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Die unfaire Wahrheit hinter der Erderwärmung | Harald Lesch | Terra X Lesch & Co
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 170 Zeilen
- Das reichste 1 % der Menschheit emittiert mehr Kohlendioxid als die ärmsten 66 %. Das ist natürlich ein Ding.
- Und aus der deutschen Bundesregierung heißt es ... Wir stellen ungefähr 2 % des Problems dar, was CO2-Emissionen betrifft.
- Ob wir hier in Deutschland was machen oder nicht, das spielt eigentlich keine so große Rolle. Also, ob in China ein Sack Reis umfällt und so weiter. Diese Argumente.
- Übrigens mit dem gleichen Argument könnte ich auch das Zahlen meiner Steuern einstellen. Denn das spielt auch keine Rolle, ob ich was bezahle oder nicht.
- Es geht hier um das Thema Klimagerechtigkeit. Wie gehen wir denn damit um?
- Mit diesem Kohlenstoffabgrund, der sich da auftut. Klimagerechtigkeit. Darum geht es hier nämlich.
- Das sind ja zwei Begriffe, die zunächst einmal gar nichts miteinander zu tun haben. Klima ist ein naturwissenschaftliches Thema aus der Klimaforschung.
- Da ist Meteorologie dabei, Physik dabei, Geophysik und so weiter und so weiter. Klima ist das über 30 Jahre gemittelte Wetter.
- Ist also eine Erscheinung der Atmosphäre im Zusammenhang mit allen möglichen Teilen des Erdsystems. Ganz klare Naturwissenschaft.
- Gerechtigkeit ist ein Bewertungsbegriff. Kommt gar nicht aus den Naturwissenschaften.
- Die Naturwissenschaften reden über Messwerte. Gerechtigkeit ist ein Wert. Ein Wert, nach dem wir leben.
- Wir möchten möglichst in einer gerechten Gesellschaft leben, in der die Lasten gerecht verteilt sind. Das heißt, das ist ein Bewertungsbegriff. Kommt aus der Ethik.
- Wann ist eine Gesellschaft gerecht? Handelt sie gerecht? Schauen wir uns also an, was das hier bedeutet.
- Klimagerechtigkeit, da Klima ein globales Phänomen ist, muss auch die Gerechtigkeitsfrage eine globale Frage sein. Und schon mal vorab, dass das klar ist.
- Da, wo die Treibhausgasemissionen entstehen, in den reichsten Ländern der Welt, da finden vorwiegend nicht die Folgen dieser Emissionen statt.
- Da gibt es auch ein paar Folgen, aber da, wo es richtig wirkt, sozusagen, die Treibhausemissionen, das ist bei den ärmsten Menschen der Welt.
- Auf dem ganzen Globus. Und da stellt sich schon die Frage der Gerechtigkeit.
- Und diese Frage ist 2019 in einer Oxfam-Studie mal angesprochen worden. Das ist die größte Studie zum Thema globale Klimaungerechtigkeit sogar.
- Also, um es auf den Punkt zu bringen, 77 Millionen der reichsten Menschen der Welt verursachen 16 % der Treibhausgasemissionen.
- So sieht's aus. 77 Millionen Menschen auf der Welt verursachen 16 % der Treibhausgasemissionen.
- Es ist unvorstellbar. Unvorstellbar. Was die reichsten Menschen der Welt für eine Emission pro Kopf verursachen.
- Das kann man jetzt eigentlich an der Stelle erst mal so stehen lassen. Dann kann man es noch ein bisschen anders formulieren.
- Ein Prozent heben die CO2-Einsparung durch fast eine Million Onshore-Windräder auf. Oder vielleicht so.
- Es bedürfte 1.500 Jahre für jemanden in den unteren 99 % der Weltbevölkerung, um genauso viel Kohlendioxid freizusetzen wie die reichsten Milliardäre innerhalb eines Jahres.
- Also, die reichsten ein Prozent mit all ihren ganzen großartigen Statussymbolen des Reichseins, zu Lande, zu Wasser und in der Luft.
- An Immobilien, Schiffen, Flugzeugen und was weiß ich noch alles. All diese ganzen wunderbaren Geschichten.
- Die produzieren also durch ihre Emissionen natürlich an irgendwelchen Stellen, und zwar vor allen Dingen dort, wo ganz besonders viele arme Menschen sind, eine große Unmenge an Leid.
- Ich meine, das ist doch eine ethische Situation, die dringend der Diskussion bedarf. Das kann doch nicht wahr sein, dass wir das einfach so lassen.
- Man kann die Konsequenzen der zusätzlichen Emissionen, überhaupt der Emissionen, kann man ausrechnen.
- In den USA gibt es eine Umweltbehörde, die hat mal eine Mortalitätsformel entwickelt. Und danach kann man so Pi mal Daumen sagen,
- 226 überschüssige Tote auf der Welt pro eine Million Tonne CO2. Nach dieser Rechnung wären die Emissionen des reichsten ein Prozent
- für 1,3 Millionen Tote in den nächsten Jahrzehnten verantwortlich. Und hauptsächlich sind es eben die Menschen der ärmsten Gesellschaften.
- Die UN sagt, also ich habe gar keine Worte dafür, 91 % der Tode durch Extremwetter geschehen in Entwicklungsländern.
- Das ist doch Wahnsinn. Wo bleibt eigentlich der globale Untersuchungsausschuss für all die Millionen Tote,
- die die Emissionen in den reichsten Ländern zu verantworten haben? Wo bleibt der eigentlich?
- Bei jeder Aktion, die bei uns passiert, bei jeder Katastrophe, gibt es sofort hinterher einen großen Untersuchungsausschuss, der sagt,
- ja, jetzt müssen wir herausfinden, welche Fehler gemacht worden sind. Aber global haben wir sowas nicht.
- Dabei wüssten wir sofort, wo wir anfangen müssen, welche Fehler gemacht werden. Nämlich, wir haben viel zu hohe Emissionen. Vor allen Dingen in den reichsten Ländern.
- Übermäßige Emissionen. Und dann kommen die Deutschen und sagen, ja, wir haben ja nur zwei Prozent der aktuellen Emissionen.
- Aktuell, ja, bei den jetzigen Emissionen. Das mag ja sein, aber erstens sind wir Exportweltmeister gewesen über lange, lange Zeit.
- Das heißt, wir haben Emissionen verkauft. Und zwar gewaltig viele Emissionen. Insbesondere auch durch die Art und Weise, welche Maschinen wir verkauft haben.
- Verbrennungsmotoren haben wir verkauft. Und deshalb wurden woanders Emissionen produziert. Da kann man natürlich sagen, ja, aber irgendwo muss das Wirtschaftswachstum ja herkommen.
- Ja, aber aktuell sehen wir vor allen Dingen die Wirkung dieses Wirtschaftswachstums in Form von Abfällen, die wir in die Luft gelassen haben.
- Aber es gibt da etwas, ich glaube, das kann man gar nicht hoch genug hängen. Das hat etwas mit einem naturwissenschaftlichen Effekt zu tun.
- Also, ich rede jetzt ausdrücklich nur über Naturwissenschaften und komme dann später wieder auf die andere Seite zur Bewertung zurück.
- Ich gehe jetzt also von der Bewertungsfrage, der Gerechtigkeitsfrage, die sich hier stellt wie ein Elefant in der Küche, zunächst einmal wieder zu einem kleinen Mäuschen,
- nämlich zu den Werten, zu den Messwerten. Und bei den Messwerten, nämlich der Bemessung von Kohlendioxid, fällt etwas auf.
- Dieses Molekül. Also das Kohlendioxid. Bleibt sehr lange in der Atmosphäre.
- Und dann ahnt ihr vielleicht schon, worauf es jetzt hier eigentlich ankommt. Das ist nicht die aktuelle Emission, die hier eine Rolle spielt.
- Seit wann machen wir denn das im globalen Ausmaß, dass wir große Mengen an Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen?
- Natürlich seit der Industrialisierung. Und dann könnt ihr einfach mal in euren Geschichtsbüchern nachgucken,
- wann das wo angefangen hat. Wir haben da hier schon mal was vorbereitet.
- Man kann also praktisch entlang des nächsten Filmes, kann man mal sehen, wann welches Land sozusagen der größte Emittent von Kohlendioxid war.
- Und Deutschland ist da ganz vorne mit dabei. Deutschland gehört seit einigen Jahrzehnten zu den reichsten Ländern der Welt.
- Unter anderem deshalb, weil es mehrere Wirtschaftswunder hinter sich gebracht hat. Und deshalb gehört Deutschland zu den Verantwortlichen auf diesem Planeten.
- Verantwortlich für die große Menge an Kohlendioxid in der Atmosphäre, die sich dort angesammelt hat. Die angesammelte Menge von Kohlendioxid ist es nämlich.
- Weil das Zeug da oben nicht verschwindet. Die mit dafür sorgt, dass die Temperatur ansteigt. Wir haben einen klaren Zusammenhang zwischen der kumulierten Kohlendioxidmenge
- in der Atmosphäre und der Temperatur. Das heißt, alle Stammtischgespräche darüber, was denn daran schuld sein könnte, hier ist die Antwort.
- Nämlich die kumulierte CO2 Menge in der Atmosphäre. Die korreliert direkt mit der globalen Mitteltemperatur. Damit sind alle Diskussionen überflüssig.
- Wir sehen es direkt. Jetzt können wir es direkt sehen. Sieht aus wie ein Hund, bellt, hat vier Pfoten, liegt in einer Hundehütte und gauzt.
- Also, ist ein Hund und keine Giraffe. Damit ist das schon mal klar. Und Deutschland gehört eben aktuell zu 2 % Emissionen.
- Aber in der historischen Betrachtung ist es auf dem vierten Platz. Vor ihr nur noch die Vereinigten Staaten, China und Russland.
- Und alle anderen Länder sind in dieser Statistik schon hinter uns. Wir haben also sehr wohl eine Verantwortung für die globale Klimagerechtigkeit.
- Und was für eine. So weit, so schlecht.
- Man kann mal einen Blick darauf werfen, was die Reichsten der Reichen auf diesem Planeten tatsächlich so verursachen.
- Also die 0,1 % der Reichsten mit ihren Superyachten, Privatflugzeugen, Weltraumtourismus, Doomsday-Bunkern und was weiß ich noch alles.
- Was verursachen die? Die verursachen Emissionen, die 77-mal höher sind als das obere Limit,
- das nötig wäre, um die Klimakrise bei 1,5 Grad zu stoppen. 77-mal höher. 77-mal höher.
- Das ist unvorstellbar. Also ich will es nur mal sagen. Um 100 % wäre also dann praktisch verdoppelt.
- 77-mal höher könnt ihr selber ausrechnen. Und es ist ja nicht nur so, dass diese Leute irgendwelche teuren Spielzeuge haben,
- mit denen sie sich von A nach B bewegen, um ihre Körper der Sonne auszusetzen oder irgendwelchen anderen Geschichten.
- Sondern die haben ja auch Geld. Die haben Firmenanteile. Und nicht nur das, sie haben große Firmenanteile.
- Und damit können sie sich Einfluss erkaufen. Wir erleben es ja überall auf der Welt, wie diese Einzelpersönlichkeiten
- immer stärkeren und stärkeren Einfluss sogar auf politische Gegebenheiten nehmen. Also, wie kann man denn in einer solchen Situation diesen nicht nur geldmäßig Überreichen,
- sondern auch noch einflussreichen Reichen entgegentreten? Wie kann man sich sein Recht verschaffen?
- Wie kann man um Gerechtigkeit kämpfen gegen diese Einflussreichen? In Deutschland geht das.
- Unser Rechtsstaat erlaubt das. Und da gab es in letzter Zeit tatsächlich auch ein interessantes Verfahren.
- Es geht dabei um die zivilrechtliche Klage eines peruanischen Bauern mit Namen Saúl Lliuya gegen den deutschen Konzern RWE.
- Was ist die Lage? Die Situation ist, Lliuya lebt in der Nähe eines Gletschersees.
- In Peru. Und dieser Gletschersee wächst. Warum wächst er? Weil die Gletscher schmelzen. Warum schmelzen die Gletscher?
- Wegen der Klimakrise. Wer ist verantwortlich für die Klimakrise? Naja, vor allen Dingen die CO2-Emittenten. Und die RWE gilt als eine der ganz großen Emittenten.
- Nicht nur jetzt, sondern auch historisch gesehen. Wieso kann ein peruanischer Bauer vor einem deutschen Gericht klagen?
- Und was ist denn bei dem Verfahren jetzt eigentlich rauszukommen? Was für ein Urteil ist denn da gesprochen worden?
- Fragen wir eine Rechtswissenschaftlerin. Nämlich Dr. Jannika Jahn vom Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg.
- [HL] Hallo Frau Jahn, ich grüße Sie. Hallo. [JJ] Hallo, Herr Lesch.
- [HL] Frau Jahn, was wurde denn bei dieser Klage vor dem Oberlandesgericht da eigentlich gefordert von der RWE? [JJ] Kläger war der peruanische Bauer Lliuya. Und der sah sich der Situation ausgesetzt,
- dass sein Haus durch einen Gletschersee geflutet werden könnte, weil der Gletscher drohte zu schmelzen. Und er wollte nun einen Schutzwall gegen diese potenzielle Flutung errichten.
- Und zur Errichtung dieses Schutzwalls verlangte er nun von RWE, anteilig die Kosten zu übernehmen. Und dieser Anteil sollte dem Anteil entsprechen, der Emissionen,
- die RWE ausgestoßen hat seit der Industrialisierung. Konkret forderte der Bauer 13.000 Euro für die Errichtung dieses Schutzwalls.
- [HL] Und warum kann ein peruanischer Bauer in Deutschland klagen? [JJ] Ja, das kann man sich in der Tat fragen.
- In Deutschland wurde geklagt, weil RWE, eines der größten CO2-Emittenten weltweit, seinen Hauptsitz in Deutschland, konkret in Essen, hat.
- Die zivilrechtliche Anspruchsgrundlage für das Verfahren war Paragraph 1004 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Das ist der sogenannte Nachbarschaftsparagraph, der eigentlich für Nachbarschaftsstreitigkeiten gedacht ist.
- Da geht es oft um Hecken und Bäume, die umfallen. Das ORG hat diesen Paragraphen nun auf einen Bauern in Peru angewandt,
- also letztlich auf ein globales Nachbarschaftsverhältnis. Und das ist in der Tat eine bemerkenswerte Rechtsentwicklung.
- [HL] Frau Jahn, warum RWE und nicht Shell oder ESSO oder BP oder sowas? [JJ] Erstmal gehört RWE natürlich zu den größten CO2-Emittenten Europas, deswegen RWE.
- Warum nicht Shell oder ein anderes Unternehmen? Die Klägerseite war hier vertreten von Roda Verheyen, einer Anwältin, die in Deutschland tätig ist.
- Das heißt, sie war auf der Suche nach einem Unternehmen quasi oder sie vertritt eben in Deutschland. Und außerdem gibt es eben in anderen Ländern, gab es auch schon und gibt es andere Verfahren.
- Nur in Deutschland war eben kein vergleichbares Verfahren anhängig. Und man war auch der Ansicht, dass die deutsche Rechtsordnung mit Paragraph 1004, BGB,
- hier auch rechtliche Möglichkeiten eröffnet, solche Klagen zum Erfolg zu führen. Und das wollte man deswegen mit RWE testen.
- [HL] Am Ende ist aber die Klage abgewiesen worden und trotzdem wird es ja in den Klimaschutzkreisen durchaus als ein Erfolg gefeiert.
- Könnten Sie das nochmal einordnen? [JJ] Genau, weil die Klage letztlich für schlüssig gehalten worden ist vom Gericht.
- Und das ist der springende Punkt. Das heißt nämlich, dass nach einer rein rechtlichen Prüfung, der Anspruch des Klägers bestanden hätte.
- Es kommt nun aber dann eben im Wesentlichen auf Beweisfragen an. Und in dem Verfahren ist es ja letztlich auch an der Beweisaufnahme gescheitert.
- Nämlich weil keine konkrete Gefahr für das Grundstück des Bauern bestand. Da die Wahrscheinlichkeit, dass das Wasser der Gletscherlagune in den nächsten Jahren
- sein Haus erreicht und beschädigt, laut Gutachten bei weniger als einem Prozent lag. Und damit reichten die Beweise für eine Haftung von RWE nicht aus.
- Dennoch hat das ORG in dem Verfahren verschiedenste rechtliche Einwände gegen eine solche Klimaklage ausgeräumt. Was eben dann doch für weitere Klimaklagen ein Grundbaustein ist.
- [HL] Also das heißt tatsächlich, dass man damit rechnen kann, in Zukunft immer häufiger auch von solchen Klagen zu hören.
- Weil hier so ganz grundsätzlich erstmal der Weg frei gemacht worden ist für diese Art von Klagen. [JJ] Das ist richtig.
- Also im Prinzip rechtlich ist solchen Klagen jetzt erstmal die Tür gehört. Man sollte sich allerdings vor Augen führen, dass der Nachweis
- der Kausalität in Klimaverfahren immer schwer sein wird. Und man sollte auch noch berücksichtigen, dass eine solche Prozessführung
- aus ganz praktischen Gründen oft scheitern kann. [HL] Wir haben jetzt seit vielen Jahrzehnten Klimaforschung.
- Wir wissen ganz genau, woran es liegt. Da gibt es gar keine Diskussion. Was muss denn noch passieren, bevor Gerichte ein für alle Mal den wissenschaftlichen Ergebnissen folgen
- und klipp und klar machen, dass jede Emission von CO2 grundsätzlich zu vermeiden ist? Warum tun wir das nicht? [JJ] Es ist ganz eindeutig, dass diese Unternehmen so und so viel Prozentbeitrag am Klimawandel haben
- durch die bisher ausgestoßenen Treibhausgase seit der Industrialisierung bis heute. Das kann man ganz eindeutig feststellen.
- Alle Gerichte stützen sich in ihren Urteilen bislang auf diese wissenschaftlichen Erkenntnisse. Zuletzt auch der Internationale Gerichtshof jetzt am 23. Juli bei der Veröffentlichung seines Gutachtens.
- Und dennoch sind eben in Gerichtsverfahren dann auch noch andere Fragen zu klären. Das heißt, woran das Verfahren letztlich gescheitert ist,
- waren keine Fragen der Verantwortung für den Klimawandel als solchen, sondern vielmehr die Zurechnung des Schadens dann quasi
- zu dieser Verursacherhandlung vermittelt durch den Klimawandel. Und das sind eben, würde ich sagen, auch die Knackpunkte.
- [HL] Wie ist denn Ihre Einschätzung? Kann man über den juristischen Weg dann sowas wie eine,
- wenigstens wie Vorformen von Klimagerechtigkeit erreichen? [JJ] Im Prinzip entspricht dies ja dem Gedanken der verantwortungsethischen Gerechtigkeit,
- wonach ein Schadensverursacher Verantwortung für die Folgen seines Tuns trägt. Gleichzeitig offenbart dieses Verfahren aber auch die Grenzen einer solchen engen
- Klimagerechtigkeit, da dies eine individuelle Klimagerechtigkeit ist. Hier wird einem individuellen Kläger geholfen, seine Kosten,
- die er nicht verursacht hat, letztlich stemmen zu können. Das Klimaproblem ist ja aber ein strukturelles Problem, das die gesamte
- Gesellschaft betrifft und insbesondere auch junge und künftige Generationen. Von daher wird hier auch der politische Prozess ganz besonders gefragt sein,
- auch Strukturmaßnahmen zu ergreifen. Das können Gerichte nicht tun. Dafür sind sie auch institutionell nicht gedacht.
- Dennoch können die Klimaklagen eine wichtige Funktion übernehmen. Sie können nämlich den Druck auf den Gesetzgeber erhöhen, zu solchen Lösungen zu kommen.
- Und zugleich können sie Druck auf die Großemittenten ausüben, wenn etwa hohe Schadensersatzzahlungen drohen
- oder aber der Aktienwert des Unternehmens wegen Klagewellen einbricht. Dann werden diese Unternehmen wohl eher dazu bewegt werden,
- auch hier strukturelle Maßnahmen innerhalb des Unternehmens zu ergreifen. [HL] Frau Jahn, vielen Dank und alles Gute. [JJ] Ja, sehr gerne.
- [HL] So, ihr habt es ja gehört, es ist gar nicht so einfach. Es gibt diese verschiedenen Argumente, nämlich die von der großen Verantwortung
- und die hat das Gericht zugelassen. Das ist ganz wichtig. Das Gericht hat zugelassen, dass auch in Zukunft Menschen
- vor Gericht gehen und sagen, ich kann hier eine Klage führen. Aber bei der Tatsachenfeststellung, also der Beweisführung für den Einzelfall,
- da kann es trotzdem sein, dass obwohl das Gericht die Verantwortung hier klar anerkennt, die ein Unternehmen wie zum Beispiel die RWE hat, trotzdem immer noch die Klage abgewiesen wird,
- weil in dem Einzelfall eben die Tatsachen dafürsprechen, nicht dafürsprechen, dass dieser Schaden, den der Kläger eigentlich jetzt ersetzt haben möchte, dass der tatsächlich stattfindet.
- Das ist schon interessant. Also man merkt schon in dem juristischen Bereich, da ist man bei so einem ganz
- klaren wissenschaftlichen Thema in einem ganz anderen Fahrwasser. Da gibt es die formalen Gründe, deswegen hat das auch so lange gedauert
- und dann gibt es die inhaltlichen Gründe und die sind nochmal aufgespalten. Also, ich bin erstmal froh, dass das Oberlandesgericht sozusagen,
- die Tür aufgemacht hat, dass hier vor Gericht überhaupt über die Frage der Verantwortung tatsächlich auch debattiert werden kann.
- Und dass möglicherweise in Zukunft auch Urteile gefällt werden, wo die entsprechenden Unternehmen dann tatsächlich auch bezahlen müssen.
- Gerechtigkeitsfragen sind immer Verantwortungsfragen und man muss sich natürlich die Frage stellen, inwieweit Unternehmen, die globale Gewinne einfahren, hier nicht auch eine globale Verantwortung haben,
- um irgendwie wenigstens in Teilen, einen Teil der Schäden, die sie mit verursacht haben, auch entsprechend in irgendeiner Form, ersetzen kann man ja nicht sagen, sondern finanziell abfedern.
- Also denjenigen, denen die Häuser genommen werden, weil die Brände da sind. oder denkt mal nur an die Inseln, die untergehen, weil der Meeresspiegel steigt.
- Warum steigt der Meeresspiegel? Weil das Wasser zu warm geworden ist, weil die Gletscher, die Festlandsgletscher, schmelzen und so weiter.
- Dass hier doch klar ist, wer ist Ross und wer ist Reiter. Wir müssen uns mal darüber im Klaren sein, das darf man einfach nicht vergessen,
- das kumulative, also das Schritt für Schritt, also diese Stufe für Stufe Verantwortung, dass eben über Jahrzehnte immer und immer mehr und mehr CO2 in der Atmosphäre ist
- und damit immer neue Klassen von Schäden auftauchen. Dass das natürlich irgendwann praktisch immer mehr Firmen in die Verantwortung zieht.
- Und das muss, das muss, in irgendeiner Form muss das auch sanktioniert werden. Und Oxfam hat da schon mal einen Vorschlag gemacht.
- Eine Studie von Oxfam, die ruft auf zu starken Vermögenssteuern für die Superreichen oder Übergewinnsteuern auch.
- Nämlich, es ist ja irre, dass es Gewinne gibt, die sind normal. Das ist normal.
- Und dann gibt es die Übergewinne. Zum Beispiel, wenn der Ölpreis wahnsinnig ansteigt, weil irgendwelche Krisen da sind.
- dann ist natürlich Unternehmen, die fossile Brennstoffe herstellen, die könnten dann schon richtig, richtig zweistellige Milliarden an Gewinnen.
- Laut Oxfam würde eine 60-prozentige Steuer auf die Einkommen der reichsten 1 % jedes Jahr mehr als 6 Billionen Dollar einspielen.
- Also präzise, schreibt Oxfam, wären es 6,4 Billionen Dollar. Das ist unvorstellbar.
- 6.400 Milliarden sind das. Und damit könnte man die Emissionen um knapp 700 Millionen Tonnen pro Jahr reduzieren.
- Das wäre doch schon mal was. Aber wie das so ist, natürlich, Steuern sind nationale Angelegenheit und ob das jemals kommt, wissen wir nicht.
- Aber ich denke, es wird Zeit, darüber nachzudenken. Denn die Kosten, die der globale Klimawandel überall auf der Welt verursacht, die sind eben doch dramatisch.
- Hoffen wir das Beste, dass wir irgendwann mal draufkommen, dass tatsächlich die Superreichen, wenn die Steuern bezahlen,
- es eigentlich gar nicht merken würden, dass sie Steuern bezahlt haben. Aber vielleicht muss man es ihnen nochmal sagen, dass sie da eine gewisse Verantwortung haben.
- Und vielleicht muss man es ihnen deutlicher sagen, als es bis jetzt gesagt worden ist. Was zieht man denn jetzt für ein Fazit? Ich will nur nochmal darauf zurückkommen.
- Also, das berühmte Argument, also meine Emission, das ist ja nur ein winzig kleiner Teil. Ich kann da gar nichts machen.
- Mit dem Argument könnte man auch Steuerzahlen einstellen. Da sind wir ja wieder beim Thema.
- Und natürlich sollten wir nicht das Steuerzahlen einstellen. Im Gegenteil.
- Der Staat braucht unser Geld, um Infrastrukturmaßnahmen für die Anpassung, für die Klimaanpassung, aber auch für den Klimaschutz insgesamt zu finanzieren.
- Und genau an der Stelle kann ich nur aufrufen an alle Milliardärinnen und Milliardäre und Millionärinnen und Millionäre oder was weiß ich.
- Verhaltet euch wie Menschen. Seid keine Monster. Was nutzt euch das ganze Geld, wenn die Welt kaputt geht, in der ihr lebt?
- Sorgen wir doch dafür, dass es eben auch in Zukunft eine Welt gibt, in der es für möglichst viele Menschen, das wäre Gerechtigkeit, für möglichst viele Menschen ein möglichst menschliches Leben möglich ist.
- Und was die konkreten Einzelentscheidungen betrifft, hier vielleicht noch eine kleine Anekdote. In Amsterdam hat man sich entschieden, den Flughafen für Privatflugzeuge in Zukunft zu sperren.
- Die können da nicht mehr landen. Ist ja mal ein Vorschlag.
- Vielleicht könnten andere Flughäfen dafür sorgen, dass eben die reichen Leute in den Maschinen fliegen, die ohnehin fliegen und die nicht noch extra unterwegs sein müssen.
- Kleiner Tipp.
Zum Nachlesen
Harald LeschHarald Lesch (* 28. Juli 1960 in Gießen) ist ein deutscher Astrophysiker, Naturphilosoph, Wissenschaftsjournalist, Fernsehmoderator und Hörbuchsprecher.
AstrophysikDie Astrophysik befasst sich mit den physikalischen Grundlagen der Erforschung von Himmelserscheinungen und ist ein Teilgebiet der Astronomie.
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NaturwissenschaftUnter dem Begriff Naturwissenschaft werden Wissenschaften zusammengefasst, die empirisch arbeiten und sich mit der Erforschung der Natur befassen.