Ägypten 1945: Bauer Muhammad Ali findet Tonkrug – Fund erschüttert das Christentum Megalithen https://www.youtube.com/watch?v=-GK1Rd4y3h8 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Ein Tonkrug, faustgroß verengt am Hals, bauchig wie eine Amphore, Ockerfarben gebrannt, mit einem flachen Stein als Deckel beschwert. So beschreiben ihn die 0:09 wenigen Menschen, die ihn je in seiner unversehrten Form gesehen haben. Er stand nicht in einem Museum. Er stand in trockener Erde am Fuß eines 0:17 Kalksteinfelsens in Obergypten, eingebettet zwischen losem Schutt, keine Handbreit unter der Oberfläche. Ein Mann namens Mohammed Ali Alaman grub dort im 0:27 Dezember des Jahres 1945 nach Dünger. Nicht nach Geschichte, nicht nach Schätzen, nicht nach Wahrheit. Er suchte sogenannten Sabak, jene nitrathaltige 0:38 mit Jahrhunderten organischen Abfalls durchsetzte Erde, die Bauern am Nil seit Generationen aus alten Siedlungshügeln brachen, um ihre Felder zu düngen. Sein 0:46 Sparten stieß auf etwas Hartes. Kein Stein, etwas Hohles. Das ist der Anfang, mit dem diese Geschichte ehrlich beginnen muss. nicht mit dem 0:55 Versprechen, dass gleich alles anders aussehen wird, was wir über das frühe Christentum zu wissen glaubten, sondern mit einem Mann, einer Schaufel, einem 1:04 Krug und der Angst, die ihn im nächsten Moment packte. Denn im Aberglauben der Gegend in der Nähe der Stadt Nakamadi, am Fuß einer Felswand namens Jabal Altar 1:14 rief, hausten in solchen Gefäßen manchmal Din. Mohammed Ali zögerte, den Krug zu zerschlagen. Dann überwog eine andere Möglichkeit, die ihn stärker 1:24 lockte als die Furcht vor Geistern. Gold. Wenn schon ein Geist darin schlief, dann vielleicht auch ein Schatz. Er zerschlug den Krug mit seiner 1:32 Hacke. Kein Gold fiel heraus. Stattdessen Bücher, 13eh ledergebundene Bände, dicht gepresst, die Seiten aus Papyrus, 1:42 zusammengehalten von Ledereinbänden mit Klappen und teils noch erhaltenen Lederriemen zum Verschließen. Kein Goldschmuck, keine Münzen, kein 1:50 Statuenfragment. Beschriebenes Material in einer Schrift, die der Finder nicht lesen konnte. In einer Sprache, die zu jener Zeit ohnehin 1:58 kaum noch jemand außerhalb einer kleinen Zahl von Gelehrten sprach. Koptisch, die letzte gesprochene und geschriebene Form der alägyptischen Sprache, geschrieben 2:07 in einem Alphabet, das im Wesentlichen dem Griechischen entlehnt war, ergänzt um einige dotische Zeichen für Laute, die das Griechische nicht kannte. Das 2:15 ist die erste harte Tatsache dieser Geschichte und an ihr will ich für einen Moment verweilen, bevor irgendetwas gedeutet wird. Ein Tongefäß verschlossen 2:24 mit einem Stein, vergraben am Fuß eines Felsens, enthielt keine Reliquien, keine Statuen, keine Münzen, sondern ausschließlich Bücher. 13 an der Zahl 2:34 mit zusammengenommen weit über 1000 beschriebenen Seiten, schätzungsweise um die 1200, von denen ein erheblicher bis heute nicht exakt bezifferbarer Teil im 2:43 Lauf der folgenden Jahre verloren ging, ehe Fachleute überhaupt wussten, was sie in Händen hielten. Und schon in diesem einen Satz stecken zwei Ebenen, die in 2:51 dieser Geschichte ab jetzt sorgfältig auseinandergehalten werden müssen, was man beobachten kann und was man daraus schließt. Beobachtung, ein Krug, 13 3:00 Codizes, koptische Schrift, ein Fundort am Fuß eines Felsens in der Nähe des Nils. Deutung: Alles weitere, jede Erzählung darüber, wer sie dort vergrub 3:10 und warum. Diese Geschichte wird beides trennen, so oft und so genau wie möglich, denn genau in dieser Trennung liegt am Ende die eigentliche Spannung. 3:19 Mohammad Ali war zum Zeitpunkt des Fundes nach eigenen späteren Angaben ein junger Mann, der mit seinen Brüdern und Kameltreibern in der Gegend unterwegs 3:26 war, um Sabak zu graben. Eine mühsame, wenig einträgliche Arbeit, die die Bauern der Region seit langem betrieben, oft an denselben Stellen, an denen 3:35 Menschen der Spätantike ihre Toten begraben hatten. Der Fuß des Jabal Altarief war durchsetzt von Grabkammern aus pharaonischer Zeit wieder und weiter 3:45 verwendet in späteren Jahrhunderten. Diese Nähe zu einem alten Bestattungsgelände ist selbst schon ein Datenpunkt. Kein Zufall und wir werden 3:53 später sehen, warum er wichtig ist. Zunächst aber zur unmittelbaren Folge des Fundes. Denn das, was in den Tagen und Wochen danach geschah, ist 4:01 Selbstteil der Beweislage und zugleich der Grund, warum diese Beweislage bis heute Lücken hat, die sich nicht mehr schließen lassen. Mohammed Ali packte 4:10 die Bücher lose in seinen Umhang, den Galabija, und brachte sie nach Hause. Er ahnte nicht, was er da trug. Ein Teil der Blätter, so berichtete er Jahre 4:19 später dem amerikanischen Forscher James M. Robinson, der die Fundgeschichte akribisch zu rekonstruieren versuchte, wurde zunächst achtlos neben dem 4:26 häuslichen Ofen gelagert. Seine Mutter, die die losen brüchigen Papyrusbögen für wertloses Zunder hielt, soll einen Teil davon zusammen mit Stroh verbrannt 4:35 haben, um damit Brot zu backen. Wie viele Seiten dabei verloren gingen, lässt sich nicht mehr feststellen. Es gibt keine Inventarliste von vor dem 4:44 Fund. Es gibt nur das, was am Ende bei den Gelehrten ankam, und die Lücke zwischen dem, was aus der Erde kam und dem, was in Museen landete, ist eine 4:53 Lücke, die für immer offen bleibt. Das ist keine schmückende Anekdote. Das ist ein methodisches Problem, das jede spätere Aussage über den vollständigen 5:03 Inhalt der Bibliothek einschränkt. Kurz nach dem Fund geriet die Familie in eine Blutfäe, die mit dem Fund selbst nichts zu tun hatte, ihn aber entscheidend 5:11 prägte. Der Vater von Mohammad Ali war schon zuvor bei einem Streit getötet worden und die Sitte der Gegend verlangte 5:18 Vergeltung. Wenige Wochen nach dem Fund der Bücher tötete Muhammad Ali gemeinsam mit seinen Brüdern den mutmaßlichen Mörder seines Vaters, einen Mann, der 5:26 bei einem Wächterdienst auf den Feldern ums Leben kam. Diese Tat machte Mohammad Ali monatelang misstrauisch gegenüber jedem Fremden, jedem Beamten, jedem, der 5:35 Fragen stellte. aus begründeter Sorge, daß Nachforschungen zum Fund auch zu Nachforschung über den Mord führen könnten. Er versteckte die Bücher 5:44 zeitweise beim örtlichen koptischen Priester, gab einzelne Bände weiter, verkaufte andere übermittelsmänner auf dem informellen Antiquitätenmarkt von 5:52 Kairo, teils für Beträge, die in keinem Verhältnis zum späteren wissenschaftlichen Wert standen. Diese chaotische, von Angst und Vorsicht 6:00 geprägte Verteilung der Bände ist der zweite große Grund, warum der eigentliche Fundkontext, die Lage der Bücher im Krug, ihre genaue Anordnung, 6:08 mögliche Beigaben, die vielleicht daneben lagen, nie von einem Archäologen vor Ort dokumentiert wurde. Als die ersten Fachleute überhaupt von der 6:16 Existenz der Bibliothek erfuhren, war der ursprüngliche Fundplatz längst nicht mehr das, was er unmittelbar nach dem Fund gewesen war. Es gab keine 6:24 Ausgrabung im eigentlichen Sinn. Es gab einen Bauern mit einer Hacke und alles danach ist Rekonstruktion aus Erzählungen, die Jahre und teils 6:31 Jahrzehnte später erhoben wurden. In einer Zeit, in der sich Erinnerung, Interesse und nachträgliche Ausschmückung längst vermischt hatten. 6:39 Ich halte an dieser Stelle bewusst inne, denn genau hier beginnt die eigentliche Spannung dieser Geschichte nicht in einer geheimen Botschaft, sondern in 6:47 einer methodischen Wunde. Wir besitzen die Bücher. Wir besitzen nicht den Ort, an dem sie lagen, so wie ein Archäologe ihn dokumentiert hätte. Jede Aussage 6:56 über das Warum ihrer Vergrabung muss mit diesem Verlust leben. Die einzelnen Codes nahmen in den folgenden Jahren getrennte Wege. Ein Teil gelangte in die 7:05 Hände eines zyprischen Antiquitätenhändlers in Kairo namens Fokion Tano, der versuchte sie als Gesamtkonvolut ins Ausland zu verkaufen, 7:13 was die ägyptische Regierung durch ein Exportverbot für Altertümer verhinderte. Ein Kodex, heute unter dem Namen Kodex Jung bekannt, weil er später über Umwege 7:22 dem Psychologen Karl Gustav Jung als Geburtstagsgeschenk seines Instituts in Zürich überreicht wurde, verließ Ägypten dennoch, erworben durch den 7:29 niederländischen Religionshistoriker Gillis Quispel im Jahr 1951. Die übrigen zwölf Codizes oder was von ihnen übrig war, kamen nach und nach ins 7:39 koptische Museum in Cairo, maßgeblich durch den Einsatz seines Direktors Pahor Labib, der erkannte, welchen Wert diese Texte hatten und sich dafür einsetzte, 7:48 dass sie als ägyptisches Nationaleigentum im Land blieben. Der französische Ägyptologe Jean Doresse war einer der ersten Fachleute, die die 7:56 Bände überhaupt zu Gesicht bekamen, noch bevor der volle Umfang des Fundes überhaupt bekannt war und veröffentlichte erste Berichte darüber, 8:03 was sich in diesen Büchern verbarg. Was sich darin verbarg, läßt sich bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber vorschnellen Deutungen in seinen 8:11 Grundzügen ziemlich klar beschreiben, denn hier bewegen wir uns wieder auf dem festen Boden dessen, was tatsächlich in den Handschriften steht, nicht dessen, 8:19 was man daraus über die Absichten der Vergrabenden schließt. Die 13 Codes enthalten zusammen rund 52 einzelne Schriften, wobei einige davon mehrfach 8:28 vorkommen in leicht unterschiedlichen Abschriften, was für die Textgeschichte selbst wichtig ist. Die meisten dieser Schriften waren vor dem Fund entweder 8:36 völlig unbekannt oder nur durch Erwähnung und Polemik bei späteren Kirchenautoren wie Irenus von Lyon bekannt, der im späten zweiten 8:44 Jahrhundert gegen Gruppen schrieb, die er als heretisch bezeichnete und dabei gelegentlich Titel und Inhalte solcher Texte referierte, ohne sie im Original 8:52 zu zitieren. Unter den bekanntesten Schriften der Sammlung ist das Evangelium nach Thomas, eine Sammlung von über 100 Sprüchen, die Jesus 8:59 zugeschrieben werden, ohne die erzählerische Rahmenhandlung, die die vier Evangelien des Neuen Testaments kennzeichnet. Keine Geburtsgeschichte, 9:07 keine Passion, keine Auferstehung, nur Spruchpruch. Daneben finden sich Texte wie das Apokryphon des Johannes, das Philippusevangelium, die Sophia Jesu 9:17 Christi, der Traktat über die Auferstehung und eine ganze Reihe kosmologischer, mystischer und philosophischer Abhandlungen, die heute 9:25 unter dem Sammelbegriff gnostisch gefasst werden. Ein Begriff, der selbst in der Forschung umstritten und unscharf ist, weil die darin vereinten Strömungen 9:33 untereinander erhebliche Unterschiede aufwiesen und sich selbst wohl kaum als einheitliche Bewegung verstanden hätten. [räuspern] Ich will hier bewusst nicht 9:42 mehr sagen, als sich sagen lässt. Ich werde keine Übersetzung einzelner Sprüche zitieren, denn jede Übersetzung aus dem Koptischen ist bereits eine 9:49 Interpretationsleistung, über deren Details Fachleute bis heute streiten. Und diese Geschichte hat sich vorgenommen, nichts zu erfinden, was 9:57 nicht belegt ist. Was sich aber ohne Risiko sagen läßt, diese Texte zeichnen in ihrer Gesamtheit ein Bild des frühen Christentums, das erheblich vielfältiger 10:07 war als das, was später als rechtgläubige kirchlich anerkannte Lehre kanonisiert wurde. Es gab in den ersten drei vier Jahrhunderten nach den 10:16 Ereignissen um Jesus von Nazareth keine einheitliche von Anfang an feststehende christliche Lehre, sondern ein Ringen unterschiedlicher Gemeinden, Lehrer und 10:25 Schulen um die Deutung dessen, wer Jesus war, was Erlösung bedeutet, wie die Welt entstanden ist und welche Rolle Erkenntnis auf griechisch Gnosis dabei 10:34 spielt. Die Nakamadi Texte sind ein Fenster in diese Vielfalt, eines von mehreren, die die Forschung seither über die letzten 100 Jahre zusammengetragen 10:42 hat. aber ein besonders umfangreiches und besonders gut erhaltenes. Nun aber zu der Frage, die diese Erzählung eigentlich trägt und die weit 10:51 interessanter ist als jede einzelne inhaltliche Aussage der Texte selbst. Warum lagen diese Bücher sorgfältig in Leder gebunden in einem verschlossenen 11:00 Tonkrug, unter der Erde am Fuß eines Felsens, mutmaßlich seit dem vierten oder fünften nachlichen Jahrhundert über 1500 Jahre lang, ohne dass irgendjemand 11:10 sie in dieser ganzen Zeit wieder ausgrub? Wer vergrub eine ganze Bibliothek und warum tat er es auf diese Weise? Nicht durch verbrennen, was der 11:18 einfachere Weg gewesen wäre, um unerwünschte Bücher loszuwerden, sondern durch sorgfältiges Verschließen und Vergraben, was eher nach Bewahren als 11:26 nach Vernichten aussieht. Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir zuerst schauen, was die Bücher selbst über ihre eigene Entstehungszeit verraten, denn 11:35 hier liefert die materielle Beschaffenheit der Codizes unabhängig von ihrem Inhalt einen entscheidenden Hinweis, einen, der nicht auf 11:42 Interpretation der religiösen Aussagen beruht, sondern auf simpler, handfester Materialforschung. Die Ledereinbände der Kodischees waren wie bei antiken Büchern 11:52 dieser Art üblich, innen mit Kartonage verstärkt, also mit Lagen aus wiederverwendetem ausrangiertem Papyrus, der zu Pappe verklebt wurde, um dem 12:01 Ledereinband Stabilität zu geben. Dieser recyclette Papyrus war nicht leer. Er trug teilweise noch lesbar Reste von Geschäftsbriefen, Verträgen, Quittungen, 12:11 sogar private Korrespondenz. Alltagsdokumente, die für die Buchbinder wertlos genug waren, um zu Makulatur verarbeitet zu werden, für uns heute 12:20 aber goldwert sind, weil einige dieser Dokumente datiert waren. Aus einigen Kartonagefragmenten, insbesondere aus jenen, die in den Einband eines der 12:29 Codizes eingearbeitet wurden, konnten Forscher Datumsangaben rekonstruieren, die in die Jahre um 341, 346 und 348 nach Christus fallen, wobei die genaue 12:40 Lesart einzelner Zahlzeichen in der Forschung nicht ganz unumstritten ist. Das bedeutet, der Papyrus, aus dem diese Buchdeckel gefertigt wurden, kann 12:49 frühstens in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts zu Einbandmaterial verarbeitet worden sein, denn Makulatur wird naturgemäß erst verwendet, nachdem 12:57 die Dokumente, aus denen sie besteht, ihren ursprünglichen Zweck erfüllt und ihre Aktualität verloren haben. Die Codizes selbst, also die eigentlichen 13:05 Bücher, in denen die religiösen Texte stehen, wurden also vermutlich irgendwann zwischen der Mitte und dem Ende des vierten Jahrhunderts gebunden. 13:13 Möglicherweise auch erst im frühen fünften. Das ist eine Beobachtung, keine Deutung. Materialdatierung über die Kartonage ergibt einen Zeitraum um die 13:22 Mitte bis zweite Hälfte des vierten nachlichen Jahrhunderts für die Bindung der Bücher, nicht für die Entstehung der Texte selbst. Das ist ein entscheidender 13:29 Unterschied, an dem sich zeigt, wie vorsichtig man mit Datierungen umgehen muss. Die Texte, die in diesen Büchern kopiert wurden, sind älter als die 13:38 Bücher, die sie enthalten, teils deutlich älter. Das lässt sich unabhängig belegen und zwar durch einen ganz anderen Fund, der mit Nakamadi 13:46 zunächst nichts zu tun hatte. In der ägyptischen Fundstätte Oxehus wurden bereits Jahrzehnte vor dem Fund von Nakamadi ab dem späten 19. und frühen 13:54 20. Jahrhundert griechische Papyrusfragmente ausgegraben, die Sprüche enthielten, welche sich später als Teile desselben Thomas Evangeliums 14:02 identifizieren ließen, das unter den Nah Kamadiodiches in koptischer Übersetzung vollständig erhalten war. Diese griechischen Fragmente aus Oxiahünchus 14:11 werden paleografisch, also aufgrund der Form der Schriftzeichen, in die Zeit um 200 nach Christus dat manche Fachleute plädieren für einen etwas früheren, 14:20 manche für einen etwas späteren Zeitpunkt innerhalb des späten zweiten oder frühen dritten Jahrhunderts. Das bedeutet, der griechische Urtext des 14:28 Thomas Evangeliums, aus dem die koptische Fassung in Nah Kamadi übersetzt wurde, existierte mindestens rund 150 Jahre vor der Bindung des 14:36 Codex, der ihn schließlich in den Boden brachte. wahrscheinlich sogar noch länger, wenn man Zeit für Abschrift, Verbreitung und Übersetzung mit 14:43 einrechnet. Diese zeitliche Schichtung ist selbst schon ein kleines Wunder der Quellenkritik, denn sie zeigt, die Nakamadi Bibliothek ist kein 14:51 Schnappschuss eines einzigen Moments, sondern eher wie ein geologisches Profil, in dem verschiedene Zeitschichten übereinander liegen. Ganz 14:59 oben die jüngste Schicht, die Herstellung der Bücher selbst, wohl in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts belegt durch die Kartonage. 15:07 Darunter älter die koptische Übersetzung der Texte, die irgendwann zwischen dem dritten und 4. Jahrhundert entstanden sein muss, denn koptisch als 15:15 Schriftsprache mit literarischer Verwendung etabliert sich erst in dieser Zeit. Noch darunter wieder älter. Die griechischen Originaltexte, von denen 15:24 zumindest einige wie im Fall des Thomas Evangeliums durch Oxie Hünchus belegt, bis ins späte zweite Jahrhundert zurückreichen. Manche Forscher vermuten 15:33 für Teile des Textbestands sogar noch frühere mündliche oder schriftliche Vorstufen, was allerdings deutlich spekulativer ist und sich nicht mit 15:41 derselben materiellen Eindeutigkeit belegen lässt wie die anderen beiden Schichten. Wir haben also in einem einzigen Fund mindestens drei 15:49 unterschiedliche historische Momente übereinander gelegt. Den Moment der ursprünglichen Textentstehung im zweiten oder frühen dritten Jahrhundert, den 15:57 Moment der Übersetzung ins Koptische, vermutlich im dritten oder vierten Jahrhundert und den Moment der Buchherstellung und Vergrabung im späten 16:04 vierten oder frühen fün Jahrhundert. Und hier beginnt nun die eigentliche Ermittlungsarbeit, denn die Frage, warum diese Bücher vergraben wurden, lässt 16:12 sich nur für die Jüngste dieser drei Schichten überhaupt sinnvoll stellen. Nicht warum diese Ideen entstanden. Das ist eine andere, für sich genommen 16:20 ebenfalls faszinierende Frage der Religionsgeschichte, aber nicht die, der wir hier nachgehen, sondern warum vergrub jemand im späten vierten 16:28 Jahrhundert diese konkreten, fertiggebundenen Bücher in der Wüste bei Nakamadi? Wer war dieser jemand und was trieb? Um diese Frage zu beantworten, 16:38 müssen wir uns dem geographischen und historischen Umfeld des Fundorts zuwenden. Denn auch hier gibt es harte, überprüfbare Fakten, bevor wir zur 16:46 Interpretation kommen. Der Fundort am Fuß des Jabal Altarief liegt in unmittelbarer Nähe des antiken Ortes Chenobus Kion, eines Siedlungsgebiets am 16:54 Ostufer des Niils, das in der Kirchengeschichte des vierten Jahrhunderts einen ganz konkreten Namen trägt. Es ist eine der Regionen, in 17:02 denen der Mönch Patchomius, der als Begründer des coinobitischen, also gemeinschaftlichen Klosterlebens in der Geschichte des Christentums gilt, in der 17:10 ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts um die Zeit um 320 nach Christus. seine ersten Klostergemeinschaften gründete. Nicht nur eine, sondern mehrere Klöster 17:21 entstanden in diesem Netzwerk entlang des Nils in relativer Nähe zum späteren Fundort, darunter eines, das direkt bei Chenoboskion lag, also nur wenige 17:29 Kilometer vom Fundort der Bibliothek entfernt. Diese geographische Nähe ist eine Beobachtung, kein Argument für sich. Nähe beweist keine Verbindung, 17:38 aber sie ist der Ausgangspunkt für die am besten begründete der mehreren konkurrierenden Erklärungen, die die Forschung seit Jahrzehnten diskutiert. 17:45 Und ich will sie jetzt geordnet nach der Stärke ihrer jeweiligen Beweislage der Reihe nach vorstellen, beginnend mit der unspektakulärsten, aber am besten 17:53 gestützten. Die erste und am breitesten akzeptierte Erklärung gewissermaßen die langweilige Hauptthese, weil sie ohne jedes geheimnisvolle auskommt und sich 18:02 auf institutionelle, bürokratische geradezu banale Vorgänge stützt, lautet: "Die Bibliothek war Eigentum einer oder mehrerer Klostergemeinschaften aus dem 18:12 patrumianischen Netzwerk oder stand ihn zumindest nahe und wurde vergraben, weil im Jahr 367 nach Christus der Bischof von Alexandria Athanasius in seinem 18:23 jährlichen" Osterfest Testbrief, einem Rundschreiben, mit dem Alexandrinische Bischöfe traditionell das Datum des Osterfests an die Gemeinden Ägyptens 18:31 verkündeten, eine Liste jener Bücher veröffentlichte, die seiner Ansicht nach als kanonisch, also als verbindlicher Bestandteil der christlichen heiligen 18:39 Schrift zu gelten hätten. Diese Liste entspricht in ihrem neutestamentlichen Teil im Wesentlichen dem, was bis heute als Kanon des Neuen Testaments gilt und 18:48 sie ist damit einer der frühsten erhaltenen Belege für eine solche geschlossene Aufzählung. Zugleich verurteilte Athanasius in diesem 18:54 Schreiben ausdrücklich sogenannte apokrypfehe Schriften als Erfindung von Heretikern und rief dazu auf, solche Bücher nicht zu lesen und in manchen 19:03 Lesarten des Textes sie zu vernichten. Dieser Brief ist historisch belegt. Sein Inhalt ist bekannt und sein Zeitpunkt 367 nach Christus passt auffallend gut 19:13 zu dem Zeitfenster, dass die Kartonagedatierung für die Bindung der Nahkamadi Kodices nahegt, nämlich die zweite Hälfte des vierten Jahrhunderts. 19:22 Die Hypothese, wie sie zuerst unter anderem von Forschern wie dem Iron John Barns und später von zahlreichen anderen ausgearbeitet wurde, lautet demnach. 19:30 Mönche aus einem der nahen Klöster, die möglicherweise selbst noch mit den unterschiedlichen, damals noch nicht scharf abgegrenzten Strömungen des 19:37 ägyptischen Christentums vertraut waren oder solche Texte zumindest zu Studienzwecken oder aus persönlicher Anhänglichkeit besaßen, sahen sich durch 19:45 den Brief des Athanasius gezwungen, sich dieser Bücher zu entleden, bevor eine Kontrolle oder Durchsuchung sie in Schwierigkeiten bringen konnte. Statt 19:54 die Bücher aber tatsächlich zu verbrennen, wie es der Brief nahete, entschieden sie sich. Aus welchem Motiv auch immer, sei es Respekt vor dem 20:02 geschriebenen Wort, sei es die leise Hoffnung, sie später wieder hervorholen zu können, sei es schlicht die praktische Erwägung, dass ein Feuer in 20:09 der Nähe eines Kloster Aufmerksamkeit erregt hätte, während ein vergrabener Krug niemandem auffällt, dazu die Bücher zu verstecken, statt zu vernichten. Was 20:19 würde diese Hauptthese stützen? über das hinaus, was bereits an Indizien vorliegt, mehrere Dinge und interessanterweise ist ein Teil davon 20:27 tatsächlich in den letzten Jahrzehnten der Forschung zusätzlich zusammengetragen worden. Zum einen die bereits erwähnte inhaltliche Analyse der 20:34 Kartonage Fragmente in einigen der wiederverwendeten Papyrusreste, die als Einbandverstärkung dienten, glaubten Forscher Namen und Verwaltungsvorgänge 20:43 zu erkennen, die sich mit der bekannten Struktur der paschumianischen Klosterverwaltung in Verbindung bringen lassen, etwa Hinweise auf klösterliche 20:51 Ökonomie, auf Kamelverleih, auf interne Korrespondenz zwischen Klöstern des Verbands. Diese Zuordnung ist nicht bei jedem einzelnen Fragment zweifelsfrei, 21:00 aber sie ist bei mehreren Codches konsistent genug, um von einem erheblichen Teil der Forschung als starkes, wenn auch nicht absolut 21:07 beweisräftiges Indiz gewertet zu werden. Zum anderen, die schlichte geographische Lage. Ein Kloster in unmittelbarer Nähe des Fundorts, dessen Existenz zur 21:16 passenden Zeit historisch zweifelsfrei belegt ist, liefert einen plausiblen Täterkreis, ohne dass man auf spekulative, unbelegte Gruppen 21:24 zurückgreifen müsste. Was diese These abschließend bestätigen würde, wäre im Grunde nur eines und es ist genau das, was in dieser Geschichte für immer 21:32 fehlen wird. eine kontrollierte archäologische Ausgrabung des ursprünglichen Fundplatzes, durchgeführt bevor der Ort durchgrabungen von Leihen, 21:41 durch spätere touristische Erschließung und durch den bloßen Lauf der Zeit weitergestört wurde. Eine solche Ausgrabung hätte möglicherweise weitere 21:48 Gegenstände am selben Ort zutage gefördert. Organische Reste, die eine Radiocarbondatierung erlaubt hätten oder Spuren, die den Fundort eindeutiger mit 21:57 einer klösterlichen Nutzung in Verbindung gebracht hätten. Sie hat nie stattgefunden. spätere Untersuchungen der Umgebung, 22:04 etwa durch den amerikanischen Archäologen James M. Robinson und sein Team in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts konnten den ungefähren 22:13 Fundort zwar über Zeugenbefragung eingrenzen und einige Grabkammern in der Nähe dokumentieren, aber sie kamen naturgemäß zu spät, um das zu 22:20 untersuchen, was am Tag des eigentlichen Fundes im Boden lag. Damit ist die Hauptthese die am besten, aber keineswegs vollständig belegte. gestützt 22:29 durch zeitliche Übereinstimmung, gestützt durch geographische Nähe, gestützt durch teilweise plausible Namenszuordnungen in der Kartonage, aber 22:37 ohne den einen archäologischen Beleg, der sie endgültig sichern würde. Die zweite Erklärung, die man ihrer Beweislage nach ordnen kann, ist enger 22:46 verwandt mit der ersten, unterscheidet sich aber in einem entscheidenden Punkt und sie ist deshalb interessant, weil sie zeigt, wie ein und dieselbe 22:54 Indizienlage unterschiedlich gedeutet werden kann. Diese zweite These geht davon aus, dass es sich nicht um eine geplante überlegte Rettungsaktion einer 23:02 verbotenen Büchersammlung handelte, sondern schlicht um eine Entsorgung, um Wegwerfen im eigentlichen Wortsinn. Diese Sichtweise, die unter anderem von 23:10 der Religionshistorikerin und Nahadi Expertin Nicola Den Leis vertreten und in den letzten Jahren mit neuer Sorgfalt untermauert wurde, hinterfragt eine 23:19 stille Annahme der Hauptthese. Das Vergraben automatisch bewahren bedeutet. Dancy Lewis verweist darauf, dass die Region um Chenoboskion nicht nur ein Ort 23:29 mit klösterlicher Präsenz war, sondern auch, wie schon erwähnt, ein Gebiet mit zahlreichen älteren Grablagen, in deren Umfeld es in der Spätantike offenbar 23:37 durchaus üblich war, Gegenstände, auch beschriebenes Material im Zusammenhang mit Bestattungen oder Totengedenken abzulegen oder auch schlicht als Abfall 23:46 zu entsorgen, ohne dass darin eine besondere Absicht der Bewahrung lag. Nach dieser Lesart wäre der Krug mit den 13eh Codizes kein sorgfältig verstecktes 23:54 Geheimarchiv, sondern eher vergleichbar mit dem, was man heute librarische Verlustobjekte oder auch schlicht Müll nennen würde. Bücher, die aus welchem 24:02 Grund auch immer, sei es, weil sie beschädigt, ausrangiert, doppelt vorhanden oder tatsächlich als unerwünscht eingestuft waren, in einem 24:10 Grabkontext entsorgt wurden. sowie man in derselben Region auch andere eindeutig alltägliche oder rituelle Gegenstände in Gräbern und deren Nähe 24:18 findet, ohne dass jedes einzelne davon ein bewusst verstecktes Geheimnis darstellt. Was für diese zweite These spricht, ist vor allem der Fundkontext 24:27 selbst, so wenig wir davon dank der fehlenden Ausgrabung noch rekonstruieren können. Die Nähe zu Gräbern, die in dieser Gegend dokumentiert nachweisbar 24:35 ist, passt eher zu einem Deponierungs oder Entsorgungsritual als zu einem heimlichen Versteck, dass man normalerweise eher abseits von Orten 24:42 wählen würde, an denen ohnehin schon gegraben wird, etwa für neue Bestattungen, was das Risiko einer zufälligen Wiederentdeckung erhöht 24:50 hätte. Ein zweites Argument dieser These betrifft den Zustand der Bücher selbst. Einige der Codiches zeigen bereits vor der Vergrabung Gebrauchsspuren, 24:58 Reparaturen, hier und da unvollständige oder fehlerhafte Abschriften, was eher zu einer Sammlung passt, die im Laufe ihrer Nutzung anwuchs, abgenutzt wurde 25:08 und irgendwann eben auch entrümpelt werden musste, sowie jede Bibliothek irgendwann Bestände aussondert, ganz ohne dramatischen Anlass. Was diese 25:16 These stützen würde, wäre der Nachweis vergleichbarer Fundzusammenhänge in derselben Region, also weiterer Fälle von den Gräbernäher entsorgtem. nicht 25:24 besonders wertgeschätztem Schriftgut aus derselben Zeit, unabhängig von religiösem Inhalt. Ein Muster allgemeiner spät antiker 25:31 Entsorgungspraxis eben, in das sich der Nakhamadund einfügen würde, statt als singuläres durch den Athanasius Brief motiviertes Sondereignis dazustehen. 25:41 Solche vergleichenden Funde sind bislang eher spärlich dokumentiert, was diese These widerlegt, aber eben auch nicht über den Status einer plausiblen 25:49 Alternative hinaushebt. Die dritte Erklärung deutlich schwächer belegt als die beiden vorangegangenen, aber in der öffentlichen Wahrnehmung oft die 25:57 populärste, weil sie am ehesten dem entspricht, was man sich unter einer verbotenen Geheimbliothek vorstellt, geht noch einen Schritt weiter als die 26:05 Hauptthese. Sie postuliert nicht nur eine allgemeine klösterliche Verbindung, sondern eine ganz bestimmte in sich geschlossene Gruppe von Gläubigen oder 26:12 Gelehrten, die diese Texte aktiv über Generationen als Grundlage einer eigenen, von der sich formierenden Amtskirche unabhängigen spirituellen 26:21 Praxis sammelte und studierte und die die Vergrabung nicht aus Furcht vor einer plötzlichen Verfolgungswelle vornahm, sondern als bewussten, gerade 26:29 zu rituellen Akt der Bewahrung von Wissen für eine unbestimmte Zukunft, in der Hoffnung, dass spätere Generationen Die Texte würden bergen und weiterlesen 26:37 können. Diese Vorstellung, oft mit dem Bild eines verborgenen Lehrerkreises oder einer Art Untergrundschule verbunden, hat in der Forschung durchaus 26:45 prominente Fürsprecher gehabt. Insbesondere in älteren Arbeiten aus den Jahrzehnten unmittelbar nach dem Fund, als man dazu neigte, die inhaltliche 26:53 Kohenz der versammelten Texte höher zu bewerten, als es die neuere Forschung heute tut. Tatsächlich ist die inhaltliche Einheitlichkeit der 52 27:01 Schriften bei genauerem Hinsehen deutlich geringer, als man zunächst annahm. Es finden sich neben den klassisch als gnostisch eingeordneten 27:09 Texten auch Übersetzungen philosophischer Werke wie eines Auszugs aus Platons Staat sowie hermetische Schriften, die einer ganz anderen 27:16 religiösen Traditionslinie entstammen. Diese Vielfalt spricht eher gegen eine streng definierte homogene Sondergruppe mit einheitlicher Lehre und eher für 27:25 eine breiter angelegte, vielleicht auch bewusst enzyklopädisch verstandene Sammlung von allem, was an nicht kanonischer, religiöser und 27:32 philosophischer Literatur greifbar war, was durchaus mit der Hauptthese einer klösterlichen Bibliothek vereinbar wäre, aber eben nicht zwingend die 27:40 romantischere Vorstellung einer festumrissenen Geheimgemeinschaft stützt. Was diese dritte These bestätigen würde, wäre der Nachweis 27:47 einer durchgehenden mehrgenerationalen Übertragungslinie etwa durch übereinstimmende Schreiberhände über mehrere Codizes hinweg, die auf eine 27:55 kontinuierliche Schreibstube mit erkennbarer eigener Tradition hindeuten würden, statt auf eine zusammengetragene aus unterschiedlichen Quellen stammende 28:03 Sammelbibliothek. Paleografische Untersuchungen der Handschriften haben tatsächlich gezeigt, dass mehrere unterschiedliche Schreiberhände an den 28:11 13 Codits beteiligt waren, was eher für eine überzeit angesammelte Bibliothek unterschiedlicher Herkunft spricht als für das Werk einer einzigen in sich 28:19 geschlossenen Schreibschule. Damit ist diese dritte These so anziehend sie erzählerisch ist gegenüber der ersten und zweiten die Schwächer belegte. Es 28:27 gibt noch eine vierte, am wenigsten fundierte, aber in populären Darstellungen gelegentlich anzutreffende Erklärung, die ich der Vollständigkeit 28:34 halber nennen will, weil sie zeigt, wie sich Vermutung von Beleg entfernen kann, je weiter man vom archäologischen Befund wegdriftet. Die Vorstellung, die Bücher 28:43 seien absichtlich mit einer bestimmten, weit in die Zukunft gerichteten Botschaft vergraben worden, gewissermaßen als Zeitkapsel für eine 28:50 spätere aufgeklärtere Epoche. Für diese Deutung gibt es in den Texten selbst, in ihrem Fundkontext oder in irgendeiner unabhängigen Quelle keinerlei 28:58 Anhaltspunkt. Sie beruht ausschließlich auf der emotionalen Wucht der Vorstellung, dass ein Buch, das 1600 Jahre unter der Erde überdauert und dann 29:07 just im Jahrhundert der modernen Religionswissenschaft wieder ans Licht kommt, geradezu für dieses Wiederauftauchen bestimmt gewesen sein 29:13 müsse. Das ist ein verständliches menschliches Bedürfnis nach Bedeutung, aber es ist keine historische Aussage. Und ich nenne diese vierte Möglichkeit 29:21 nur, um sie an dieser Stelle ausdrücklich als das zu kennzeichnen, was sie ist. eine Projektion der Gegenwart auf die Vergangenheit ohne 29:30 eigenständige Beweiskraft. Kehren wir also zu den ersten drei tatsächlich diskutierten Thesen zurück und schauen wir uns an, was die Forschung seit dem 29:38 Fund an zusätzlichen teils überraschenden Details zutage gefördert hat, die keine dieser Thesen endgültig entscheiden, aber das Bild in 29:46 interessanter Weise verschieben. Ein Detail, das lange übersehen wurde und erst in jüngeren Untersuchungen stärker in den Blick geriet, betrifft die Frage, 29:54 wie genau die Kartonage der Einbände zustande kam. Und hier wird die Sache komplizierter, als es die frühe Forschung annahm. Ursprünglich ging man 30:03 davon aus, daß alle 13eh einbände nach demselben Muster und zurelben Zeit am selben Ort hergestellt wurden. Genauere Untersuchungen der Kartonage Fragmente 30:12 einzelner Codizes, unter anderem durch den Papyrologen John Barns und später fortgeführt von anderen Fachleuten zeigten jedoch, dass nicht alle Einbände 30:21 aus demselben Fundus an Altpapyrus stammen und dass die Datumsangaben, die sich in verschiedenen Codizes finden, nicht exakt übereinstimmen, sondern über 30:29 einen gewissen Zeitraum streuen. Das bedeutet, die 13 Bücher wurden möglicherweise nicht alle am selben Tag oder auch nur im selben Jahr gebunden, 30:37 sondern über einen Zeitraum von vielleicht einigen Jahren hinweg zusammengetragen, was eher zu dem Bild einer überzeitgewachsenen Sammlung 30:44 passt, wie man sie in einer Bibliothek erwarten würde, die kontinuierlich Bestände hinzufügt, statt zu einem einzigen plötzlichen Akt der 30:52 Zusammenstellung kurz vor der Vergrabung. Dieses Detail stützt tendenziell sowohl die erste als auch die zweite These, weil beide mit einer 31:00 über zeitgewachsenen Büchersammlung vereinbar sind, spricht aber eher gegen die romantischere Vorstellung eines einzigen konzentrierten Rettungsakts in 31:08 unmittelbarer Reaktion auf den Brief des Athanasius. Wenn die Bücher über Jahre hinweg gebunden und offenbar auch genutzt wurden, dann war die Vergrabung 31:16 vielleicht weniger eine akute Panikreaktion auf ein einzelnes Ereignis, sondern eher der Schlusspunkt einer längeren Phase, in der eine 31:23 Bibliothek existierte. genutzt wurde und irgendwann aus welchem konkreten Anlass auch immer aufgegeben wurde. Ein weiteres Detail betrifft die Frage der 31:32 sprachlichen und dialektalen Vielfalt innerhalb der Sammlung selbst. Koptisch war zur Zeit der Entstehung dieser Bücher keine einheitliche Sprache, 31:40 sondern gliederte sich in mehrere regionale Dialekte, unter anderem den in Obergypten verbreiteten sahidischen Dialekt, der in den meisten nah Hamadi 31:48 Kodiches vorherrscht, aber auch Spuren anderer Dialekte, die auf unterschiedliche geographische Herkunft einzelner Abschriften innerhalb 31:55 derselben Sammlung hindeuten. Diese dialektale Vielfalt spricht dafür, dass nicht alle Texte an ein und demselben Ort abgeschrieben wurden, sondern dass 32:04 die Sammlung ähnlich wie eine reale Bibliothek es tun würde, Bände aus unterschiedlichen Herkunftsorten zusammenführte. 32:11 Ein weiteres kleines Indiz für eine gewachsene aus verschiedenen Quellen gespeiste Büchersammlung, wie man sie eher mit einer institutionellen 32:18 Bibliothek als mit dem persönlichen Besitz eines einzelnen Lesers in Verbindung bringen würde, auch wenn diese Beobachtung allein nicht zwischen 32:26 der ersten und zweiten These entscheidet. Ein drittes besonders aufschlussreiches Detail ergibt sich aus einer genaueren Betrachtung dessen, was 32:34 eigentlich in den 52 Schriften steht. Und hier lohnt sich eine kurze Rückkehr zur Frage nach der Kohenz der Sammlung, die ich vorhin schon anschnitt. Es fällt 32:43 auf, dass die Codes, obwohl sie überwiegend als gnostische Bibliothek bezeichnet werden, tatsächlich auch Texte enthalten, die von führenden 32:51 Vertretern kirchlich anerkannter orthodoxer Positionen in der Spätantike offenbar durchaus gelesen und geschätzt wurden, ohne dass dies als Widerspruch 32:59 empfunden worden sein muss. Ein Beispiel dafür ist die bereits erwähnte Aufnahme eines Auszugs aus Platons Staat in die Sammlung. Ein Text, der in der 33:08 spätantiken Bildungswelt auch unter durchaus rechtgläubigen Christen als klassische Bildungslektüre galt und keineswegs als heretisch. Diese 33:17 Beobachtung nährt die Vermutung, dass die Grenze zwischen dem, was der Athanasiusbrief als kanonisch bzw. heretisch einstufte und dem, was in 33:25 einer klösterlichen oder gebildeten Leserschaft der damaligen Zeit tatsächlich als akzeptable, auch nicht kanonische Lektüre kursierte, in der 33:34 gelebten Praxis weit weniger scharf gezogen war, als der Brief selbst suggeriert. Es ist gut möglich, dass die betreffende Bibliothek über Jahrzehnte 33:42 hinweg als normale, wenn auch inhaltlich breite Sammlung geführt wurde und erst durch die zunehmend verschärfte von der Alexandrinischen Kirchenführung im Laufe 33:50 des vierten Jahrhunderts vorangetriebene Vereinheitlichung der Lehre und des Kanons überhaupt erst zu einem Problem wurde, dass eine Reaktion verbergen, 33:59 entsorgen oder eben vergraben erforderlich machte. Diese Lesart verschiebt den Fokus von einer plötzlichen, dramatischen 34:07 Verfolgungsgeschichte hin zu einem langsameren, bürokratischeren Prozess der Kanonbildung, in dessen Verlauf zuvorlerierte Texte nach und nach aus 34:15 dem akzeptierten Bestand herausfielen. Eine weniger dramatische, aber historisch möglicherweise treffendere Erklärung, die sich gut mit dem einfügt, 34:24 was wir über die allgemeine Entwicklung der Kirchengeschichte im vierten Jahrhundert ansonsten wissen. Das vierte Jahrhundert war nach der 34:32 konstantinischen Wende und der zunehmenden Verflechtung von Kirche und römischem Staat eine Zeit intensiver, oft mühsamer und langwieriger 34:39 Aushandlung dessen, was als rechte Lehre zu gelten hatte, mit mehreren großen Konzilien und wiederholten Rundschreiben, die genau diese 34:47 Aushandlung dokumentieren. Der Brief des Athanasius aus dem Jahr 367 war in diesem Sinn kein singuläres Blitzereignis, sondern ein Meilenstein 34:56 in einem längeren, sich über Generationen hinziehenden Prozess. An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick auf einen Aspekt, der oft 35:03 übersehen wird, obwohl er unmittelbar mit unserer Ausgangsfrage zu tun hat: "Warum vergraben statt verbrennen?" Wenn man annimmt, dass die Besitzer der 35:12 Bibliothek tatsächlich unter dem Druck standen, sich verbotener Bücher zu entledigen, warum wählten sie dann den aufwendigeren, sorgfältigeren Weg des 35:20 Einlegens in einen verschlossenen Tonkrug und des Vergrabens, statt schlicht ein Feuer zu entzünden? Verbrennen war in der Antike die 35:27 naheliegende, schnelle restlose Methode, unerwünschtes Schriftgut verschwinden zu lassen. Und es gibt aus der spät antiken Kirchengeschichte durchaus Belege für 35:36 genau solche Bücherverbrennungen, etwa im Zusammenhang mit der sogenannten dioklitianischen Christenverfolgung am Beginn des vierten Jahrhunderts, bei der 35:43 es unter anderem gezielt um die Konfiszierung und Vernichtung christlicher Schriften ging. Wenn also spätantike Akteure sehr wohl wussten, 35:51 wie man Bücher endgültig vernichtet, warum entschieden sich die Besitzer der Nakamadi Bibliothek für die Aufwendigere in gewisser Weise sogar riskantere 35:59 Methode des Vergrabens? Riskanter deshalb, weil ein vergrabenes Buch im Unterschied zu einem Verbrannten prinzipiell wiedergefunden werden kann 36:06 durch Zufall durch einen anderen grabenden, durch genau das, was am Ende auch tatsächlich geschah. Für die Hauptthese liefert genau diese 36:15 Beobachtung ihr Stärkstes, wenn auch weiches Argument: "Wer ein Buch verbrennt, will es vernichten. Wer ein Buch vergräbt, statt es zu verbrennen, 36:24 obwohl er die Möglichkeit des Verbrennens hätte, handelt vermutlich aus einem anderen Motiv als reiner Vernichtungsabsicht. 36:30 Sei esfurcht vor dem geschriebenen Wort, eine in vielen Kulturen der Antike verbreitete Scheu, heilige oder zumindest als bedeutsam empfundene Texte 36:39 einfach zu zerstören, sei es die leise, vielleicht sogar unbewusste Hoffnung, das Verbergen sei nur vorübergehend und die Bücher könnten eines Tages, wenn 36:48 sich die kirchenpolitische Lage wieder ändert, erneut hervorgeholt werden. Diese Lesart, so spekulativ sie im Detail bleibt, ist zumindest mit dem 36:56 beobachtbaren Verhalten konsistent. Vergraben statt verbrennen ist ein Akt, der eher zu bewahren als zu vernichten passt, selbst wenn wir die genaue innere 37:05 Motivation der Handelnden nie mit letzter Sicherheit rekonstruieren können. Die zweite These hat darauf allerdings eine nicht minder plausible 37:12 Antwort und sie zeigt, wie vorsichtig man sein muss, aus einem einzelnen Verhaltensmuster eine eindeutige Absicht abzuleiten. Auch eine bloße Entsorgung 37:21 von nicht mehr benötigtem, aber immer noch als Papyrus grundsätzlich wertvollem Material. Papyrus war in der Antike kein billiges Massenprodukt, 37:30 sondern ein aufwendig hergestelltes, entsprechend kostbares Schreibmaterial. Könnte durchaus in einem verschlossenen Gefäß erfolgt. Sein, einfach um das 37:39 Material vor Feuchtigkeit, Termiten und Verwitterung zu schützen, falls eine spätere Wiederverwendung des Papyrus selbst unabhängig vom Inhalt, ins Auge 37:47 gefasst war. Ein Tonkrug ist in trockenem Wüstenklima tatsächlich eine hervorragende, geradezu ideale Aufbewahrungsmethode für organisches 37:56 Material. Was im übrigen auch erklärt, warum die Bücher über 1600 Jahre so bemerkenswert gut erhalten blieben. Ein Umstand, der selbst wieder eine 38:04 Beobachtung ist, unabhängig von jeder Motivforschung. Das trockene, gleichbleibende Klima Obergyptens kombiniert mit dem schützenden Tongefäß 38:13 konservierte organisches Material über einen Zeitraum, der in feuchteren Klimazonen der Welt praktisch undenkbar wäre. Unter diesem Blickwinkel wäre die 38:21 sorgfältige Verpackung also kein Beleg für eine bewusste geheime Rettungsabsicht bezüglich des Inhalts, sondern schlicht die naheliegende 38:30 klimatisch bedingt vernünftige Methode, um wertvolles Rohmaterial, das Buchmaterial eben, vor dem Verderben zu bewahren. Ganz unabhängig davon, was in 38:39 den Büchern stand oder ob sie später überhaupt wieder gelesen werden sollten. Wir stehen also nach all diesen Indizien an einem Punkt, an dem sich die 38:47 Beweislast nicht restlos zugunsten einer einzigen Erklärung neigt, sondern an dem mehrere in sich schlüssige Deutungen nebeneinander stehen, gestützt durch 38:56 überlappende, aber nicht eindeutig entscheidende Indizien. Das ist frustrierend für jeden, der auf eine einfache, abgeschlossene Antwort hofft, 39:04 aber es ist der ehrliche, gegenwärtige Stand der Forschung. Und ich will an dieser Stelle noch einmal betonen, warum das so ist, denn dieser Grund selbst ist 39:12 Teil der eigentlichen Geschichte. Es fehlt die eine Information, die jede dieser Thesen entscheidend hätte prüfen können, nämlich der ungestörte 39:21 wissenschaftlich dokumentierte Fundkontext selbst. Was genau lag noch im Boden neben dem Krug? Gab es Spuren einer bewußten, vorsichtigen Grabung, 39:30 wie man sie bei einem heimlichen nächtlichen Verstecken erwarten würde, oder eher Spuren einer routinemäßigen alltäglichen Entsorgung? lagen in der 39:38 unmittelbaren Umgebung weitere Gegenstände, organische Reste, die eine unabhängige Datierung über Radiokarbonmethoden erlaubt hätten, 39:46 unabhängig von der indirekten Datierung über die Kartonage Dokumente. All das ist unwiderbringlich verloren, weggegraben von einem Bauern, der Dünger 39:54 suchte, in einer Nacht im Dezember des Jahres 1945, lange bevor irgendjemand ahnte, welchen Wert dieser Fund haben würde. Diese 40:03 Erkenntnis, dass die entscheidende Lücke nicht in den Texten selbst liegt, sondern im verlorenen archäologischen Kontext ihrer Auffindung, ist selbst 40:11 eine Art Wendepunkt in dieser Erzählung. Ein Moment, in dem sich der Fokus verschiebt, weg von der Frage, was die Texte bedeuten, hin zu der viel 40:19 greifbareren, aber ebenso ungelösten Frage, wie sie in den Boden kam. Und genau dieser Wendepunkt erklärt auch, warum die Forschung der letzten 20, 30 40:28 Jahre ihren Schwerpunkt merklich verschoben hat. Weg von der reinen inhaltlichen Textinterpretation, die in den ersten Jahrzehnten nach dem Fund 40:36 dominierte, angeführt von der monumentalen Übersetzungsarbeit, die James M. Robinson mit einem internationalen Team von Fachleuten 40:44 leistete und die im Jahr 1977 in der ersten vollständigen englischen Gesamtausgabe unter dem Titel The Nck Hamadi Library in Englisch mündete, hin 40:54 zu einer viel stärker materiell und kontextuell orientierten Forschung, die fragt: Wer stellte diese Bücher tatsächlich her? mit welchem Material, 41:02 an welchem Ort, unter welchen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen und was verraten die banalen alltäglichen Spuren? Handschriften, 41:10 wiederverwendetes Altpapier, Bindetechniken über die Menschen, die diese Bücher tatsächlich in Händen hielten, lange bevor irgendjemand von 41:19 Gnosis oder Heresie sprach. Bevor ich zu einer abschließenden ehrlichen Einordnung komme, will ich noch einen Aspekt ansprechen, der diese Geschichte 41:27 oft unbeabsichtigt verzehrt hat, weil er in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Art Verwechslung geführt hat, die man auseinanderhalten sollte. Nur zwei Jahre 41:35 nach dem Fund von Nakamadi im Jahr 1947 wurde in einer Höhle bei Kumran am Toten Meer eine ganz andere unabhängige Sammlung antiker Handschriften entdeckt, 41:44 die als Schriftrollen vom Toten mehr bekannt wurden. Beide Funde ereigneten sich in derselben Nachkriegsdekade. Beide betreffen religiöse Texte aus der 41:53 Antike. Beide wurden ursprünglich von Hirten bzw. Bauern eher zufällig entdeckt und beide veränderten das Bild, dass die Forschung von der religiösen 42:01 Vielfalt der Zeit um die Zeitenwende hatte, erheblich. Diese Ähnlichkeiten haben in populären Darstellungen gelegentlich dazu geführt, daß beide 42:09 Funde miteinander vermengt oder sogar verwechselt wurden, obwohl sie inhaltlich, geographisch und religionsgeschichtlich ganz 42:16 unterschiedliche Traditionen betreffen. Die Schriftrollen vom Toten Meer sind überwiegend jüdische Texte, viele davon älter, teils bis ins dritte 42:24 vorchristliche Jahrhundert zurückreichend, gefunden in einer trockenen Höhlenregion am Westufer des Toten Meeres, wären die Nahkam die 42:32 Bibliothek, christliche und mit dem Christentum verwandte spätantike Texte in koptischer Sprache versammelt, gefunden in einem Wüstengebiet am Nil, 42:40 hunderte Kilometer entfernt. Ich erwähne diese Abgrenzung nicht als Fußnote, sondern weil sie zeigt, wie leicht sich um einen an sich schon außergewöhnlichen 42:48 Fund zusätzliche unbegründete Assoziationen und Vermischungen legen, die die eigentliche, für sich genommen schon bemerkenswerte Geschichte weiter 42:56 verunklen, statt sie zu schärfen. Diese Geschichte will genau das Gegenteil: Schärfen, nicht verklären. Kommen wir also zur ehrlichen, 43:05 gegenwärtigen Bilanz, denn genau darum ist es in dieser Erzählung von Anfang an gegangen, nicht um eine endgültige Enthüllung, sondern um das sorgfältige 43:13 Offenlegen dessen, was wir wissen, was wir vermuten und was wir wahrscheinlich nie erfahren werden. Was wir wissen, mit an Sicherheit grenzender Gewissheit, 43:22 gestützt durch materielle überprüfbare Belege. Im Dezember des Jahres 1945 fand ein Bauer namens Mohammed Ali Al-Samann bei der Suche nach Düngeerde 43:32 am Fuß des Jabal Altar rief in der Nähe der oberägyptischen Stadt nach Kamadi einen verschlossenen Tonkrug, der 13 Ledergebundene Codiges mit koptischen, 43:41 religiösen und philosophischen Texten enthielt. Die Einbände dieser Codiches wurden mit Hilfe von wiederverwendetem Altpapyrus verstärkt, dessen erhaltene 43:50 Datumsangaben in die Jahre um 341 bis 348 nach Christus fallen, was auf eine Bindung der Bücher in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts hindeutet. Die 44:00 in den coditsches enthaltenen Texte selbst sind älter als ihre Bindung, in mehreren Fällen nachweisbar, etwa durch griechische Vorläuferfragmente des 44:08 Thomasevangeliums aus Oxie Hünchus, die bereits um 200 nach Christus entstanden. Der Fundort liegt in geographischer Nähe zu einem Netzwerk früher christlicher 44:16 Klöster, die auf den Mönch Patchomius zurückgehen und deren Gründung in dieselbe Region und ungefähr in dieselbe historische Periode fällt. Im Jahr 367 44:26 veröffentlichte der alxandrinische Bischof Athanasius einen Osterfestbrief, der eine Liste kanonischer Schriften enthielt und nicht kanonische, 44:34 sogenannte Apokryphe Texte ausdrücklich verurteilte. Das alles ist beobachtbar, dokumentiert, überprüfbar und unabhängig von jeder Interpretation der 44:43 eigentlichen Motive der Vergrabenen. Was wir vermuten mit unterschiedlicher, aber in keinem Fall abschließender Sicherheit, dass die Bibliothek im 44:51 Besitz oder zumindest im Umfeld einer der nahegelegenen klösterlichen Gemeinschaften war, dass ihre Vergrabung in einem Zusammenhang mit der sich im 44:58 vierten Jahrhundert verschärfenden Kanonbildung und der zunehmenden Verurteilung nicht kanonischer Texte stand und dass die gewählte Methode des 45:05 Vergrabens statt Verbrennens eher auf ein Motiv der Bewahrung als der reinen Vernichtung hindeutet. Dies ist die am besten, wenn auch nicht endgültig 45:14 belegte Hauptthese. Eine ähnlich gut begründbare, aber inhaltlich andere Deutung sieht in der Vergrabung keinen dramatischen Rettungsakt, sondern eine 45:22 eher beiläufige an lokale Bestattungspraktiken angelehnte Entsorgung ausrangierter Bücher, was ebenfalls mit den vorhandenen Indizien 45:30 vereinbar ist, ohne den Konflikt um die Kanonbildung als notwendigen Auslöser vorauszusetzen. Eine dritte schwächer belegte Deutung 45:38 stellt sich eine bewusst kuratierte über Generationen gepflegte Sammlung im Dienst einer bestimmten Lehrtradition vor, wird aber durch die beobachtete 45:46 Vielfalt der Schreiberhände und die inhaltliche Heterogenität der Sammlung eher relativiert als gestützt. Was wir mit ziemlicher Sicherheit nie erfahren 45:54 werden, ist das, was eine kontrollierte archäologische Ausgrabung des ursprünglichen Fundplatzes am Tag des Fundes selbst hätte zeigen können. Die 46:01 exakte Lage des Kruges im Verhältnis zu etweigen weiteren Gegenständen mögliche organische Reste für eine unabhängige naturwissenschaftliche Datierung, 46:10 Spuren, die zwischen einem sorgfältig geplanten Versteck und einer routinemäßigen Entsorgung hätten unterscheiden können. Diese Information 46:17 ist für immer verloren. nicht durch eine Verschwörung, nicht durch absichtliche Vertuschung, sondern durch die schlichte, fast banale Tatsache, dass 46:26 ein Mann mit einer Hacke nach Dünger suchte, nichts von der Bedeutung dessen ahnte, was er fand, und in den folgenden Wochen mehr mit einer Blutfäde und der 46:34 Angst vor Behörden beschäftigt war, als mit der sorgfältigen Dokumentation eines archäologischen Fundplatzes. Genau in dieser Lücke, in diesem für immer 46:43 unwiderbringlichen Stück verlorenen Wissens liegt die eigentliche, unspektakuläre, aber ehrliche Poante dieser Geschichte. Manche Rätsel der 46:51 Geschichte lösen sich nicht deshalb nicht auf, weil die Antwort geheim gehalten wird oder verboten ist, sondern schlicht, weil der Moment, in dem man 46:59 sie hätte festhalten können, unwiderbringlich verstrichen ist, bevor irgendjemand wusste, dass er wichtig war. Und doch, und damit will ich zum 47:08 Bild zurückkehren, mit dem diese Erzählung begann. Der Krug wurde zerschlagen in der Erwartung von Gold oder in der Furcht vor einem Geist und 47:16 was herauskam, waren Bücher. Diese Umkehrung der Erwartung ist mehr als eine hübsche Anekdote. Sie fasst in einem einzigen Moment zusammen, worum es 47:26 in dieser ganzen Geschichte eigentlich geht, dass der eigentliche Wert eines Fundes oft nicht in dem liegt, wonach man ursprünglich sucht, sondern in dem, 47:34 was übrig bleibt, wenn die Erwartung enttäuscht wird und der nüchterne Blick auf das beginnt, was tatsächlich vor einem liegt. Kein Schatz, keine 47:43 Prophezeiung, keine Botschaft aus der Zukunft an die Gegenwart, sondern Bücher kopiert von namentlich unbekannten Schreibern, gebunden aus 47:51 wiederverwendetem Material, das selbst schon von einem vergangenen alltäglichen Leben erzählt, vergraben von Menschen, deren Namen wir nicht kennen. aus 48:00 Gründen, die wir nur in Umrissen rekonstruieren können, gefunden von einem Mann, der Dünger suchte in einer Nacht, die ihr eigenes mit dem Fund 48:08 verwobenes menschliches Drama aus Angst, Gewalt und Unwissenheit mit sich brachte. Wenn man mich fragte, was die ehrlichste, gegenwärtig verantwort, 48:19 warum die Nahadi Bibliothek in der Erde lag, würde ich sagen, vieles spricht dafür, dass es sich um die Bücher einer klösterlichen oder klosternahen 48:27 Gemeinschaft im Umfeld der paschumianischen Klöster Obergyptens handelte, die im Zuge der sich im vierten Jahrhundert verschärfenden 48:34 kirchlichen Vereinheitlichung möglicherweise ausgelöst oder zumindest beschleunigt durch den Osterfestbrief des Athanasius im Jahr 367. 67 nicht 48:43 mehr offen gehalten werden konnten und deshalb aus einem Motiv, das eher nach Bewahren als nach vernichten aussieht, vergraben statt verbrannt wurden. Das 48:52 ist die Hauptthese, die am besten zu den vorhandenen Indizien passt. Aber sie ist keine bewiesene Tatsache, sondern die wahrscheinlichste unter mehreren 49:00 begründbaren Möglichkeiten. Und jede ehrliche Darstellung dieser Geschichte muss diesen Unterschied respektieren. Die offene Frage, die am Ende bleibt und 49:09 die vielleicht nie restlos beantwortet werden wird, lautet deshalb nicht, was in den Büchern steht. Das ist inzwischen dank jahrzehntelanger philologischer 49:18 Arbeit gut erforscht und in vielen Sprachen zugänglich. Die offene Frage lautet: Was geschah in den Tagen oder Wochen, bevor der Krug in 49:27 die Erde kam? Trug jemand die Bücher heimlich bei Nacht in der Furcht vor Entdeckung, an diesen Ort, in der leisen Hoffnung, sie eines Tages wieder 49:36 auszugraben? Oder trug jemand achselzuckend, einen Korb ausrangierter, nicht mehr benötigter Handschriften zu einer Stelle, an der man ohnehin schon 49:45 öfter grub, so wie man auch heute noch Dinge entsorgt, ohne ihnen einen zweiten Gedanken zu widmen? Zwischen diesen beiden Bildern, dem des heimlichen 49:54 ehrfürchtigen Rettens und dem des Achtlosen alltäglichen Wegwerfens bewegt sich diese ganze Geschichte und beide Bilder sind mit dem heutigen 50:02 Wissensstand ehrlich vertretbar. Vielleicht ist gerade das die eigentliche Lehre, die dieser Fund am Fuß eines Felsens in Obergypten für uns 50:10 berei hält, daß wir oft nicht wissen können, ob eine Geste der Vergangenheit aus Liebe zu dem geschah, was bewahrt wurde, oder aus Gleichgültigkeit 50:18 gegenüber dem, was man los sein wollte, und dass beide Gesten im Lauf von 1600 Jahren stiller Erde am Ende exakt dasselbe Ergebnis hervorbringen können. 50:29 Ein Buch, das überlebt gegen jede Wahrscheinlichkeit bis ein Mann mit einer Hacke es findet. ohne zu wissen, was er in Händen hält. Und doch bleibt 50:38 die Versuchung groß, aus dieser Ungewissheit eine Geschichte zu machen, die sich leichter erzählen lässt als die Wahrheit selbst. Archäologen kennen 50:45 diese Versuchung gut, denn sie arbeiten mit Fragmenten, mit Löchern in der Überlieferung, die das Gehirn wie von selbst zu schließen versucht. Ein 50:53 Papyrus, der in einem Grab landet, ein Buch, das in einer Nische verschwindet, ein Text, der plötzlich aus dem öffentlichen Gebrauch verschwindet. All 51:02 das verlangt nach einer Erzählung. nach einem Warum, dass wir dem Material aufzwingen, obwohl das Material selbst schweigt. Die Nakamadi Schriften haben 51:10 in den vergangenen 80 Jahren unzählige solche Erzählungen hervorgebracht. Manche vorsichtig und quellenkritisch, andere kühn bis an die Grenze der 51:18 Spekulation. Man hat von Mönchen gesprochen, die aus dem nahegelegenen Kloster des Patchomius stammten und die in einer Zeit wachsender kirchlicher 51:26 Kontrolle ihre unorthodoxen Bücher retten wollten, bevor Bischof Athanasius mit seinem berühmten Osterbrief von 367 die Grenzen des kanonischen Kreises 51:35 endgültig zog. Diese Theorie hat etwas Bestechendes. Sie verbindet den Fundort, die zeitliche Nähe zum Brief, die Textsorten selbst, die eindeutig aus 51:44 einem Milieu stammen, dass man als christlich, asketisch, mönchisch geprägt beschreiben könnte. Und doch ist sie eben genau das, eine Theorie, kein 51:53 Beweis, ein Narrativ, das die Lücken der Überlieferung mit der plausibelsten, verfügbaren Geschichte füllt. Was an dieser Rekonstruktion aber besonders 52:01 lehrreich ist, ist nicht ihre Richtigkeit oder Falschheit, sondern die Art, wie sie zeigt, das Wissen über die Antike selten aus dem Material selbst zu 52:10 uns spricht. Es entsteht im Dialog zwischen dem Gefundenen und dem Fragenden, zwischen dem Krug aus gebranntem Ton und den Historikern, die 52:18 Jahrzehnte damit verbracht haben, seine Herkunft, seine Sprache, seine Bindung zu entschlüsseln. Jede Generation von Forschern hat dabei ihre eigenen Fragen 52:27 an die Schriften herangetragen, geprägt von den intellektuellen Strömungen ihrer Zeit. In den 50er und 60er Jahren, als die ersten Übersetzungen entstanden, 52:36 suchte man vor allem nach den Wurzeln der christlichen Heresie, nach den Gegenspielern der sogenannten großkirchlichen Orthodoxie. Später, in 52:43 den 70er und 80er Jahren verschob sich der Blick. Man begann die gnostischen Texte nicht mehr nur als Abweichung, sondern als eigenständige religiöse Welt 52:52 zu verstehen mit eigener Logik, eigener Kosmologie, eigenem Anspruch auf Wahrheit. Feministische Theologinnen entdeckten in einigen dieser Schriften, 53:02 etwa im Evangelium nach Maria, Spuren einer Rolle der Frau in den frühesten christlichen Gemeinschaften, die von der späteren männlich dominierten 53:10 Kirchengeschichte überschrieben worden war. Wieder andere lasen die Texte als Zeugnisse eines universalen menschlichen Verlangens nach Selbsterkenntnis, dass 53:18 sich lose an buddhistische oder neuplatonische Gedanken anschließen ließ. Eine Lesart, die besonders im Zuge der New Age Bewegung populär wurde und 53:26 bis heute in bestimmten spirituellen Kreisen nachwirkt. All diese Lesarten sagen mehr über die Fragenden aus als über die Menschen, die vor 1600 Jahren 53:35 mit Schilfrohrhorfedern und Ruß diese Zeilen auf Papyrus brachten. Und dennoch sind sie nicht beliebig, denn sie bleiben an den Text selbst gebunden, an 53:43 seine Worte, seine Widersprüche, seine Lehrstellen. Genau darin liegt die eigentümliche Disziplin der Philologie und der Religionsgeschichte, die 53:51 Fantasie zuzulassen, ohne sie über das Material triumphieren zu lassen. Wer heute das Evangelium nach Thomas liest, jenes vielleicht bekannteste unter den 54:00 54 Schriften der Bibliothek, stößt auf eine Sammlung von Sprüchen, die Jesus zugeschrieben werden. Ganz ohne erzählerischen Rahmen, ohne Kreuzigung, 54:09 ohne Auferstehung, nur nackte, oft rätselhafte Sätze, die zur Deutung auffordern, fast wie ein Senkan. Manche Forscher datieren einen Kern dieser 54:18 Sprüche früher als die kanonischen Evangelien selbst und vermuten in ihnen eine eigenständige mündliche Überlieferung, die parallel zu den 54:26 später kanonisierten Texten existierte. Andere warnen vor solcher Frühdatierung und sehen im Thomasevangelium eher ein Produkt des zweiten Jahrhunderts, das 54:34 bereits auf die kanonischen Evangelien reagiert und sie in ein neues esoterisches Licht taucht. Der Streit ist bis heute nicht entschieden und 54:42 vermutlich wird er es nie sein, weil die Textzeugen fehlen, die eine endgültige Antwort erlauben würden. Diese Unentscheidbarkeit ist unbequem für 54:50 jeden, der von der Geschichte klare Antworten erwartet, aber sie ist zugleich der eigentliche Reichtum, den Nakhamadi der Nachwelt hinterlassen hat. 54:59 Denn sie zwingt uns, die Vielstimmigkeit der frühen christlichen Bewegung ernst zu nehmen, jene chaotische plurale Phase, bevor sich eine einzige 55:07 Lehrmeinung als verbindlich durchsetzte. Es gab, wie die Funde von Nakamadi eindrücklich belegen, nicht das eine Urchristentum, sondern ein Geflecht 55:16 konkurrierender Gemeinschaften, die jeweils ihre eigenen Texte, ihre eigenen Christusbilder, ihre eigenen Erlösungsvorstellungen pflegten. Manche 55:24 glaubten an einen leidenden, fleischgewordenen Erlöser, der stellvertretend am Kreuz starb. Andere, wie die Verfasser mancher Texte aus 55:32 dieser Bibliothek entwickelten eine radikal andere Kosmologie, in der die materielle Welt selbst als Irrtum als Gefängnis einer höheren göttlichen Seele 55:41 erscheint, geschaffen nicht vom wahren, unerkennbaren Gott, sondern von einem untergeordneten, oft fehlbaren Demiurgen. In diesem Denken wird 55:50 Erlösung nicht durch den Glauben an ein historisches Opfer erreicht, sondern durch Gnosis, durch ein inneres Erwachen, ein Erkennen der eigenen 55:57 göttlichen Herkunft. das den Menschen aus der Illusion der materiellen Welt befreit. Solche Vorstellungen klingen aus heutiger Sicht oft fremd, manchmal 56:06 geradezu abenteuerlich in ihrer mythologischen Fülle von Eonen, Archonten und himmlischen Hierarchien. Doch sie waren im zweit, dritten und 56:14 vierten Jahrhundert keineswegs eine Randerscheinung, sondern Teil eines lebendigen, intellektuell anspruchsvollen Diskurses, der 56:21 Philosophie, Mythologie und religiöse Erfahrung miteinander verband. Die großkirchlichen Theologen, die später als Heresiologen bekannt wurden, allen 56:30 voran Irenus von Lyon mit seinem Werk gegen die Heresien, haben viel Mühe darauf verwendet, diese Strömungen zu widerlegen, zu verzerren, lächerlich zu 56:39 machen. Bis zum Fund von Nakamadi kannten wir die Gnostiker fast ausschließlich aus der Feder ihrer Gegner, aus polemischen 56:45 Zusammenfassungen, die naturgemäß nicht das Interesse hatten, diese Lehren in ihrer eigenen Komplexität und Schönheit darzustellen. Die Codischees aus der 56:54 Wüste haben diese Einseitigkeit korrigiert, wenn auch nie vollständig, denn auch sie sind nur ein Ausschnitt, eine zufällige unvollständige Auswahl 57:02 aus einer viel größeren, längst verlorenen Literatur. Und darin liegt vielleicht die tiefste Ironie dieser ganzen Geschichte. Das ausgerechnet ein 57:10 Akt, der möglicherweise aus Vorsicht, aus Furcht vor Verfolgung oder kirchlicher Zensur geschah, uns heute einen freiern, weniger gefilterten Blick 57:18 auf die religiöse Vielfalt der Spätantike erlaubt, als es die offizielle überlieferte Kirchengeschichte je zugelassen hätte. 57:25 was verborgen werden sollte, um zu verschwinden, wurde stattdessen bewahrt, um später umso lauter zu sprechen. Muhammed Ali Assaman, der Bauer, der 57:34 jene Tonkrüge im Dezember 1945 fand, konnte davon nichts ahnen, als er mit seiner Hacke gegen das harte Erdreich am Fuß des Jabalettarif schlug. Er suchte, 57:45 wie es heißt, weichen Boden für Dünger, nicht nach Offenbarung, nicht nach Heresie, nicht nach den verlorenen Stimmen des frühen Christentums. Die 57:54 Geschichte, die sich um seinen Fund rankt, ist selbst von Widersprüchen durchzogen, von Erzählungen über eine Blutfäe, die kurz zuvor stattgefunden 58:03 haben soll, von Angst vor den Behörden, von einem Teil der Schriften, der angeblich zunächst als Feuerholz verwendet wurde, bevor man ihren 58:10 möglichen Wert erkannte. Auch hier, wie so oft in dieser Geschichte, verschwimmen die Grenzen zwischen dokumentierter Tatsache und nachträglich 58:18 zurechtgelegter Anekdote. Und auch hier bleibt uns letztlich nur mit der Unsicherheit zu leben, die jede Rekonstruktion der Vergangenheit 58:26 begleitet. Die Zettel selbst, jene zerknitterten Fragmente aus der Genesa tragen Spuren dieser Ungewissheit förmlich in ihrer Materialität. Risse 58:35 entlang alter Faltlinien, Wasserflecken, die einzelne Wortfolgen für immer unlesbar gemacht haben. Tintenreste, die unter ultraviolettem Licht wieder 58:44 hervortreten, aber nie ganz die Lücken schließen, die Jahrhunderte der Aufbewahrung hinterlassen haben. Wer diese Fragmente zum ersten Mal in Händen 58:51 hielt, konnte kaum ahnen, dass sie eines Tages als Schlüssel zu einem der bedeutendsten Rätsel der Bibelwissenschaft gelten würden. 58:59 Zunächst waren sie nur ein weiterer Posten in einem Stapel von Papieren, die aus einer Kammer geborgen worden waren, deren eigentlicher Zweck längst in 59:06 Vergessenheit geraten war. Die Geneser, jener Aufbewahrungsort für ausgediente religiöse Texte, folgte einer alten Praxis. Schriften, die den Namen Gottes 59:16 enthielten, durfte man nicht einfach vernichten, sondern mußte sie respektvoll zur Seite legen, bis sie schließlich bestattet wurden. So 59:23 sammelte sich über Jahrhunderte ein Konvolut an, das weit über das hinausging, was ursprünglich beabsichtigt gewesen war. Eine 59:30 ungeordnete, aber immense Fundgrube für alles, was jemals in dieser Gemeinschaft geschrieben, gelesen, kopiert und schließlich beiseite gelegt worden war. 59:40 Es ist diese Zufälligkeit der Überlieferung, die den ganzen Vorgang so eigentümlich macht. Nichts an dieser Sammlung war für die Nachwelt gedacht. 59:48 Niemand hatte die Absicht, ein Archiv anzulegen, das später von Gelehrten in Cambridge oder Oxford ausgewertet werden würde. Die Texte lagen dort, weil man 59:57 sich schlicht nicht traute, sie zu entsorgen, nicht weil man ihren historischen Wert erahnte. Gerade dieser fehlende Wille zur Kuratierung verleih 1:00:05 seine besondere Authentizität. Hier wurde nichts nachträglich zurecht gerückt, um ein bestimmtes Bild zu erzeugen. Hier lag einfach das, was 1:00:13 übrig geblieben war, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Unordnung. Und doch, gerade weil es keine Kuratierung gab, mussten diejenigen, die später 1:00:22 versuchten, aus diesem Wust einen Sinn zu destillieren, selbst zu Kuratoren werden mit allen Risiken, die eine solche nachträgliche Ordnung mit sich 1:00:30 bringt. Man muss sich vor Augen führen, unter welchen Bedingungen diese ersten Untersuchungen stattfanden. Es gab keine standardisierten Verfahren zur 1:00:39 Konservierung fragiler Textilien oder Papiere, keine klimatisierten Lagerräume, keine digitalen Kataloge, in denen jedes Fragment mit einer 1:00:47 eindeutigen Nummer versehen und fotografiert werden konnte, bevor es weiter zerfiel. Was es gab, waren Engagierte, manchmal auch besessene 1:00:55 Gelehrte, die mit bloßen Händen durch Kisten voller brüchiger Blätter wühlten, in der Hoffnung, auf etwas zu stoßen, das ihre kühnsten Erwartungen übertraf. 1:01:04 Diese Mischung aus wissenschaftlicher Akribie und schierem Enthusiasmus prägt bis heute die Art und Weise, wie über diese Funde erzählt wird. Die Berichte 1:01:13 schwanken zwischen nüchterner Dokumentation und geradezu literarischer Dramatisierung und es fällt oft schwer zu entscheiden, wo die eine endet und 1:01:21 die andere beginnt. Hinzukommt, dass die beteiligten Personen selbst nicht immer verlässliche Zeugen ihrer eigenen Entdeckungen waren. Erinnerungen 1:01:29 verändern sich mit der Zeit, werden im Nacherzählen geglättet, dramatisiert oder schlicht an das angepasst, was im Rückblick plausibler erscheint. Wenn 1:01:37 also von jener Reise die Rede ist, die eine der Schlüsselfiguren dieser Geschichte unternahm, um die Fragmente zu sichten und ihre Bedeutung zu 1:01:44 erkennen, dann vermischen sich in den überlieferten Schilderungen Fakten mit Ausschmückungen, die dem Ereignis erst im Nachhinein seinen legendären 1:01:52 Charakter verliehen haben. Man wird nie mit letzter Sicherheit sagen können, wie genau der Moment der Erkenntnis tatsächlich abgelaufen ist. ob es ein 1:02:00 plötzliches Aufblitzen von Verständnis war, während ein Blatt gegen das Licht gehalten wurde, oder ob sich die Bedeutung erst allmählich über Wochen 1:02:07 und Monate mühsamer Vergleichsarbeit herauskristallisierte. Was jedoch unbestreitbar bleibt, ist die schiere Wucht dessen, was diese Sammlung 1:02:15 letztlich enthüllte. Über Jahrhunderte hinweg hatten Generationen von Schreibern, Kaufleuten, Gelehrten und einfachen Gläubigen ihre 1:02:23 Alltagsdokumente, Verträge, Briefe, Gebete, aber auch weitaus ältere religiöse Texte in dieser Kammer hinterlassen, ohne zu ahnen, dass sie 1:02:32 damit ein Zeitfenster in die Vergangenheit öffnen würden, das weit über ihre eigene Epoche hinausreichte. Unter den scheinbar banalen 1:02:39 Alltagsdokumenten fanden sich plötzlich Fragmente, die Jahrhunderte älter waren als der Rest der Sammlung. Texte, die auf Traditionen zurückgingen, die man 1:02:47 längst für verloren gehalten hatte. Es war, als hätte man in einem gewöhnlichen Dachboden zufällig eine Tür zu einem verborgenen Flügel des Hauses entdeckt, 1:02:56 von dessen Existenz niemand mehr wusste. Diese Überlagerung von Zeitschichten, das Neue neben dem Uralten, das Banale neben dem Erhabenen, ist 1:03:05 charakteristisch für die Art, wie Geschichte tatsächlich überliefert wird. im Gegensatz zu der oft zu ordentlichen linearen Erzählung, die wir uns im 1:03:13 Rückblick zurechtlegen. Die Wirklichkeit der Überlieferung ist chaotisch, fragmentarisch, von Zufällen durchsetzt und gerade deshalb so schwer zu greifen. 1:03:22 Wer glaubt, die Vergangenheit ließe sich wie ein sauber sortiertes Archiv rekonstruieren, indem jedes Dokument seinen festen Platz und seine eindeutige 1:03:30 Bedeutung hat, irrt sich gewaltig. Was wir tatsächlich vorfinden, sind Bruchstücke, die erst durch mühsame Vergleichsarbeit, durch das 1:03:38 Zusammenführen verstreuter Hinweise, durch educated Guesses und manchmal auch schlichtes Glück zu einem kohenten Bild zusammengefügt werden können. Und selbst 1:03:46 dann bleibt dieses Bild immer vorläufig, immer offen für Revision, sobald neue Fragmente auftauchen oder alte Annahmen widerlegt werden. Genau in diesem 1:03:55 Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach einer klaren, verständlichen Erzählung und der tatsächlichen Unordnung der historischen Überlieferung bewegt sich 1:04:03 auch die weitere Geschichte dieser Textfunde. Als die Nachricht von der Entdeckung sich in gelehrten Kreisen verbreitete, löste sie eine Welle von 1:04:10 Aufregung aus, die sich schnell in konkurrierende Interpretationen und Ansprüche verwandelte. Verschiedene Institutionen, verschiedene Forscher, 1:04:19 verschiedene nationale und religiöse Interessen begannen, sich um die Deutungshoheit über diese Funde zu streiten. Wer durfte die Texte zuerst 1:04:26 untersuchen? Wem gehörten sie eigentlich? Der Gemeinschaft, aus deren Kammer sie stammten, den Institutionen, die sie erworben hatten oder der 1:04:35 wissenschaftlichen Gemeinschaft insgesamt, die einen Anspruch auf freien Zugang zu der Art bedeutsam Material erhob? Diese Fragen sind bis heute nicht 1:04:43 vollständig geklärt und sie spiegeln ein Muster wieder, das sich in der Geschichte bedeutender Textfunde immer wieder zeigt. Die Entdeckung selbst ist 1:04:51 oft nur der Anfang eines viel längeren, komplizierteren Prozesses aus Verhandlung, Konkurrenz und manchmal auch offenem Konflikt um Zugang und 1:04:59 Deutungsmacht. Man kann diese Auseinandersetzungen nicht einfach als bloße akademische Eitelkeiten abtun. Hinter ihnen standen handfeste Fragen 1:05:07 von Eigentum, kulturellem Erbe und wissenschaftlicher Reputation. aber auch tiefere Fragen darüber, wem die Vergangenheit gehört und wer das Recht 1:05:16 hat, ihre Bedeutung zu bestimmen. Die Fragmente aus der Genesa berührten unmittelbar Fragen der religiösen Identität, der historischen Kontinuität 1:05:23 von Traditionen und letztlich auch der Autorität heiliger Texte selbst. Es überrascht daher nicht, dass die Auswertung dieser Funde nicht nur eine 1:05:31 philologische, sondern auch eine zutiefst politische und emotionale Dimension besaß, die bis in die Gegenwart nachwirkt. Zugleich eröffnete 1:05:40 die systematische Erforschung dieser Fragmente neue Möglichkeiten, die vorher schlicht undenkbar gewesen waren. Zum ersten Mal ließen sich Textvarianten 1:05:48 vergleichen, die aus völlig unterschiedlichen Zeiträumen und geographischen Kontexten stammten, sodass ich ein viel differenzierteres 1:05:55 Bild davon ergab, wie sich bestimmte Textüberlieferungen über die Jahrhunderte hinweg verändert, angepasst oder auch bewusst bewahrt hatten. Diese 1:06:03 Vergleichsarbeit erforderte eine immense Geduld und ein geschultes Auge für kleinste Abweichungen in Orthografie, Wortwahl und Satzbau. Abweichungen, die 1:06:12 auf den ersten Blick belanglos erscheinen mochten, sich bei genauerer Betrachtung jedoch als aufschlussreiche Spuren früherer Übersetzungs oder 1:06:19 Abschreibprozesse erwiesen. Jedes Fragment wurde so zu einem kleinen Puzzlesstück in einem viel größeren Bild, dessen vollständige Kontur bis 1:06:27 heute nicht restlos rekonstruiert werden konnte und wohl auch nie vollständig