Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).
Darum wird unser Wasser knapp | Harald Lesch | Terra X Lesch & Co
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 155 Zeilen
- Na, erinnert Sie das Bild an etwas? Na klar, der berühmte Sketch von Loriot. Zwei Männer sitzen in einer leeren Badewanne und streiten sich darüber,
- ob und wann sie Wasser in die Wanne lassen. Und die kleine gelbe Ente ist natürlich immer dabei.
- Eine Wanne ohne Wasser, vielleicht eine ungewollte Prophezeiung. Wie viel verbrauchen die Deutschen denn im Durchschnitt so am Tag und pro Kopf an Wasser?
- Für Duschen und Baden ca. 43 l, für die Reinigung des Geschirrs und ihrer Wohnung 15 l,
- für das Saubermachen ihrer Kleidung ebenfalls 15 l, aber fast 33 l gehen jeden Tag pro Kopf ungenutzt durch die Toilettenspülung.
- Und dann gibt es noch 15 l für alles mögliche andere. Zu den 121 l Brauchwasser kommen pro Kopf und pro Tag noch 5 l Trinkwasser hinzu.
- Also Wasser zum Kochen, für Kaffee, für Tee oder einfach nur als Durstlöscher. Und für diese 5 l pro Kopf und pro Tag betreiben die Wasserversorger einen Aufwand, einen so großen Aufwand,
- dass das Trinkwasser als das bestkontrollierte Lebensmittel in Deutschland gilt. Aber wie gut ist die Qualität unseres Trinkwasser tatsächlich?
- Und geht uns das wertvolle Nass vielleicht sogar bald aus? So oder so. Die Ente bleibt draußen.
- Ein ewiger Kreislauf. Wasser verdunstet, kondensiert, Tropfen bilden sich. Der Niederschlag füllt Flüsse, Seen und Grundwasser auf. Der Schnee regeneriert Gletscher.
- Im Frühjahr und Sommer schmilzt das Eis und lässt das Wasser wieder fließen. Wasser ist Quell des Lebens. Es hält unser Land blau, grün und fruchtbar – noch.
- Denn in einigen Teilen des Planeten verändert sich der Wasserkreislauf. Wärmere Temperaturen beschleunigen ihn. Und das hat Konsequenzen, auch bei uns in Deutschland.
- Für 2025 wird wieder ein Rekordhitzesommer prophezeit, mit Hitzeopfern, Ernteausfällen, Dürre. Und Deutschlands Grundwasservorräte schrumpfen.
- Könnte uns bald auch das Trinkwasser ausgehen? Schließlich beziehen wir das meiste Trinkwasser aus dem Grundwasser.
- Aber es gibt noch andere Quellen. Rund ein Drittel stammt aus Oberflächengewässern.
- Die größte oberirdische Trinkwasserquelle Deutschlands befindet sich direkt unter mir. Der Bodensee. 4 Millionen Menschen sind auf das Wasser dieses Sees als Trinkwasserquelle angewiesen.
- Gespeist wird er im Südosten aus Schweizer und österreichischen Bergen mit frischen alpinen Wasser über das, was man den Alpenrhein nennt. Dann stauen sich hier 48 Milliarden m³.
- Und im Nordwesten des Sees wird er dann zu dem, was wir Rhein nennen. Wir sind aber hier auf der deutschen Seite, dem nördlichsten Zipfel,
- weil hier Trinkwasser aus dem See entnommen wird. [H. L.] Hier wird Wasser entnommen? [R. S.] Ja.
- [H. L.] Wo? [R. S.] Wir entnehmen das in dieser Richtung. [H. L.] Ja. [R. S.] Ich werde aber auch nicht genau sagen, wo.
- Wir sind ein Unternehmen mit kritischer Infrastrukur. Und als kritische Infrastruktur, das ist ja so, dass diese besonders geschützt werden sollen.
- [R. S.] Und deshalb sagen wir auch nicht, wo. [H. L.] Aber absolute Sicherheit gibt es natürlich nicht, oder? Eine absolute Sicherheit wird es nicht geben. Mir fällt vielleicht gerade dieser Flugzeugabsturz
- im Jahre 2002 ein. Dort sind zwei Flugzeuge kollidiert über Überlingen. Da sind dann auch insgesamt 71 Menschen ums Leben gekommen.
- Es war aber so, dass im Prinzip alle Flugzeugteile auf Land niedergegangen sind. Und wir hatten wirklich das Glück, dass weder hier auf dem See
- noch bei uns auf den Anlagen etwas passiert ist. Der Bodensee ist groß, tief und stark durchströmt.
- Das macht ihn zum idealen Trinkwasserspeicher für Millionen Haushalte. Über den Alpenrhein fließt kontinuierlich frisches Wasser in den See.
- Als Hochrhein verlässt der Strom ihn wieder. Wie jeder Fluss schleppt der Alpenrhein jede Menge Schlamm und Kies aus den Bergen mit sich.
- Auf seinem Weg durch den Bodensee setzt sich das Sediment auf dem Grund des Seebeckens ab, sodass hier im Nordwesten nahezu klares Wasser ankommt. Perfekt für die Trinkwasserentnahme.
- Und das obwohl Schiffe darauf fahren, deren Treibstoffreste den See verunreinigen können und Badende das Wasser mit Sonnencreme belasten?
- Wir entnehmen das in 60 m Tiefe. Das bedeutet, wir haben einen Turm da, der steht auf dem Seegrund in 70 m Tiefe. Der Turm ist 10 m hoch. Warum in dieser Tiefe?
- Weil dort die Wasserbeschaffenheit das ganze Jahr sehr, sehr konstant ist. Von dort aus wird das konstant 5° C kalte Bodenseewasser auf den 310 m höheren Sipplinger Berg gepumpt.
- Und hier sprudelt es in das riesige Quellbecken. Insgesamt können pro Sekunde bis zu 7.000 l kommen. Das sind am Tag bis zu 670.000 m³.
- Bis das Seewasser allerdings Trinkwasserqualität erreicht, muss es einen mehrstufigen Reinigungsprozess durchlaufen.
- Mikrosiebe filtern alles, was größer als 15 µm ist, wie feine Sedimente und kleinste Algen, heraus. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar hat etwa 60 bis 80 µm Durchmesser.
- Danach werden Bakterien, Viren und Geruchsstoffe durch Ozon in ihre organischen Bestandteile zerlegt und so neutralisiert.
- Die letzten Trübstoffe im Wasser werden in 27 riesigen Becken durch einen Prozess herausgefiltert, den sich der Wasserversorger von der Natur abgeschaut hat.
- [H. L.] Kann man das mit dem vergleichen, was mit dem Grundwasser passiert, was durch die Bodenschichten gesäubert und gefiltert wird?
- [R. S.] Genau, also der Sandfilter ist im Prinzip genau das, was in der Natur auch passiert. Wir haben hier verschiedene Schichten, in diesen Schichten bleiben die Partikel hängen.
- Und auf der anderen Seite ist der Sandfilter auch so, dass er biologisch aktiv ist. Dort werden auch Inhaltsstoffe biologisch abgebaut.
- Und von dem her ist das Wasser sicherlich vergleichbar mit Grundwasser. [H. L.] Also hier hat man es schon mit einer Reinigungs- und Filtrierungsmethode zu tun,
- deren Bedingungen man genau kontrollieren kann. [R. S.] Trinkwasser ist das bestkontrollierte Lebensmittel, das wir hier haben.
- [H. L.] Und Prost. [R. S.] Zum Wohl. [H. L.] Cheers. [R. S.] Ja, cheers.
- Das Trinkwasser wird in riesige Speicher gepumpt, sodass es jederzeit den angeschlossenen Haushalten in bester Qualität zur Verfügung steht.
- Und doch kann unser Trinkwasser Schadstoffe enthalten. Wie zum Beispiel PFAS oder auch die Chemikalien der Ewigkeit genannt.
- Es handelt sich dabei um lange oder kurze Kohlenwasserstoffketten, bei denen der Wasserstoff teilweise oder vollständig durch Fluor ersetzt worden ist.
- Die starken Kohlenstoff-Fluorverbindungen geben diesen Molekülen schmutzabweisende, ölabweisende und wasserabweisende Eigenschaften.
- Diese Moleküle sind stabil bei Hitze und Kälte. Und, das ist die Krux, sie verwittern nicht. Diese per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen, PFAS, davon gibt es ca. 10.000 Varianten.
- Kennen Sie nicht? Oh doch, Sie verwenden sie jeden Tag. PFAS machen unsere Zahnseite schön seidig.
- Sie dichten Pappbecher ab. Sie imprägnieren unsere Kleidung, stecken im Löschschaum
- und sorgen dafür, dass in unseren Pfannen nichts mehr anbrennt. Und das seit bereits fast 100 Jahren. Danke PFAS! Der Haken?
- Diese Stoffgruppe ist so gut wie nicht abbaubar. Nicht umsonst trägt sie den Namen Ewigkeitschemikalie. Über die Umwelt gelangen PFAS in die Luft, unser Trinkwasser und unsere Nahrung.
- Und reichern sich so in unserem Körper an. PFAS können die Cholesterinwerte im Blut steigern, der Leber schaden, die Wirkung von Impfungen vermindern,
- das Immunsystem schädigen und sogar Krebs erzeugen. Und mit PFAS belastete Neugeborene haben häufig ein geringeres Geburtsgewicht.
- Laut einer Studie aus dem Jahr 2020 ist jeder Mensch in Deutschland mit PFAS belastet. Ab welcher Konzentration PFAS die Gesundheit konkret gefährden, weiß man nicht genau.
- Sicher ist, sie sind ein Risiko für den menschlichen Organismus. Einzelne Substanzen sind inzwischen verboten. Doch nicht die gesamte PFAS-Stoffklasse.
- Sie finden weiterhin Verwendung und bleiben auch in unserem Wasser. Aber das könnte die Lösung sein, der sogenannte vierte Aggregatszustand.
- Nicht fest, nicht flüssig, nicht gasförmig, sondern Plasma. Es umgibt Blitze, es steckt in Feuer. Es lässt Sterne leuchten. Es erschafft Nordlichter,
- ein extrem heißes Gas, das aus einem Gemisch von Ionen, Elektronen und neutralen Teilchen besteht. Und dieses Plasma, so die Perspektive aktueller Forschung, könnte PFAS aus unserem Wasser entfernen.
- Am Frauenhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart entwickelten Paul Reichle und Dr. Jakob Barz dafür eine spezielle Apparatur.
- Was das Plasma leisten kann, demonstrieren die Forscher an diesem braunen Sickerwasser aus einer Mülldeponie. Es enthält so viele Gift- und Schadstoffe, darunter PFAS,
- dass Versuche nur mit Atemmaske und Gummihandschuhen durchgeführt werden. Für den Reinigungsprozess des kontaminierten Wassers wird es
- in einen aufrechtstehenden Glas- und Edelstahl-Zylinder gegeben und nach oben gepumpt. Durch einen Spalt fließt es außen entlang wieder nach unten.
- Zwischen dem inneren Rohr und dem äußeren Gitternetz liegt eine hohe Spannung an. So entsteht Plasma, durch das unser Gemisch geleitet wird.
- Sichtbar ist es nur in völliger Dunkelheit. Wenn das verunreinigte Wasser durch die Plasmazone fließt, entlädt sich das Plasma, bricht dabei
- die PFAS-Molekülketten auf und verkürzt sie so. Bei jedem Durchgang werden die PFAS-Ketten weiter reduziert, bis sie vollständig aufgespalten sind
- und nicht mehr nachgewiesen werden können. In unserem Test durchläuft das schmutzige Wasser den Prozess 40 mal. Dann die erste Probe.
- [J. B.] Wir sehen jetzt hier einmal das unbehandelte Deponie-Sickerwasser. Das sieht man hier an dieser tiefbraunen Verfärbung.
- Und das hier ist dann nach dem Plasma-Reinigungsprozess. Dann kann man hier schön sehen, wie sich das auch entfärbt hat
- und damit dann auch ein Großteil der Schadstoffe entfernt worden ist. [H. L.] Was heute im Labor schon vielversprechende Ergebnisse liefert,
- könnte in Zukunft fester Bestandteil der Trinkwasseraufbereitung werden. Zum Beispiel als eine eigene Reinigungstufe in Klärwerken.
- Noch muss das Plasma-Verfahren an die Dimension in Klärwerken angepasst, geprüft und finanziert werden. Bis dahin bleiben PFAS im Trinkwasser eine Gefahr.
- Wichtig ist es deshalb, schon möglichst reines Wasser in den Kreislauf einzuspeisen. Die Mitarbeitenden aus Roland Schicks Labor entnehmen regelmäßig Wasserproben aus verschiedenen Tiefen des Bodensees.
- Dafür wird eine Hülse mit offenen Boden und Deckel an einem Stahlseil in die entsprechende Wassertiefe hinabgelassen. Ein Fallgewicht wird am Seil hinterher geschickt,
- das durch sein Gewicht Boden und Deckel der Hülse beschließt. Die Wasserproben werden später im Labor analysiert, um potenzielle Giftstoffe im Bodenseewasser rechtzeitig aufzuspüren.
- [H. L.] Wie ist das denn, PFAS ist ja nicht das einzige, um das ihr euch kümmern müsst, oder? [R. S.] Wir haben hier das Glück, dass der Bodensee ein sehr, sehr großes Einzugsgebiet hat.
- [H. L.] Ja. [R. S.] Über 1.500 Meter Höhe in den Alpen. Dort gibt es also wenig Landwirtschaft.
- Dort gibt es wenig Industrie, sodass wir verhältnismäßig wenig Spurenstoffe haben. [H. L.] Roland, das hört sich ja schon ein bisschen nach dem Idealfall an. Jetzt ist ja der Bodensee praktisch der Anfang.
- Was könnte man sagen, von so einer langen Wasserkette? Wie sieht denn das aus, wenn es um den Rhein geht und Wasserversorgung da entlang?
- [R. S.] In Deutschland oder auch in Frankreich beginnt ja das Ganze. Dort ist sicherlich mehr Industrie und auch Schifffahrtstraßen und so weiter.
- Dort können Unfälle passieren. Von dieser Seite her sind dort natürlich mehr
- Gefährdungspotenzial und mehr Einträge von Spurenstoff zu erwarten. Die Niederländer sind dann letztendlich das letzte Glied in dieser Kette.
- Und gerade hier in den Niederlanden, kurz bevor der Rhein ins Meer mündet, ist der Fluss die wichtigste Trinkwasserquelle.
- Denn Trinkwasser aus dem Grundwasser zu entnehmen, hätte in dieser Region fatale Folgen. Ins Grundwasser nachfließen würde kein Süßwasser, sondern Meer- oder zumindest Brackwasser,
- das die Grundwasser-Depots versalzt. So ist man hier auf das Oberflächengewässer Rhein als Trinkwasserquelle angewiesen. Anders bei uns.
- 70 % des Wassers, das durch Deutschlands Hähne läuft, stammt nicht direkt aus den Bergen oder vom Oberflächenwasser, sondern kommt aus der Tiefe.
- Das Grundwasser. Das Grundwasser wird gespeist durch die Regenfälle und die werden bei dem Durchdringen der Bodenschichten allmählich filtriert.
- Das heißt, der technisch-maschinell aufwendige Teil der Wasserreinigung geschieht hier auf ganz natürliche Weise. Das Wasser wird gesäubert, wenn es Meter um Meter durch das Gestein dringt.
- Und dort kommt es in einen unwirtlichen Lebensraum, der konstant kalte und dunkle Bedingungen besitzt, in dem aber ein hoher Druck herrscht. Und dort gibt es Lebewesen,
- man könnte sie fast außerirdisch nennen. Die helfen dabei, dass unser Wasser so sauber ist. Noch. Wobei außerirdisch trifft es nicht ganz. Eher unterirdisch.
- Tief unter dem Pfälzerwald herrscht ein Leben, das noch nie das Tageslicht gesehen hat. Denn hier unten verbirgt sich ein enormer Grundwasserspeicher
- mit einer ganz speziellen unterirdischen Putzkolonie. Dr. Hans Jürgen Hahn ist diesen Organismen auf der Spur.
- Das Grundwasser dient hier den lokalen Wasserversorgern als Trinkwasserquelle. An hunderten Brunnen tritt es zutage.
- Hahn nimmt an einem nahegelegenen Überlauf des Brunnens Proben für seine Arbeit. [H.-J. H.] Die Tierproben, die nehmen wir jetzt hier,
- weil das hygienisch unbedenklich ist, man kommt gut dran, es lässt sich gut arbeiten. [H. L.] Hahn interessiert, welche und wie viele Tiere sich im Grundwasser befinden.
- Wir haben ein ganz feines Netz mit 0,06 mm Maschenweite. Das Wasser fließt dann in dieses Gefäß hinein. Die weitere Auswertung erfolgt dann an der Universität Koblenz-Landau.
- In Hahns Labor, unter dem Binocular. [H.-J. H.] So, da haben wir einen Muschelkrebs, ganz typisch fürs Grundwasser, durchscheinend, blind, farblos.
- In der Ökologie spielen sie insofern eine Rolle, als sie eben, wie die meisten Tiere im Grundwasser, das eingetragene organische Material fressen, letztendlich also nichts anderes machen, als das Wasser reinigen.
- Grundsätzlich ist die Lebensspanne solcher Grundwassertiere immer sehr viel höher, als bei Oberflächenarten, weil der Stoffwechsel stark verringert ist.
- Von Grundwasserasseln wissen wir, dass sie bis zu 15 Jahre alt werden, während die Verwandtschaft in Oberflächengewässern mal ein halbes, ein Dreivierteljahr Alter erreicht.
- [H. L.] Das extrem lange Leben ist durch die konstant kalten und dunklen Bedingungen unter der Erde möglich. Diese augenlosen Schnecken, Würmer und Krebstiere spielen eine
- sehr wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung unserer Grundwasserqualität. Denn sie ernähren sich von Bakterien, die in zu großer Zahl Biofilme bilden.
- Die schleimige Schicht verstopft die Gesteinsporen, die wiederum für die Reinigung des Wassers wichtig sind. Indem die Grundwassertiere den Bakterienfilm abfressen, halten sie die Poren im Gestein frei.
- Das Problem: Die Grundwassertiere reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen. Gewohnt sind sie eine Temperatur von konstant etwa zehn Grad Celsius.
- [H.-J. H.] Das Entscheidende ist, dass die Grundwassertiere über Jahrmillionen an diese Verhältnisse angepasst sind
- und damit kommen sie bestens zurecht, im Gegensatz zu den Oberflächenarten. Aber wenn sie jetzt Temperaturspannungen erzeugen, dann betrifft es die Tiere direkt in ihrer Physiologie.
- [H. L.] Die Folge? Die Grundwassertiere sterben. Schon bei einer Schwankung von nur wenigen Grad Celsius. Dass durch den Klimawandel die Temperaturen ansteigen, ist klar.
- Das Problem verschärft sich durch den Ausbau von Kellern, Tiefgaragen, Tunneln, Kanalisationen. Wo der Mensch sich den Untergrund erschließt, nimmt auch die Bodentemperatur zu.
- Von ursprünglich konstant acht bis zwölf Grad Celsius auf bis zu zwanzig Grad Celsius. Fatal ist, wenn der Mensch die Wärme sogar aktiv in den Boden einträgt,
- nämlich dort, wo Geothermie-Anlagen im Sommer praktisch umgekehrt genutzt werden. Sie sollen als Klimaanlagen Bürokomplexe kühlen.
- Dafür entnimmt man kaltes Grundwasser, das seine Kühle per Wärmetauscher abgibt, sich dabei erwärmt und anschließend wieder zurück ins Erdreich geschickt wird.
- Und auf diese Wärme reagieren die Grundwassertiere empfindlich. Auch wenn diese Doppelnutzung der Geothermie auf den ersten Blick schlau und ökonomisch erscheint,
- letztlich wird unsere Grundwasserqualität darunter leiden. Forschung wie die von Hans Jürgen Hahn ist deshalb so wichtig.
- Denn nur, wenn mehr über das fragile Leben in unserem Grundwasser bekannt ist, können wir es auch schützen. Der Klimawandel hat nicht nur Auswirkungen auf die Qualität, sondern auch auf die Quantität des Wassers.
- Über 20 % Verlust an Grundwasser konnten Forschende in den letzten zwei Jahrzehnten messen. Das sind durchschnittlich 760 Milliarden Liter Wasser pro Jahr.
- In Summe so viel wie ein Drittel des Bodensees. [R. S.] Auch als Trinkwasserversorger spüren wir den Klimawandel.
- Und wir werden hier eine Verschiebung erfahren und zwar eine jahreszeitliche Verschiebung. Im Normalfall ist der See hoch im Sommer und im Winter niedrig.
- [H. L.] Mit dem Klimawandel wird sich dieser Zyklus umkehren. Warme Winter, die statt Schnee Regen bringen, lassen den See anschwellen.
- Heiße und trockene Sommer hingegen senken den Pegel des Bodensees ab, wie im Sommer 2023. Wann wird unser Wasser knapp?
- Der Hydrologe Dr. Johannes Cullmann erforscht für die UNESCO weltweit die komplizierten Wasserkreisläufe, auch in Deutschland.
- Im weltweiten Vergleich gehören wir zu den großen Wasserverlieren. [J. C.] Unsere Umwelt ist ja ein träges System.
- Wir merken immer erst, dass Grundwasser fehlt, wenn der Wald schon abgestorben ist. Wir wissen, dass wir 2050 wahrscheinlich keinen signifikanten Beitrag mehr
- aus unseren Gletschern haben werden. Praktisch verbrauchen wir im Moment unsere Gletscher, die schmelzen ab.
- Das ist dann, wie wenn wir Öl verbrauchen, das ist sozusagen eine nicht erneuerbare Ressource. Also lange Zeit war ja das Thema Wasser in Deutschland eigentlich gar kein Thema.
- Wasser war immer da, es war immer genügend Wasser da. Wenn man das jetzt so an sich vorüberziehen lässt, Johannes, wie ist es denn zu diesen bedenklichen Entwicklungen gekommen?
- [J. C.] Wir verbrauchen zu viel und wir haben Änderungen in unserem System, also unser Grundwasserspeicher ist weniger geworden in den letzten 20 Jahren
- und da fangen wir jetzt gerade an, den Preis zu bezahlen. Ein interessanter Fakt ist auch: Für jedes Grad Erderwärmung haben wir 7 % mehr Wasser in unserer Atmosphäre.
- Das Wasser verdunstet und wird von den Pflanzen als Kühlung transpiriert. Und dieses Wasser wird immer mehr, was in Deutschland verdunstet,
- weil wir längere, heißere Sommerperioden haben. Und das heißt, es geht mehr Wasser aus unserem verfügbaren Wasserkreislauf in die Atmosphäre zurück.
- Und dieses Wasser versickert dann nicht ins Grundwasser herein. Und dazu kommt noch bei längeren Trockenperioden hat der Boden einen scheußlichen Effekt.
- Wenn der Boden sehr trocken ist, und ich gieße Wasser darauf, und das kann jeder mal zu Hause probieren,
- dann fließt das Wasser einfach ab. Dann versickert es nicht, sondern der Boden nimmt erst Wasser auf, wenn er schon eine gewisse Vorfeuchte hat.
- Und wenn ich dann sehr trockene Böden, einen sehr trockenen Sommer habe und dann Sommergewitter, dann läuft mir die ganze Brühe einfach weg, anstatt ins Grundwasser reinzusickern.
- Also wenn wir uns nicht genügend um unser Wasser kümmern, was wird aus Deutschland, was wird aus Europa bis Ende des Jahrhunderts?
- Wenn wir gar nichts machen, dann werden wir in extremere Wassersituationen reinlaufen, sowohl Hochwasser als auch Niedrigwasser.
- Uns wird Bewässerungswasser fehlen und wir werden Wasserqualitätsprobleme bekommen, die teurer sind. Wir werden also einfach sehr, sehr, sehr, viel mehr Geld bezahlen müssen, in 20, 30, 40 Jahren.
- Und wir vererben damit eine Schuld an die nächste Generation. Was müsste man denn tun, damit Deutschland auch in 30 Jahren noch ein "grünes Land" ist
- mit genügend Wasser für alle? Man kann da jetzt nicht einfach irgendwo Wasser herholen und da reinpumpen,
- sondern es geht darum, möglichst resiliente natürliche Systeme zu schaffen. Was immer hilft ist, eine Flussaue zu renaturieren, einen Moor zu renaturieren,
- das sind unsere natürlichen Speicher für Wasser. Und ein Beispiel liegt hinter uns. Wir sind am schönen Bodensee.
- Der Bodensee ist der letzte nicht regulierte große See in Europa. [H. L.] Oh, wow. [ J. C.] Und so eine Regulierung würde dann bedeuten,
- dass man im Seeabfluss ein Wehr installiert. Und wenn viel Wasser im See ist, das dann ableitet und wenn wenig Wasser da ist
- und es regnet, das dann speichert und nicht noch abfließen lässt. Wie würde Deutschland an der Oberfläche 2050/2060 aussehen, wenn wir es gut machen?
- Wenn wir es gut machen, und wir können das in Deutschland, weil wir das Wissen und das Geld haben, und wir haben eine Lage in Europa, die uns das ermöglicht, von den Niederschlägen, die wir bekommen.
- Wir können in einem grünen, wasserreichen Land leben, wo die Landwirtschaft genug Wasser bekommt und wir sauberes Trinkwasser aus unser Umwelt haben können.
- Aber das geht eben, wenn wir jetzt schon anfangen, diese Systeme uns als Gesellschaft vorzustellen und dann auch zu wollen und umzusetzen.
- Ja, sehen Sie, am Ende war die Ente eben doch dabei. So viel zu dem Satz: "Die Ente bleibt draußen."
- Erinnern Sie sich noch an den Satz von Johannes Cullmann? "Die Deutschen verbrauchen zu viel Wasser." Damit sind nicht nur die 121 l Trinkwasser gemeint, die wir jeden Tag im Haushalt nutzen.
- Der echte Wasserverbrauch, der verbirgt sich im Virtuellen. Virtueller Wasserverbrauch, so nennt das Bundesumweltamt den Verbrauch
- der Deutschen pro Kopf, pro Tag, wenn man den indirekten Verbrauch mit einberechnet. Also alles Wasser, was in der Landwirtschaft und in der Industrie
- für unsere täglichen Bedürfnisse genutzt wird. Die Herstellung von Essen, Kleidung, Computern, Smartphones, Autos, Möbeln, alles was wir konsumieren.
- Und ich sage Ihnen, da wird es einem ganz anders, wenn man die Zahlen hört. Laut Hochrechnungen des Bundesumweltamtes sind das 7.200 l pro Kopf, pro Tag.
- 7.200 l, das ist so viel Wasser, dass mein Badezimmer, wie auf dem Bild zu sehen, ca. 1 m geflutet würde. Und das ist nur mein täglicher Wasserverbrauch.
- 7.200 l Wasser pro Kopf und pro Tag. Diese Zahl zeigt, dass wir das drohende Szenario eines Wassermangels nur gemeinsam bearbeiten können.
- Wir Konsumenten, also Sie und ich, wir sollten nicht nur auf unseren Trinkwasserverbrauch achten, sondern auch darauf, dass wir nicht indirekt zu viel Wasser verbrauchen – durch unser Konsumverhalten.
- Aber auch Landwirtschaft, Industrie, Politik, ja sogar die Forschungsgemeinschaft selbst sind gefragt. Denn eines ist sicher: Wasser ist so ziemlich das Wertvollste, das uns der Planet zu bieten hat.
Zum Nachlesen
Harald LeschHarald Lesch (* 28. Juli 1960 in Gießen) ist ein deutscher Astrophysiker, Naturphilosoph, Wissenschaftsjournalist, Fernsehmoderator und Hörbuchsprecher.
AstrophysikDie Astrophysik befasst sich mit den physikalischen Grundlagen der Erforschung von Himmelserscheinungen und ist ein Teilgebiet der Astronomie.
PhysikDie Arbeitsweise der Physik besteht in einem Zusammenwirken experimenteller Methoden und theoretischer Modellbildung. Physikalische Theorien bewähren sich in …
NaturwissenschaftUnter dem Begriff Naturwissenschaft werden Wissenschaften zusammengefasst, die empirisch arbeiten und sich mit der Erforschung der Natur befassen.