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Ägypten 1945: Bauer Muhammad Ali findet Tonkrug – Fund erschüttert das Christentum
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Transkriptautomatisch erstellt · 479 Zeilen
- Ein Tonkrug, faustgroß verengt am Hals, bauchig wie eine Amphore, Ockerfarben gebrannt, mit einem flachen Stein als Deckel beschwert. So beschreiben ihn die
- wenigen Menschen, die ihn je in seiner unversehrten Form gesehen haben. Er stand nicht in einem Museum. Er stand in trockener Erde am Fuß eines
- Kalksteinfelsens in Obergypten, eingebettet zwischen losem Schutt, keine Handbreit unter der Oberfläche. Ein Mann namens Mohammed Ali Alaman grub dort im
- Dezember des Jahres 1945 nach Dünger. Nicht nach Geschichte, nicht nach Schätzen, nicht nach Wahrheit. Er suchte sogenannten Sabak, jene nitrathaltige
- mit Jahrhunderten organischen Abfalls durchsetzte Erde, die Bauern am Nil seit Generationen aus alten Siedlungshügeln brachen, um ihre Felder zu düngen. Sein
- Sparten stieß auf etwas Hartes. Kein Stein, etwas Hohles. Das ist der Anfang, mit dem diese Geschichte ehrlich beginnen muss. nicht mit dem
- Versprechen, dass gleich alles anders aussehen wird, was wir über das frühe Christentum zu wissen glaubten, sondern mit einem Mann, einer Schaufel, einem
- Krug und der Angst, die ihn im nächsten Moment packte. Denn im Aberglauben der Gegend in der Nähe der Stadt Nakamadi, am Fuß einer Felswand namens Jabal Altar
- rief, hausten in solchen Gefäßen manchmal Din. Mohammed Ali zögerte, den Krug zu zerschlagen. Dann überwog eine andere Möglichkeit, die ihn stärker
- lockte als die Furcht vor Geistern. Gold. Wenn schon ein Geist darin schlief, dann vielleicht auch ein Schatz. Er zerschlug den Krug mit seiner
- Hacke. Kein Gold fiel heraus. Stattdessen Bücher, 13eh ledergebundene Bände, dicht gepresst, die Seiten aus Papyrus,
- zusammengehalten von Ledereinbänden mit Klappen und teils noch erhaltenen Lederriemen zum Verschließen. Kein Goldschmuck, keine Münzen, kein
- Statuenfragment. Beschriebenes Material in einer Schrift, die der Finder nicht lesen konnte. In einer Sprache, die zu jener Zeit ohnehin
- kaum noch jemand außerhalb einer kleinen Zahl von Gelehrten sprach. Koptisch, die letzte gesprochene und geschriebene Form der alägyptischen Sprache, geschrieben
- in einem Alphabet, das im Wesentlichen dem Griechischen entlehnt war, ergänzt um einige dotische Zeichen für Laute, die das Griechische nicht kannte. Das
- ist die erste harte Tatsache dieser Geschichte und an ihr will ich für einen Moment verweilen, bevor irgendetwas gedeutet wird. Ein Tongefäß verschlossen
- mit einem Stein, vergraben am Fuß eines Felsens, enthielt keine Reliquien, keine Statuen, keine Münzen, sondern ausschließlich Bücher. 13 an der Zahl
- mit zusammengenommen weit über 1000 beschriebenen Seiten, schätzungsweise um die 1200, von denen ein erheblicher bis heute nicht exakt bezifferbarer Teil im
- Lauf der folgenden Jahre verloren ging, ehe Fachleute überhaupt wussten, was sie in Händen hielten. Und schon in diesem einen Satz stecken zwei Ebenen, die in
- dieser Geschichte ab jetzt sorgfältig auseinandergehalten werden müssen, was man beobachten kann und was man daraus schließt. Beobachtung, ein Krug, 13
- Codizes, koptische Schrift, ein Fundort am Fuß eines Felsens in der Nähe des Nils. Deutung: Alles weitere, jede Erzählung darüber, wer sie dort vergrub
- und warum. Diese Geschichte wird beides trennen, so oft und so genau wie möglich, denn genau in dieser Trennung liegt am Ende die eigentliche Spannung.
- Mohammad Ali war zum Zeitpunkt des Fundes nach eigenen späteren Angaben ein junger Mann, der mit seinen Brüdern und Kameltreibern in der Gegend unterwegs
- war, um Sabak zu graben. Eine mühsame, wenig einträgliche Arbeit, die die Bauern der Region seit langem betrieben, oft an denselben Stellen, an denen
- Menschen der Spätantike ihre Toten begraben hatten. Der Fuß des Jabal Altarief war durchsetzt von Grabkammern aus pharaonischer Zeit wieder und weiter
- verwendet in späteren Jahrhunderten. Diese Nähe zu einem alten Bestattungsgelände ist selbst schon ein Datenpunkt. Kein Zufall und wir werden
- später sehen, warum er wichtig ist. Zunächst aber zur unmittelbaren Folge des Fundes. Denn das, was in den Tagen und Wochen danach geschah, ist
- Selbstteil der Beweislage und zugleich der Grund, warum diese Beweislage bis heute Lücken hat, die sich nicht mehr schließen lassen. Mohammed Ali packte
- die Bücher lose in seinen Umhang, den Galabija, und brachte sie nach Hause. Er ahnte nicht, was er da trug. Ein Teil der Blätter, so berichtete er Jahre
- später dem amerikanischen Forscher James M. Robinson, der die Fundgeschichte akribisch zu rekonstruieren versuchte, wurde zunächst achtlos neben dem
- häuslichen Ofen gelagert. Seine Mutter, die die losen brüchigen Papyrusbögen für wertloses Zunder hielt, soll einen Teil davon zusammen mit Stroh verbrannt
- haben, um damit Brot zu backen. Wie viele Seiten dabei verloren gingen, lässt sich nicht mehr feststellen. Es gibt keine Inventarliste von vor dem
- Fund. Es gibt nur das, was am Ende bei den Gelehrten ankam, und die Lücke zwischen dem, was aus der Erde kam und dem, was in Museen landete, ist eine
- Lücke, die für immer offen bleibt. Das ist keine schmückende Anekdote. Das ist ein methodisches Problem, das jede spätere Aussage über den vollständigen
- Inhalt der Bibliothek einschränkt. Kurz nach dem Fund geriet die Familie in eine Blutfäe, die mit dem Fund selbst nichts zu tun hatte, ihn aber entscheidend
- prägte. Der Vater von Mohammad Ali war schon zuvor bei einem Streit getötet worden und die Sitte der Gegend verlangte
- Vergeltung. Wenige Wochen nach dem Fund der Bücher tötete Muhammad Ali gemeinsam mit seinen Brüdern den mutmaßlichen Mörder seines Vaters, einen Mann, der
- bei einem Wächterdienst auf den Feldern ums Leben kam. Diese Tat machte Mohammad Ali monatelang misstrauisch gegenüber jedem Fremden, jedem Beamten, jedem, der
- Fragen stellte. aus begründeter Sorge, daß Nachforschungen zum Fund auch zu Nachforschung über den Mord führen könnten. Er versteckte die Bücher
- zeitweise beim örtlichen koptischen Priester, gab einzelne Bände weiter, verkaufte andere übermittelsmänner auf dem informellen Antiquitätenmarkt von
- Kairo, teils für Beträge, die in keinem Verhältnis zum späteren wissenschaftlichen Wert standen. Diese chaotische, von Angst und Vorsicht
- geprägte Verteilung der Bände ist der zweite große Grund, warum der eigentliche Fundkontext, die Lage der Bücher im Krug, ihre genaue Anordnung,
- mögliche Beigaben, die vielleicht daneben lagen, nie von einem Archäologen vor Ort dokumentiert wurde. Als die ersten Fachleute überhaupt von der
- Existenz der Bibliothek erfuhren, war der ursprüngliche Fundplatz längst nicht mehr das, was er unmittelbar nach dem Fund gewesen war. Es gab keine
- Ausgrabung im eigentlichen Sinn. Es gab einen Bauern mit einer Hacke und alles danach ist Rekonstruktion aus Erzählungen, die Jahre und teils
- Jahrzehnte später erhoben wurden. In einer Zeit, in der sich Erinnerung, Interesse und nachträgliche Ausschmückung längst vermischt hatten.
- Ich halte an dieser Stelle bewusst inne, denn genau hier beginnt die eigentliche Spannung dieser Geschichte nicht in einer geheimen Botschaft, sondern in
- einer methodischen Wunde. Wir besitzen die Bücher. Wir besitzen nicht den Ort, an dem sie lagen, so wie ein Archäologe ihn dokumentiert hätte. Jede Aussage
- über das Warum ihrer Vergrabung muss mit diesem Verlust leben. Die einzelnen Codes nahmen in den folgenden Jahren getrennte Wege. Ein Teil gelangte in die
- Hände eines zyprischen Antiquitätenhändlers in Kairo namens Fokion Tano, der versuchte sie als Gesamtkonvolut ins Ausland zu verkaufen,
- was die ägyptische Regierung durch ein Exportverbot für Altertümer verhinderte. Ein Kodex, heute unter dem Namen Kodex Jung bekannt, weil er später über Umwege
- dem Psychologen Karl Gustav Jung als Geburtstagsgeschenk seines Instituts in Zürich überreicht wurde, verließ Ägypten dennoch, erworben durch den
- niederländischen Religionshistoriker Gillis Quispel im Jahr 1951. Die übrigen zwölf Codizes oder was von ihnen übrig war, kamen nach und nach ins
- koptische Museum in Cairo, maßgeblich durch den Einsatz seines Direktors Pahor Labib, der erkannte, welchen Wert diese Texte hatten und sich dafür einsetzte,
- dass sie als ägyptisches Nationaleigentum im Land blieben. Der französische Ägyptologe Jean Doresse war einer der ersten Fachleute, die die
- Bände überhaupt zu Gesicht bekamen, noch bevor der volle Umfang des Fundes überhaupt bekannt war und veröffentlichte erste Berichte darüber,
- was sich in diesen Büchern verbarg. Was sich darin verbarg, läßt sich bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber vorschnellen Deutungen in seinen
- Grundzügen ziemlich klar beschreiben, denn hier bewegen wir uns wieder auf dem festen Boden dessen, was tatsächlich in den Handschriften steht, nicht dessen,
- was man daraus über die Absichten der Vergrabenden schließt. Die 13 Codes enthalten zusammen rund 52 einzelne Schriften, wobei einige davon mehrfach
- vorkommen in leicht unterschiedlichen Abschriften, was für die Textgeschichte selbst wichtig ist. Die meisten dieser Schriften waren vor dem Fund entweder
- völlig unbekannt oder nur durch Erwähnung und Polemik bei späteren Kirchenautoren wie Irenus von Lyon bekannt, der im späten zweiten
- Jahrhundert gegen Gruppen schrieb, die er als heretisch bezeichnete und dabei gelegentlich Titel und Inhalte solcher Texte referierte, ohne sie im Original
- zu zitieren. Unter den bekanntesten Schriften der Sammlung ist das Evangelium nach Thomas, eine Sammlung von über 100 Sprüchen, die Jesus
- zugeschrieben werden, ohne die erzählerische Rahmenhandlung, die die vier Evangelien des Neuen Testaments kennzeichnet. Keine Geburtsgeschichte,
- keine Passion, keine Auferstehung, nur Spruchpruch. Daneben finden sich Texte wie das Apokryphon des Johannes, das Philippusevangelium, die Sophia Jesu
- Christi, der Traktat über die Auferstehung und eine ganze Reihe kosmologischer, mystischer und philosophischer Abhandlungen, die heute
- unter dem Sammelbegriff gnostisch gefasst werden. Ein Begriff, der selbst in der Forschung umstritten und unscharf ist, weil die darin vereinten Strömungen
- untereinander erhebliche Unterschiede aufwiesen und sich selbst wohl kaum als einheitliche Bewegung verstanden hätten. [räuspern] Ich will hier bewusst nicht
- mehr sagen, als sich sagen lässt. Ich werde keine Übersetzung einzelner Sprüche zitieren, denn jede Übersetzung aus dem Koptischen ist bereits eine
- Interpretationsleistung, über deren Details Fachleute bis heute streiten. Und diese Geschichte hat sich vorgenommen, nichts zu erfinden, was
- nicht belegt ist. Was sich aber ohne Risiko sagen läßt, diese Texte zeichnen in ihrer Gesamtheit ein Bild des frühen Christentums, das erheblich vielfältiger
- war als das, was später als rechtgläubige kirchlich anerkannte Lehre kanonisiert wurde. Es gab in den ersten drei vier Jahrhunderten nach den
- Ereignissen um Jesus von Nazareth keine einheitliche von Anfang an feststehende christliche Lehre, sondern ein Ringen unterschiedlicher Gemeinden, Lehrer und
- Schulen um die Deutung dessen, wer Jesus war, was Erlösung bedeutet, wie die Welt entstanden ist und welche Rolle Erkenntnis auf griechisch Gnosis dabei
- spielt. Die Nakamadi Texte sind ein Fenster in diese Vielfalt, eines von mehreren, die die Forschung seither über die letzten 100 Jahre zusammengetragen
- hat. aber ein besonders umfangreiches und besonders gut erhaltenes. Nun aber zu der Frage, die diese Erzählung eigentlich trägt und die weit
- interessanter ist als jede einzelne inhaltliche Aussage der Texte selbst. Warum lagen diese Bücher sorgfältig in Leder gebunden in einem verschlossenen
- Tonkrug, unter der Erde am Fuß eines Felsens, mutmaßlich seit dem vierten oder fünften nachlichen Jahrhundert über 1500 Jahre lang, ohne dass irgendjemand
- sie in dieser ganzen Zeit wieder ausgrub? Wer vergrub eine ganze Bibliothek und warum tat er es auf diese Weise? Nicht durch verbrennen, was der
- einfachere Weg gewesen wäre, um unerwünschte Bücher loszuwerden, sondern durch sorgfältiges Verschließen und Vergraben, was eher nach Bewahren als
- nach Vernichten aussieht. Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir zuerst schauen, was die Bücher selbst über ihre eigene Entstehungszeit verraten, denn
- hier liefert die materielle Beschaffenheit der Codizes unabhängig von ihrem Inhalt einen entscheidenden Hinweis, einen, der nicht auf
- Interpretation der religiösen Aussagen beruht, sondern auf simpler, handfester Materialforschung. Die Ledereinbände der Kodischees waren wie bei antiken Büchern
- dieser Art üblich, innen mit Kartonage verstärkt, also mit Lagen aus wiederverwendetem ausrangiertem Papyrus, der zu Pappe verklebt wurde, um dem
- Ledereinband Stabilität zu geben. Dieser recyclette Papyrus war nicht leer. Er trug teilweise noch lesbar Reste von Geschäftsbriefen, Verträgen, Quittungen,
- sogar private Korrespondenz. Alltagsdokumente, die für die Buchbinder wertlos genug waren, um zu Makulatur verarbeitet zu werden, für uns heute
- aber goldwert sind, weil einige dieser Dokumente datiert waren. Aus einigen Kartonagefragmenten, insbesondere aus jenen, die in den Einband eines der
- Codizes eingearbeitet wurden, konnten Forscher Datumsangaben rekonstruieren, die in die Jahre um 341, 346 und 348 nach Christus fallen, wobei die genaue
- Lesart einzelner Zahlzeichen in der Forschung nicht ganz unumstritten ist. Das bedeutet, der Papyrus, aus dem diese Buchdeckel gefertigt wurden, kann
- frühstens in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts zu Einbandmaterial verarbeitet worden sein, denn Makulatur wird naturgemäß erst verwendet, nachdem
- die Dokumente, aus denen sie besteht, ihren ursprünglichen Zweck erfüllt und ihre Aktualität verloren haben. Die Codizes selbst, also die eigentlichen
- Bücher, in denen die religiösen Texte stehen, wurden also vermutlich irgendwann zwischen der Mitte und dem Ende des vierten Jahrhunderts gebunden.
- Möglicherweise auch erst im frühen fünften. Das ist eine Beobachtung, keine Deutung. Materialdatierung über die Kartonage ergibt einen Zeitraum um die
- Mitte bis zweite Hälfte des vierten nachlichen Jahrhunderts für die Bindung der Bücher, nicht für die Entstehung der Texte selbst. Das ist ein entscheidender
- Unterschied, an dem sich zeigt, wie vorsichtig man mit Datierungen umgehen muss. Die Texte, die in diesen Büchern kopiert wurden, sind älter als die
- Bücher, die sie enthalten, teils deutlich älter. Das lässt sich unabhängig belegen und zwar durch einen ganz anderen Fund, der mit Nakamadi
- zunächst nichts zu tun hatte. In der ägyptischen Fundstätte Oxehus wurden bereits Jahrzehnte vor dem Fund von Nakamadi ab dem späten 19. und frühen
- 20. Jahrhundert griechische Papyrusfragmente ausgegraben, die Sprüche enthielten, welche sich später als Teile desselben Thomas Evangeliums
- identifizieren ließen, das unter den Nah Kamadiodiches in koptischer Übersetzung vollständig erhalten war. Diese griechischen Fragmente aus Oxiahünchus
- werden paleografisch, also aufgrund der Form der Schriftzeichen, in die Zeit um 200 nach Christus dat manche Fachleute plädieren für einen etwas früheren,
- manche für einen etwas späteren Zeitpunkt innerhalb des späten zweiten oder frühen dritten Jahrhunderts. Das bedeutet, der griechische Urtext des
- Thomas Evangeliums, aus dem die koptische Fassung in Nah Kamadi übersetzt wurde, existierte mindestens rund 150 Jahre vor der Bindung des
- Codex, der ihn schließlich in den Boden brachte. wahrscheinlich sogar noch länger, wenn man Zeit für Abschrift, Verbreitung und Übersetzung mit
- einrechnet. Diese zeitliche Schichtung ist selbst schon ein kleines Wunder der Quellenkritik, denn sie zeigt, die Nakamadi Bibliothek ist kein
- Schnappschuss eines einzigen Moments, sondern eher wie ein geologisches Profil, in dem verschiedene Zeitschichten übereinander liegen. Ganz
- oben die jüngste Schicht, die Herstellung der Bücher selbst, wohl in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts belegt durch die Kartonage.
- Darunter älter die koptische Übersetzung der Texte, die irgendwann zwischen dem dritten und 4. Jahrhundert entstanden sein muss, denn koptisch als
- Schriftsprache mit literarischer Verwendung etabliert sich erst in dieser Zeit. Noch darunter wieder älter. Die griechischen Originaltexte, von denen
- zumindest einige wie im Fall des Thomas Evangeliums durch Oxie Hünchus belegt, bis ins späte zweite Jahrhundert zurückreichen. Manche Forscher vermuten
- für Teile des Textbestands sogar noch frühere mündliche oder schriftliche Vorstufen, was allerdings deutlich spekulativer ist und sich nicht mit
- derselben materiellen Eindeutigkeit belegen lässt wie die anderen beiden Schichten. Wir haben also in einem einzigen Fund mindestens drei
- unterschiedliche historische Momente übereinander gelegt. Den Moment der ursprünglichen Textentstehung im zweiten oder frühen dritten Jahrhundert, den
- Moment der Übersetzung ins Koptische, vermutlich im dritten oder vierten Jahrhundert und den Moment der Buchherstellung und Vergrabung im späten
- vierten oder frühen fün Jahrhundert. Und hier beginnt nun die eigentliche Ermittlungsarbeit, denn die Frage, warum diese Bücher vergraben wurden, lässt
- sich nur für die Jüngste dieser drei Schichten überhaupt sinnvoll stellen. Nicht warum diese Ideen entstanden. Das ist eine andere, für sich genommen
- ebenfalls faszinierende Frage der Religionsgeschichte, aber nicht die, der wir hier nachgehen, sondern warum vergrub jemand im späten vierten
- Jahrhundert diese konkreten, fertiggebundenen Bücher in der Wüste bei Nakamadi? Wer war dieser jemand und was trieb? Um diese Frage zu beantworten,
- müssen wir uns dem geographischen und historischen Umfeld des Fundorts zuwenden. Denn auch hier gibt es harte, überprüfbare Fakten, bevor wir zur
- Interpretation kommen. Der Fundort am Fuß des Jabal Altarief liegt in unmittelbarer Nähe des antiken Ortes Chenobus Kion, eines Siedlungsgebiets am
- Ostufer des Niils, das in der Kirchengeschichte des vierten Jahrhunderts einen ganz konkreten Namen trägt. Es ist eine der Regionen, in
- denen der Mönch Patchomius, der als Begründer des coinobitischen, also gemeinschaftlichen Klosterlebens in der Geschichte des Christentums gilt, in der
- ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts um die Zeit um 320 nach Christus. seine ersten Klostergemeinschaften gründete. Nicht nur eine, sondern mehrere Klöster
- entstanden in diesem Netzwerk entlang des Nils in relativer Nähe zum späteren Fundort, darunter eines, das direkt bei Chenoboskion lag, also nur wenige
- Kilometer vom Fundort der Bibliothek entfernt. Diese geographische Nähe ist eine Beobachtung, kein Argument für sich. Nähe beweist keine Verbindung,
- aber sie ist der Ausgangspunkt für die am besten begründete der mehreren konkurrierenden Erklärungen, die die Forschung seit Jahrzehnten diskutiert.
- Und ich will sie jetzt geordnet nach der Stärke ihrer jeweiligen Beweislage der Reihe nach vorstellen, beginnend mit der unspektakulärsten, aber am besten
- gestützten. Die erste und am breitesten akzeptierte Erklärung gewissermaßen die langweilige Hauptthese, weil sie ohne jedes geheimnisvolle auskommt und sich
- auf institutionelle, bürokratische geradezu banale Vorgänge stützt, lautet: "Die Bibliothek war Eigentum einer oder mehrerer Klostergemeinschaften aus dem
- patrumianischen Netzwerk oder stand ihn zumindest nahe und wurde vergraben, weil im Jahr 367 nach Christus der Bischof von Alexandria Athanasius in seinem
- jährlichen" Osterfest Testbrief, einem Rundschreiben, mit dem Alexandrinische Bischöfe traditionell das Datum des Osterfests an die Gemeinden Ägyptens
- verkündeten, eine Liste jener Bücher veröffentlichte, die seiner Ansicht nach als kanonisch, also als verbindlicher Bestandteil der christlichen heiligen
- Schrift zu gelten hätten. Diese Liste entspricht in ihrem neutestamentlichen Teil im Wesentlichen dem, was bis heute als Kanon des Neuen Testaments gilt und
- sie ist damit einer der frühsten erhaltenen Belege für eine solche geschlossene Aufzählung. Zugleich verurteilte Athanasius in diesem
- Schreiben ausdrücklich sogenannte apokrypfehe Schriften als Erfindung von Heretikern und rief dazu auf, solche Bücher nicht zu lesen und in manchen
- Lesarten des Textes sie zu vernichten. Dieser Brief ist historisch belegt. Sein Inhalt ist bekannt und sein Zeitpunkt 367 nach Christus passt auffallend gut
- zu dem Zeitfenster, dass die Kartonagedatierung für die Bindung der Nahkamadi Kodices nahegt, nämlich die zweite Hälfte des vierten Jahrhunderts.
- Die Hypothese, wie sie zuerst unter anderem von Forschern wie dem Iron John Barns und später von zahlreichen anderen ausgearbeitet wurde, lautet demnach.
- Mönche aus einem der nahen Klöster, die möglicherweise selbst noch mit den unterschiedlichen, damals noch nicht scharf abgegrenzten Strömungen des
- ägyptischen Christentums vertraut waren oder solche Texte zumindest zu Studienzwecken oder aus persönlicher Anhänglichkeit besaßen, sahen sich durch
- den Brief des Athanasius gezwungen, sich dieser Bücher zu entleden, bevor eine Kontrolle oder Durchsuchung sie in Schwierigkeiten bringen konnte. Statt
- die Bücher aber tatsächlich zu verbrennen, wie es der Brief nahete, entschieden sie sich. Aus welchem Motiv auch immer, sei es Respekt vor dem
- geschriebenen Wort, sei es die leise Hoffnung, sie später wieder hervorholen zu können, sei es schlicht die praktische Erwägung, dass ein Feuer in
- der Nähe eines Kloster Aufmerksamkeit erregt hätte, während ein vergrabener Krug niemandem auffällt, dazu die Bücher zu verstecken, statt zu vernichten. Was
- würde diese Hauptthese stützen? über das hinaus, was bereits an Indizien vorliegt, mehrere Dinge und interessanterweise ist ein Teil davon
- tatsächlich in den letzten Jahrzehnten der Forschung zusätzlich zusammengetragen worden. Zum einen die bereits erwähnte inhaltliche Analyse der
- Kartonage Fragmente in einigen der wiederverwendeten Papyrusreste, die als Einbandverstärkung dienten, glaubten Forscher Namen und Verwaltungsvorgänge
- zu erkennen, die sich mit der bekannten Struktur der paschumianischen Klosterverwaltung in Verbindung bringen lassen, etwa Hinweise auf klösterliche
- Ökonomie, auf Kamelverleih, auf interne Korrespondenz zwischen Klöstern des Verbands. Diese Zuordnung ist nicht bei jedem einzelnen Fragment zweifelsfrei,
- aber sie ist bei mehreren Codches konsistent genug, um von einem erheblichen Teil der Forschung als starkes, wenn auch nicht absolut
- beweisräftiges Indiz gewertet zu werden. Zum anderen, die schlichte geographische Lage. Ein Kloster in unmittelbarer Nähe des Fundorts, dessen Existenz zur
- passenden Zeit historisch zweifelsfrei belegt ist, liefert einen plausiblen Täterkreis, ohne dass man auf spekulative, unbelegte Gruppen
- zurückgreifen müsste. Was diese These abschließend bestätigen würde, wäre im Grunde nur eines und es ist genau das, was in dieser Geschichte für immer
- fehlen wird. eine kontrollierte archäologische Ausgrabung des ursprünglichen Fundplatzes, durchgeführt bevor der Ort durchgrabungen von Leihen,
- durch spätere touristische Erschließung und durch den bloßen Lauf der Zeit weitergestört wurde. Eine solche Ausgrabung hätte möglicherweise weitere
- Gegenstände am selben Ort zutage gefördert. Organische Reste, die eine Radiocarbondatierung erlaubt hätten oder Spuren, die den Fundort eindeutiger mit
- einer klösterlichen Nutzung in Verbindung gebracht hätten. Sie hat nie stattgefunden. spätere Untersuchungen der Umgebung,
- etwa durch den amerikanischen Archäologen James M. Robinson und sein Team in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts konnten den ungefähren
- Fundort zwar über Zeugenbefragung eingrenzen und einige Grabkammern in der Nähe dokumentieren, aber sie kamen naturgemäß zu spät, um das zu
- untersuchen, was am Tag des eigentlichen Fundes im Boden lag. Damit ist die Hauptthese die am besten, aber keineswegs vollständig belegte. gestützt
- durch zeitliche Übereinstimmung, gestützt durch geographische Nähe, gestützt durch teilweise plausible Namenszuordnungen in der Kartonage, aber
- ohne den einen archäologischen Beleg, der sie endgültig sichern würde. Die zweite Erklärung, die man ihrer Beweislage nach ordnen kann, ist enger
- verwandt mit der ersten, unterscheidet sich aber in einem entscheidenden Punkt und sie ist deshalb interessant, weil sie zeigt, wie ein und dieselbe
- Indizienlage unterschiedlich gedeutet werden kann. Diese zweite These geht davon aus, dass es sich nicht um eine geplante überlegte Rettungsaktion einer
- verbotenen Büchersammlung handelte, sondern schlicht um eine Entsorgung, um Wegwerfen im eigentlichen Wortsinn. Diese Sichtweise, die unter anderem von
- der Religionshistorikerin und Nahadi Expertin Nicola Den Leis vertreten und in den letzten Jahren mit neuer Sorgfalt untermauert wurde, hinterfragt eine
- stille Annahme der Hauptthese. Das Vergraben automatisch bewahren bedeutet. Dancy Lewis verweist darauf, dass die Region um Chenoboskion nicht nur ein Ort
- mit klösterlicher Präsenz war, sondern auch, wie schon erwähnt, ein Gebiet mit zahlreichen älteren Grablagen, in deren Umfeld es in der Spätantike offenbar
- durchaus üblich war, Gegenstände, auch beschriebenes Material im Zusammenhang mit Bestattungen oder Totengedenken abzulegen oder auch schlicht als Abfall
- zu entsorgen, ohne dass darin eine besondere Absicht der Bewahrung lag. Nach dieser Lesart wäre der Krug mit den 13eh Codizes kein sorgfältig verstecktes
- Geheimarchiv, sondern eher vergleichbar mit dem, was man heute librarische Verlustobjekte oder auch schlicht Müll nennen würde. Bücher, die aus welchem
- Grund auch immer, sei es, weil sie beschädigt, ausrangiert, doppelt vorhanden oder tatsächlich als unerwünscht eingestuft waren, in einem
- Grabkontext entsorgt wurden. sowie man in derselben Region auch andere eindeutig alltägliche oder rituelle Gegenstände in Gräbern und deren Nähe
- findet, ohne dass jedes einzelne davon ein bewusst verstecktes Geheimnis darstellt. Was für diese zweite These spricht, ist vor allem der Fundkontext
- selbst, so wenig wir davon dank der fehlenden Ausgrabung noch rekonstruieren können. Die Nähe zu Gräbern, die in dieser Gegend dokumentiert nachweisbar
- ist, passt eher zu einem Deponierungs oder Entsorgungsritual als zu einem heimlichen Versteck, dass man normalerweise eher abseits von Orten
- wählen würde, an denen ohnehin schon gegraben wird, etwa für neue Bestattungen, was das Risiko einer zufälligen Wiederentdeckung erhöht
- hätte. Ein zweites Argument dieser These betrifft den Zustand der Bücher selbst. Einige der Codiches zeigen bereits vor der Vergrabung Gebrauchsspuren,
- Reparaturen, hier und da unvollständige oder fehlerhafte Abschriften, was eher zu einer Sammlung passt, die im Laufe ihrer Nutzung anwuchs, abgenutzt wurde
- und irgendwann eben auch entrümpelt werden musste, sowie jede Bibliothek irgendwann Bestände aussondert, ganz ohne dramatischen Anlass. Was diese
- These stützen würde, wäre der Nachweis vergleichbarer Fundzusammenhänge in derselben Region, also weiterer Fälle von den Gräbernäher entsorgtem. nicht
- besonders wertgeschätztem Schriftgut aus derselben Zeit, unabhängig von religiösem Inhalt. Ein Muster allgemeiner spät antiker
- Entsorgungspraxis eben, in das sich der Nakhamadund einfügen würde, statt als singuläres durch den Athanasius Brief motiviertes Sondereignis dazustehen.
- Solche vergleichenden Funde sind bislang eher spärlich dokumentiert, was diese These widerlegt, aber eben auch nicht über den Status einer plausiblen
- Alternative hinaushebt. Die dritte Erklärung deutlich schwächer belegt als die beiden vorangegangenen, aber in der öffentlichen Wahrnehmung oft die
- populärste, weil sie am ehesten dem entspricht, was man sich unter einer verbotenen Geheimbliothek vorstellt, geht noch einen Schritt weiter als die
- Hauptthese. Sie postuliert nicht nur eine allgemeine klösterliche Verbindung, sondern eine ganz bestimmte in sich geschlossene Gruppe von Gläubigen oder
- Gelehrten, die diese Texte aktiv über Generationen als Grundlage einer eigenen, von der sich formierenden Amtskirche unabhängigen spirituellen
- Praxis sammelte und studierte und die die Vergrabung nicht aus Furcht vor einer plötzlichen Verfolgungswelle vornahm, sondern als bewussten, gerade
- zu rituellen Akt der Bewahrung von Wissen für eine unbestimmte Zukunft, in der Hoffnung, dass spätere Generationen Die Texte würden bergen und weiterlesen
- können. Diese Vorstellung, oft mit dem Bild eines verborgenen Lehrerkreises oder einer Art Untergrundschule verbunden, hat in der Forschung durchaus
- prominente Fürsprecher gehabt. Insbesondere in älteren Arbeiten aus den Jahrzehnten unmittelbar nach dem Fund, als man dazu neigte, die inhaltliche
- Kohenz der versammelten Texte höher zu bewerten, als es die neuere Forschung heute tut. Tatsächlich ist die inhaltliche Einheitlichkeit der 52
- Schriften bei genauerem Hinsehen deutlich geringer, als man zunächst annahm. Es finden sich neben den klassisch als gnostisch eingeordneten
- Texten auch Übersetzungen philosophischer Werke wie eines Auszugs aus Platons Staat sowie hermetische Schriften, die einer ganz anderen
- religiösen Traditionslinie entstammen. Diese Vielfalt spricht eher gegen eine streng definierte homogene Sondergruppe mit einheitlicher Lehre und eher für
- eine breiter angelegte, vielleicht auch bewusst enzyklopädisch verstandene Sammlung von allem, was an nicht kanonischer, religiöser und
- philosophischer Literatur greifbar war, was durchaus mit der Hauptthese einer klösterlichen Bibliothek vereinbar wäre, aber eben nicht zwingend die
- romantischere Vorstellung einer festumrissenen Geheimgemeinschaft stützt. Was diese dritte These bestätigen würde, wäre der Nachweis
- einer durchgehenden mehrgenerationalen Übertragungslinie etwa durch übereinstimmende Schreiberhände über mehrere Codizes hinweg, die auf eine
- kontinuierliche Schreibstube mit erkennbarer eigener Tradition hindeuten würden, statt auf eine zusammengetragene aus unterschiedlichen Quellen stammende
- Sammelbibliothek. Paleografische Untersuchungen der Handschriften haben tatsächlich gezeigt, dass mehrere unterschiedliche Schreiberhände an den
- 13 Codits beteiligt waren, was eher für eine überzeit angesammelte Bibliothek unterschiedlicher Herkunft spricht als für das Werk einer einzigen in sich
- geschlossenen Schreibschule. Damit ist diese dritte These so anziehend sie erzählerisch ist gegenüber der ersten und zweiten die Schwächer belegte. Es
- gibt noch eine vierte, am wenigsten fundierte, aber in populären Darstellungen gelegentlich anzutreffende Erklärung, die ich der Vollständigkeit
- halber nennen will, weil sie zeigt, wie sich Vermutung von Beleg entfernen kann, je weiter man vom archäologischen Befund wegdriftet. Die Vorstellung, die Bücher
- seien absichtlich mit einer bestimmten, weit in die Zukunft gerichteten Botschaft vergraben worden, gewissermaßen als Zeitkapsel für eine
- spätere aufgeklärtere Epoche. Für diese Deutung gibt es in den Texten selbst, in ihrem Fundkontext oder in irgendeiner unabhängigen Quelle keinerlei
- Anhaltspunkt. Sie beruht ausschließlich auf der emotionalen Wucht der Vorstellung, dass ein Buch, das 1600 Jahre unter der Erde überdauert und dann
- just im Jahrhundert der modernen Religionswissenschaft wieder ans Licht kommt, geradezu für dieses Wiederauftauchen bestimmt gewesen sein
- müsse. Das ist ein verständliches menschliches Bedürfnis nach Bedeutung, aber es ist keine historische Aussage. Und ich nenne diese vierte Möglichkeit
- nur, um sie an dieser Stelle ausdrücklich als das zu kennzeichnen, was sie ist. eine Projektion der Gegenwart auf die Vergangenheit ohne
- eigenständige Beweiskraft. Kehren wir also zu den ersten drei tatsächlich diskutierten Thesen zurück und schauen wir uns an, was die Forschung seit dem
- Fund an zusätzlichen teils überraschenden Details zutage gefördert hat, die keine dieser Thesen endgültig entscheiden, aber das Bild in
- interessanter Weise verschieben. Ein Detail, das lange übersehen wurde und erst in jüngeren Untersuchungen stärker in den Blick geriet, betrifft die Frage,
- wie genau die Kartonage der Einbände zustande kam. Und hier wird die Sache komplizierter, als es die frühe Forschung annahm. Ursprünglich ging man
- davon aus, daß alle 13eh einbände nach demselben Muster und zurelben Zeit am selben Ort hergestellt wurden. Genauere Untersuchungen der Kartonage Fragmente
- einzelner Codizes, unter anderem durch den Papyrologen John Barns und später fortgeführt von anderen Fachleuten zeigten jedoch, dass nicht alle Einbände
- aus demselben Fundus an Altpapyrus stammen und dass die Datumsangaben, die sich in verschiedenen Codizes finden, nicht exakt übereinstimmen, sondern über
- einen gewissen Zeitraum streuen. Das bedeutet, die 13 Bücher wurden möglicherweise nicht alle am selben Tag oder auch nur im selben Jahr gebunden,
- sondern über einen Zeitraum von vielleicht einigen Jahren hinweg zusammengetragen, was eher zu dem Bild einer überzeitgewachsenen Sammlung
- passt, wie man sie in einer Bibliothek erwarten würde, die kontinuierlich Bestände hinzufügt, statt zu einem einzigen plötzlichen Akt der
- Zusammenstellung kurz vor der Vergrabung. Dieses Detail stützt tendenziell sowohl die erste als auch die zweite These, weil beide mit einer
- über zeitgewachsenen Büchersammlung vereinbar sind, spricht aber eher gegen die romantischere Vorstellung eines einzigen konzentrierten Rettungsakts in
- unmittelbarer Reaktion auf den Brief des Athanasius. Wenn die Bücher über Jahre hinweg gebunden und offenbar auch genutzt wurden, dann war die Vergrabung
- vielleicht weniger eine akute Panikreaktion auf ein einzelnes Ereignis, sondern eher der Schlusspunkt einer längeren Phase, in der eine
- Bibliothek existierte. genutzt wurde und irgendwann aus welchem konkreten Anlass auch immer aufgegeben wurde. Ein weiteres Detail betrifft die Frage der
- sprachlichen und dialektalen Vielfalt innerhalb der Sammlung selbst. Koptisch war zur Zeit der Entstehung dieser Bücher keine einheitliche Sprache,
- sondern gliederte sich in mehrere regionale Dialekte, unter anderem den in Obergypten verbreiteten sahidischen Dialekt, der in den meisten nah Hamadi
- Kodiches vorherrscht, aber auch Spuren anderer Dialekte, die auf unterschiedliche geographische Herkunft einzelner Abschriften innerhalb
- derselben Sammlung hindeuten. Diese dialektale Vielfalt spricht dafür, dass nicht alle Texte an ein und demselben Ort abgeschrieben wurden, sondern dass
- die Sammlung ähnlich wie eine reale Bibliothek es tun würde, Bände aus unterschiedlichen Herkunftsorten zusammenführte.
- Ein weiteres kleines Indiz für eine gewachsene aus verschiedenen Quellen gespeiste Büchersammlung, wie man sie eher mit einer institutionellen
- Bibliothek als mit dem persönlichen Besitz eines einzelnen Lesers in Verbindung bringen würde, auch wenn diese Beobachtung allein nicht zwischen
- der ersten und zweiten These entscheidet. Ein drittes besonders aufschlussreiches Detail ergibt sich aus einer genaueren Betrachtung dessen, was
- eigentlich in den 52 Schriften steht. Und hier lohnt sich eine kurze Rückkehr zur Frage nach der Kohenz der Sammlung, die ich vorhin schon anschnitt. Es fällt
- auf, dass die Codes, obwohl sie überwiegend als gnostische Bibliothek bezeichnet werden, tatsächlich auch Texte enthalten, die von führenden
- Vertretern kirchlich anerkannter orthodoxer Positionen in der Spätantike offenbar durchaus gelesen und geschätzt wurden, ohne dass dies als Widerspruch
- empfunden worden sein muss. Ein Beispiel dafür ist die bereits erwähnte Aufnahme eines Auszugs aus Platons Staat in die Sammlung. Ein Text, der in der
- spätantiken Bildungswelt auch unter durchaus rechtgläubigen Christen als klassische Bildungslektüre galt und keineswegs als heretisch. Diese
- Beobachtung nährt die Vermutung, dass die Grenze zwischen dem, was der Athanasiusbrief als kanonisch bzw. heretisch einstufte und dem, was in
- einer klösterlichen oder gebildeten Leserschaft der damaligen Zeit tatsächlich als akzeptable, auch nicht kanonische Lektüre kursierte, in der
- gelebten Praxis weit weniger scharf gezogen war, als der Brief selbst suggeriert. Es ist gut möglich, dass die betreffende Bibliothek über Jahrzehnte
- hinweg als normale, wenn auch inhaltlich breite Sammlung geführt wurde und erst durch die zunehmend verschärfte von der Alexandrinischen Kirchenführung im Laufe
- des vierten Jahrhunderts vorangetriebene Vereinheitlichung der Lehre und des Kanons überhaupt erst zu einem Problem wurde, dass eine Reaktion verbergen,
- entsorgen oder eben vergraben erforderlich machte. Diese Lesart verschiebt den Fokus von einer plötzlichen, dramatischen
- Verfolgungsgeschichte hin zu einem langsameren, bürokratischeren Prozess der Kanonbildung, in dessen Verlauf zuvorlerierte Texte nach und nach aus
- dem akzeptierten Bestand herausfielen. Eine weniger dramatische, aber historisch möglicherweise treffendere Erklärung, die sich gut mit dem einfügt,
- was wir über die allgemeine Entwicklung der Kirchengeschichte im vierten Jahrhundert ansonsten wissen. Das vierte Jahrhundert war nach der
- konstantinischen Wende und der zunehmenden Verflechtung von Kirche und römischem Staat eine Zeit intensiver, oft mühsamer und langwieriger
- Aushandlung dessen, was als rechte Lehre zu gelten hatte, mit mehreren großen Konzilien und wiederholten Rundschreiben, die genau diese
- Aushandlung dokumentieren. Der Brief des Athanasius aus dem Jahr 367 war in diesem Sinn kein singuläres Blitzereignis, sondern ein Meilenstein
- in einem längeren, sich über Generationen hinziehenden Prozess. An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick auf einen Aspekt, der oft
- übersehen wird, obwohl er unmittelbar mit unserer Ausgangsfrage zu tun hat: "Warum vergraben statt verbrennen?" Wenn man annimmt, dass die Besitzer der
- Bibliothek tatsächlich unter dem Druck standen, sich verbotener Bücher zu entledigen, warum wählten sie dann den aufwendigeren, sorgfältigeren Weg des
- Einlegens in einen verschlossenen Tonkrug und des Vergrabens, statt schlicht ein Feuer zu entzünden? Verbrennen war in der Antike die
- naheliegende, schnelle restlose Methode, unerwünschtes Schriftgut verschwinden zu lassen. Und es gibt aus der spät antiken Kirchengeschichte durchaus Belege für
- genau solche Bücherverbrennungen, etwa im Zusammenhang mit der sogenannten dioklitianischen Christenverfolgung am Beginn des vierten Jahrhunderts, bei der
- es unter anderem gezielt um die Konfiszierung und Vernichtung christlicher Schriften ging. Wenn also spätantike Akteure sehr wohl wussten,
- wie man Bücher endgültig vernichtet, warum entschieden sich die Besitzer der Nakamadi Bibliothek für die Aufwendigere in gewisser Weise sogar riskantere
- Methode des Vergrabens? Riskanter deshalb, weil ein vergrabenes Buch im Unterschied zu einem Verbrannten prinzipiell wiedergefunden werden kann
- durch Zufall durch einen anderen grabenden, durch genau das, was am Ende auch tatsächlich geschah. Für die Hauptthese liefert genau diese
- Beobachtung ihr Stärkstes, wenn auch weiches Argument: "Wer ein Buch verbrennt, will es vernichten. Wer ein Buch vergräbt, statt es zu verbrennen,
- obwohl er die Möglichkeit des Verbrennens hätte, handelt vermutlich aus einem anderen Motiv als reiner Vernichtungsabsicht.
- Sei esfurcht vor dem geschriebenen Wort, eine in vielen Kulturen der Antike verbreitete Scheu, heilige oder zumindest als bedeutsam empfundene Texte
- einfach zu zerstören, sei es die leise, vielleicht sogar unbewusste Hoffnung, das Verbergen sei nur vorübergehend und die Bücher könnten eines Tages, wenn
- sich die kirchenpolitische Lage wieder ändert, erneut hervorgeholt werden. Diese Lesart, so spekulativ sie im Detail bleibt, ist zumindest mit dem
- beobachtbaren Verhalten konsistent. Vergraben statt verbrennen ist ein Akt, der eher zu bewahren als zu vernichten passt, selbst wenn wir die genaue innere
- Motivation der Handelnden nie mit letzter Sicherheit rekonstruieren können. Die zweite These hat darauf allerdings eine nicht minder plausible
- Antwort und sie zeigt, wie vorsichtig man sein muss, aus einem einzelnen Verhaltensmuster eine eindeutige Absicht abzuleiten. Auch eine bloße Entsorgung
- von nicht mehr benötigtem, aber immer noch als Papyrus grundsätzlich wertvollem Material. Papyrus war in der Antike kein billiges Massenprodukt,
- sondern ein aufwendig hergestelltes, entsprechend kostbares Schreibmaterial. Könnte durchaus in einem verschlossenen Gefäß erfolgt. Sein, einfach um das
- Material vor Feuchtigkeit, Termiten und Verwitterung zu schützen, falls eine spätere Wiederverwendung des Papyrus selbst unabhängig vom Inhalt, ins Auge
- gefasst war. Ein Tonkrug ist in trockenem Wüstenklima tatsächlich eine hervorragende, geradezu ideale Aufbewahrungsmethode für organisches
- Material. Was im übrigen auch erklärt, warum die Bücher über 1600 Jahre so bemerkenswert gut erhalten blieben. Ein Umstand, der selbst wieder eine
- Beobachtung ist, unabhängig von jeder Motivforschung. Das trockene, gleichbleibende Klima Obergyptens kombiniert mit dem schützenden Tongefäß
- konservierte organisches Material über einen Zeitraum, der in feuchteren Klimazonen der Welt praktisch undenkbar wäre. Unter diesem Blickwinkel wäre die
- sorgfältige Verpackung also kein Beleg für eine bewusste geheime Rettungsabsicht bezüglich des Inhalts, sondern schlicht die naheliegende
- klimatisch bedingt vernünftige Methode, um wertvolles Rohmaterial, das Buchmaterial eben, vor dem Verderben zu bewahren. Ganz unabhängig davon, was in
- den Büchern stand oder ob sie später überhaupt wieder gelesen werden sollten. Wir stehen also nach all diesen Indizien an einem Punkt, an dem sich die
- Beweislast nicht restlos zugunsten einer einzigen Erklärung neigt, sondern an dem mehrere in sich schlüssige Deutungen nebeneinander stehen, gestützt durch
- überlappende, aber nicht eindeutig entscheidende Indizien. Das ist frustrierend für jeden, der auf eine einfache, abgeschlossene Antwort hofft,
- aber es ist der ehrliche, gegenwärtige Stand der Forschung. Und ich will an dieser Stelle noch einmal betonen, warum das so ist, denn dieser Grund selbst ist
- Teil der eigentlichen Geschichte. Es fehlt die eine Information, die jede dieser Thesen entscheidend hätte prüfen können, nämlich der ungestörte
- wissenschaftlich dokumentierte Fundkontext selbst. Was genau lag noch im Boden neben dem Krug? Gab es Spuren einer bewußten, vorsichtigen Grabung,
- wie man sie bei einem heimlichen nächtlichen Verstecken erwarten würde, oder eher Spuren einer routinemäßigen alltäglichen Entsorgung? lagen in der
- unmittelbaren Umgebung weitere Gegenstände, organische Reste, die eine unabhängige Datierung über Radiokarbonmethoden erlaubt hätten,
- unabhängig von der indirekten Datierung über die Kartonage Dokumente. All das ist unwiderbringlich verloren, weggegraben von einem Bauern, der Dünger
- suchte, in einer Nacht im Dezember des Jahres 1945, lange bevor irgendjemand ahnte, welchen Wert dieser Fund haben würde. Diese
- Erkenntnis, dass die entscheidende Lücke nicht in den Texten selbst liegt, sondern im verlorenen archäologischen Kontext ihrer Auffindung, ist selbst
- eine Art Wendepunkt in dieser Erzählung. Ein Moment, in dem sich der Fokus verschiebt, weg von der Frage, was die Texte bedeuten, hin zu der viel
- greifbareren, aber ebenso ungelösten Frage, wie sie in den Boden kam. Und genau dieser Wendepunkt erklärt auch, warum die Forschung der letzten 20, 30
- Jahre ihren Schwerpunkt merklich verschoben hat. Weg von der reinen inhaltlichen Textinterpretation, die in den ersten Jahrzehnten nach dem Fund
- dominierte, angeführt von der monumentalen Übersetzungsarbeit, die James M. Robinson mit einem internationalen Team von Fachleuten
- leistete und die im Jahr 1977 in der ersten vollständigen englischen Gesamtausgabe unter dem Titel The Nck Hamadi Library in Englisch mündete, hin
- zu einer viel stärker materiell und kontextuell orientierten Forschung, die fragt: Wer stellte diese Bücher tatsächlich her? mit welchem Material,
- an welchem Ort, unter welchen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen und was verraten die banalen alltäglichen Spuren? Handschriften,
- wiederverwendetes Altpapier, Bindetechniken über die Menschen, die diese Bücher tatsächlich in Händen hielten, lange bevor irgendjemand von
- Gnosis oder Heresie sprach. Bevor ich zu einer abschließenden ehrlichen Einordnung komme, will ich noch einen Aspekt ansprechen, der diese Geschichte
- oft unbeabsichtigt verzehrt hat, weil er in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Art Verwechslung geführt hat, die man auseinanderhalten sollte. Nur zwei Jahre
- nach dem Fund von Nakamadi im Jahr 1947 wurde in einer Höhle bei Kumran am Toten Meer eine ganz andere unabhängige Sammlung antiker Handschriften entdeckt,
- die als Schriftrollen vom Toten mehr bekannt wurden. Beide Funde ereigneten sich in derselben Nachkriegsdekade. Beide betreffen religiöse Texte aus der
- Antike. Beide wurden ursprünglich von Hirten bzw. Bauern eher zufällig entdeckt und beide veränderten das Bild, dass die Forschung von der religiösen
- Vielfalt der Zeit um die Zeitenwende hatte, erheblich. Diese Ähnlichkeiten haben in populären Darstellungen gelegentlich dazu geführt, daß beide
- Funde miteinander vermengt oder sogar verwechselt wurden, obwohl sie inhaltlich, geographisch und religionsgeschichtlich ganz
- unterschiedliche Traditionen betreffen. Die Schriftrollen vom Toten Meer sind überwiegend jüdische Texte, viele davon älter, teils bis ins dritte
- vorchristliche Jahrhundert zurückreichend, gefunden in einer trockenen Höhlenregion am Westufer des Toten Meeres, wären die Nahkam die
- Bibliothek, christliche und mit dem Christentum verwandte spätantike Texte in koptischer Sprache versammelt, gefunden in einem Wüstengebiet am Nil,
- hunderte Kilometer entfernt. Ich erwähne diese Abgrenzung nicht als Fußnote, sondern weil sie zeigt, wie leicht sich um einen an sich schon außergewöhnlichen
- Fund zusätzliche unbegründete Assoziationen und Vermischungen legen, die die eigentliche, für sich genommen schon bemerkenswerte Geschichte weiter
- verunklen, statt sie zu schärfen. Diese Geschichte will genau das Gegenteil: Schärfen, nicht verklären. Kommen wir also zur ehrlichen,
- gegenwärtigen Bilanz, denn genau darum ist es in dieser Erzählung von Anfang an gegangen, nicht um eine endgültige Enthüllung, sondern um das sorgfältige
- Offenlegen dessen, was wir wissen, was wir vermuten und was wir wahrscheinlich nie erfahren werden. Was wir wissen, mit an Sicherheit grenzender Gewissheit,
- gestützt durch materielle überprüfbare Belege. Im Dezember des Jahres 1945 fand ein Bauer namens Mohammed Ali Al-Samann bei der Suche nach Düngeerde
- am Fuß des Jabal Altar rief in der Nähe der oberägyptischen Stadt nach Kamadi einen verschlossenen Tonkrug, der 13 Ledergebundene Codiges mit koptischen,
- religiösen und philosophischen Texten enthielt. Die Einbände dieser Codiches wurden mit Hilfe von wiederverwendetem Altpapyrus verstärkt, dessen erhaltene
- Datumsangaben in die Jahre um 341 bis 348 nach Christus fallen, was auf eine Bindung der Bücher in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts hindeutet. Die
- in den coditsches enthaltenen Texte selbst sind älter als ihre Bindung, in mehreren Fällen nachweisbar, etwa durch griechische Vorläuferfragmente des
- Thomasevangeliums aus Oxie Hünchus, die bereits um 200 nach Christus entstanden. Der Fundort liegt in geographischer Nähe zu einem Netzwerk früher christlicher
- Klöster, die auf den Mönch Patchomius zurückgehen und deren Gründung in dieselbe Region und ungefähr in dieselbe historische Periode fällt. Im Jahr 367
- veröffentlichte der alxandrinische Bischof Athanasius einen Osterfestbrief, der eine Liste kanonischer Schriften enthielt und nicht kanonische,
- sogenannte Apokryphe Texte ausdrücklich verurteilte. Das alles ist beobachtbar, dokumentiert, überprüfbar und unabhängig von jeder Interpretation der
- eigentlichen Motive der Vergrabenen. Was wir vermuten mit unterschiedlicher, aber in keinem Fall abschließender Sicherheit, dass die Bibliothek im
- Besitz oder zumindest im Umfeld einer der nahegelegenen klösterlichen Gemeinschaften war, dass ihre Vergrabung in einem Zusammenhang mit der sich im
- vierten Jahrhundert verschärfenden Kanonbildung und der zunehmenden Verurteilung nicht kanonischer Texte stand und dass die gewählte Methode des
- Vergrabens statt Verbrennens eher auf ein Motiv der Bewahrung als der reinen Vernichtung hindeutet. Dies ist die am besten, wenn auch nicht endgültig
- belegte Hauptthese. Eine ähnlich gut begründbare, aber inhaltlich andere Deutung sieht in der Vergrabung keinen dramatischen Rettungsakt, sondern eine
- eher beiläufige an lokale Bestattungspraktiken angelehnte Entsorgung ausrangierter Bücher, was ebenfalls mit den vorhandenen Indizien
- vereinbar ist, ohne den Konflikt um die Kanonbildung als notwendigen Auslöser vorauszusetzen. Eine dritte schwächer belegte Deutung
- stellt sich eine bewusst kuratierte über Generationen gepflegte Sammlung im Dienst einer bestimmten Lehrtradition vor, wird aber durch die beobachtete
- Vielfalt der Schreiberhände und die inhaltliche Heterogenität der Sammlung eher relativiert als gestützt. Was wir mit ziemlicher Sicherheit nie erfahren
- werden, ist das, was eine kontrollierte archäologische Ausgrabung des ursprünglichen Fundplatzes am Tag des Fundes selbst hätte zeigen können. Die
- exakte Lage des Kruges im Verhältnis zu etweigen weiteren Gegenständen mögliche organische Reste für eine unabhängige naturwissenschaftliche Datierung,
- Spuren, die zwischen einem sorgfältig geplanten Versteck und einer routinemäßigen Entsorgung hätten unterscheiden können. Diese Information
- ist für immer verloren. nicht durch eine Verschwörung, nicht durch absichtliche Vertuschung, sondern durch die schlichte, fast banale Tatsache, dass
- ein Mann mit einer Hacke nach Dünger suchte, nichts von der Bedeutung dessen ahnte, was er fand, und in den folgenden Wochen mehr mit einer Blutfäde und der
- Angst vor Behörden beschäftigt war, als mit der sorgfältigen Dokumentation eines archäologischen Fundplatzes. Genau in dieser Lücke, in diesem für immer
- unwiderbringlichen Stück verlorenen Wissens liegt die eigentliche, unspektakuläre, aber ehrliche Poante dieser Geschichte. Manche Rätsel der
- Geschichte lösen sich nicht deshalb nicht auf, weil die Antwort geheim gehalten wird oder verboten ist, sondern schlicht, weil der Moment, in dem man
- sie hätte festhalten können, unwiderbringlich verstrichen ist, bevor irgendjemand wusste, dass er wichtig war. Und doch, und damit will ich zum
- Bild zurückkehren, mit dem diese Erzählung begann. Der Krug wurde zerschlagen in der Erwartung von Gold oder in der Furcht vor einem Geist und
- was herauskam, waren Bücher. Diese Umkehrung der Erwartung ist mehr als eine hübsche Anekdote. Sie fasst in einem einzigen Moment zusammen, worum es
- in dieser ganzen Geschichte eigentlich geht, dass der eigentliche Wert eines Fundes oft nicht in dem liegt, wonach man ursprünglich sucht, sondern in dem,
- was übrig bleibt, wenn die Erwartung enttäuscht wird und der nüchterne Blick auf das beginnt, was tatsächlich vor einem liegt. Kein Schatz, keine
- Prophezeiung, keine Botschaft aus der Zukunft an die Gegenwart, sondern Bücher kopiert von namentlich unbekannten Schreibern, gebunden aus
- wiederverwendetem Material, das selbst schon von einem vergangenen alltäglichen Leben erzählt, vergraben von Menschen, deren Namen wir nicht kennen. aus
- Gründen, die wir nur in Umrissen rekonstruieren können, gefunden von einem Mann, der Dünger suchte in einer Nacht, die ihr eigenes mit dem Fund
- verwobenes menschliches Drama aus Angst, Gewalt und Unwissenheit mit sich brachte. Wenn man mich fragte, was die ehrlichste, gegenwärtig verantwort,
- warum die Nahadi Bibliothek in der Erde lag, würde ich sagen, vieles spricht dafür, dass es sich um die Bücher einer klösterlichen oder klosternahen
- Gemeinschaft im Umfeld der paschumianischen Klöster Obergyptens handelte, die im Zuge der sich im vierten Jahrhundert verschärfenden
- kirchlichen Vereinheitlichung möglicherweise ausgelöst oder zumindest beschleunigt durch den Osterfestbrief des Athanasius im Jahr 367. 67 nicht
- mehr offen gehalten werden konnten und deshalb aus einem Motiv, das eher nach Bewahren als nach vernichten aussieht, vergraben statt verbrannt wurden. Das
- ist die Hauptthese, die am besten zu den vorhandenen Indizien passt. Aber sie ist keine bewiesene Tatsache, sondern die wahrscheinlichste unter mehreren
- begründbaren Möglichkeiten. Und jede ehrliche Darstellung dieser Geschichte muss diesen Unterschied respektieren. Die offene Frage, die am Ende bleibt und
- die vielleicht nie restlos beantwortet werden wird, lautet deshalb nicht, was in den Büchern steht. Das ist inzwischen dank jahrzehntelanger philologischer
- Arbeit gut erforscht und in vielen Sprachen zugänglich. Die offene Frage lautet: Was geschah in den Tagen oder Wochen, bevor der Krug in
- die Erde kam? Trug jemand die Bücher heimlich bei Nacht in der Furcht vor Entdeckung, an diesen Ort, in der leisen Hoffnung, sie eines Tages wieder
- auszugraben? Oder trug jemand achselzuckend, einen Korb ausrangierter, nicht mehr benötigter Handschriften zu einer Stelle, an der man ohnehin schon
- öfter grub, so wie man auch heute noch Dinge entsorgt, ohne ihnen einen zweiten Gedanken zu widmen? Zwischen diesen beiden Bildern, dem des heimlichen
- ehrfürchtigen Rettens und dem des Achtlosen alltäglichen Wegwerfens bewegt sich diese ganze Geschichte und beide Bilder sind mit dem heutigen
- Wissensstand ehrlich vertretbar. Vielleicht ist gerade das die eigentliche Lehre, die dieser Fund am Fuß eines Felsens in Obergypten für uns
- berei hält, daß wir oft nicht wissen können, ob eine Geste der Vergangenheit aus Liebe zu dem geschah, was bewahrt wurde, oder aus Gleichgültigkeit
- gegenüber dem, was man los sein wollte, und dass beide Gesten im Lauf von 1600 Jahren stiller Erde am Ende exakt dasselbe Ergebnis hervorbringen können.
- Ein Buch, das überlebt gegen jede Wahrscheinlichkeit bis ein Mann mit einer Hacke es findet. ohne zu wissen, was er in Händen hält. Und doch bleibt
- die Versuchung groß, aus dieser Ungewissheit eine Geschichte zu machen, die sich leichter erzählen lässt als die Wahrheit selbst. Archäologen kennen
- diese Versuchung gut, denn sie arbeiten mit Fragmenten, mit Löchern in der Überlieferung, die das Gehirn wie von selbst zu schließen versucht. Ein
- Papyrus, der in einem Grab landet, ein Buch, das in einer Nische verschwindet, ein Text, der plötzlich aus dem öffentlichen Gebrauch verschwindet. All
- das verlangt nach einer Erzählung. nach einem Warum, dass wir dem Material aufzwingen, obwohl das Material selbst schweigt. Die Nakamadi Schriften haben
- in den vergangenen 80 Jahren unzählige solche Erzählungen hervorgebracht. Manche vorsichtig und quellenkritisch, andere kühn bis an die Grenze der
- Spekulation. Man hat von Mönchen gesprochen, die aus dem nahegelegenen Kloster des Patchomius stammten und die in einer Zeit wachsender kirchlicher
- Kontrolle ihre unorthodoxen Bücher retten wollten, bevor Bischof Athanasius mit seinem berühmten Osterbrief von 367 die Grenzen des kanonischen Kreises
- endgültig zog. Diese Theorie hat etwas Bestechendes. Sie verbindet den Fundort, die zeitliche Nähe zum Brief, die Textsorten selbst, die eindeutig aus
- einem Milieu stammen, dass man als christlich, asketisch, mönchisch geprägt beschreiben könnte. Und doch ist sie eben genau das, eine Theorie, kein
- Beweis, ein Narrativ, das die Lücken der Überlieferung mit der plausibelsten, verfügbaren Geschichte füllt. Was an dieser Rekonstruktion aber besonders
- lehrreich ist, ist nicht ihre Richtigkeit oder Falschheit, sondern die Art, wie sie zeigt, das Wissen über die Antike selten aus dem Material selbst zu
- uns spricht. Es entsteht im Dialog zwischen dem Gefundenen und dem Fragenden, zwischen dem Krug aus gebranntem Ton und den Historikern, die
- Jahrzehnte damit verbracht haben, seine Herkunft, seine Sprache, seine Bindung zu entschlüsseln. Jede Generation von Forschern hat dabei ihre eigenen Fragen
- an die Schriften herangetragen, geprägt von den intellektuellen Strömungen ihrer Zeit. In den 50er und 60er Jahren, als die ersten Übersetzungen entstanden,
- suchte man vor allem nach den Wurzeln der christlichen Heresie, nach den Gegenspielern der sogenannten großkirchlichen Orthodoxie. Später, in
- den 70er und 80er Jahren verschob sich der Blick. Man begann die gnostischen Texte nicht mehr nur als Abweichung, sondern als eigenständige religiöse Welt
- zu verstehen mit eigener Logik, eigener Kosmologie, eigenem Anspruch auf Wahrheit. Feministische Theologinnen entdeckten in einigen dieser Schriften,
- etwa im Evangelium nach Maria, Spuren einer Rolle der Frau in den frühesten christlichen Gemeinschaften, die von der späteren männlich dominierten
- Kirchengeschichte überschrieben worden war. Wieder andere lasen die Texte als Zeugnisse eines universalen menschlichen Verlangens nach Selbsterkenntnis, dass
- sich lose an buddhistische oder neuplatonische Gedanken anschließen ließ. Eine Lesart, die besonders im Zuge der New Age Bewegung populär wurde und
- bis heute in bestimmten spirituellen Kreisen nachwirkt. All diese Lesarten sagen mehr über die Fragenden aus als über die Menschen, die vor 1600 Jahren
- mit Schilfrohrhorfedern und Ruß diese Zeilen auf Papyrus brachten. Und dennoch sind sie nicht beliebig, denn sie bleiben an den Text selbst gebunden, an
- seine Worte, seine Widersprüche, seine Lehrstellen. Genau darin liegt die eigentümliche Disziplin der Philologie und der Religionsgeschichte, die
- Fantasie zuzulassen, ohne sie über das Material triumphieren zu lassen. Wer heute das Evangelium nach Thomas liest, jenes vielleicht bekannteste unter den
- 54 Schriften der Bibliothek, stößt auf eine Sammlung von Sprüchen, die Jesus zugeschrieben werden. Ganz ohne erzählerischen Rahmen, ohne Kreuzigung,
- ohne Auferstehung, nur nackte, oft rätselhafte Sätze, die zur Deutung auffordern, fast wie ein Senkan. Manche Forscher datieren einen Kern dieser
- Sprüche früher als die kanonischen Evangelien selbst und vermuten in ihnen eine eigenständige mündliche Überlieferung, die parallel zu den
- später kanonisierten Texten existierte. Andere warnen vor solcher Frühdatierung und sehen im Thomasevangelium eher ein Produkt des zweiten Jahrhunderts, das
- bereits auf die kanonischen Evangelien reagiert und sie in ein neues esoterisches Licht taucht. Der Streit ist bis heute nicht entschieden und
- vermutlich wird er es nie sein, weil die Textzeugen fehlen, die eine endgültige Antwort erlauben würden. Diese Unentscheidbarkeit ist unbequem für
- jeden, der von der Geschichte klare Antworten erwartet, aber sie ist zugleich der eigentliche Reichtum, den Nakhamadi der Nachwelt hinterlassen hat.
- Denn sie zwingt uns, die Vielstimmigkeit der frühen christlichen Bewegung ernst zu nehmen, jene chaotische plurale Phase, bevor sich eine einzige
- Lehrmeinung als verbindlich durchsetzte. Es gab, wie die Funde von Nakamadi eindrücklich belegen, nicht das eine Urchristentum, sondern ein Geflecht
- konkurrierender Gemeinschaften, die jeweils ihre eigenen Texte, ihre eigenen Christusbilder, ihre eigenen Erlösungsvorstellungen pflegten. Manche
- glaubten an einen leidenden, fleischgewordenen Erlöser, der stellvertretend am Kreuz starb. Andere, wie die Verfasser mancher Texte aus
- dieser Bibliothek entwickelten eine radikal andere Kosmologie, in der die materielle Welt selbst als Irrtum als Gefängnis einer höheren göttlichen Seele
- erscheint, geschaffen nicht vom wahren, unerkennbaren Gott, sondern von einem untergeordneten, oft fehlbaren Demiurgen. In diesem Denken wird
- Erlösung nicht durch den Glauben an ein historisches Opfer erreicht, sondern durch Gnosis, durch ein inneres Erwachen, ein Erkennen der eigenen
- göttlichen Herkunft. das den Menschen aus der Illusion der materiellen Welt befreit. Solche Vorstellungen klingen aus heutiger Sicht oft fremd, manchmal
- geradezu abenteuerlich in ihrer mythologischen Fülle von Eonen, Archonten und himmlischen Hierarchien. Doch sie waren im zweit, dritten und
- vierten Jahrhundert keineswegs eine Randerscheinung, sondern Teil eines lebendigen, intellektuell anspruchsvollen Diskurses, der
- Philosophie, Mythologie und religiöse Erfahrung miteinander verband. Die großkirchlichen Theologen, die später als Heresiologen bekannt wurden, allen
- voran Irenus von Lyon mit seinem Werk gegen die Heresien, haben viel Mühe darauf verwendet, diese Strömungen zu widerlegen, zu verzerren, lächerlich zu
- machen. Bis zum Fund von Nakamadi kannten wir die Gnostiker fast ausschließlich aus der Feder ihrer Gegner, aus polemischen
- Zusammenfassungen, die naturgemäß nicht das Interesse hatten, diese Lehren in ihrer eigenen Komplexität und Schönheit darzustellen. Die Codischees aus der
- Wüste haben diese Einseitigkeit korrigiert, wenn auch nie vollständig, denn auch sie sind nur ein Ausschnitt, eine zufällige unvollständige Auswahl
- aus einer viel größeren, längst verlorenen Literatur. Und darin liegt vielleicht die tiefste Ironie dieser ganzen Geschichte. Das ausgerechnet ein
- Akt, der möglicherweise aus Vorsicht, aus Furcht vor Verfolgung oder kirchlicher Zensur geschah, uns heute einen freiern, weniger gefilterten Blick
- auf die religiöse Vielfalt der Spätantike erlaubt, als es die offizielle überlieferte Kirchengeschichte je zugelassen hätte.
- was verborgen werden sollte, um zu verschwinden, wurde stattdessen bewahrt, um später umso lauter zu sprechen. Muhammed Ali Assaman, der Bauer, der
- jene Tonkrüge im Dezember 1945 fand, konnte davon nichts ahnen, als er mit seiner Hacke gegen das harte Erdreich am Fuß des Jabalettarif schlug. Er suchte,
- wie es heißt, weichen Boden für Dünger, nicht nach Offenbarung, nicht nach Heresie, nicht nach den verlorenen Stimmen des frühen Christentums. Die
- Geschichte, die sich um seinen Fund rankt, ist selbst von Widersprüchen durchzogen, von Erzählungen über eine Blutfäe, die kurz zuvor stattgefunden
- haben soll, von Angst vor den Behörden, von einem Teil der Schriften, der angeblich zunächst als Feuerholz verwendet wurde, bevor man ihren
- möglichen Wert erkannte. Auch hier, wie so oft in dieser Geschichte, verschwimmen die Grenzen zwischen dokumentierter Tatsache und nachträglich
- zurechtgelegter Anekdote. Und auch hier bleibt uns letztlich nur mit der Unsicherheit zu leben, die jede Rekonstruktion der Vergangenheit
- begleitet. Die Zettel selbst, jene zerknitterten Fragmente aus der Genesa tragen Spuren dieser Ungewissheit förmlich in ihrer Materialität. Risse
- entlang alter Faltlinien, Wasserflecken, die einzelne Wortfolgen für immer unlesbar gemacht haben. Tintenreste, die unter ultraviolettem Licht wieder
- hervortreten, aber nie ganz die Lücken schließen, die Jahrhunderte der Aufbewahrung hinterlassen haben. Wer diese Fragmente zum ersten Mal in Händen
- hielt, konnte kaum ahnen, dass sie eines Tages als Schlüssel zu einem der bedeutendsten Rätsel der Bibelwissenschaft gelten würden.
- Zunächst waren sie nur ein weiterer Posten in einem Stapel von Papieren, die aus einer Kammer geborgen worden waren, deren eigentlicher Zweck längst in
- Vergessenheit geraten war. Die Geneser, jener Aufbewahrungsort für ausgediente religiöse Texte, folgte einer alten Praxis. Schriften, die den Namen Gottes
- enthielten, durfte man nicht einfach vernichten, sondern mußte sie respektvoll zur Seite legen, bis sie schließlich bestattet wurden. So
- sammelte sich über Jahrhunderte ein Konvolut an, das weit über das hinausging, was ursprünglich beabsichtigt gewesen war. Eine
- ungeordnete, aber immense Fundgrube für alles, was jemals in dieser Gemeinschaft geschrieben, gelesen, kopiert und schließlich beiseite gelegt worden war.
- Es ist diese Zufälligkeit der Überlieferung, die den ganzen Vorgang so eigentümlich macht. Nichts an dieser Sammlung war für die Nachwelt gedacht.
- Niemand hatte die Absicht, ein Archiv anzulegen, das später von Gelehrten in Cambridge oder Oxford ausgewertet werden würde. Die Texte lagen dort, weil man
- sich schlicht nicht traute, sie zu entsorgen, nicht weil man ihren historischen Wert erahnte. Gerade dieser fehlende Wille zur Kuratierung verleih
- seine besondere Authentizität. Hier wurde nichts nachträglich zurecht gerückt, um ein bestimmtes Bild zu erzeugen. Hier lag einfach das, was
- übrig geblieben war, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Unordnung. Und doch, gerade weil es keine Kuratierung gab, mussten diejenigen, die später
- versuchten, aus diesem Wust einen Sinn zu destillieren, selbst zu Kuratoren werden mit allen Risiken, die eine solche nachträgliche Ordnung mit sich
- bringt. Man muss sich vor Augen führen, unter welchen Bedingungen diese ersten Untersuchungen stattfanden. Es gab keine standardisierten Verfahren zur
- Konservierung fragiler Textilien oder Papiere, keine klimatisierten Lagerräume, keine digitalen Kataloge, in denen jedes Fragment mit einer
- eindeutigen Nummer versehen und fotografiert werden konnte, bevor es weiter zerfiel. Was es gab, waren Engagierte, manchmal auch besessene
- Gelehrte, die mit bloßen Händen durch Kisten voller brüchiger Blätter wühlten, in der Hoffnung, auf etwas zu stoßen, das ihre kühnsten Erwartungen übertraf.
- Diese Mischung aus wissenschaftlicher Akribie und schierem Enthusiasmus prägt bis heute die Art und Weise, wie über diese Funde erzählt wird. Die Berichte
- schwanken zwischen nüchterner Dokumentation und geradezu literarischer Dramatisierung und es fällt oft schwer zu entscheiden, wo die eine endet und
- die andere beginnt. Hinzukommt, dass die beteiligten Personen selbst nicht immer verlässliche Zeugen ihrer eigenen Entdeckungen waren. Erinnerungen
- verändern sich mit der Zeit, werden im Nacherzählen geglättet, dramatisiert oder schlicht an das angepasst, was im Rückblick plausibler erscheint. Wenn
- also von jener Reise die Rede ist, die eine der Schlüsselfiguren dieser Geschichte unternahm, um die Fragmente zu sichten und ihre Bedeutung zu
- erkennen, dann vermischen sich in den überlieferten Schilderungen Fakten mit Ausschmückungen, die dem Ereignis erst im Nachhinein seinen legendären
- Charakter verliehen haben. Man wird nie mit letzter Sicherheit sagen können, wie genau der Moment der Erkenntnis tatsächlich abgelaufen ist. ob es ein
- plötzliches Aufblitzen von Verständnis war, während ein Blatt gegen das Licht gehalten wurde, oder ob sich die Bedeutung erst allmählich über Wochen
- und Monate mühsamer Vergleichsarbeit herauskristallisierte. Was jedoch unbestreitbar bleibt, ist die schiere Wucht dessen, was diese Sammlung
- letztlich enthüllte. Über Jahrhunderte hinweg hatten Generationen von Schreibern, Kaufleuten, Gelehrten und einfachen Gläubigen ihre
- Alltagsdokumente, Verträge, Briefe, Gebete, aber auch weitaus ältere religiöse Texte in dieser Kammer hinterlassen, ohne zu ahnen, dass sie
- damit ein Zeitfenster in die Vergangenheit öffnen würden, das weit über ihre eigene Epoche hinausreichte. Unter den scheinbar banalen
- Alltagsdokumenten fanden sich plötzlich Fragmente, die Jahrhunderte älter waren als der Rest der Sammlung. Texte, die auf Traditionen zurückgingen, die man
- längst für verloren gehalten hatte. Es war, als hätte man in einem gewöhnlichen Dachboden zufällig eine Tür zu einem verborgenen Flügel des Hauses entdeckt,
- von dessen Existenz niemand mehr wusste. Diese Überlagerung von Zeitschichten, das Neue neben dem Uralten, das Banale neben dem Erhabenen, ist
- charakteristisch für die Art, wie Geschichte tatsächlich überliefert wird. im Gegensatz zu der oft zu ordentlichen linearen Erzählung, die wir uns im
- Rückblick zurechtlegen. Die Wirklichkeit der Überlieferung ist chaotisch, fragmentarisch, von Zufällen durchsetzt und gerade deshalb so schwer zu greifen.
- Wer glaubt, die Vergangenheit ließe sich wie ein sauber sortiertes Archiv rekonstruieren, indem jedes Dokument seinen festen Platz und seine eindeutige
- Bedeutung hat, irrt sich gewaltig. Was wir tatsächlich vorfinden, sind Bruchstücke, die erst durch mühsame Vergleichsarbeit, durch das
- Zusammenführen verstreuter Hinweise, durch educated Guesses und manchmal auch schlichtes Glück zu einem kohenten Bild zusammengefügt werden können. Und selbst
- dann bleibt dieses Bild immer vorläufig, immer offen für Revision, sobald neue Fragmente auftauchen oder alte Annahmen widerlegt werden. Genau in diesem
- Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach einer klaren, verständlichen Erzählung und der tatsächlichen Unordnung der historischen Überlieferung bewegt sich
- auch die weitere Geschichte dieser Textfunde. Als die Nachricht von der Entdeckung sich in gelehrten Kreisen verbreitete, löste sie eine Welle von
- Aufregung aus, die sich schnell in konkurrierende Interpretationen und Ansprüche verwandelte. Verschiedene Institutionen, verschiedene Forscher,
- verschiedene nationale und religiöse Interessen begannen, sich um die Deutungshoheit über diese Funde zu streiten. Wer durfte die Texte zuerst
- untersuchen? Wem gehörten sie eigentlich? Der Gemeinschaft, aus deren Kammer sie stammten, den Institutionen, die sie erworben hatten oder der
- wissenschaftlichen Gemeinschaft insgesamt, die einen Anspruch auf freien Zugang zu der Art bedeutsam Material erhob? Diese Fragen sind bis heute nicht
- vollständig geklärt und sie spiegeln ein Muster wieder, das sich in der Geschichte bedeutender Textfunde immer wieder zeigt. Die Entdeckung selbst ist
- oft nur der Anfang eines viel längeren, komplizierteren Prozesses aus Verhandlung, Konkurrenz und manchmal auch offenem Konflikt um Zugang und
- Deutungsmacht. Man kann diese Auseinandersetzungen nicht einfach als bloße akademische Eitelkeiten abtun. Hinter ihnen standen handfeste Fragen
- von Eigentum, kulturellem Erbe und wissenschaftlicher Reputation. aber auch tiefere Fragen darüber, wem die Vergangenheit gehört und wer das Recht
- hat, ihre Bedeutung zu bestimmen. Die Fragmente aus der Genesa berührten unmittelbar Fragen der religiösen Identität, der historischen Kontinuität
- von Traditionen und letztlich auch der Autorität heiliger Texte selbst. Es überrascht daher nicht, dass die Auswertung dieser Funde nicht nur eine
- philologische, sondern auch eine zutiefst politische und emotionale Dimension besaß, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Zugleich eröffnete
- die systematische Erforschung dieser Fragmente neue Möglichkeiten, die vorher schlicht undenkbar gewesen waren. Zum ersten Mal ließen sich Textvarianten
- vergleichen, die aus völlig unterschiedlichen Zeiträumen und geographischen Kontexten stammten, sodass ich ein viel differenzierteres
- Bild davon ergab, wie sich bestimmte Textüberlieferungen über die Jahrhunderte hinweg verändert, angepasst oder auch bewusst bewahrt hatten. Diese
- Vergleichsarbeit erforderte eine immense Geduld und ein geschultes Auge für kleinste Abweichungen in Orthografie, Wortwahl und Satzbau. Abweichungen, die
- auf den ersten Blick belanglos erscheinen mochten, sich bei genauerer Betrachtung jedoch als aufschlussreiche Spuren früherer Übersetzungs oder
- Abschreibprozesse erwiesen. Jedes Fragment wurde so zu einem kleinen Puzzlesstück in einem viel größeren Bild, dessen vollständige Kontur bis
- heute nicht restlos rekonstruiert werden konnte und wohl auch nie vollständig
Zum Nachlesen
Apokryphenchristlicher Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden oder über deren …
Liste der Papyri des Neuen TestamentsDie meisten dieser Manuskripte wurden erst im 20. Jahrhundert bekannt und bekamen bald eine besonders wichtige Stellung in der neutestamentlichen Textkritik.
Bücherverluste in der SpätantikeDie Bücherverluste in der Spätantike (der Epoche zwischen dem späten 3. und dem späten 6. Jahrhundert) stellen eine unwiederbringliche Einbuße für das …
PapyrologieSie sind daher als Zeugnisse der antiken Schriftkultur und Sozialgeschichte für Hellenismus, Kaiserzeit und Spätantike von Bedeutung. Papyri, die nicht mit …