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Rosch ha-Schana: Das Schofar und die Glocke @VladislavZeevSlepoy
Das Wichtigste aus dem Video
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Transkriptautomatisch erstellt · 72 Zeilen
- [Musik] Festgemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden. Frischgesellen sei zu Hand. Von
- der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß. soll das Werk den Meister loben, doch der Segen kommt von oben. Dies sind die ersten Verse aus dem Lied von der
- Glocke, einem der berühmtesten Gedichter der deutschen Literatur. In diesem philosophischen Gedicht beschreibt Friedrich Schiller den
- Herstellungsprozess einer Kirchenglocke. Darin baut er einzahlreiche Betrachtungen über das Leben und den Tod, über Mensch und über die
- Menschheit, über die Liebe, das Individuum, die Gesellschaft und über vieles andere. Das Lied von der Glocke preist schöpferische Kraft des Menschen,
- seine Vernunft, seine geistigen und physischen Fähigkeiten, aber zugleich zeigt es auch die Kehrseiten dieser Eigenschaften. Die schöpferische Kraft
- kann sich leicht in Kraft der Zerstörung verwandeln, die Liebe in Hass, der Frieden in Krieg. Dies alles spiegelt sich wieder oder genauer klingt in dem
- Geläut einer Kirchenglocke. Wir kennen diese Klänge. Jeder, der in einer europäischen Stadt und besonders in einem Dorf lebt, kennt das Geläut der
- Kirchenglocke. Die Glocke schlägt die Stunden. Sie läutet an Sonntagen um den christlichen Feiertagen. Ihr Klang ist ein ständiger
- Teil der europäischen Landschaft, denn mit der Freude Feierklange begrüßt sie das geliebte Kind auf seines Lebens erstem Gange, den es in Schlaffes Arm
- beginnt. Im ruhen noch im Zeitenoße die schwarzen und die heiteren lose der Mutter liebe zarte Sorgen bewachen seinen goldenen Morgen. Die Glocke ist
- die Begleiterin eines gläubigen Christen. Aber Synagogen haben keine Glocken. Dies ist auch nicht verwunderlich. Das Judentum war seit der
- Zerstörung der letzten Spuren jüdischer Staatlichkeit durch das römische Reich bis hin zur Gründung des Staates Israel eine Religion der Minderheit. Eine
- Minderheit dazu noch eine unterdrückte und verfolgte kann sich nicht erlauben zu auffällig zu sein. Während die Kirchenglocke die gläubigen Christen zum
- Messe der Mins die gläubigen Moslems zum Gottesdienst laut ruft. War es bei uns Juden in den Zeiten, wo nicht jedes Haus über eine Uhr verfügte? Der sogenannte
- Schulklopfer, ein von der Gemeinde Angestellter Mann, der früh am Morgen vom Fenster zum Fenster der Häuser ging, um die Juden zum Morgenengottesdienst
- durch sein leises Klopfen zu wecken. Das Judentum ist eine ruhige, eine bescheidene Religion. Unsere Gottesdienste und andere religiösen
- Handlungen spielen sich meist zu Hause oder in der Synagoge ab. Nur selten machen wir etwas religiöses unter freiem Himmel. Das Judentum kennt keine
- Glocken. Aber wir haben etwas anders. Wir haben das Schuffar, das jedes Jahr einen Monat lang unser Leben begleitet. Zum ersten Mal erklingt es am ersten Tag
- des Monats Elul, des letzten Monats vor Rosana, dem jüdischen Neujahr. Ab diesem Tag beginnt man in den Synagogen nach dem Morgen Gottesdienst Schofa zu
- blasen. Einen Monat später an Rosana erreicht sein Klang den Höhepunkt, denn Rosana ist das Fest des Chauffers. An diesem Tag gibt es eine mit zwei ein
- Gebot, den Klang des Chauffards zu hören. Und zum letzten Mal hören wir es am zehn Tag des Monats Tischre am Ausgang von Yamkipur, dem
- Versöhnungstag, wenn der Ton des Chauffers das Ende des Fasttages verkündet. Das Chauffah und die Glocke. Aus ihrem Vergleich und ihrer
- Gegenüberstellung kann man viel über das Judentum lernen. Beginnen wir mit der Herstellung. Die Herstellung einer Glocke ist ein komplexer Prozess, bei
- dem vieles schiefgehen kann. Die Glocke wird aus Metall gegossen. Allein dessen Herstellung braucht viel Kunstfertigkeit. Dazu Schiller nehmet
- Holz vom Fichten Stamme, doch recht trocken las sein, dass die eingepresste Flamme Schlage zu dem Schwalch hinein kocht des Kupfersbrei schnell das Zinn
- herbei, dass die zählockten Speise fließe nach der rechten Weise. Nichts davon steckt in einem Chauffar. Das Chauffar ist ein recht einfaches, im
- Grunde ein primitives Musikinstrument. Es ist nichts anders als ein hohes Widern, das schon von sich ausklingt. Während die Glocke die technologischen
- Fähigkeiten des Menschen repräsentiert, bringt uns das Chauffah zurück zur Natur in ihrem puren, ihrem unangetasteten gottchaffenen Zustand. Roshana ist der
- Tag der Erschaffung der Welt und des Menschen. Der Herrschaftsauftrag, den Gott dem Menschen verlie, als er sagte: "Bezwingt die Erde und herrscht über
- sie. Dieser Herrschaftsauftrag tritt an Rosana hinter dem Gedanken zurück. Der Mensch ist kein Schöpfer, sondern ein Geschöpf. Und als Geschöpf tritt ein
- Rosasana Gott und anderen Menschen entgegen. Und als Ausdruck dieser Nähe zur Natur nehmen wir das Chauffah. Aber selbstverständlich ist der Mensch auch
- ein Schöpfer. In seinem Ebenbild, so heißt es in der Bibel, schuf Gott den Menschen. Mensch ist das Ebenbild Gottes, weil auch er ein Schöpfer ist
- und weil er durch sein Schaffen die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Auch Schiller sieht es so. Den schlechten Mann muss man verachten, der nie
- bedacht, was er vollbringt. Das ist ja was den Menschen zieret und dazu wart in der Verstand, dass er im inneren Herzen spüret, was er erschafft mit seiner
- Hand. Dies können wir Juden gemeinsam mit Schiller verkünden. Doch während die Glocke den Menschen in seiner
- Eigenschaft als Schöpfer und Gebieter der Welt preist, verweist das Schauffer auf seinen Ursprung in der Natur darauf, dass in seiner Schöpfungskraft der
- Mensch niemals vergessen darf, dass auch er ein Teil der Natur ist und ein Geschöpf ist und dass in diesem Geschöpfsein seine Tatkraft und seine
- Kreativität ihre natürliche und ethische Grenze findet. Doch nicht nur in der Herstellung, auch in ihrem Klang sind Glocke Schuffaar verschieden. Der
- metallene Klang der Glocke ist kein Klang der Natur. Es ist keine Menschenstimme. Der Klang des Chauffers wird hingegen stets mit der menschlichen
- Stimme, mit der weinenden menschlichen Stimme verglichen. Das emotionale steht hier im Vordergrund. Oh zarte Sehnsucht, süßes Hoffen der ersten Liebe, goldene
- Zeit. Das Auge sieht den Himmel offen, es schwälkt das Herz in Selkeit. Oh, dass sie ewig grünen bliebe. Die schöne Zeit der jungen Liebe. Die Stimme des
- Chauffers ist auch eine Stimme der Freude. Mit dem Klang begrüßen wir das neue Jahr genauso wie die Christen ihr neues Jahr mit dem Glockengeläut
- begrüßen. Doch wir grüßen das neue Jahr nicht nur fröhlich, sondern auch ernst. Das Chafah erinnert uns daran, dass ein neues Jahr auch eine neue
- Herausforderung, neue Verantwortung bedeutet. In ihrer Wirkung sind aber Chauffaar und Glocke durchaus ähnlich. Der Klang der Glocke weckt und mahnt den
- Menschen. Auch die Stimme des Chauffas weckt und mahnt ihn. Aber die Glocke ist ein Produkt der menschlichen Tätigkeit und als solches spricht sie den Menschen
- an und sie tut es von außen. Das Chauffah, dessen Klang an die Stimme des Menschen erinnern soll, tut dies aus dem Innern. Rosana ist nach der jüdischen
- Auffassung der Tag des göttlichen Gerichts über den Einzelnen, die Völker und Länder der Erde und über die ganze Welt. Die Stimme des Chauffards soll in
- diese strenge Gerichtsstimmung einen milden Ton hineinhauchen, denn Gericht, in dem nur strenge herrscht, kann nicht gerecht sein. Schiller schreibt dazu:
- "Denn wo das strenge mit dem Zarten, wo starkes sich und mildes Barten, da gibt es einen guten Klang." Die Glocke klingt stündlich das ganze Jahr hindurch. Das
- Chauffah hingegen können wir nur einen Monat lang hören und es würde eigentlich ausreichen, wenn man seinen Plank nur an den beiden Tagen von Rosana hören würde.
- Sowohl die Glocke als auch das Chauffah sollen durch ihre Klänge den Menschen zur Rue und Selbstprüfung bewegen. Doch wie heißt es so schön bei Schiller? Der
- Warn ist kurz, die Reue ist lang. Die Glocke führt und begleitet den Menschen das ganze Jahr hindurch. Das Chauffah gibt ihm nur den ersten Stoß. Den
- restlichen Weg muss der Mensch selbst machen. Das Schauf klingt nur kurz, doch seine Stimme, genauer die Wirkung dieser Stimme soll den Menschen das ganze Jahr
- hindurch begleiten, ohne dass er sie ständig hören muss. In dieser Tatsache steckt ein tiefes Vertrauen in den Menschen. Die Leidenschaft flieht, die
- Liebe muss bleiben, die Blume verblüht, die Frucht muss treiben, sagt auch Schiller. Und die Glocke hat auch eine soziale Funktion. Sie kann den Menschen
- zur Versammlung oder eine Feier rufen. Diese Funktion hat das Schauffer nicht, obwohl es auch im Judentum etwas gab, was der Glocke in dieser ihrer Funktion
- ähnelte. Ich meine die beiden silbernen Trompeten, von welchen die Torah berichtet und die auf zahlreichen alten jüdischen Münzen und sogar auf dem
- berühmten Titusbogen in Rom abgebildet sind. Diese Trompeten sollten die Juden versammeln, ein Fest verkünden oder zum Krieg rufen. Darin würden sie der Glocke
- ähneln. Aber mit dem Verlust des Tempels gingen auch die Trompeten verloren. Was übrig blieb, war das Chauffah. Die Klänge des Schauffas sind Klänge der
- Hoffnung auf Frieden. Vor allem, weil dessen Klang die Menschen vereint, denn es ist üblich, dass an Rosana die ganze Gemeinde sich versammelt, um das Chauffa
- zu hören. Im Unterschied zur Glocke an deren ständige Klänge, die Menschen gewöhnen sind und die siee oft gar nicht richtig wahrnehmen, ist der Klang des
- Chaufas immer etwas besonders und daher sind seine Klänge besonders gut dazu geeignet, die Gemeinde zu vereinen. Allzu oft und allzu leicht kann die
- Glocke auch zu einem zerstörischen Ruf werden. Wenn die Menschen zum Bösen durch sie gerufen sind, dann nichts Heiliges ist mehr. Es lösen sich alle
- Bande from Scheu. Das Gute räumt den Platz den Bösen und alle Lasterwalten frei. Die Juden in Europa wussten dies allzu gut. Das Geläut der Kirchenglocken
- bedeutete für Juden oft eine Bedrohung. Es ist eine ideale Welt, in welcher das Chauff und die Glocke auf ihre Weise und in ihrer Sprache die Menschen zum
- Frieden und Eintracht rufen und nicht umsonst nennt Schiller seine Glocke Konkordia. Doch die Glocke, die an einem Kirchenturm befestigt wird, tut dies von
- oben herab. Hoch überm niedren Erdenleben soll sie im blauen Himmelszelt die Nachbarin des Donners schweben und grenzen an die Sternenwelt.
- soll eine Stimme sein von oben, wie der gestirne helle Schar, die ihren Schöpfer wandelnd, loben und führen das begrenzte Jahr. Das Chauffah erklingt nicht von
- oben herab, es erklingt aus der Mitte der Gemeinde. Das Chauffah ist die Stimme der Gemeinde, die nicht nur zu, sondern auch aus dem Menschen spricht.
- Wenn wir also die Klänge des Chauffers hören, dann hören wir auch uns selbst und hoffentlich auch einander. Да.
- [Musik]
Zum Nachlesen
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