf ihre Lebensplanung ausgedehnt haben. Da haben wir gesagt, so, jetzt ist die Zeit, in der tu ich arbeiten,
- vielleicht bauen wir ein Haus, dann müssen wir buckeln, wir verzichten auf Urlaub und dann irgendwann haben wir einen schönen Ruhestand.
- Das kann man tun, wenn man das Gefühl hat, es geht aufwärts, wir leben in Frieden und die erwartbare Zukunft ist gut.
- Junge Menschen heute haben das Gefühl, wir wissen nicht mehr, was in einem oder in zwei Jahren kommt. Das ist eine krasse Veränderung, wie junge Menschen versuchen,
- das Beste aus der Situation zu machen: Wenn ich an den Morgen, an die Zukunft nicht glaube, brauche ich den Ausgleich und das gute Leben im Hier und Jetzt.
- Holger Klein: Simon Schnetzer berichtet auch noch von anderen Untersuchungen. Mit dem sogenannten Jugendbarometer fragen er und seine Kolleg:innen ab:
- Wie fühlst du dich heute und was glaubst du, wie wird sich das in Zukunft entwickeln? Schnetzer: Wenn wir auf die persönliche Zufriedenheit junger Menschen schauen,
- ist die sowohl im Hier und Jetzt als auch mit Blick auf die Zukunft relativ stabil positiv. Aller Krisen zum Trotz.
- Wenn wir auf die Gesellschaft schauen, wie schätzt du die Situation in Deutschland ein, der Gesellschaft, dann ist die Wahrnehmung viel schlechter.
- Und am schlechtesten übrigens, was das Thema Zusammenhalt in der Gesellschaft angeht. Also Spaltung der Gesellschaft als eine große Sorge, das haben wir eh schon länger aufm Schirm,
- aber auch die Einschätzung auf die Zukunft ist, das wird wirklich schlechter werden. Holger Klein: Es entsteht also eine Spaltung zwischen der privaten Zufriedenheit
- und dem, was junge Menschen für die Zukunft unserer Gesellschaft prognostizieren. Simon Schnetzer meint, dass da gerade in den letzten Jahren einiges schiefgelaufen ist:
- Schnetzer: Das Riesenproblem ist, dass junge Menschen in diesen sämtlichen Krisen in eine Opferrolle gesteckt wurden und keinen Raum bekommen haben, um sich kreativ konstruktiv,
- durch Beteiligungsformate für die Lösung der Krisen einzusetzen. Und wenn wir wollen, dass junge Menschen an die Zukunft glauben,
- müssen sie eine Chance bekommen, diese mitzugestalten. Holger Klein: Und er erklärt auch, wie das gehen kann und damit sind wir wieder beim Thema Beteiligung.
- Schnetzer: Das Zauberwort ist ja letztlich das Thema Selbstwirksamkeit. Jungen Menschen, die sich einbringen, nicht nur danach zu sagen, schön danke, dass ihr dabei wart.
- Jetzt landet es in der Schublade. Sondern immer auch gleich aufzeigen, wie Beteiligung zu einer Wirkung hinführen kann.
- Und nur noch ein Beispiel, um so was zu verdeutlichen. Der Krieg gegen die Ukraine fing an und ganz viele junge Menschen waren einfach total wie paralysiert.
- Und jetzt konnten die aber zum Teil und es gab schöne Beispiele, die dann in ihren Schulen einen Pausenverkauf gemacht haben,
- Dinge verkauft haben und das dann für Flüchtlinge gespendet haben. Auf diese Weise, durch dieses Engagement haben sie sich Teil von einer Lösung gefühlt
- und hatten das Gefühl, wenigstens einen Beitrag zu leisten. Das sind dann oft kleine Dinge, wodurch man sich aber mit der Situation beschäftigt und merkt,
- man hat einen Beitrag, wofür man letztlich dann auch wieder Wertschätzung bekommt. Also es muss gar nicht immer die große politische Entscheidung sein,
- sondern vielmehr zählt der Wille, auch auf lokalen Ebenen, auch in Unternehmen, in Schulen immer wieder zu sagen: Hier ist ein großes Problem, wie könnt ihr dazu beitragen?
- Und da würde ich an die Politik appellieren wollen, dass sie dieses Ziele-setzen, Erfolgserlebnisse-haben, verinnerlichen und junge Menschen beteiligen:
- Was sind Ziele, die wir haben können, wozu ihr beitragen könnt, um aus diesen Erfolgserlebnissen, die wir dann aber auch sichtbar machen,
- auch feiern, zu merken: Wir können diesen Krisenmodus durchbrechen. *Musik*
- Holger Klein: Sabine Andresen und Simon Schnetzer betonen beide: Kinder und Jugendliche werden nicht genug mit einbezogen.
- Ihr Bedürfnis nach eigenen Entscheidungen wird oftmals übergangen. Gleichzeitig fehlt dadurch das Gefühl, dass sie überhaupt etwas bewirken können.
- Der Protest junger Menschen hat zwar in den vergangenen Jahren viel bewirkt, schauen wir etwa auf Fridays for Future oder auf den jüngsten Bundestag aller Zeiten,
- aber gerade während der Corona-Pandemie wurden viele solcher bestärkenden Momente für junge Menschen im Alltag ausgebremst. Was wir also mitnehmen können:
- 1. Wenn sich die Gesellschaft gut um Kinder kümmern will, dann geht es immer darum, die Balance zu halten zwischen Schutz und Autonomie für die Kinder.
- Das hat Sabine Andresen erklärt. 2. Jugendliche in Deutschland leiden unter dem permanenten Krisenmodus.
- Weil ihnen Erfolge und Selbstwirksamkeit besonders wichtig sind, sollten sie politisch mehr einbezogen werden, findet Simon Schnetzer.
- 3. O-Ton Kind: Junge Menschen sollten wählen. Dass die jungen Menschen auch mal zeigen, hey, so geht's nicht weiter,
- dass wir zeigen, dass wir das nicht wollen und, dass es Themen gibt, die ziemlich schlimm sind, dass wir das ändern müssen.
- Holger Klein: Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“. In der APuZ zum Thema „Kinder und Politik“ finden Sie von Sabine Andresen einen Text
- zur gesellschaftlichen Aufarbeitung von sexueller Gewalt gegen Kinder, wenn Sie zu diesem Thema Weiterlesen möchten.
- Dort finden Sie auch das Interview mit Frieda, Erik, Malou und Lumina, die wir in dieser Folge gehört haben.
- Und Simon Schnetzer hat zusammen mit Klaus Hurrelmann einen Text in der APuZ „Jugend und Protest“ veröffentlicht. Den Link zu beiden Ausgaben finden Sie in den Shownotes.
- Und natürlich freuen wir uns, wenn Sie Feedback zu dieser Folge haben. Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an [email protected]
- In vier Wochen erscheint die nächste Folge. Dann sprechen wir über das Olympia-Attentat in München 1972.
- Ich bin Holger Klein, und ich danke für die Aufmerksamkeit. *Musik*
- Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert. Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther und Anne Seibring.
- Interviews mit den Kindern: Andrea Sievers. Schnitt: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald. Produktion: hauseins. Am Mikrofon war Holger Klein.
- Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtnichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.
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