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Konrad Zuse — Der Mann, der im Wohnzimmer den Computer erfand | Dokumentation

Konrad Steinbach1:31:38 16.299 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. Eine Maschine aus 2400 Telefonrelais, die im Mai 1941 als erste der Welt ein Programm selbsttätig abarbeitete. Ein Berliner Wohnzimmer, in dem anstelle der
  2. Möbel eine Konstruktion aus tausenden von handusgesägten Stahlblechen stand. Ein Lastwagen, der 194 quer durch ein zerstörtes Land in ein Altendorf fuhr,
  3. beladen mit dem einzigen funktionsfähigen Rechner des europäischen Festlands. Wer war der Mann, der das alles ohne Auftrag, ohne
  4. Geld und ohne Vorbild begann und weshalb wusste die Welt jahrzehntelang so wenig davon? Ich begrüße Sie herzlich. Mein Name ist Konrad Steinbach und dies ist
  5. eine neue Folge aus der Reihe Geschichten großer Schöpfer. Im Mittelpunkt steht heute Konrad Zuse. Um zu verstehen, wie ein Einzelner zu
  6. solchen Gedanken kam, müssen wir an den Anfang zurückgehen. In eine ostpreußische Kleinstadt und in das Berlin der späten 20er Jahre. In einem
  7. Konstruktionsbüro der Henschel Flugzeugwerke bei Berlin sitzt im Jahr 1935 ein junger Statiker über einem vorgedruckten Bogenpapier.
  8. Der Bogen ist sorgfältig gegliedert. Spalten für Ausgangswerte, Spalten für Zwischenergebnisse. Am Ende eine Zahl, die darüber entscheidet, ob ein Bauteil
  9. den Kräften standhält. Der junge Mann trägt Werte ein, multipliziert, addiert, überträgt das Ergebnis in die nächste Zeile, dann nimmt er den nächsten Bogen.
  10. Er ist dem vorigen bis auf die Zahlen vollkommen gleich und der übernächste ebenfalls. Die Luftfahrtindustrie jener Jahre wuchs rasch und mit ihr wuchs der
  11. Rechenaufwand. Jedes Bauteil eines Flugzeugs musste auf Zug, Druck und Biegung geprüft werden und die Zahl der Prüfungen ging in die Hunderte. Um diese
  12. Arbeit überhaupt bewältigen zu können, hatten die Ingenieurbüros ein Verfahren entwickelt, dass man heute als Standardisierung bezeichnen würde. Die
  13. Formeln waren vorgedruckt, der Weg der Rechnung war vorgeschrieben, der Bearbeiter hatte nur noch die Zahlen einzusetzen und Schritt für Schritt zu
  14. folgen. Rechenhilfen gab es dabei kaum. Die mechanischen Tischrechner jenerzeit arbeiteten im Zehnersystem, beherrschten die vier Grundrechenarten und mußen für
  15. jede einzelne Operation von Hand bedient werden. Der junge Statiker hieß Konrad Zuse. Er war knapp 25 Jahre alt, hatte soeben sein Diplom als Bauingenieur
  16. erworben und war damit an einem Punkt angelangt, den die meisten seiner Komelitonen als Erfolg empfunden hätten. Eine feste Anstellung in einer Branche
  17. mit Zukunft, ein geregeltes Einkommen, ein Beruf mit Ansehen. In einer Zeit, in der die Erinnerung an die Arbeitslosigkeit der frühen 30er Jahre
  18. noch frisch war, bedeutete das Sicherheit. Doch nach etwa einem Jahr kündigte er. Er verließ die Werke, zog wieder zu seinen Eltern und begann in
  19. deren Wohnung an einer Maschine zu bauen, die es noch nirgends gab und deren Zweck er den Nachbarn nur mühsam erklären konnte. Diese Entscheidung
  20. wirkte auf sein Umfeld unbegreiflich. Sie läst sich auch nicht aus jugendlichem Übermut erklären, denn Suse war kein leichtsinniger Mensch. Was er
  21. in jenen Formularen erkannt hatte, sahen seine Kollegen nicht, obwohl sie dieselben Bogen vor sich liegen hatten. Geboren wurde er am 22. Juni 1910 in
  22. Berlin-Wilmersdorf in der Tübingerstraße. Sein Vater stand im Dienst der Post, ein Beruf, der Zuverlässigkeit, Ordnung und
  23. Versetzbarkeit verlangte. Als der Junge zwei Jahre alt war, führte eine solche Versetzung die Familie nach Braunsberg in Ostpreußen, eine kleine Stadt im
  24. äußersten Nordosten des Reiches. Dort verbrachte Konrad Zuse seine Kindheit und den größten Teil seiner Schulzeit, weit entfernt von den Zentren der
  25. Technik, in einer Umgebung, in der die großen Umwälzungen der Zeit nur gedämpft ankamen. Die Lehrer bescheinigten ihm Begabung, aber keine besondere Neigung
  26. zur Mathematik. Was ihm wirklich beschäftigte, lag außerhalb des Lehrplans. Er zeichnete. Er entwarf Maschinen, Fahrzeuge, ganze Städte. Ein
  27. Blatt zeigte eine Stadt der Zukunft mit übereinander gelegten Verkehrsebenen. Ein anderes eine Vorrichtung, deren Nutzen sich niemandem erschloss. Er
  28. fotografierte, entwickelte selbst und interessierte sich für den Film, der damals gerade seine ersten großen Werke hervorbrachte. In den Erinnerungen
  29. seiner Familie erscheint er als ein stiller, freundlicher, in sich gekehrter Junge, der stundenlang über Papier gebeugt saß und dabei vollkommen
  30. zufrieden wirkte. Diese Neigung zum Bild und zur Vorstellung ist für sein späteres Werk wichtiger, als es zunächst scheint.
  31. Zuse dachte nicht in Formeln, sondern in Anordnungen. Er sah Dinge vor sich, Bewegungen, Verbindungen, Abläufe und übersetzte sie erst danach in Zahlen.
  32. Später, als er die schwierigsten logischen Probleme seiner Maschinen löste, griff er immer wieder zu Skizzen, zu räumlichen Schemata, zu Bildern. Der
  33. Umweg über die Anschauung war für ihn kein Mangel an mathematischer Stränge, sondern seine eigentliche Arbeitsweise. Eine weitere Versetzung des Vaters
  34. führte die Familie nach Heuers Werder in der Lausitz. Dort legte Konrad Zuse 1928 das Abitur ab und stand vor der Frage nach dem Studium. Er ging nach Berlin an
  35. die technische Hochschule in Charlottenburg. In den Quellen wird der Beginn seines Studiums teils auf 1927, teils auf 1929
  36. datiert. Sicher ist, daß er sich in den ersten Semestern nicht festlegen konnte. Er schrieb sich zunächst für Maschinenbau ein, wechselte zur
  37. Architektur und landete schließlich beim Bauingenieurwesen. Drei Anläufe, drei Fachrichtungen. Was in einer Personalakte nach
  38. Unentschlossenheit aussieht, war in Wahrheit die Suche eines Menschen, der zwischen dem konstruktiven und dem gestalterischen keine saubere Trennlinie
  39. ziehen wollte. Berlin war in diesen Jahren eine der aufregendsten Städte Europas. Die technische Hochschule zählte zu den führenden Einrichtungen
  40. ihrer Art. Die Elektroindustrie hatte hier ihre Zentren. Die Verkehrstechnik entwickelte sich in einem Tempo, das die Zeitgenossen atemlos machte. Zugleich
  41. verschärften sich die wirtschaftlichen Verhältnisse dramatisch. Der Student Zuse verdiente sich mit Gelegenheitsarbeiten etwas dazu, unter
  42. anderem mit Entwürfen für Werbeanzeigen. Eine Tätigkeit, die seiner zeichnerischen Begabung entgegenkam und die er später mit Vergnügen erwähnte. Im
  43. Bauingenieurwesen lernte er dann jene Art von Rechnen kennen, die sein Leben bestimmen sollte. Statik bedeutete damals das immer gleiche Verfahren auf
  44. immer neue Zahlen anzuwenden. Man bereete die Belastung von Trägern, die Spannungen in Brückenkonstruktionen, die Kräfte in Fachwerken. Die Formeln
  45. standen fest, der Weg stand fest, nur die Werte änderten sich. Studenten fertigten seitenweise solche Rechnungen an und wer sie einmal gemacht hatte,
  46. vergaß die Eintönigkeit dieser Arbeit nicht. Nach dem Diplom 1935 setzte sich in der Praxis fort, was im Studium begonnen hatte, nun in größerem
  47. Maßstab und unter Zeitdruck. Und hier vollzog sich in zusken der entscheidende Schritt. Er betrachtete das vorgedruckte Formular nicht länger als ein Blatt
  48. Papier, sondern als eine Vorschrift. Der Bogen enthielt sämtliche Anweisungen. Welche Größe zuerst genommen wird, was mit ihr geschieht, wohin das Ergebnis
  49. wandert, welcher Schritt folgt. Der Mensch, der ihn ausfüllte, traf keine einzige eigene Entscheidung. Er lasweisung, führte sie aus, ging zur
  50. nächsten. Er war in der Sprache der späteren Fachwelt nicht der denkende, sondern das ausführende Organ. Damit war das Formular nichts anderes als das, was
  51. Zuse bald einen Rechenplan nennen sollte und was die Welt später Programm nannte. Wenn aber der Plan vollständig aufgeschrieben werden konnte und wenn
  52. der Mensch bei seiner Ausführung nichts hinzufügte als Geduld und Fehleranfälligkeit, dann ließ sich diese Ausführung übertragen, nicht auf einen
  53. besseren Angestellten, sondern auf eine Vorrichtung, die den Plan Schritt für Schritt selbst abarbeitete. Eine Maschine sollte nicht nur rechnen,
  54. wie es die Tischrechner taten, sondern dem geschriebenen Plan folgen. Genau darin lag der Unterschied zu allem, was es damals gab. Rechenmaschinen führten
  55. einzelne Operationen aus, wenn ein Mensch sie dazu auffordert. Suse wollte eine Maschine, die eine ganze Kette von Operationen selbst tätig durchlief. Aus
  56. Sicht seiner Kollegen bearbeitete er Formulare. Aus seiner Sicht hielt er täglich den Beweis in den Händen, dass geistige Arbeit in eine Form gebracht
  57. werden konnte, die eine Mechanik zu übernehmen vermochte. Er sprach mit Freunden darüber und die Reaktionen reichten von höflichem Interesse bis zu
  58. offener Skepsis. Eine solche Maschine würde riesig werden, teuer, kompliziert. Niemand hatte sie bestellt. Niemand würde sie bezahlen. Zuse blieb dennoch
  59. bei seinem Entschluss. Er kündigte bei den Hänschel Flugzeugwerken, kehrte in die Wohnung seiner Eltern zurück und richtete sich darauf ein, mehrere Jahre
  60. ohne Einkommen zu arbeiten. [räuspern] Seine Eltern, die einen Beamtenhaushalt führten und keineswegs vermögend waren, unterstützten ihn. eine Entscheidung,
  61. die viel über diese Familie aussagt. Was ihn dazu bewog, war keine Erfindung im gewöhnlichen Sinne. Es war eine Einsicht, das Rechnen ein Vorgang ist,
  62. den man vollständig beschreiben kann und dass alles, was sich vollständig beschreiben lässt, sich auch übertragen lässt. Diese Einsicht hatte er nicht aus
  63. Büchern. von Charles Bebch, der ein Jahrhundert zuvor ähnliches gedacht hatte, hatte er nie gehört. Er kam darauf, weil er zu viele Formulare
  64. ausgefüllt hatte und weil er nicht bereit war, das für selbstverständlich zu halten. In der Wohnung der Familie Zuse in der Wrangelstraße 37 in
  65. Berlin-Kreuz stand im Jahr 1937 kein Wohnzimmer mehr. Der Tisch war fort, die Stühle waren fort, der Schrank war an die Wand gerückt. An ihrer Stelle
  66. erhob sich ein Gebilde aus Stahl, das nahezu den gesamten Raum einnahm, mehrere Meter lang in Schichten aufgebaut, durchsetzt von Stiften,
  67. Hebeln und Blechen, die sich beim Betrieb gegeneinander verschoben. Wenn die Maschine lief, erfüllte ein trockenes metallisches Klappern die
  68. Wohnung, das durch Decken und Wände drang. Die Nachbarn wußten nicht recht, was sie davon halten sollten. Die Eltern, deren Wohnzimmer dieser
  69. Konstruktion zum Opfer gefallen war, ertrugen es mit einer Gelassenheit, die im Rückblick bemerkenswert erscheint. Der Sohn hatte seine feste Anstellung
  70. aufgegeben und arbeitete seit Monaten ohne Einkommen an einem Gerät, dessen Nutzen sich niemandem außerhalb seines Kopfes erschloss. Die Eltern gaben ihm
  71. Geld. Ein kleiner Kreis von Freunden aus dem Studium half beim Bau. Einige gaben ebenfalls kleine Beträge dazu. Kurt Punke, ein Berliner Fabrikant für
  72. mechanische Rechenmaschinen, steuerte eine Summe bei, nicht weil er an den Erfolg glaubte, sondern weil ihn der Gedanke interessierte. Es war eine
  73. Unternehmung ohne Auftraggeber, ohne Institut, ohne Aussicht auf Bezahlung. Genau darin lag ein Unterschied zu allem, was zurelben Zeit in anderen
  74. Ländern geschah. In den Vereinigten Staaten arbeiteten Männer wie John Atanasov am Iowa State College und Howard Aen in Harvard mit den Mitteln
  75. von Universitäten und großen Unternehmen im Rücken. Sie hatten Werkstätten, Mitarbeiter, ETAs. Konrad Zuse hatte ein Wohnzimmer, eine Laubsäge und Freunde,
  76. die am Wochenende vorbeikamen. Der gesamte Entwurf der Maschine stammte von ihm allein. Bevor auch nur ein Blech gesägt wurde, waren die grundlegenden
  77. Entscheidungen gefallen und sie waren radikal. Die erste betraf das Zahlensystem. Sämtliche Rechenmaschinen jener Zeit arbeiteten im Zehnersystem,
  78. weil der Mensch im Zehnersystem rechnet. Das erforderte Bauteile, die zehn verschiedene Stellungen einnehmen konnten. Zahnräder, Sprossenwalzen,
  79. Ziffernscheiben, alles samt fein gearbeitet und teuer. Zuse verwarf dieses Prinzip vollständig. Erwählte das Dualsystem, in dem jede Zahl nur aus 0
  80. und 1ht. Ein Bauteil musste dann nicht zehn Zustände beherrschen, sondern zwei links oder rechts, offen oder geschlossen, ja oder nein. Damit wurde
  81. aus einem feinmechanischen Problem ein einfaches. Ein Stift, der sich links oder rechts eines Stahlstegs befindet, genügt, um eine Ziffer festzuhalten. Die
  82. zweite Entscheidung betraf die Darstellung der Zahlen. Die Ingenieurpraxis arbeitet mit Größen, die um viele Zehnerpotenzen
  83. auseinanderliegen, von winzigen Dehnungen bis zu gewaltigen Kräften. Eine Maschine mit fester Kommastelle zwingt den Rechnenden ständig Maßstäbe
  84. umzurechnen und auf Bereichsüberschreitungen zu achten. Zuse entschied sich stattdessen für das, was er halbarithmische Schreibweise nannte
  85. und was heute Gleitkommadarstellung heißt. Jede Zahl wird in ein Vorzeichen, einen Exponenten und eine Mantisse zerlegt. Die Maschine verwaltet den
  86. Maßstab selbst. Diese Wahl war zu jener Zeit alles andere als selbstverständlich. Noch ein Jahrzehnt später sollten führende Fachleute in
  87. Amerika die Frage erörtern, ob der Aufwand einer gleitenden Kommastelle die Vorteile überhaupt rechtfertige. Die dritte Entscheidung betraf den
  88. Aufbau. Zuse trennte den Speicher vom Rechenwerk. Der Speicher hielt die Zahlen. Das Rechenwerk verarbeitete sie. Das Programm kam von außen. Die Ein und
  89. Ausgabe war ein eigener Teil. Vier getrennte Baugruppen, verbunden durch Leitungswege, jene Gliederung, die später zum Grundriss jedes Rechners
  90. werden sollte. Zuse kam auf sie nicht aus theoretischer Überlegung, sondern aus praktischer Not. Er wollte den Speicher groß machen, ohne das
  91. Rechenwerk zu vervielfachen. Und das ging nur, wenn beides voneinander unabhängig war. Er begann mit dem Speicher und das aus gutem Grund. Ohne
  92. ausreichenden Speicher war die ganze Idee wertlos. Die Rechenmaschinen jener Jahre besaßen [räuspern] einzelne Zählwerke, wenige an
  93. der Zahl, und diese Zählwerke konnten nur addieren. Zuse brauchte etwas anderes, reine Ablage. Er brauchte Zellen, die eine vollständige Zahl
  94. aufnahmen, Vorzeichen, Exponent, Mantisse und die einzeln ansprechbar waren. Seine Lösung bestand aus dünnen Stahlblechen, aus Stiften und aus
  95. Stegen. Ein Stift links vom Steg bedeutete null, ein Stift rechts davon bedeutete eins. Die Bleche ließen sich in Schichten übereinander stapeln,
  96. sodass aus der Fläche ein Körper wurde und die Speicherkapazität mit der Bauhöhe wuchs. Die Auswahl der einzelnen Zelle erfolgte ebenfalls über Bleäche
  97. und zwar nach demselben dualen Prinzip wie die Speicherung selbst. Zuse arbeitete diese Konstruktion so weit aus, dass sie sich grundsätzlich auf
  98. 1000 Zahlen hätte erweitern lassen. [räuspern] Er rechnete später vor, was dieselbe Kapazität in Relachnik bedeutet hätte. 40.000 Relais und ein ganzer
  99. Saal, um sie unterzubringen. Ein Modell dieses Speichers brachte er in etwa sech Wochen zum Laufen. Das war der Beweis, den er brauchte und zugleich die
  100. Weichenstellung. Als er vor der Wahl stand, die gesamte Maschine mechanisch oder aus Telefonrelais zu bauen, entschied er sich für die Mechanik. Für
  101. die Relaisvariante wären rund 1000 Stück nötig gewesen. Eine Zahl, die seine Mittel bei weitem überstieg. Vier Jahrzehnte später sagte er über diesen
  102. Punkt, daß er heute wisßse, dass die sofortige Entscheidung für Relais besser gewesen wäre. Erfinder, [räuspern] bemerkte er, stünden häufig vor solchen
  103. Entscheidungen. Die Umsetzung verlangte eine Art von Arbeit, die mit Ingenieurwesen im gewohnten Sinne wenig zu tun hatte. Die Bleche mußten von Hand
  104. ausgesägt werden, Stück für Stück mit der Laubsäge. Es waren tausende. Freunde saßen an den Abenden und an den Wochenenden in der Wohnung und sägten
  105. nach Zus Zeichnungen. Sie taten es ohne Bezahlung, meist ohne genaue Vorstellung davon, welchem Zweck das jeweilige Teil diente. Wie das Ganze zusammenwirkte,
  106. verstand nach dem Zeugnis der Beteiligten niemand, außer Zuse selbst. Die eigentliche Schwierigkeit lag nämlich nicht in der Logik, sondern in
  107. der Übersetzung der Logik in Bewegung. Zuse hatte gezeigt, dass sich mit beweglichen Blechen die logischen Grundverknüpfungen darstellen lassen,
  108. die Verneinung, das und das oder die ausschließende oder Verknüpfung. Damit war die geistige Arbeit im Prinzip getan. Doch jede logische Verknüpfung
  109. entsprach einer tatsächlichen Verschiebung eines Bauteils und jede dieser Verschiebungen mußte mit den Verschiebungen aller übrigen Bauteile
  110. abgestimmt sein. Geradlinige Bewegungen in einer Schicht mussten in geradlinige Bewegungen einer anderen Schicht überführt werden, häufig in eine andere
  111. Richtung. Aus heutiger Sicht war der mechanische Entwurf die weitaus größere Leistung als der logische. Im Jahr 1938 war die Maschine, die später den Namen
  112. Z1 erhielt, betriebsbereit. Sie wurde einigen Besuchern vorgeführt und berechnete dabei die Determinante einer Matrix mit drei Zeilen und drei Spalten.
  113. Die Vorführung gelang und dennoch stellte sich rasch heraus, dass die Maschine sich nicht auf Dauer zuverlässig betreiben ließ. Das
  114. Merkwürdige daran war die Verteilung der Fehler. Der Speicher arbeitete. Genau jener Teil, der die aufwendigste Feinarbeit erforderte, der aus den
  115. meisten Einzelblechen bestand und der Zuse die längste Vorarbeit gekostet hatte, funktionierte zufriedenstellend. Das Rechenwerk dagegen versagte immer
  116. wieder. Die Addition, die einfachste aller Operationen, brachte die Maschine zum Stocken. Dabei war die Logik der Addition mehrfach geprüft und
  117. nachweislich richtig. Der Fehler saß nicht im Gedanken. Zuse suchte lange nach der Ursache und was er fand, hatte etwas Bitteres. Der Fehler lag nicht in
  118. einem Versäumnis, sondern in einer besonders gelungenen Idee. Er hatte das Adierwerk mit einer vorausschauenden Übertragsbehandlung ausgestattet. Bei
  119. der gewöhnlichen Addition muss der Übertrag von einer Stelle zur nächsten weitergereicht werden und bei einer Zahl mit vielen Stellen kostet diese
  120. Weiterreichung ebenso viele Schritte. Zuse ersann eine Schaltung, die den Übertrag aller Stellen gleichzeitig ermittelte. Damit war die Additionszeit
  121. unabhängig von der Länge der Zahl, ein Verfahren von großer Eleganz, das in der Rechnerarchitektur bis heute in Gebrauch ist. In der Mechanik jedoch bedeutete
  122. Gleichzeitigkeit, dass eine sehr große Zahl von Blechen in einem einzigen Takt bewegt werden musste. Jedes einzelne Blech war mit der Laubsäge geschnitten
  123. und wich um Bruchteile eines Millimeters vom Sollmaß ab. Solange nur wenige Teile zusammenwirkten, blieben diese Abweichungen folgenlos.
  124. Sobald sich Hunderte gleichzeitig verschoben, summierten sie sich, die Kräfte verteilten sich ungleich, einzelne Teile verklemmten. Die
  125. [räuspern] Konstruktion verlangte eine Genauigkeit der Synchronisation, die von handfertigter Stahl nicht dauerhaft liefern konnte. Was auf dem Papier die
  126. schnellste Lösung war, wurde im Blech zur unzuverlässigsten. Für Zuse war das keine Niederlage, sondern eine Klärung. Der Entwurf hatte
  127. sich bewährt. Dualsystem, Gleitkommer, getrennter Speicher, programmgesteuerter Ablauf. All das arbeitete, wie er es gedacht hatte. Untauglich war allein der
  128. Werkstoff und ein Werkstoff lässt sich austauschen, ein Grundriss nicht. Die Z1 war damit nicht das Ende eines Irrwegs, sondern der Beweis, dass der Weg richtig
  129. war. Von der ursprünglichen Maschine sollte später nichts übrig bleiben. Die wenigen erhaltenen Aufnahmen sind von schlechter Qualität. Erst in den 80er
  130. Jahren baute Zuse die Z1 aus dem Gedächtnis und nach eigenen Unterlagen noch einmal auf. Dieser Nachbau steht heute im Deutschen Technikmuseum in
  131. Berlin, wenige Kilometer von jener Wohnung entfernt, in der einst kein Platz mehr für Möbel war. In einem Hörsaal der technischen Hochschule
  132. Berlin Charlottenburg standen im Jahr 1938 zwei junge Männer vor einer kleinen Zuhörerschaft und trugen einen Plan vor. Sie hatten Schaltungen mitgebracht, die
  133. mit Elektronenröhren arbeiteten und führten vor, wie sich damit logische Verknüpfungen ausführen ließen. Dann kam die Frage aus dem Publikum, wie viele
  134. Röhren eine vollständige Rechenmaschine wohl benötigen würde. Die Antwort lautete: Etwa 2000 Röhren und mehrere tausend weitere Bauteile. Im Saal machte
  135. sich unglaubbreit. Die aufwendigsten Röhrenschaltungen jener Zeit, die großen Sendeanlagen, kamen mit einigen hundert Röhren aus und schon dort galt der
  136. Betrieb als Heike. Eine Röhre brannte durch, eine andere veränderte im Betrieb ihre Kennwerte. 2000 Röhren bedeuteten nach aller
  137. Erfahrung eine Anlage, die niemals längere Zeit störungsfrei laufen würde, dazu einen Stromverbrauch und eine Wärmeentwicklung, die man kaum
  138. beherrschen konnte. Die Zuhörer verließen den Saal in der Überzeugung, einer akademischen Träumerei beigewohnt zu haben. Bemerkenswert ist, wer damals
  139. am schärfsten widersprach. Die stärksten Einwände kamen nicht von außenstehenden, sondern aus dem Kreis derer, die täglich mit Röhren arbeiteten. Gerade ihre
  140. Erfahrung sprach gegen das Vorhaben. Wenige Jahre später sollte in den Vereinigten Staaten eine Anlage entstehen, die mit weit mehr als 10.000
  141. Röhren arbeitete und tatsächlich funktionierte. Die Skeptiker hatten sich in der Sache geirrt. Sie irrten sich aus guten Gründen. [räuspern] Der eine der
  142. beiden Vortragenden war Konrad Zuse, der andere hieß Helmut Schreier, war Hochfrequenztechniker und stand am Ende seines Studiums am Institut von
  143. Professor Stäblein. Die beiden verband eine enge Freundschaft. Schreier war lebhaft, zu Scherzen aufgelegt und für seine Streiche bekannt. Als er zum
  144. ersten Mal vorschlug, die Maschine mit Elektronenröhren zu bauen, hielt Zuse das zunächst für einen Studentenulk. Erst beim Nachdenken erkannte er die
  145. Tragweite. Röhren schalteten millionenfach schneller als Bauteile, die eine Masse zu bewegen hatten. Bevor dieser Gedanke überhaupt gefasst werden
  146. konnte, musste jedoch eine andere Arbeit getan sein, und diese Arbeit hatte Zuse in völliger Abgeschiedenheit geleistet. Um Rechenoperationen auf Bauteile mit
  147. zwei Zuständen abzubilden, brauchte er eine Rechenweise für Aussagen, die nur wahr falsch sein können. Er brauchte Regeln dafür, wie sich solche Aussagen
  148. verknüpfen lassen, wie sich Verknüpfungen umformen und vereinfachen lassen, wie sich eine gewünschte Wirkung aus einfachsten Bausteinen
  149. zusammensetzt. Also entwickelte er sich diese Rechenweise selbst und nannte sie Bedingungskombinatorik
  150. oder Aussagenkalkül. Er wußte nicht, daß das alles bereits gab. Als Bauingenieur hatte er von der Existenz einer solchen Disziplin keine
  151. Vorstellung. Der Name George Bull, der ein knappes Jahrhundert zuvor die Algebra der Logik begründet hatte, sagte ihm nichts. Auch von Charles Babch, der
  152. im 19. Jahrhundert eine programmgesteuerte Rechenmaschine entworfen hatte, hatte er nie gehört, als er mit seiner Arbeit begann. Zuse
  153. baute sich ein vollständiges gedankliches Werkzeug, das seit Jahrzehnten in den Bibliotheken stand. Die Aufklärung kam aus unerwarteter
  154. Richtung. Zuseine Aufzeichnungen einem früheren Mathematiklehrer. Der sah sie durch und erklärte, dass diese Art zu rechnen mit dem
  155. Aussagenkalkül der mathematischen Logik übereinstimme. Was der junge Ingenieur für seine private Hilfskonstruktion gehalten hatte, war ein etablierter
  156. Zweig der Wissenschaft. Die Entdeckung hätte entmutigen können. Sie tat das Gegenteil. Zuse begriff, daß er sich mit seinem Vorgehen nicht in einer Sackgasse
  157. befand, sondern auf einem Weg, den strenge Geister vor ihm geprüft hatten. [räuspern] Zugleich blieb ein Unterschied bestehen, auf den er später
  158. Wert legte. Die Logiker hatten den Kalkül entwickelt, um das Denken zu untersuchen. Er brauchte ihn, um Schaltungen zu entwerfen. Von der Seite
  159. des Ingenieurs her wurde die Brücke zur reinen Logik geschlagen und zwar zu dem Zweck, den Bau und die Programmierung von Rechenmaschinen zu vereinfachen.
  160. Etwa zurelben Zeit näherte sich in England ein Mathematiker demselben Feld von der entgegengesetzten Seite. Allan Turing entwarf 1936 ein denkbar
  161. einfaches gedankliches Rechenmodell. um dem Begriff der Berechenbarkeit eine formale Grundlage zu geben. Seine Arbeit war für die Theorie der späteren
  162. Informatik von größter Bedeutung. Auf die praktische Entwicklung der Rechenmaschinen jener Jahre wirkte sie zunächst kaum ein. Die beiden wussten
  163. nichts voneinander. Es ist eine der merkwürdigen Fügungen dieser Geschichte, das Tourings Aufsatz in demselben Jahr entstand, indem in einem Berliner
  164. Wohnzimmer der Speicher der ersten Maschine fertig wurde. Der Kalkül erwies sich sofort als praktisch. Zuse hatte seine mechanischen Schaltungen mit ihm
  165. entworfen. Nun zeigte sich, daß sich dieselben Formeln ohne weiteres in elektromagnetische Schaltungen übersetzen ließen. Zwei
  166. grundverschiedene Techniken, bewegte Bleche und stromurchflossene Spulen, gehorchten denselben Regeln. Damit war die Bauweise von der Logik gelöst. Wenn
  167. aber Mechanik und Elektromagnetik austauschbar waren, dann lag der Gedanke nahe, es auch mit einer dritten Technik zu versuchen. Genau hier setzte
  168. Schreiers Vorschlag an. Die beiden Freunde erkannten rasch, dass Röhren sich nicht so einfach hintereinander schalten ließen wie Relaisk Kontakte. Es
  169. mussten erst die Grundschaltungen für die logischen Grundoperationen gefunden werden. Für die Verknüpfung durch und für die durch oder für die Verneinung.
  170. Sie teilten die Arbeit. Schreier entwickelte die elementaren Röhrenschaltungen. Zuse übernahm den logischen Aufbau der Gesamtschaltung.
  171. Das Ziel war, die Grundelemente so zu gestalten, dass sich eine Relaisschaltung eins zu eins in eine Röhrenschaltung übertragen ließ und die
  172. Maschine nicht von Grund auf neu entworfen werden musste. Schreier löste seine Aufgabe in verhältnismäßig kurzer Zeit. Damit stand der Weg zu einer
  173. elektronischen Maschine offen und dann wurde er nicht beschritten. Die Gründe dafür lagen teils in den Verhältnissen, teils in einer sachlichen Überlegung.
  174. Ein Mann, der mit dem Dualsystem, der Gleitkommandadstellung und der Trennung von Speicher und Rechenwerk seiner Zeit weit vorausgeeilt war, wandte sich von
  175. der Technik ab, die sich als die Technik der Zukunft erweisen sollte und griff zu Telefonrelais. Zunächst spielten die Verhältnisse eine
  176. Rolle. Der Krieg hatte begonnen. Material und Personal waren nur noch über am Zilungen zu erhalten. Aus privater Initiative ließ sich nichts
  177. mehr bewerkstelligen. Zuse und Schreier schlugen den militärischen Stellen daher den Bau eines Rechners mit 2000 Röhren für Zwecke der Luftabwehr vor. Die erste
  178. Reaktion war durchaus wohlwollend. Dann kam die Frage nach der benötigten Zeit. Die Antwort lautete etwa 2 Jahre. Darauf erwiderte man ihnen, wie lange Sie denn
  179. glaubten, daß man zum Gewinn des Krieges brauche. Damit war das Vorhaben erledigt. Doch es gab auch sachliche Gründe und die wogen für Zuse schwerer.
  180. Er war Ingenieur und dachte an den Gebrauch. Sein Ziel war eine Maschine, die in einem Konstruktionsbüro oder in einem mittelgroßen Betrieb tatsächlich
  181. arbeitete, jeden Tag über Jahre, ohne dass ein Spezialist daneben stehen musste. Rechengeschwindigkeit war dafür weniger wichtig als Betriebssicherheit.
  182. Relais waren erprobt, in großer Zahl verfügbar, im Fehlerfall austauschbar und die Fernsprechtechnik hatte jahrzehntelange Erfahrung mit ihnen
  183. gesammelt. Röhren versprachen atemberaubende Geschwindigkeit, aber niemand konnte sagen, wie lange 2000us von ihnen zusammen durchhalten würden.
  184. [räuspern] Ende 1938 stand für Zuse fest, dass elektromagnetische Relais die beste Aussicht boten, in absehbarer Zeit zu einer zuverlässig arbeitenden
  185. Maschine zu kommen. Bevor er den gesamten Entwurf der Z1 auf Relaisebetrieb umstellte, wollte er das Verfahren erproben. So entstand die Z2,
  186. ein Versuchsbau. Sie übernahmen den mechanischen Speicher der ersten Maschine mit einer geringen Kapazität von 16 Zahlen samt Lochstreifenleser und
  187. Locher und setzte darauf ein Rechenwerk aus etwa 200 Relais, das mit 16 Stellen und fester Kommastelle arbeitete. Es war eine Mischform, technisch weniger
  188. anspruchsvoll als die Z1 und in ihrem Können deutlich beschränkt, aber sie lief zuverlässig. Beim Entwurf halfen junge Nachrichtentechniker unter ihnen
  189. Schreier. Ihre Ratschläge waren nützlich, doch in wesentlichen Punkten ging zu eigene Wege. Als besonders wichtig erschien ihm ein völlig
  190. gleichmäßiger Takt, sodass einem Zyklus genau eine Addition entsprach. Den Takt erzeugte er mit rotierenden Walzen, die abwechselnd mit leitendem und nicht
  191. leitendem Material belegt waren und über Kohlebürsten abgegriffen wurden. Das hatte mehrere Vorteile. Die Maschine ließ sich bei beliebiger Geschwindigkeit
  192. prüfen und der Funke beim Abschalten entstand an den Bürsten und nicht an den Relaiskontakten, was deren Lebensdauer erheblich verlängerte. Manche
  193. gutgemeinte Anregung aus der Fernsprechtechnik, etwa der Einsatz verzögert anziehender Relais, schlug er dagegen aus. Die Z2 diente noch einem
  194. zweiten Zweck. Mit ihr konnte Zuse zum ersten Mal etwas vorführen, das nachvollziehbar arbeitete. Die Maschine trug wesentlich dazu bei, die deutsche
  195. Versuchsanstalt für Luftfahrt zu einer teilweisen Finanzierung des nächsten Vorhabens zu bewegen. Zum ersten Mal seit dem Beginn seiner Arbeit stand
  196. hinter ihm nicht mehr nur die Familie. Die Wege der beiden Freunde trennten sich mit dem Krieg. Schreier verfolgte die Röhrentechnik weiter und stellte bis
  197. Kriegsende kleine Versuchsschaltung für zehn Dualstellen mit etwa 100 Röhren fertig. Auch sie ging in den Wirren der letzten Monate verloren. Später ging
  198. Schreier nach Brasilien und nahm dort einen Lehrstuhl an. Er starb 1985. Im Jahr 1980 hatten die beiden noch einmal Gelegenheit, in England mit jenen
  199. Fachleuten zu sprechen, die während des Krieges an einer eigenen elektronischen Anlage gearbeitet hatten. Beim Vergleich der Schaltungen zeigten sich
  200. beträchtliche Ähnlichkeiten. Getrennte Wege hatten zu verwandten Lösungen geführt. Am 12. Mai 1941 standen in einem Raum in Berlin fünf
  201. Wissenschaftler vor einem Schrank aus Relais und sahen zu, wie ein Lochstreifen durch einen Leser lief. Die Relais begannen zu schalten. Ein
  202. rhythmisches Klicken erfüllte den Raum mehrere Sekunden lang. Dann blieb es still und auf der Anzeigetafel leuchteten Lämpchen auf, die zusammen
  203. eine Dezimalzahl bildeten. Die Maschine hatte ein Programm selbsttätig abgearbeitet und das Ergebnis ausgegeben. Kein Mensch hatte dabei
  204. eingegriffen. Es war die erste vollständig funktionsfähige, frei programmierbare Rechenmaschine der Welt. Anwesend waren fünf Fachleute. Es gab
  205. keine Presse. Es wurde keine Fotografie gemacht. In den Zeitungen des folgenden Tages stand nichts. Der einzige unmittelbare schriftliche Nachweis
  206. dieses Vorgangs ist eine Eintragung in Zus Tagebuch. Der Weg bis zu diesem Vormittag war lang gewesen. Nachdem die Z2 gezeigt hatte, dass Relachnik
  207. zuverlässig arbeitete, ging Zuse daran, den vollständigen Entwurf der ersten Maschine auf Relais umzustellen. Die neue Anlage entstand von 1939 an in der
  208. Metfesselstraße 7 in Berlin-Kreuzberg in einer Werkstatt hinter der Hofmauer. Wieder halfen Freunde. Wieder war die Finanzierung dürftig, wenn auch nicht
  209. mehr ausschließlich privat. Die deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt beteiligte sich in bescheidenem Umfang. Der Baugeriät faß sofort ins Stocken, denn
  210. im Jahr 1939 wurde Zuse zum Militärdienst eingezogen. Für die Arbeit an der Maschine bedeutete das den Stillstand. Bemühungen ihn wegen seines
  211. Vorhabens freistellen zu lassen, blieben zunächst ohne Erfolg. Kurt Pke, der Rechenmaschinenfabrikant, setzte sich für eine Versetzung nach
  212. Berlin ein. Auch Helmut Schreier bemühte sich um die Entlassung seines Freundes und bot der militärischen Führung an, innerhalb von zwei Jahren ein
  213. selbsttätiges Luftabwehrgerät zu bauen. Er erhielt den bereits erwähnten spöttischen Hinweis auf die erwartete Dauer des Krieges. Schließlich wurde
  214. Zuse freigestellt, allerdings nicht um Rechenmaschinen zu bauen, sondern um als Statiker in der Flugzeugindustrie zu arbeiten. Er selbst hat diesen Umstand
  215. später als bezeichnend für die damals herrschende Einstellung bezeichnet. Ein Ingenieur, der Bauteile berechnete, galt als kriegswichtig.
  216. Ein Ingenieur, der ein Gerät entwickelte, das solche Berechnungen künftig in einem Bruchteil der Zeit erledigen konnte, galt als entbehrlich.
  217. So entstand die Z3 in den Abendstunden an Sonntagen und in den Nischen eines Arbeitstages, der bereits ausgefüllt war. Professor Herbert Wagner, für den
  218. Zuse als Statiker arbeitete, zeigte Verständnis und ließ ihm nach Möglichkeit einen Teil der Arbeitszeit für das eigene Vorhaben. Ohne dieses
  219. Entgegenkommen wäre die Maschine kaum fertig geworden. Fertig wurde sie mit 2400 Relais, von denen 600 auf Rechenwerk und Programmsteuerung
  220. entfielen und die übrigen auf den Speicher. Sie rechnete im Dualsystem mit gleitender Kommastelle mit einer Wortlänge von 22 Stellen. Sie
  221. beherrschte Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division und das Ziehen der Quadratwurzel nebst einigen Hilfsfunktionen.
  222. Das Programm kam von einem Lochstreifen. Die Zahlen wurden über eine Tastatur eingegeben und über Lämpchen ausgegeben. Sie besaß damit sämtliche Baugruppen,
  223. die ein Rechner braucht. Rechenwerk, Speicher, Steuerung sowie Vorrichtungen für die Verständigung mit dem Menschen. Unter den fünf Zeugen der Vorführung war
  224. die deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin Adlershof am stärksten vertreten und dort zeigte sich vor allem ein Mann interessiert,
  225. Professor Teichmann, der sich mit dem Problem des Flügelflatterns beschäftigte. Anders als bei der gewöhnlichen Festigkeitsrechnung geht es
  226. dabei nicht um Bruch und Last, sondern um eine gefährliche Unstabilität durch Schwingungen der Tragflächen mit unter im Zusammenspiel mit dem Leitwerk. Ein
  227. Flugzeug, dessen Flügel in einen solchen Zustand gerät, kann binnen Sekunden zerstört werden. Die Beherrschung dieses Verhaltens verlangte umfangreiche
  228. Rechnungen, deren schwierigster Teil in der Auswertung der sogenannten Küssnerminanten bestand, mit komplexen Zahlen und unbekannten Größen in der
  229. Hauptdiagonale. Diese Rechnungen von Hand auszuführen kostete Wochen. Zuse erzielte mit seinem Gerät einen Durchbruch. Damit war der Nutzen belegt.
  230. Die Anerkennung blieb dennoch aus und darin liegt das eigentliche Rätsel dieses Tages. Eine Maschine, die eine Wochenarbeit auf Stunden verkürzte,
  231. hätte in jeder Epoche für Aufsehen sorgen müssen. Sie sorgte für keines. Ein Teil der Erklärung liegt in der Zeit selbst. Im Mai 1941
  232. stand Deutschland mitten im Krieg. Arbeiten, die mit der Luftfahrt zu tun hatten, unterlagen der Geheimhaltung. Eine öffentliche Vorführung mit
  233. Presseberichterstattung war schon aus diesem Grund nicht denkbar. Die Nachricht blieb in einem sehr kleinen Kreis. Ein zweiter Teil der Erklärung
  234. liegt in der Zuteilung von Dringlichkeitsstufen. Wer während des Krieges Material, Arbeitskräfte und Freistellungen
  235. erhalten wollte, brauchte eine hohe Einstufung. Die Luftfahrtforschung besaß eine solche Einstufung nicht in dem Maße, dass sie Zuse dauerhaft von
  236. anderen Verpflichtungen hätte befreien können. Nur Professor Wagner, der an ferngesteuerten Flugkörpern arbeitete, verfügte über diese Möglichkeit. Die
  237. Rangfolge der Dringlichkeiten richtete sich nach dem unmittelbaren Nutzen und ein Gerät, das erst in einigen Jahren wirken würde, hatte darin keinen Platz.
  238. Der dritte und wohlgewichtigste Teil der Erklärung betrifft das Denken der Zeitgenossen. Eine Rechenmaschine galt als Hilfsmittel, als ein besseres
  239. Werkzeug im Konstruktionsbüro, vergleichbar dem Rechenschieber oder der Tischrechenmaschine. Dass hier eine neue Gattung von Maschine
  240. entstanden war, deren Bedeutung weit über das Rechnen hinausreichte, war den Anwesenden nicht anzusehen und lag außerhalb dessen, was man erwarten
  241. konnte. Sie sahen ein sinnreiches Gerät und nicht den Beginn eines Zeitalters. Zuse selbst hat den Fachleuten diese Sicht nie verübelt. Er wusste, daß der
  242. Zusammenhang, der ihm seit Jahren vor Augen stand, sich einem Betrachter in wenigen Minuten kaum erschließen konnte. Wie weit er selbst bereits blickte,
  243. zeigt eine Bemerkung, die er in jenen Jahren gegenüber Freunden fallen ließ. Er erklärte, seine Maschine könne Schach spielen. Gemeint war nicht das Gerät auf
  244. dem Werkstattboden, das für eine solche Aufgabe viel zu klein war. Gemeint war das Prinzip, dass sich die Regeln eines Spiels ebenso in einem Kalkül fassen
  245. ließen wie die Gesetze der Statik und dass eine Maschine, die dem einen Plan folgen konnte, auch dem anderen folgen konnte. Schon
  246. hatte er gegenüber Bekannten geäußert, daß ein Rechner den Schachweltmeister in etwa 50 Jahren schlagen werde. Diese Sicherheit blieb ein einsamer Besitz.
  247. Zuse war überzeugt, daß seine Maschine alle mathematischen Aufgaben lösen konnte und er belegte diese Überzeugung mit zahlreichen Beispielen. Einen Beweis
  248. dafür hat er nie versucht. Erst Jahrzehnte später sollte ein solcher Nachweis geführt werden. Nach der Vorführung ging das Leben weiter, wie es
  249. in einem Krieg weitergeht. Die Maschine wurde für Rechnungen der Luftfahrtforschung genutzt. Imselben Jahr 1941
  250. gründete Zuse in Berlin sein eigenes kleines Unternehmen, das Zuse Ingenieurbüro und Apparatbaau, das erste Unternehmen der Welt, das mit dem
  251. alleinigen Zweck gegründet wurde, Rechner zu entwickeln. Was blieb von diesem 12. Mai, war fast nichts. Die Maschine wurde zweieinhalb Jahre später
  252. bei einem Luftangriff zerstört und mit ihr sämtliche Zeichnungen und Aufnahmen. Es existiert keine einzige Fotografie der ursprünglichen Z3. Alles, was heute
  253. in den Museen steht, sind Rekonstruktionen. Die erste davon baute Zuse selbst 20 Jahre danach aus dem Gedächtnis und aus den erhaltenen
  254. Unterlagen seiner Patentanmeldung. Sie steht im Deutschen Museum in München. Der Tag selbst überlebte nur als Datum in der Handschrift eines Mannes, der an
  255. jenem Abend in sein Tagebuch schrieb, was er vorgeführt hatte. Wer die Z32 Zahlen miteinander multiplizieren ließ, musste warten. Der Lochstreifen hielt
  256. an, die Relais begannen zu arbeiten und es vergingen etwa 3 Sekunden, bis das Ergebnis im Rechenwerk stand. 3 Sekunden für eine einzige Multiplikation. Nach
  257. heutigen Maßstäben ist das eine unvorstellbar lange Zeit. Ein gewöhnlicher Taschenrechner erledigt dieselbe Aufgabe millionenfach
  258. schneller. Für die Zeitgenossen dagegen war es ein bemerkenswert schneller Vorgang. Ein Mensch an einer Tischrechenmaschine brauchte für
  259. dieselbe Multiplikation mit gleitender Kommastelle deutlich länger und er musste dabei ununterbrochen aufpassen. Die Maschine brauchte niemanden, der
  260. aufpasste. Diese 3 Sekunden entsprachen 16 Arbeitstakten. Daraus lässt sich die Taktfrequenz der Anlage errechnen, etwa 5,3 Hz. Der Takt entstand nicht
  261. elektronisch, sondern mechanisch. Ein Elektromotor triebalze an, auf der Arme angebracht waren. Jeder Arm schloss beim Vorbeilaufen einen Schalter und die
  262. unterschiedlichen Winkelabstände der Arme sorgten dafür, dass die verschiedenen Baugruppen zu genau festgelegten Zeitpunkten Strom
  263. erhielten. [räuspern] Auf diese Weise blieben Rechenwerk, Speicher und Steuerung untereinander abgestimmt. Die Walze hatte noch einen
  264. zweiten Nutzen, der weniger auffällig, aber für den Dauerbetrieb entscheidend war. Sie unterbrach den Strom im Augenblick des Umschaltens. sodass der
  265. Funke an der Walze und nicht an den Relaiskontakten entstand. Die Kontakte blieben dadurch frei von Abbrand und hielten jahrelang. Der Aufbau der
  266. Maschine folgte einer Gliederung, die einem heutigen Betrachter vertraut vorkommt. Es gab einen Speicher für 64 Zahlen. Es gab ein Rechenwerk für
  267. Gleitkommazahlen. Es gab ein Steuerwerk, das die vom Lochstreifen kommenden Befehle auslegte und in die nötigen Abläufe umsetzte. Es gab Vorrichtungen
  268. für Eingabe und Ausgabe und es gab Verbindungswege zwischen diesen Teilen, über die Zahlen, Adressen und Steuersignale liefen. 5 Jahre später
  269. sollten amerikanische Fachleute in einer viel beachteten Schrift genau diese Gliederung als Grundriss künftiger Rechenanlagen fordern. In Berlin war sie
  270. zu diesem Zeitpunkt seit Jahren gebaut und in Betrieb. Jede Zahl belegtez Stellen. Eine davon trug das Vorzeichen. Sieben bildeten den Exponenten, 14 die
  271. Mantisse. Die führende Eins der Mantisse musste nicht mitgespeichert werden, weil sie bei normalisierten Zahlen ohnehin immer vorhanden war. Dadurch gewann die
  272. Maschine eine zusätzliche Genauigkeitsstelle geschenkt. Der Exponent reichte von -64 bis 63. Damit ließen sich Zahlen von etwa einem zeh
  273. Milliardstel eines Milliardstels bis in den Bereich von vier Trillionen Darstellen. Ein Umfang, der für jede Ingenieurrechnung jenerzeit vollkommen
  274. ausreichte. Der Befehlsvorrat umfasste neun Befehle. Zwei davon betrafen den Speicher, das Holen einer Zahl aus einer bestimmten Zelle und das Ablegen einer
  275. Zahl in eine bestimmte Zelle. Fünf betrafen das Rechnen: Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division und Quadratwurzel.
  276. Zwei betrafen die Verständigung mit dem Menschen, das Anfordern einer Eingabe und die Anzeige eines Ergebnisses. Mehr gab es nicht. Diese neuen Befehle
  277. genügten, um die Aufgaben zu bewältigen für die Zuse, die Maschine gebaut hatte. Die Rechenzeiten waren sehr ungleich verteilt. Eine Addition brauchte drei
  278. Takte, eine Subtraktion 4 oder 5, je nach Ergebnis. Die Multiplikation kostete 16 Takte, die Division 18, die Quadratwurzel 20. Das Holen einer Zahl
  279. aus dem Speicher dauerte einen Takt, das Ablegen keinen oder einen, denn wenn das Ergebnis der letzten Rechenoperation ohnehin geschrieben werden musste, ließ
  280. es sich unmittelbar an die gewünschte Adresse leiten und der Speicherbefehl kostete keine zusätzliche Zeit. Solche Überlappungen finden sich an
  281. vielen Stellen des Entwurfs. Zuse ließ die Vorbereitung des nächsten Befehls mit dem Abschluss des Laufenden zusammenfallen. Ein Verfahren, das die
  282. moderne Rechnertechnik unter dem Namen Fließbandverarbeitung kennt. Das Herzstück und zugleich das Meisterstück war das Adierwerk. Bei der gewöhnlichen
  283. dualen Addition muss der Übertrag Stelle für Stelle weitergereicht werden. Bei 16 Stellen wären das 16 aufeinander folgende Schritte allein für die
  284. Überträge. Zuse verwendete stattdessen eine selbstentwickelte Schaltung, die den Übertrag im voraus für alle Stellen zugleich ermittelte. Das Verfahren
  285. beruht darauf, zunächst zwei Zwischenergebnisse zu bilden. Eines, dass die Summe ohne Überträge angibt und eines, das genau jene Stellen
  286. kennzeichnet, an denen ein Übertrag entsteht. Aus beiden lässt sich das Endergebnis in einem Zug gewinnen. Weil sämtliche Relais gleichzeitig anziehen,
  287. pflanzt sich der Übertrag nicht von Stelle zu Stelle fort, sondern liegt sofort an. Die Additionszeit ist dadurch von der Länge der Zahl unabhängig. Genau
  288. diese Idee hatte in der rein mechanischen Ausführung die frühere Maschine überfordert. In Relachnik entfaltete sie ihre volle Wirkung.
  289. Multiplikation und Division führte die Maschine auf Addition und Subtraktion zurück, ganz ähnlich dem schriftlichen Rechnen von Hand. Bei der Multiplikation
  290. wurde der eine Faktor entsprechend den einzelnen Stellen des anderen wiederholt hinzugezählt, wobei das Zwischenergebnis in jedem Durchgang um eine Stelle
  291. verschoben wurde. Bei der Division geschah dasselbe mit Subtraktionen. Das Ziehen der Quadratwurzel führte zu geschickt auf einer Division zurück.
  292. Gesucht ist eine Zahl, die mit sich selbst multipliziert den Ausgangswert ergibt. Die Maschine setzt daher stelle für Stelle probeweise eine ein und prüft
  293. anhand des Vorzeichens einer Differenz, ob diese eins bestehen bleiben darf. 20 Takte und das Ergebnis stand. Unter allen Bestandteilen der Maschine gilt
  294. dieser Algorithmus bis heute als der eleganteste. Steuern ließ sich das alles nur, weil Zuse für jede der aufwendigen Operationen ein eigenes Schaltwerk
  295. vorsah. Steuerräder, deren Arm sich mit jedem Takt eine Position weiter bewegte und dabei nacheinander bestimmte Schaltergruppen unter Strom setzte. Der
  296. Arm gab in einem Takt Befehl, den Inhalt eines Registers in ein anderes zu übertragen, im nächsten Takt Befehl, die Ergebnisse zurückzuschreiben. Damit war
  297. der genaue Ablauf einer Multiplikation nicht in der Verdatung des Rechenwerks festgelegt, sondern in der Anordnung der Kontakte auf dem Rad. Wollte man den
  298. Ablauf ändern, änderte man das Rad. Die heutige Rechnertechnik nennt ein solches Vorgehen Mikroprogrammierung. Besonders sorgfältig behandelte Zuse
  299. einen Punkt, den viele spätere Entwicklungen vernachlässigten. Das Verhalten bei Ausnahmefällen. Gleitkommazahlen bringen die
  300. Schwierigkeit mit sich, dass sich die Null in normalisierter Form nicht darstellen lässt. Zuse löste das durch eine Übereinkunft. Ein Exponent von -64
  301. bedeutete die Zahl 0. Ein Exponent von 63 bedeutete unendlich groß. Eine eigene Schaltung beobachtete ständig den Ausgang des Exponentenadierwerks
  302. und setzte bei Bedarf entsprechende Kennzeichen. Damit rechnete die Maschine auch dann richtig, wenn ein Wert null oder unendlich war. Bei Aufgaben, die
  303. überhaupt kein sinnvolles Ergebnis haben, 0 unendlich weniger unendlich, unendlich geteilt durch unendlich 0 mal unendlich,
  304. leuchtete auf der Ausgabetafel eine besondere Lampe auf und die Maschine hielt an. Auch Überlauf und Unterlauf des Zahlenbereichs wurden erkannt. Zuse
  305. gelang das mit wenigen Relais. Er tat es aus einem einfachen Grund. Die Maschine sollte auch dann richtig rechnen, wenn niemand daneben stand. Eine Einrichtung
  306. fehlte jedoch und ihr Fehlen bestimmte die Beurteilung der Z3 für Jahrzehnte, der bedingte Sprung. Die Maschine konnte den Ablauf eines Programms nicht vom
  307. Ergebnis einer Rechnung abhängig machen. Schleifen ließen sich noch herstellen, indem man die beiden Enden des Lochstreifens zusammenklebte.
  308. Aber es gab keine Möglichkeit, an einer Stelle zu prüfen, ob eine Bedingung erfüllt war und je nach Antwort den einen oder den anderen Weg
  309. einzuschlagen. Nach der verbreiteten Auffassung ist genau diese Fähigkeit das, was eine Rechenmaschine von einem Rechner im
  310. vollen Sinne unterscheidet. Nach diesem Maßstab wäre die Z3 keine universelle Maschine gewesen, sondern ein sehr weit entwickelter Automat. Der Einwand wiegt
  311. schwer, denn technisch wäre der bedingte Sprung nicht schwierig gewesen. Bei einem Programm auf Lochstreifen ist er umständlich, doch es hätte nur weniger
  312. zusätzlicher Schaltungen bedurft. Zuse verzichtete nicht aus Unkenntnis. Er hatte in seinen Schriften jener Jahre zahlreiche Aufgaben beschrieben, die er
  313. mit seinen Maschinen lösen wollte. und für diese Aufgaben brauchte er den bedingten Sprung nicht. Später, im Zusammenhang mit dem, was er freie
  314. Rechenpläne nannte, hat er den Gedanken durchaus formuliert. Bei freien Rechenplänen, schrieb er, beeinflussen die eigentlichen Variablen den Ablauf
  315. der Rechnung und es könne beispielsweise die Art der Operation erst errechnet werden. Der Gedanke war da. In die Maschine gebaut wurde er nicht. Sie war
  316. für die Aufgaben gedacht, die auf seinem Schreibtisch lagen. Die Antwort auf die Streitfrage kam spät und aus unerwarteter Richtung. 1998
  317. legte der Informatiker Raul Rochars einen Beweis vor, dass die Z3 im Sinne Tourings eine universelle Rechenmaschine ist. Der Kunstgriff besteht darin, den
  318. fehlenden bedingten Sprung durch arithmetische Mittel zu ersetzen. Man lässt die Maschine sämtliche Zweige eines Programms nacheinander durchlaufen
  319. und multipliziert die Ergebnisse mit Faktoren, die je nach Bedingung 0 oder 1 sind. Der unerwünschte Zweig wird dadurch unwirksam, ohne dass ein Sprung
  320. nötig ist. Ein solches Programm ist außerordentlich unhandlich und in der Praxis kaum brauchbar. Doch für die grundsätzliche Frage genügt es. Rochas
  321. zeigte damit zugleich, daß der bedingte Sprung für Universalität nicht zwingend erforderlich ist. Damit ist ein Teil der Frage beantwortet und ein anderer offen
  322. geblieben. Dass die Z3 im theoretischen Sinne universell ist, gilt heute als gezeigt. Ob sie deshalb der erste Computer der Welt genannt werden darf,
  323. hängt davon ab, welchen Maßstab man anlegt, ob man die tatsächlich eingebauten Befehle zählt oder das, was sich aus ihnen ableiten lässt. ob man
  324. elektronische Bauweise verlangt oder nicht, ob man den gespeicherten Programmablauf zur Bedingung macht. Verschiedene Länder haben verschiedene
  325. Antworten gegeben und derselbe Rochas, der den Beweis führte, hat an anderer Stelle festgehalten, dass die Erfindung des Rechners eine gemeinsame Leistung
  326. zweier Erteile über 12 Jahre hinweg gewesen sei. Unstrittig bleibt, was die Maschine aus 2400 Relais im Mai 1941 konnte. einem geschriebenen Plan folgen,
  327. ohne dass ein Mensch eingriff. In einer Werkhalle der Hänschel Flugzeugwerke stand um das Jahr 1942 ein Mann vor einer Tragfläche und las Messuhurren ab.
  328. Es waren viele an die 80 Stück verteilt über die gesamte Fläche des Bauteils. Jede zeigte an, um wie viel die tatsächliche Form an dieser Stelle von
  329. der vorgeschriebenen abwich. Der Mann notierte die Werte auf einem Bogen, ein zweiter übertog sie in eine Rechenmaschine und daraus ergaben sich
  330. die Korrekturen, mit denen sich die Fertigungsungenauigkeiten ausgleichen ließen. Der ganze Vorgang dauerte lange und verlangte den Einsatz
  331. einer ganzen Reihe von Menschen. Wenig später stand an derselben Stelle ein Schrank mit etwa 600 Relais. Er nahm die Werte aller Messuhren unmittelbar auf,
  332. wandelte die Zeigerstellungen selbsttätig in Zahlen um und führte die vorgeschriebene Rechnung aus. Kein Ablesen, kein Notieren, kein
  333. Eintippen. [räuspern] Ein Gerät, das eine gemessene Größe in eine Zahl übersetzt, würde man heute einen analog Digitalwandler nennen. Die Anlage
  334. insgesamt war vermutlich die erste Prozesssteuerung der Welt. Wie es dazu kam, hat mit den eigentömlichen Verhältnissen zu tun, in denen Konrad
  335. Zuse in diesen Jahren arbeitete. Er lebte zwischen zwei Welten. In der einen war er Statiker im Dienst eines Rüstungsbetriebs, ein Angestellter mit
  336. festen Aufgaben, der Bauteile berechnete und Berichte schrieb. In der anderen war er ein Erfinder, der eine neue Gattung von Maschine entwickelte, für die sich
  337. kaum jemand interessierte. Die erste Welt kostete ihn seine Zeit, die zweite gab ihm seinen Sinn und gelegentlich berührten sich beide. Sein Vorgesetzter
  338. Professor Herbert Wagner leitete bei Henschel die Entwicklung feresteuerter Flugkörper. Wagner verfügte über etwas, das damals mehr wert war als Geld, eine
  339. hohe Dringlichkeitsstufe. Sie erlaubte ihm Mitarbeiter anzufordern und zu halten. [räuspern] Zuse war dadurch von der Front freigestellt,
  340. jedoch an einer Arbeit gebunden, die nicht die Seine war. Wagner erwies sich als verständnisvoller Mann. Er ließ seinem Statiker nach Möglichkeit Zeit
  341. für das eigene Vorhaben und stellte keine Fragen, wenn dieser über eigenen Zeichnungen saß. Ohne dieses Entgegenkommen wäre in jenen Jahren
  342. nichts entstanden. Aus der Verbindung beider Welten erwogs die Maschine S1. Sie unterschied sich in wesentlichen Punkten von den Anlagen der Z-Reihe. Sie
  343. war nicht frei programmierbar, ihr Ablauf war fest verdratet, weil sie stets dieselbe Rechnung ausführen sollte. Sie arbeitete mit zwölf Stellen
  344. und rechnete nach dem dualen Prinzip. Zwei Stück wurden gebaut. Sie ersetzten ein Dutzend Rechnerinnen und Rechner und liefen zwei Jahre lang zuverlässig in
  345. zwei Schichten täglich. Damit erbrachte Zuse zum ersten Mal den Nachweis, dass seine Technik nicht nur im Versuch, sondern im rauen Betrieb bestand. Die
  346. Erfahrung mit der S1 führte unmittelbar zur nächsten Stufe. Solange ein Mensch die Messuhren ablas und die Zahlen eingab, blieb der langsamste Teil des
  347. Vorgangs unverändert. Also entwarf Suse ein verbessertes Modell, die S2. dass die Messwerte selbsttätig abtastete und unmittelbar in den Rechner übernahm.
  348. Etwa 100 Messuhren wurden nacheinander abgefragt. Damit war der Kreis geschlossen. Ein technischer Vorgang wurde gemessen, das Ergebnis
  349. unverzüglich verrechnet und aus der Rechnung ergaben sich die Anweisungen für den nächsten Arbeitsschritt. Genau das ist der Grundgedanke jeder
  350. Prozessrechentechnik. Imselben Zeitraum machte sich Zuse selbständig. 1941 entstand in Berlin das Zuseingenieurbüro und Apparatebau. Es
  351. war ein sehr kleines Unternehmen mit wenigen Mitarbeitern und dennoch ein bemerkenswerter Vorgang. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde ein Betrieb zu
  352. dem einzigen Zweck gegründet, Rechenanlagen zu entwickeln. Zuse blieb nebenher Statiker bei Henschel. Er führte damit zwei Berufe zugleich aus in
  353. einer Stadt, die zunehmend unter Luftangriffen l. Die Bombardierungen Berlins nahmen von 1943 an eine Heftigkeit an, die den Alltag völlig
  354. veränderte. Angriffe erfolgten fast täglich. Ganze Straßenzüge verschwanden binnen einer Nacht. Materialbeschaffung wurde zum Glücksspiel. Arbeitskräfte
  355. waren kaum noch zu bekommen und die Werkstätten mussten mehrfach verlegt werden. In diesen Verhältnissen weiterzuarbeiten verlangte eine
  356. Beharlichkeit, die schwer nachzuvollziehen ist. Zuse arbeitete weiter. In der Nacht zum 21. Dezember 1943
  357. traf ein Luftangriff die Gegend um die Mädfesselstraße. Die Werkstatt wurde zerstört, mit ihr die Z3 und mit ihr sämtliche Zeichnungen, sämtliche
  358. Aufnahmen, sämtliche Unterlagen, die sich dort befanden. [räuspern] Von der ersten funktionsfähigen, programmgesteuerten Rechenmaschine der
  359. Welt blieb nicht ein Bauteil, nicht ein Blattpapier, nicht eine einzige Fotografie übrig. Was von ihr übrig blieb, war das Gedächtnis eines Mannes
  360. und der Text einer Patentanmeldung, die anderen Orts lag. Zuse hat über diese Nacht später erstaunlich nüchtern gesprochen. In Berlin verlor damals
  361. jeder etwas und viele verloren ungleich mehr. Doch der Verlust hatte eine Eigenart, die ihn von anderen unterschied. Die Maschine war der
  362. einzige Beweis für das, was er geleistet hatte. Ohne sie stand nur noch seine Behauptung im Raum, und Behauptungen von Einzelnen wogen in den folgenden Jahren
  363. wenig. Ein zweites Verschwinden aus jener Zeit ist bis heute ungeklärt geblieben. Die S2, jene Anlage, die Messwerte selbsttätig aufnahm und
  364. verarbeitete, absolvierte ihre Erprobung an einer Fertigungsstraße im Sudetenland. Zum vollen Einsatz kam sie nicht mehr,
  365. denn der Krieg erzwang die Verlagerung des gesamten Werks. Danach verliert sich ihre Spur vollständig. Über ihr weiteres Schicksal gibt es keine gesicherte
  366. Kenntnis. Was das bedeutete, wird erst durch einen Vergleich deutlich. Die Z3 war zu diesem Zeitpunkt zerstört. Die Z4 war noch nicht fertig. Die
  367. amerikanischen Anlagen, die später bekannt wurden, waren noch nicht in Betrieb. Wenn die S2 den Krieg unbeschädigt überstand, dann war sie in
  368. jenen Monaten möglicherweise der einzige arbeitsfähige Rechenautomat auf der Welt. Zuse selbst hat vermutet, dass das Werk in sowjetische Hände fiel und die
  369. Anlage damit dorthin gelangte. Er fügte allerdings sogleich hinzu, es sei unwahrscheinlich, dass jemand mit ihr etwas hätte anfangen können, selbst wenn
  370. man sie unbeschädigt vorgefunden hätte. Eine Maschine ohne Beschreibung, ohne Anleitung, ohne den Menschen, der ihre Logik im Kopf trug, war ein Schrank
  371. voller Relais. Damit endet die Spur der S-Reihe. Andere Vermutungen sind geäußert worden, daß die Anlage bereits bei der Verlagerung verloren ging, daß
  372. sie als Altmaterial verwertet wurde, dass sie in einem Lagerbestand unerkannt zugrunde ging. Keine dieser Möglichkeiten lässt sich belegen, keine
  373. widerlegen. Es gibt keine Zeugen, keine Bestandsverzeichnisse, keine Aufnahmen. Die erste Prozesssteuerung der Welt existiert nur noch als Beschreibung in
  374. den Erinnerungen ihres Erbauers. Für Zuse selbst war die Bilanz dieser Jahre eigentümlich zwiespältig. Er hatte technisch gesehen mehr erreicht als je
  375. zuvor. Er hatte gezeigt, dass seine Maschinen im Dauerbetrieb bestanden, dass sie Menschen ersetzen konnten und dass sich ihr Anwendungsbereich weit
  376. über das reine Zahlenrechnen hinauserstreckte. Er hatte ein eigenes Unternehmen und zugleich besaß er von allem, was er gebaut hatte, am Ende
  377. dieser Zeit fast nichts mehr. Die Z1 war längst verschrottet, die Z2 verschwunden, die Z3 zerbombt, die S-Maschinen verloren. Was ihm blieb, war
  378. eine unfertige Anlage in Kisten und Gestellen und die Überzeugung, dass die Sache selbst nicht verloren gehen konnte, weil sie in Gedanken bestand und
  379. Gedanken sich nicht bombardieren lassen. Auf diese Überzeugung hin richtete er sein weiteres Handeln aus. Er kämpfte in den kommenden Monaten nicht mehr um
  380. Anerkennung, nicht um Aufträge und nicht um seine Stellung. Er kämpfte um eine einzige Maschine. Auf dem Ladeplatz standen Kisten und Gestelle, sorgfältig
  381. verschnürt, und niemand wußte, wohin sie fahren sollten. Es war das Frühjahr 1945. Aus dem Osten näherte sich eine Front,
  382. aus dem Westen eine zweite. Zwischen beiden lag ein Land, dessen Verkehrswege zerstört, dessen Bahnhöfe getroffen und dessen Straßen von Flüchtlingstrecks
  383. verstopft waren. In den Kisten befand sich eine Rechenanlage, an der ein kleiner Kreis von Menschen seit 3 Jahren gearbeitet hatte und die kurz vor der
  384. Fertigstellung stand. Sie war das einzige, was von jahrelanger Arbeit noch vorhanden war. Begonnen hatte der Bau der Z4 um 1942,
  385. als beschlossen wurde, eine leistungsfähigere Nachfolgerin der zerstörten Maschine zu schaffen. Die Erwartungen waren zuversichtlich. Man
  386. rechnete mit anderthalb Jahren Bauzeit. Vorgesehen war ein mechanischer Speicher mit 1024 Zahlen mehrere Lochstreifen Leser und Locher sowie Einrichtungen für
  387. eine beweglichere Programmierung. Der Speicher kehrte zur Mechanik zurück, weil sich diese Bauweise für reine Ablage bewährt hatte und weil Relais in
  388. dieser Menge unbezahlbar geworden waren. Das Rechenwerk blieb bei Relais, etwa 2200 an der Zahl und arbeitete mit einer Wortlänge von 32 Stellen. Der Anfang
  389. verlief gut, dann holte der Krieg das Vorhaben ein. Material war nur noch über Zuteilungen zu bekommen. Fachkräfte wurden eingezogen und von 1943 an
  390. bestimmten die Luftangriffe den Tagesablauf. Der Standort der Anlage musste mehrfach gewechselt werden. Jeder Umzug bedeutete
  391. Abbau, Transport, Wiederaufbau und Neujustierung. Wochen, in denen nicht gearbeitet werden konnte. Die veranschlagten anderthalb Jahre wurden
  392. zu drei und fertig wurde die Maschine erst, als der Krieg zu Ende ging. In den letzten Wochen fand die Gruppe Zuflucht in Göttingen. Dort wurde die Z4 im
  393. Laboratorium der aerodynamischen Versuchsanstalt aufgestellt. Am 28. April 1945 konnte sie den Professoren Prantel,
  394. Bettz und Küssner vorgeführt werden. Die Namen wiegen schwer. Ludwig Prantel gilt als Begründer der modernen Strömungslehre. Albert Betz war einer
  395. der führenden Fachleute für Strömungsmechanik. Hans Georg Küssner hatte jene Determinanten entwickelt, deren Berechnung die Z34 Jahre zuvor
  396. bewältigt hatte. Diese drei Männer sahen eine funktionierende Rechenanlage. Es war eine Vorführung vor der ersten Reihe der deutschen Forschung und sie fand
  397. statt, als um sie herum ein Staat zusammenbrach. Für die Maschine bedeutete Göttingen nur ein Zwischenspiel von wenigen Wochen.
  398. Die Stadt geriet in Gefahr, eingenommen zu werden und niemand konnte sagen, ob sie zuvor noch angegriffen würde. Dann kam eine Anordnung des
  399. Luftfahrtministeriums. Die Anlage sei, in die unterirdischen Werke im Harz zu verbringen. Dort, in den Stollen des Koins, wurden Untertage
  400. die sogenannten Vergeltungswaffen gefertigt. Die Gruppe fuhr hin. Was sie dort vorfand, veranlasßte sie den Befehl, nicht auszuführen. In den
  401. Stollen arbeiteten Häftlinge unter Bedingungen, die Zuse später als furchtbar bezeichnete. Erst an diesem Ort erfuhren er und seine Begleiter,
  402. unter welchen Umständen diese Waffen entstanden. Sie weigerten sich, die Maschine dort zurückzulassen. Über diesen Ort ist viel geschrieben
  403. worden und die historische Forschung hat ihn eingehend untersucht. Für die Geschichte der Z4 ist er der Punkt, an dem eine technische Odyssee auf etwas
  404. trifft, das mit Technik nichts mehr zu tun hat. Zuse hat in seinen späteren Darstellungen keinen Zweifel daran gelassen, dass ihn das Gesehene
  405. erschütterte. Er hat sich zugleich nie als Widerstandskämpfer dargestellt. Er war ein Ingenieur, der in einem Rüstungsbetrieb gearbeitet hatte, weil
  406. das der Weg war, auf dem er seine Arbeit fortsetzen konnte und der sich in dem Augenblick verweigerte, indem ihm die Folgen unmittelbar vor Augen standen.
  407. Über die moralische Lage der Ingenieure jener Jahre wird bis heute unterschiedlich geurteilt und die Antworten fallen je nach Standpunkt
  408. verschieden aus. Um wegzukommen, brauchte die Gruppe ein Fahrzeug und Fahrzeuge waren in diesen Wochen kaum zu bekommen. Hilfe kam aus einer Richtung,
  409. die zu den Merkwürdigkeiten dieser Geschichte gehört. Mitarbeiter aus dem Umkreis Wernh von Bruns, der Raketenentwicklung leitete, verschafften
  410. ihnen einen Lastwagen. So konnten die Kisten aufgeladen werden und die Fahrt ging weiter nach Süden. Was folgte, war eine Reise durch ein zerfallenes Land.
  411. Die Fronten verschoben sich täglich. Brücken waren gesprengt, Straßen gesperrt. Treibstoff war eine Rarität. Ein Lastwagen mit unbestimmter Ladung
  412. und Papieren, deren Aussteller es bald nicht mehr geben würde, konnte an jeder Kontrolle aufgehalten werden. Die Fahrt führte über Bayern immer weiter nach
  413. Süden bis in ein Alpendorf namens Hinterstein im Algu. Dort fand sich schließlich ein Platz, an dem die Maschine untergebracht werden konnte. Zu
  414. diesem Zeitpunkt war die Z4 die einzige überlebende Anlage aus Zus gesamter Arbeit. Die erste Maschine existierte nicht mehr, die zweite ebenso wenig. Die
  415. dritte war zerbombt, die Sondermaschinen verschwunden. Wäre auf dieser Fahrt etwas geschehen, ein Angriff, eine Beschlagnahme, ein Achsbruch auf einer
  416. Gebirgsstraße, so wäre von den Rechenanlagen der Jahre 1936 bis 45 kein einziges Stück auf die Nachwelt gekommen. Der gesamte
  417. materielle Bestand einer neuen Technik lag auf einer Ladefläche. In Hinterstein kam die Anlage zur Ruhe und mit ihr die Menschen. Berlin lag hinter ihnen. Die
  418. Firma war aufgelöst, die Gruppe zerstreut. Wer aus der Stadt herausgekommen war, war zunächst einmal froh, überlebt zu haben. Für Zuse begann
  419. ein Jahr von seltsamer Stille. Zum ersten Mal seit fast einem Jahrzehnt gab es keine Luftangriffe, keine Behörden, keine Termine, keine Anrufe, keine
  420. Besucher. Es gab eine Berglandschaft, eine untergestellte Maschine und viel Zeit. Später kamen britische und amerikanische Fachleute, sprachen mit
  421. ihm und besen sich die Anlage. Sie stellten Fragen, machten sich Notizen und zogen weiter. Zu jenen deutschen Wissenschaftlern, die nach dem Krieg von
  422. den Siegermächten übernommen wurden und ihre Laufbahn anderen Orts fortsetzten, gehörte zu nicht. Er blieb, wo er war. 1947
  423. wurde die Maschine von Hinterstein nach Hopferrau bei Füssen gebracht und dort in einem ehemaligen Pferdestall wieder betriebsbereit aufgestellt. Es war ein
  424. Wiederaufbau unter denkbar einfachen Verhältnissen ohne Werkstatt, ohne Ersatzteile, ohne Zulieferer. Während in den Vereinigten Staaten die Entwicklung
  425. von Rechenanlagen mit erheblichen Mitteln vorangetrieben wurde, standen in Hinterstein Werkzeug und Erfindungsgabe zur Verfügung und sonst wenig. Am Ende
  426. lief die Anlage. Nach mancherlei Umbau und weiteren Verbesserungen wurde sie um 1950 an der technischen Hochschule in Zürich aufgestellt, wo sie mehrere Jahre
  427. lang arbeitete und in dieser Zeit der einzige betriebsfähige Rechner auf dem europäischen Festland war. Heute steht sie als historisches Gerät im Deutschen
  428. Museum in München. Nicht mehr in voller Funktion, aber vollständig. die einzige Maschine aus Zus Berliner Jahren, die dieselbe ist, die damals gebaut wurde
  429. und nicht ein später Nachbau. Sie verdankt das einem Lastwagen, einer Verweigerung und einer Fahrt durch ein Land, das in jenen Wochen aufhörte zu
  430. bestehen. In einem Alpendorf im Algu saß im Jahr 1945 ein Mann an einem Tisch und schrieb Schaufgaben auf. Er notierte, wie ein
  431. Springer zieht, wann ein König im Schach steht, wie sich feststellen lässt, ob ein Zug erlaubt ist. Er tat das nicht in Worten und nicht in der üblichen
  432. Schachnotation, sondern in einer Zeichensprache, die er selbst entwickelt hatte. Draußen lag Schnee auf den Bergen. Das Land rings um war zerstört.
  433. Es gab keine Post, keine Aufträge und keine Aussicht auf Arbeit. Und der Mann, der über diesen Blättern saß, hatte Schach eigens erlernt, um es
  434. aufschreiben zu können. Ein besonders guter Spieler wurde er nie. Über 60 Seiten füllte er mit Schachprogrammen. Sie waren Teil eines Werks, das er
  435. Theorie der angewandten Logistik nannte und indem er ein Vorhaben ausarbeitete, das ihn seit Jahren beschäftigte. Eine allgemeine Sprache zur Beschreibung von
  436. Rechenvorgängen. Er nannte sie Plankalkül. Es war die erste höhere Programmiersprache der Welt. Der Weg
  437. dorthin hatte weit zurückgereicht. Schon während der Arbeit an den Maschinen hatte Zuse bemerkt, dass die Geräte nur die eine Hälfte des Problems lösten. Die
  438. andere Hälfte bestand darin, ihnen mitzuteilen, was sie tun sollten. Solange es um einzelne Formeln ging, genügte eine Ainanderreihung von
  439. Befehlen. Sobald aber umfangreichere Aufgaben mit vielen Zwischenschritten, wiederkehrenden Teilstücken und verwickelten Abhängigkeiten anstanden,
  440. wurde diese Ainanderreihung unübersichtlich. Es fehlte ein Mittel, um die Beziehungen innerhalb einer Rechnung genau zu
  441. fassen. Gegen Kriegsende war ihm ein Mitarbeiter zugewiesen worden, der Mathematiker Lierer, ein Schüler des Logikers Heinrich Scholz aus Münster.
  442. Damit kam Zuse zum zweiten Mal mit der mathematischen Logik in Berührung, diesmal auf einem höheren Niveau. Ihn reizten vor allem der Prädikatenkalkül
  443. und der Relationenkalkül und zwar aus einem Grund, der unmittelbar aus seinem ersten Beruf stammte. Ein Fachwerk im Bauwesen,
  444. überlegte er, ähnelt in seiner Struktur den Grafen des Relationenkalküls. Man kann ein Fachwerk als Liste von Knotenpaaren aufschreiben und damit in
  445. Daten zerlegen. Diese Daten lassen sich speichern und verarbeiten. [räuspern][schnauben] Also müsste eine Maschine nicht nur Zahlen ausrechnen,
  446. sondern Konstruktionen behandeln können, etwas, das bis dahin ausschließlich der menschliche Verstand vermochte. Aus dieser Überlegung erwuchs eine
  447. Erweiterung des Rechenbegriffs, die Zuse selbst für seine wichtigste Einsicht hielt. Schon 1935 und 36 war ihm klar geworden, dass sich
  448. sämtliche Daten durch Bitmuster darstellen lassen und das Rechnen nichts anderes bedeutet als die Bildung neuer Daten aus vorgegebenen nach festen
  449. Regeln. Von Bitz sprach damals niemand. Er sagte ja nein wert. Aus dieser Definition folgte seine Grundtese: "Die Datenverarbeitung beginnt beim Bit." Was
  450. sich in Bits darstellen lässt, lässt sich verarbeiten. Zahlen ebenso wie Buchstaben, Konstruktionen, Namen, Spielstellungen. Das Schachspiel diente
  451. ihm dabei als Prüfstein. Es bot auf engem Raum eine Fülle von Datenstrukturen, 64 Felder, sechs Figurenarten, zwei Farben, eine
  452. überschaubare Menge von Regeln und daraus eine unübersehbare Menge von Stellungen. Wenn eine Zeichensprache stark genug war, um Schachprobleme zu
  453. beschreiben, dann war sie stark genug für die Aufgaben von Rechenanlagen überhaupt. Der Begriff der algorithmischen Sprache war ihm zu
  454. dieser Zeit unbekannt. Genau eine solche schuf er. Der Plankalkül unterschied sich in einem entscheidenden Punkt von allem, was ein Jahrzehnt später
  455. entstehen sollte. Er war nicht dazu gedacht, die Z4 oder irgendeine andere vorhandene Maschine zu programmieren. Sein Zweck war ein weiterer. Er sollte
  456. helfen, die Gesetzmäßigkeiten von Schaltungen einheitlich zu formulieren für die Gleitkommare Rechnung ebenso wie für die Planung von Befehlsfolgen. Er
  457. umfasste also beides, was man heute Hardware und Software nennt. Diese Begriffe kannte Zuse nicht. Sie kamen erst viel später aus dem englischen
  458. Sprachraum und setzten sich dann allgemein durch. Damit ist der eigentümlichste Zug dieser Arbeit benannt. Ein Mann entwarf eine Sprache
  459. für Maschinen, die es nicht gab. Die einzige Anlage, die ihm zur Verfügung stand, war für ihre Ausführung viel zu klein. Kein Übersetzungsprogramm
  460. existierte, keines wurde geschrieben. Es gab nichts, worauf sich ein Plankalkülprogramm hätte ausführen lassen. Zuse arbeitete trotzdem daran
  461. und zwar aus einem Grund, der seiner ganzen Denkweise entspricht. Er hatte an den Maschinen gelernt, daß eine Vorschrift wichtiger ist als das Gerät,
  462. das sie ausführt. Die Formulare in seinem ersten Beruf hatten eine Rechnung beschrieben, unabhängig davon, wer sie ausführte. Die Aussagenrechnung hatte
  463. Schaltungen beschrieben, unabhängig davon, ob sie aus Blechen oder aus Relais bestanden. Nun sollte eine Sprache Rechenvorgänge beschreiben,
  464. unabhängig davon, welche Anlage sie später ausführen würde. Der Gedanke ging der Verwirklichung voran, wie er es immer getan hatte. Neben dem Planalkül
  465. entstand in diesen Monaten noch ein anderes Vorhaben, das er die programmfertigende Maschine nannte. Es sollte umfangreiche Programme aus
  466. Teilprogrammen nach vorgegebenen Kennwerten zusammensetzen, die dafür nötigen Adressumrechnungen leisten und Ingenieurkonstruktionen
  467. mit Hilfe von Paarlisten behandeln, aus denen sich ein Rechenprogramm ableiten ließe. Die Arbeit war gegen Kriegsende vom Luftfahrtministerium in Auftrag
  468. gegeben worden. Sie erwies sich als zu weit angelegt und kam über das Reißbrett nicht hinaus. Der zugrunde liegende Gedanke, Rechner
  469. nach numerischen und logischen Aufgaben zu trennen, hat sich später nirgends durchgesetzt, weil die Elektronik so schnell wurde, dass eine einzige
  470. Maschine beides erledigen konnte. Mit dem Plankalkül berührte Zuse auch zum ersten Mal ein Feld, das erst Jahrzehnte später einen Namen erhielt. Er war sich
  471. völlig darüber im Klaren, daß keine seiner Maschinen jemals Rechnungen dieser Art würde ausführen können. Doch der Kombinationsspeicher und die
  472. allgemeine Schaltungslogik wiesen für ihn in die richtige Richtung. Was heute künstliche Intelligenz heißt, war für ihn die folgerichtige Fortsetzung des
  473. Gedankens, dass alle Daten aus Ja Neinwerten bestehen. Während er in den Bergen schrieb, drang eine Nachricht aus Amerika nach Europa. In Pennsylvania war
  474. eine Rechenanlage in Betrieb gegangen, die mit 18 000 Elektronenröhren arbeitete. Die Zahl ging um die Welt. Suse und seine Bekannten konnten nur den
  475. Kopf schütteln und sich fragen, wozu viele Röhren nötig sein sollten. Ihr eigenes Denken hatte sich seit jeher am Grundsatz des geringsten Aufwands
  476. ausgerichtet, denn andere Mittel hatten sie nie besessen. Diese Not hatte sie gezwungen, jede Schaltung mehrfach zu überdenken, bis sie mit dem
  477. geringstmöglichen Materialeinsatz auskam. Die Wege der alten Freunde trennten sich in dieser Zeit endgültig. In Westdeutschland war es zunächst
  478. untersagt, elektronische Geräte zu entwickeln. Helmut Schreier, dessen ganzes Interesse der Röhrentechnik galt, sah für sich
  479. keine Möglichkeit, seine Forschungen fortzusetzen und ging nach Brasilien, wo er einen Lehrstuhl übernahm. Dann kam Besuch nach Hinterstein. Es hatte sich
  480. herumgesprochen, daß in Südbayern eine Rechenanlage arbeitete. Aus den Vereinigten Staaten erging an eine deutsche Gesellschaft der Auftrag, der
  481. Sache nachzugehen. Es folgten ausführliche und vielversprechende Gespräche über mögliche Anwendungsgebiete.
  482. Ein Vertrag kam nicht zustande, denn entschieden wurde jenseits des Atlantiks und Interesse bestand dort im Wesentlichen an den Schutzrechten. nicht
  483. einmal die Zusage, dass Zuse die Entwicklung würde fortführen dürfen, war zu erreichen. Rechenanlagen galten damals schlicht als nicht besonders
  484. wichtig. Mehr Erfolg brachte eine zweite Verbindung. Ein amerikanisches Büromaschinenunternehmen erteilte den Auftrag, die Entwicklung fortzusetzen.
  485. Zunächst in einem besonderen Vorhaben zur mechanischen Relichnik. Der Elektronik traute man noch nicht ganz und wollte einen zweiten Weg offen
  486. halten. Zuse und seine Mitarbeiter waren längst vom Gegenteil überzeugt und arbeiteten damit gegen die eigene Einsicht. Die Maschine wurde dennoch
  487. bemerkenswert. Der erste Fließbandrechner der Welt, eine Lochkartenmaschine, in die zwischen Kartenleser und Kartenlocher eine Reihe
  488. mechanischer Adierwerke eingebaut war. Multipliziert wurde durch wiederholtes Adieren und die Genauigkeit war trotz der langsamen Mechanik
  489. zufriedenstellend. Etwa 40 Zusatzgeräte entstanden in dieser Bauart, von denen die meisten in die Schweiz gingen. Über den Plankkalkül
  490. selbst legte sich unterdessen Stille. Die Arbeit blieb unveröffentlicht, denn es gab in Deutschland keine Zeitschrift und keine Einrichtung, die sie hätte
  491. aufnehmen können. Als etwa ein Jahrzehnt später die ersten Programmiersprachen entstanden, waren diese von anderer Art. Sie richteten sich nach den vorhandenen
  492. elektronischen Maschinen und behandelten in erster Linie bedingte Verzweigungen und Adressumrechnungen. Für logische Operationen, für Prädikaten
  493. und Relationenkalkül für Schachprogramme bestand kaum Nachfrage. Die These, dass die Datenverarbeitung beim Bit beginnt, galt
  494. den Mathematikern der Zeit nicht als grundlegend. Zuß es eigenes Urteil viel selbstkritisch aus. Der Plankalkül sei zutief in schwierige Rechnungen
  495. eingedrungen, die man besser der Zukunft überlassen hätte. Hinzukam, daß er in den frühen 50er Jahren vollständig vom Aufbau seines Unternehmens in Anspruch
  496. genommen war. Genau in dem Zeitraum, in dem die Programmiersprachen an Bedeutung gewannen und die großen Fachdiskussionen geführt wurden. An diesen Gesprächen
  497. konnte er nicht teilnehmen. Der Plankalkül wurde erst viel später aus historischem Interesse veröffentlicht, auch in englischer Sprache. Die Fachwelt
  498. erkannte dann, dass hier eine Sprache vorlag, die in manchem den logischen Programmiersprachen näher stand als den Befehlsorientierten ihrer Zeit. Was in
  499. einem Alpendorf entstanden war, kam damit ans Licht, als die Entwicklung längst andere Wege gegangen war. Ein Schweizer Professor stieg um das Jahr
  500. 1949 aus dem Wagen und betrat einen umgebauten Stall in Süddeutschland. Er hieß Eduard Stiefel, lehrte angewandter Mathematik an der
  501. eidgenössischen technischen Hochschule in Zürich und suchte für sein Institut eine Rechenanlage. In Amerika waren solche Anlagen im
  502. Entstehen, doch sie waren nicht käuflich. und schon gar nicht in Europa. Was er in diesem Stall vorfand, war eine Maschine aus Relais und mechanischem
  503. Speicher, drei Jahre zuvor über verstopfte Straßen hierher gebracht, in einem Bauwerk aufgestellt, das für Vieh errichtet worden war. Stiefel ließ sich
  504. eine Rechnung vorführen. Dann entschied er, die Anlage für seine Hochschule zu mieten. [räuspern] Diese Entscheidung veränderte alles. Sie brachte nicht nur
  505. Geld, sondern etwas, das schwerer wog. die Bestätigung durch eine angesehene Einrichtung des Auslands. Die Anlage wurde überarbeitet und um Fähigkeiten
  506. erweitert, die ihr bislang gefehlt hatten, insbesondere um den bedingten Sprung und um den Aufruf von Unterprogrammen über einen zweiten
  507. Lochstreifenleser. Ein Schreibgerät kam als Ausgabe hinzu. 1950 wurde sie in Zürich aufgestellt und arbeitete dort bis 55 im Institut für
  508. angewandte Mathematik. In diesen Jahren war sie der einzige betriebsfähige Rechner auf dem europäischen Festland. Studenten und Wissenschaftler in Zürich
  509. rechneten damit Aufgaben, für die anderswo in Europa niemand ein Gerät besaß. 1949 gründete Zuse mit einigen Freunden in
  510. Neukirchen im Kreis Hühnfeld etwa 120 km nördlich von Frankfurt die Zuse Kommanditgesellschaft. Der Zweck war Rechenanlagen zu bauen und
  511. zu verkaufen. Man muß sich die Lage vergegenwärtigen, um die Kühnheit dieses Schritts zu ermessen. Deutschland lag in Trümmern. Die Währung war gerade erst
  512. neu geordnet. An Investitionsgütern herrschte allgemeiner Mangel und ein Markt für Rechenanlagen bestand nicht. Er musste erst geschaffen werden. Wer
  513. damals ein Unternehmen für Rechner gründete, verkaufte etwas, von dem die möglichen Kunden noch nicht wussten, daß sie es brauchten. Das Jahr 1950 brachte
  514. drei Aufträge, die den Betrieb trugen. Der erste war die Vermietung nach Zürich, der zweite kam von einem amerikanischen Büromaschinenkonzern,
  515. der eine Serie von 30 Rechenlochern bestellte. Der Dritte kam aus Wetzler. Die Firma Lightz stellte optische Geräte her und war durch ihre Kleinbildkamera
  516. weltbekannt geworden. Die Berechnung von Linsen gehört zu den rechenaufwendigsten Aufgaben der Technik überhaupt. Jeder Lichtstrahl muss durch jede Fläche
  517. verfolgt werden und für ein einziges Objektiv sind tausende solcher Verfolgungen nötig. Ein Rechenbüro brauchte dafür Monate. Le besaß die
  518. Mittel und bestellte eine eigene Anlage, die Z, eine Weiterentwicklung mit zahlreichen Lochstreifenlesern. etwa sechm so schnell wie die Vorgängerin mit
  519. 42 Stellen Wortlänge. Sie war die größte Relaisrechenanlage Deutschlands und der erste kommerziell verkaufte Rechner des Landes. Der Preis betrug 300.000 Mark
  520. und Leits zahlte im voraus. Diese Vorauszahlung war die eigentliche Grundlage des Unternehmens. Mit ihr ließ sich einstellen, einkaufen, bauen. Aus
  521. dem Stall wurde ein Betrieb. Was folgte, war ein Aufstieg, der in der deutschen Wirtschaftsgeschichte jener Jahre seinesgleichen sucht. 1954
  522. kam die Z1 heraus und mit ihr fand zu sie einen Markt, den außer ihm niemand sah. In Deutschland lief die Flurbereinigung in vollem Gang. Die über
  523. Generationen zersplitterten Ackerflächen wurden neu geordnet und jede Neuordnung verlangte umfangreiche Vermessungsrechnungen.
  524. Die Z11 rechnete mit gleitender Kommastelle, war frei programmierbar und ließ sich durch Tastendruck bedienen. 48 Stück wurden gebaut für
  525. Vermessungsämter, für die optische Industrie und für Versicherungen. Die Anwender schätzten an ihr etwas, das später verloren ging. Sie konnten
  526. jederzeit verfolgen, wie die Rechnung voranschritt und behielten alles unter Kontrolle. Mit zunehmender Selbsttätigkeit wurde daraus im Lauf der
  527. Zeit ein Geflecht von Verzweigungen, das kaum noch zu durchschauen war und die Software wurde zum wachsenden Problem. 1956
  528. folgte die Z22, die erste elektronische Anlage des Unternehmens mit Röhren und einem Magnetrommelspeicher für 8192
  529. Wörter. Sie war zugleich die erste Anlage, bei der das Programm im Speicher stand. 58 Stück entstanden und sie fanden ihren Weg vor allem an
  530. Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen zu einem Preis, der deutlich unter dem der amerikanischen Wettbewerber lag. Zwei Jahre später kam
  531. die Z23, die erste Transistoranlage des Hauses, mit derselben Logik, aber dreimal so schnell. Von ihr wurden über 100 Stück
  532. gebaut. Sie war der größte Erfolg des Unternehmens. Aus derselben Zeit stammt eine Entwicklung, die auf ein ganz anderes
  533. Feld führte. Vermessungsfachleute wünschten sich, dass die zuvor berechneten Karten selbsttätig gezeichnet würden und legten dabei
  534. größten Wert auf Genauigkeit. Daraus entstand der Grafomat, das erste rechnergesteuerte Zeichengerät, das auf ein 20 mm genau arbeitete. Das Interesse
  535. war groß, auch außerhalb der Vermessung. Es waren die ersten Schritte in Richtung dessen, was später Rechnerunterstütztes Konstruieren genannt wurde. Wie weit
  536. Zuse dabei vorauschte, zeigt ein Vorgang aus dem Jahr 1964. Er verhandelte mit einem großen europäischen Teppichhersteller über die
  537. Rechnergestützte Steuerung einer Webmaschine und schlug vor, bereits beim Entwurf des Musters anzusetzen. Sein erklärtes Ziel war nicht, den Handwerker
  538. überflüssig zu machen, sondern ihm ein neues Werkzeug zu geben. Der Vorschlag stieß bei allen Beteiligten auf vollständige Ablehnung und der Vertrag
  539. kam nicht zustande. Es war nicht das erste Mal, dass er die Erfahrung machte, dass es nicht immer von Vorteil ist, der erste zu sein. 1964 beschäftigte das
  540. Unternehmen in Bad Hersfeld etwa 1200 Menschen. Aus einer Gründung im Stall war ein bedeutender Industriebetrieb geworden. Insgesamt sollten von 1949
  541. bis 71 mehr als 800 Anlagen entstehen und imselben Jahr musste Zuse die Führung aus der Hand geben. Ein Unternehmen, das Jahr für Jahr gewachsen
  542. war, das über eine ganze Reihe erfolgreicher Baureihen verfügte und dessen Gründer als der maßgebliche Kopf der europäischen Rechnertechnik galt,
  543. geriet in eine Lage, aus der es sich nicht mehr selbst befreien konnte. Die Gründe lagen in der Natur des Geschäfts. Die Entwicklungskosten stiegen
  544. unaufhörlich und zwar auf beiden Seiten. Die Anlagen selbst wurden aufwendiger und zugleich wuchsen die Aufwendungen für die Software, die zuvor kaum eine
  545. Rolle gespielt hatten. Wer mithalten wollte, brauchte Kapital in einer Größenordnung, die ein aus dem nichts gewachsenes Unternehmen nicht aufbringen
  546. konnte. Hinzu kam die Ausrichtung des Hauses. Zuse hatte stets für kleine und mittlere Betriebe gebaut, für Vermessungsämter, Optikfirmen,
  547. Institute. In den frühen Jahren war das genau richtig gewesen, denn die großen Mittel gab es nirgends. Später jedoch wurden die Forschungsabteilungen
  548. erheblich besser ausgestattet und kauften große teure Anlagen, jenen Bereich also, den das Unternehmen Mangelskapital nicht bedienen konnte. Es
  549. hatte den Kunden den Appetit gemacht und sah zu, wie diese anderswo bestellten. Ein weiterer Umstand kam hinzu, der späte Übergang zur reinen Elektronik.
  550. Zusatentscheidung für Relais war lange richtig gewesen, weil sie zuverlässig arbeiteten, als der Elektronik noch niemand traute. Als die elektronischen
  551. Bauteile ausgereift waren, hatten andere einen Vorsprung und überall stand die Übermacht der amerikanischen Rechnerindustrie, die in Europa in
  552. diesen Jahren einen Marktanteil gewann, gegen den ein mittelständisches Haus in Hessen wenig ausrichten konnte. Die Folge war der schrittweise Verlust der
  553. Selbstständigkeit. Neue Gesellschafter mussten aufgenommen werden. Das Unternehmen ging zunächst an einen Elektrokonzern über und gelangte später
  554. vollständig zu Siemens, das von 1967 an die Nachfolge antrat. 1971 wurde der Name Zuse Kommanditgesellschaft gelöscht. Für den Gründer bedeutete das
  555. eine Cesur, die er mit bemerkenswerter Gelassenheit trug. Er blieb dem Nachfolgeunternehmen als freier Mitarbeiter verbunden und stellte fest,
  556. daß ihm die Last der Geschäftsführung nun abgenommen war. Zwei Jahrzehntelang hatte er Bilanzen gelesen, Personal geführt und um Aufträge geworben. Was
  557. [räuspern] er wollte, war etwas anderes gewesen und dafür hatte er zuletzt kaum noch Zeit gehabt. In einer Werkstatt in Hühnfeld arbeitete in den 80er Jahren
  558. ein Mann von über 70 Jahren an einer Maschine, die es seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gab. Er hatte keine Fotografien. Denn es existierte
  559. keine einzige. Er hatte keine vollständigen Zeichnungen, denn sie waren in einer Dezembernacht verbrannt. Was er hatte, waren einige alte
  560. Unterlagen und sein Gedächtnis. Aus diesen Quellen entstand ein zweites Mal, jene Konstruktion aus tausenden Stahlblechen, die einst das Wohnzimmer
  561. seiner Eltern gefüllt hatte. Die Rekonstruktion steht heute im Deutschen Technikmuseum in Berlin. Es war nicht der erste solche Nachbau. Bereits 196
  562. und6 hatte Zuse die zerbombte Relaismaschine im eigenen Betrieb wiedererstehen lassen, teils um sie einem Patentgericht vorzuführen, teils
  563. zu Werbezwecken. Diese Nachbildung steht im Deutschen Museum in München. Später folgten weitere Rekonstruktionen durch andere Hände. unter ihnen die seines
  564. Sohnes Horst Zuse, der die Maschine noch einmal in Originalgröße und in vollem Betriebszustand aufbaute und sie regelmäßig einem Publikum vorführte. Als
  565. Fachleute in den 90er Jahren mit Konrad Zuse über den Aufbau seiner Anlagen sprachen, um deren Architektur erstmals genau zu beschreiben, staunten sie
  566. darüber, dass nach fast 60 Jahren der gesamte Entwurf noch immer vollständig in seinem Kopf vorhanden war. Die Erwähnung des Patentgerichts führt zu
  567. einem Kapitel, das sich durch fast sein ganzes Leben zog. 1941 hatte Zuse eine Anmeldung für seine Rechenmaschine eingereicht. Der Krieg verhinderte
  568. zunächst jede Bearbeitung, danach die Nachkriegsverhältnisse. Als die Sache in den 50er Jahren wieder aufgenommen wurde, hatte sich die Lage
  569. grundlegend verändert. Inzwischen bestand eine Rechnerindustrie mit erheblichen Interessen und diese setzte sich mit allen verfügbaren Mitteln gegen
  570. die Anmeldung zur Weh. Es folgte ein langwieriges und kostspieliges Verfahren. 1967 wies ein deutscher Richter die Anmeldung endgültig zurück
  571. mit der Begründung, es fehle an Erfindungshöhe. Zuse verlor damit einen Kampf, den er 26 Jahre lang geführt hatte. Über dieses Urteil ist viel
  572. gestritten worden und die Bewertungen gehen bis heute auseinander. Die einen sehen darin eine sachlich haltbare Entscheidung, weil eine so grundlegende
  573. Idee schwerlich einem Einzelnen zugesprochen werden kann. Die anderen sehen darin die Wirkung wirtschaftlicher Übermacht auf ein Verfahren, das ein
  574. Vierteljahrhundert zu lange gedauert hatte. Sicher ist allein, dass für Zuse damit die Aussicht endete, an der weltweiten Verbreitung seiner Gedanken
  575. wirtschaftlich beteiligt zu werden. Vom Tagesgeschäft befreit, wandte er sich in den späten Jahren wieder dem zu, was ihn von Anfang an angezogen hatte, den
  576. grundsätzlichen Fragen. Er beschäftigte sich mit Rechnerarchitektur und besonders mit dem gleichzeitigen Arbeiten mehrerer Maschinen. Bereits in
  577. den 50er Jahren hatte er für den Wetterdienst eine Anlage entworfen, die man heute einen Zellularrechner nennen würde. Ein Feld gleicharzellen,
  578. von denen jede nur mit ihren Nachbarn in Verbindung steht. Auch hier, so urteilte er selbst, habe er laufen wollen, bevor er gehen konnte. Aus diesem Gedanken
  579. erwuchs 1969 eine Schrift, die den Titel rechnender Raum trug und zu den ungewöhnlichsten Arbeiten seines Lebens gehört. Ihre Grundidee lautet, dass das
  580. gesamte Weltall selbst als eine Art Zellularrechner aufgefasst werden könnte. Der Raum bestünde demnach aus einer unabsehbaren Zahl kleinster
  581. Zellen, die nach festen Regeln ihren Zustand ändern. Und was wir als physikalische Vorgänge wahrnehmen, wäre das Ergebnis dieser Zustandsänderungen.
  582. Zuse selbst träumte ein, dass ein experimenteller Nachweis fehle und die Theseer unbestätigt bleibe. Er war zugleich überzeugt, dass der Gedanke
  583. künftig erhebliche Bedeutung gewinnen und der theoretischen Physik bei einigen Problemen helfen wde. Die Fachwelt nahm die Schrift zunächst zurückhaltend auf.
  584. In späteren Jahrzehnten haben sich einzelne Physiker ernsthaft mit ähnlichen Vorstellungen befasst. und die Frage gilt weder als entschieden noch
  585. als erledigt. Ein zweiter Gedanke jener Jahre betraf sich selbst reproduzierende Systeme. Andere hatten das Thema rein mathematisch behandelt. Zuse ging es als
  586. Ingenieur an. Ihnen interessierte, welche Bedingungen erfüllt sein müssten, damit eine Werkzeugfabrik ihre eigenen wesentlichen Bestandteile herstellen
  587. kann. Der Vorschlag stieß auf entschiedene Ablehnung. Eine so weitreichende Lösung wollte niemand erwägen. Zuse blieb dabei, daß die
  588. herkömmliche Fertigung Schritt für Schritt selbsttätig werde und dass solche vorausschauenden Entwicklungen eines Tages Wirklichkeit würden. Neben
  589. alldem kehrte er zu einer Neigung seiner Jugend zurück. Er malte. Über Jahrzehnte hinweg entstand eine beachtliche Zahl von Ölbildern, Portraits und
  590. Landschaften, gemalt von einem Mann, der als Schüler Städte der Zukunft gezeichnet hatte und dessen ganzes technisches Werk aus dem Vermögen
  591. erwachsen war, sich Anordnungen bildlich vorzustellen. Die Ehrungen, die ihm in Deutschland zu Teil wurden, sind kaum aufzuzählen.
  592. Doktor würden verlihen ihm die technische Hochschule Berlin Schalottenburg, die Universitäten Hamburg, Dortmund und Dresden, die
  593. Hochschule in Weimer sowie Einrichtungen in Island und Italien. 1991 verlie ihm die altgenössische technische Hochschule Zürich die
  594. Ehrendoktor Würde, jene Hochschule, in der vier Jahrzehnte zuvor seine gerettete Maschine gearbeitet hatte. Er erhielt den Werner von Siemensring, das
  595. große Verdienstkreuz mit Stern, den bayerischen Maximilians Orden und zahlreiche weitere Auszeichnungen. Straßen, Schulen, ein Forschungszentrum
  596. in Berlin, ein Museum in Hühnfeld und ein Förderprogramm für Gastdozenten tragen seinen Namen. Im Ausland dagegen blieb er lange nahezu unbekannt. In den
  597. Vereinigten Staaten kannte man ihn während der 60er und 70er Jahre außerhalb enger Fachkreise so gut wie gar nicht. Erst in den 80er und 90er
  598. Jahren wurde einer breiteren Öffentlichkeit außerhalb Deutschlands zugänglich, was er geleistet hatte. Die Gründe dafür sind mehrfach. die
  599. Abgeschiedenheit der Kriegsjahre, in denen keine Veröffentlichung möglich war, die Zerstörung sämtlicher Belege, das Fehlen von Übersetzungen und der
  600. Umstand, dass die Entwicklung nach dem Krieg dort weiterging, wo Mittel und Institutionen vorhanden waren. Seine öffentlichen Äußerungen zu diesem Thema
  601. ließen eine gewisse Bitterkeit erkennen. Er hielt sich Zeit seines Lebens für den eigentlichen Erfinder des Rechners. Wie diese Frage zu beantworten sei, hängt
  602. bis heute davon ab, welchen Maßstab man wählt und verschiedene Länder haben verschiedene Antworten gegeben. Wer die erste frei programmierbare, vollständig
  603. funktionsfähige Maschine sucht, kommt an Berlin und dem Mai 1941 nicht vorbei. Wer elektronische Bauweise verlangt, wird nach Amerika oder England blicken.
  604. Wer den im Speicher abgelegten Programmablauf zur Bedingung macht, wird in Manchester fündig. Der Fachmann, der die Architektur der frühen Zusechinen
  605. als erster genau beschrieb, zog daraus den Schluss, dass die Erfindung des Rechners eine gemeinschaftliche Leistung war, die zwei Erdteile und 12 Jahre
  606. umfasste. Unbestritten ist, was aus Zuses Werk in jede heutige Maschine eingegangen ist. das Dualsystem, die Trennung von Speicher und Rechenwerk,
  607. die Gleitcomma Stellung mit ihrer Behandlung von null und unendlich, die programmgesteuerte Abarbeitung, der vorausschauende Übertrag, die
  608. Mikrosteuerung, die Fließbandverarbeitung, der Gedanke einer Sprache zur Beschreibung von Rechenvorgängen.
  609. Das alles entstand in einem Wohnzimmer, einer Hinterhofwerkstatt und einem Stall ohne Institut, ohne staatliche Förderung, ohne Vorbilder. Konrad Zuse
  610. starb am 18. Dezember 1995 in Hühfeld, wo er seit 1956 gelebt hatte im Alter von 85 Jahren. Wenige Jahre zuvor hatte er über die Zukunft seines Faches
  611. gesagt, er sei sich einer Sache gewiss. Die Entwicklung des Rechners habe noch einen weiten Weg vor sich und die jungen Leute hätten noch reichlich Arbeit vor
  612. sich. Damit sind wir am Ende dieser Folge angelangt. Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mir bis hierher gefolgt sind. Mein Name ist Konrad
  613. Steinbach. Wenn Ihnen diese Geschichte gefallen hat, freue ich mich über ihren Daumen nach oben und über Ihr Abonnement dieses Kanals, damit Sie keine der
  614. kommenden Folgen versäumen.

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