Ludwig Erhard: Der glücklose Kanzler I Geschichte MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=VB3IASRcQuk Transkript (automatisch erstellt) 0:00 . Ludwig Erhard. Woran denkt ihr, wenn ihr diesen Namen hört? 0:03 Ich denke immer an dieses Bild hier: Zigarre im Mund, dicker Mann, 0:06 und einer, der ziemlich zufrieden scheint. Man kennt ihn als Vater des Wirtschaftswunders. 0:12 Aber wusstet ihr, dass Ludwig Erhard auch mal Bundeskanzler war? Viele wissen das nicht. Das hat einen guten Grund: 0:17 Seine Regierungszeit war nicht gerade von Erfolg und Ruhm gekrönt. Warum? Darum geht es jetzt. 0:25 Starten wir mit Ludwig Erhard. Ludwig Erhard trägt den Ehrentitel "Vater des Wirtschaftswunders". 0:30 Dabei hält er von dem Begriff Wirtschaftswunder eigentlich nichts. Er sagt, in Deutschland hat sich kein Wunder ereignet. 0:36 Der Aufschwung ist vielmehr das Ergebnis einer Wirtschaftspolitik, die auf freiheitlichen Prinzipien gegründet ist. 0:42 Der Arbeit der Menschen soll wieder Sinn und Wert gegeben werden. Und im Gegenzug: Für Fleiß und Hingabe 0:47 sollen die Menschen auch dafür belohnt werden. Erhard hat Betriebswirtschaft, 0:52 Nationalökonomie und Soziologie studiert und dann promoviert, also eine Doktorarbeit geschrieben. 0:57 Und somit hatte er Doktortitel. Das merkt man seiner Sprache ein bisschen an. 1:01 Deshalb nochmals in modernem Deutsch: Von wegen Wunder, wir haben ein System aufgebaut, 1:05 in dem man fleißig arbeiten kann, in dem man für Fleiß und Erfolg belohnt wird. 1:09 Und in dem alle Menschen von der wirtschaftlichen Entwicklung etwas haben. 1:13 Der berühmteste Slogan, den man mit Ludwig Erhard verbindet, ist: Wohlstand für alle. 1:17 So lautet der Titel eines Buches, das er geschrieben hat. In diesem Buch stellt er seine Theorie vor: 1:23 dass die Marktwirtschaft durch Konkurrenz und Wettbewerb den Wohlstand der Menschen sichert. 1:28 Denn dieser Wettbewerb treibe dazu an, ständig Neuerungen und Verbesserungen zu erfinden. 1:32 Und davon wiederum würden alle Menschen profitieren. Also solange sich alle nur genug anstrengen 1:39 und ihre Leistung ständig verbessern, würde das Volkseinkommen sich erhöhen und gerechter verteilt werden. 1:45 Ein Wirtschaftsfachmann also. Wie kommt der in die Politik? 1:49 Ich sagte ja schon, dass Erhard studiert und promoviert, also den Doktortitel erworben hat. 1:53 Zunächst arbeitet er im Betrieb seiner Eltern. Aber schon bald arbeitet er 1:57 als Wirtschaftswissenschaftler für 2 Institute. Noch während des Zweiten Weltkrieges verfasst er eine Denkschrift 2:03 über die wirtschaftlichen Folgen der drohenden Niederlage des Deutschen Reiches. 2:07 Diese Denkschrift leitet er kurz vor dem Attentat auf Hitler an Widerstandskreise weiter. 2:12 Damit hat sich Erhard aus der Komfortzone heraus begeben. Er mischt sich in die Politik ein, bezieht Stellung. 2:19 Das passiert im Jahr 1944. Direkt nach dem Krieg wird Erhard 2:22 an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft weiter arbeiten. Er wird Wirtschaftsminister in Bayern und bereitet später 2:29 im Auftrag der amerikanischen und englischen Alliierten die Währungsreform vor. 2:33 1948 leitet er die Wirtschaftsverwaltung in der B-Zone. Das ist so etwas wie Wirtschaftsminister 2:39 für die von den USA und Großbritannien besetzten Gebiete. Bei den Wahlen zum ersten Deutschen Bundestag 2:45 tritt Ludwig Erhard als Kandidat der neu gegründeten christlich- demokratischen Union, der CDU, an. 2:51 Und wird nach den Wahlen zum Wirtschaftsminister der Bundesrepublik Deutschland. 2:55 Er ist neben Kanzler Konrad Adenauer die bestimmende Persönlichkeit in der CDU. 3:00 Noch dazu ist Erhard in der Bevölkerung sehr beliebt. Denn er gilt eben als Vater des Wirtschaftswunders. 3:06 Und das auch aus dem Grund, weil er komplizierte Sachverhalte so erklären kann, dass sie die breite Masse versteht. 3:12 Das wiederum macht den "Dicken mit der Zigarre" zu einer Wahlkampf-Lokomotive. 3:17 Dass Adenauer in den 1950-Jahren die Wahlen überzeugend gewinnt, verdankt er nicht zuletzt Erhard. 3:23 Das Problem ist, dass die beiden Politiker gar nicht miteinander können. 3:26 Einmal bestehen inhaltliche Unterschiede. Erhard blickt mehr auf die marktwirtschaftliche Ordnung, 3:31 Adenauer hat mehr für Sozialpolitik übrig. Beide streiten z.B. über eine Rentenreform. 3:37 Zum anderen hält Adenauer wenig von Erhard als Politiker. Er habe sein Ministerium nicht im Griff, 3:43 sei zu wenig gerissen, zu weich. Wann immer es geht, übt Adenauer Kritik an seinem Minister. 3:48 Der ist relativ sensibel und dünnhäutig und giftet gern zurück. Er lässt Adenauer spüren, dass er mehr weiß. 3:55 Das Behältnis der beiden ist zerrüttet. Das ändert aber nichts daran, dass Erhard seit 1957 Vizekanzler ist. 4:03 Vielleicht fragt ihr euch, wieso Adenauer Erhard in sein Kabinett aufnimmt, wenn er nichts von ihm hält. 4:08 Aber so ist das eben in der Demokratie: Keiner hat die absolute Macht. 4:12 Adenauer kann auf Erhard nicht verzichten. Zu viele CDUler und Abgeordnete 4:16 halten sehr viel von ihm und schätzen seine Fachkenntnisse. Die Wähler lieben Erhard geradezu. 4:22 Kurzum: Wenn Adenauer Erhard rauswirft, dann schadet er sich selbst enorm. 4:28 Vielleicht gefährdet damit sogar sein Amt als Kanzler. Und mit den Jahren bröckelt seine Macht. 4:33 Aber er hält sich an der Spitze. Der einzige, der Adenauer ernsthaft gefährden kann, ist Ludwig Erhard. 4:40 Als in der Spiegel-Affäre Adenauer schwer unter Beschuss gerät, da könnte Erhard ihn stürzen. 4:46 In der Spiegel-Affäre geht es um das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Ihr kennt bestimmt die Online-Ausgabe "Spiegel online". 4:52 Der Spiegel veröffentlicht 1962 einen Artikel, in dem es um die Verteidigungsfähigkeit 4:57 der NATO und der Bundeswehr geht. Die Regierung geht knallhart gegen die Redakteure vor. 5:01 Sie meint, die Redakteure hätten Landesverrat begangen, Staatsgeheimnisse ausgeplaudert. 5:07 Es kommt zu Durchsuchungen und Verhaftungen. Aber: Die Öffentlichkeit stellt sich hinter das Nachrichtenmagazin 5:13 und die Gerichte sprechen die angeklagten Redakteure vom Vorwurf des Landesverrats frei. 5:17 Das hat Konsequenzen. 2 Staatssekretäre und der Verteidigungsminister Franz Josef Strauß müssen zurücktreten. 5:24 Aber das sind nur Bauernopfer, wie man so schön sagt. Der Bundeskanzler Adenauer ist auch schwer angeschlagen. 5:29 Er kann sich nur mit Mühe in seinem Amt behaupten. Vor allem, weil Ludwig Erhard zögert und zaudert. 5:36 Wenn er sich getraut hätte, offen gegen Adenauer anzutreten, wäre er vielleicht schon eher Kanzler geworden. 5:41 Aber einen Kanzler zu stürzen, ist gar nicht so einfach. Im Jahr 1963 zwingt der Koalitionspartner der Union, 5:48 die Freie Demokratische Partei, die FDP, den alten Kanzler dann endgültig zum Rücktritt. 5:53 Nachfolger wird Erhard. Und bei der nächsten Bundestagswahl, 1965, holt Erhard 47,6 %. 6:01 Sehr gutes Ergebnis. Im März 1966 tritt Adenauer, der immer noch Parteivorsitzender ist, 6:06 auch nicht mehr für dieses Amt an. Unser Nachfolger wird - Überraschung - Erhard. 6:11 Und das ist wirklich bemerkenswert. Denn es ist nicht sicher geklärt, ob Ludwig Erhard Mitglied der CDU war. 6:18 Es ist gut möglich, dass er erst sehr spät den formellen Beitritt vollzogen hat. 6:22 Bisher spielt das eigentlich keine Rolle, aber zum Parteivorsitzenden kann nur ein Mitglied gewählt werden. 6:28 Ab der Wahl zum Bundeskanzler läuft für Erhard eigentlich alles schief, was schiefgehen kann. 6:33 Zunächst sehen viele er hat sowieso nur als eine Art Übergangslösung an. Dann schrumpft die Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit steigt 6:39 und der Wirtschaftswunder-Minister findet kein schnelles Gegenmittel. Die USA verlangen mehr Geld, 6:44 um die Stationierung von Truppen in Westdeutschland zu finanzieren. Erhard formuliert seine Idee, 6:50 wie eine moderne Gesellschaft aussehen könnte und spricht von einer "formierten Gesellschaft". 6:55 Im Kern geht es darum, dass sich alle bewusst sind, wie sehr sie voneinander abhängig sind. 7:00 Einzelinteressen, z.B. von Gewerkschaften, der Industrie oder von Bauern, soll es nicht mehr geben. 7:05 Stattdessen nur noch das Interesse des Allgemeinwohls. Kann man drüber nachdenken. 7:10 Aber mal ehrlich: formierte Gesellschaft? Das klingt noch nach was anderem, schon fast nach Diktatur. 7:16 Zumindest nach autoritärer Disziplinierung. Und das kommt Ende der 1960er-Jahre nicht so wirklich gut an. 7:22 Die einen verstehen es nicht und wundern sich, die anderen wollen es bewusst falsch verstehen. 7:28 Am Ende steht immer der Kanzler Erhard dumm da. Es gibt auch einiges, was auf der Habenseite steht. 7:34 Unter Erhard wird das Passierschein-Abkommen geschlossen, das es Westdeutschen erlaubt, nach Ostdeutschland einzureisen. 7:40 Mit Israel werden ganz normale diplomatische Beziehungen aufgenommen. 7:44 Mit den Ländern in Mittel- und Osteuropa werden Handelsabkommen geschlossen. 7:47 Das bedeutet, dass Westdeutschland langsam ein Land wie jedes andere wird, 7:51 das Beziehungen zu anderen Ländern pflegt. Das ist auch ein Zeichen, 7:54 dass die Bundesrepublik wieder selbst der Außenpolitik bestimmen kann. Das politische Ende kommt, als die vielen Wahlgeschenke, 8:02 die 1965 versprochen wurden, eingelöst werden müssen. Erhard will Steuern erhöhen, damit die Menschen verstehen, 8:08 dass sie dafür bezahlen müssen, wenn sie mehr vom Staat haben wollen. Der Koalitionspartner FDP ist aber gegen Steuererhöhungen 8:14 und verlässt die Regierung. In dieser Krise reden CDU und CSU 8:18 und die sozialdemokratische Partei Deutschlands, die SPD, miteinander. Sie beschließen, eine Große Koalition zu bilden. Und das ist bemerkenswert. 8:26 Denn bisher sind die Christdemokraten und die Sozialdemokraten sich spinnefeind. 8:30 Die Union will sich an der Macht halten und hofft, bei der nächsten Wahl die absolute Mehrheit zu ergattern, 8:35 also alleine regieren zu können. Die SPD, die noch nie an der Regierung war, 8:39 will sich als regierungsfähig beweisen. So kommen die Gegner schließlich zusammen. 8:44 Erhards eigene Bundestagsfraktion nominiert den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger zum Kanzlerkandidaten. 8:51 Erhard tritt zurück. Er sitzt noch 11 Jahre lang im Bundestag, als Hinterbänkler. 8:57 Ludwig Erhard ist als Kanzler zwar gescheitert und fast vergessen, aber als Vater des Wirtschaftswunders und "Der Dicke mit der Zigarre" 9:04 ist er heute immer noch eine Legende. Tja, Die große Frage ist, 9:07 wie bewertet ihr letztendlich die Regierungszeit von Ludwig Erhard? Sagt ihr, als Minister hat er gut vorgelegt, da wurde er 9:14 an ganz anderen Maßstäben gemessen, die er gar nicht erreichen konnte. Oder hat er eurer Meinung nach versagt? 9:19 Schreibt es in die Kommentare. Ich würde mich freuen, wenn ihr den Kanal abonniert, falls ihr das noch nicht gemacht hat. 9:24 Danke fürs Zuschauen, bis zum nächsten Mal! Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk (2019)