Physik · Klasse 9–13 · aktualisiert
Kernreaktionen: Gleichungen und Q-Wert verstehen
Du bilanzierst Kernreaktionen mit Nukleonen- und Ladungszahl und deutest den Q-Wert samt Grenzen.
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Kurz gesagt
Eine Kernreaktion wird im hier verwendeten engen Sinn durch einen Zusammenstoß ausgelöst und verändert einen Atomkern. Nukleonenzahl und elektrische Gesamtladung müssen auf beiden Seiten stimmen. Der Q-Wert vergleicht die Ruhemassen und beschreibt die Energierichtung, nicht die Wahrscheinlichkeit.
Bei einer Kernreaktion verändert ein Atomkern nach dem Zusammenstoß mit einem Teilchen oder einem anderen Kern seinen Zustand oder seine Zusammensetzung. Du kannst mögliche Reaktionsgleichungen prüfen, indem du auf beiden Seiten die Massenzahlen und Kernladungszahlen addierst. Die Energiebilanz beschreibt der Q-Wert.
Deine Lernziele
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4 Abschnitte
Stell dir vor, ein Neutron trifft auf einen Atomkern. Der Kern kann das Neutron aufnehmen, ein anderes Teilchen abgeben oder sich spalten. Entscheidend ist: Der Vorgang wird durch den Zusammenstoß ausgelöst und der Kern verändert sich.
Ein elastischer Stoß zählt meist nicht als Kernreaktion: Die Stoßpartner ändern nur ihre Bewegung, nicht ihren inneren Zustand oder ihre Zusammensetzung. Ein radioaktiver Zerfall beginnt dagegen spontan und ohne auftreffendes Teilchen. Im weiteren Themenfeld werden Zerfallsgleichungen ähnlich bilanziert; im engeren Sinn ist ein spontaner Zerfall aber keine Kernreaktion.
Einen Kern schreibst du als ^{A}_{Z}X. Dabei ist X das Elementsymbol. Die Massenzahl A ist die Zahl der Nukleonen, also Protonen und Neutronen zusammen. Die Kernladungszahl Z ist die Zahl der Protonen. Sie bestimmt das Element. Die Neutronenzahl ist N=A-Z. Beispiel: ^{6}_{3}\mathrm{Li} enthält 3 Protonen und 6-3=3 Neutronen.
Die Tabelle zeigt wichtige Teilchensymbole. Bei Teilchen wie dem Elektron bezeichnet die untere Zahl die elektrische Ladung in Einheiten der positiven Elementarladung. Sie ist dann keine Protonenzahl. A=0 beim Elektron bedeutet, dass es kein Nukleon ist, nicht dass es masselos wäre. Gammastrahlung besteht aus energiereichen Photonen und trägt weder Nukleonenzahl noch elektrische Ladung. Das Elementsymbol legt Z eindeutig fest. Deshalb wird die untere Zahl in verkürzten Gleichungen manchmal weggelassen.
Definition
Kernreaktion
Eine Kernreaktion ist ein durch den Zusammenstoß mit einem Kern oder Teilchen ausgelöster Vorgang, bei dem ein Atomkern seinen Zustand oder seine Zusammensetzung ändert.
Merke: Ausgelöste Umwandlung nach einem Zusammenstoß: Kernreaktion. Spontane Umwandlung eines instabilen Kerns: radioaktiver Zerfall.
| Teilchen | Schreibweise | A | Ladungszahl |
|---|---|---|---|
| Neutron | ^{1}_{0}n | 1 | 0 |
| Proton | ^{1}_{1}\mathrm{H} oder p | 1 | 1 |
| Alphateilchen | ^{4}_{2}\mathrm{He} oder \alpha | 4 | 2 |
| Deuteron | ^{2}_{1}\mathrm{H} oder d | 2 | 1 |
| Tritiumkern | ^{3}_{1}\mathrm{H} oder t | 3 | 1 |
| Elektron | ^{0}_{-1}e | 0 | -1 |
| Gammaquant (Photon) | \gamma | 0 | 0 |
Teste dich
Bei den hier betrachteten Kernreaktionen müssen zwei Summen stimmen: Die Massenzahlen links und rechts müssen gleich sein. Auch die elektrische Gesamtladung muss auf beiden Seiten gleich sein. Dafür zählst du die Ladungen aller beteiligten Teilchen mit, auch die des Elektrons. Beide Bilanzen sind notwendig, beweisen aber noch nicht, dass eine Reaktion tatsächlich abläuft: Auch Energie und Impuls müssen erhalten bleiben. Der Impuls beschreibt die gerichtete Bewegung der Teilchen.
Ein fehlendes Teilchen bestimmen: Gegeben ist
^{14}_{7}\mathrm{N}+{}^{1}_{0}n\rightarrow{}^{14}_{6}\mathrm{C}+X
Für X folgt aus der Massenzahl 15=14+A_X, also A_X=1. Aus der elektrischen Ladung folgt 7=6+Z_X, also Z_X=1. Damit ist X={}^{1}_{1}\mathrm{H}, also ein Proton.
Beispiel: Prüfe die Reaktion
- 1^{6}_{3}\mathrm{Li}+{}^{1}_{0}n\rightarrow{}^{4}_{2}\mathrm{He}+{}^{3}_{1}\mathrm{H}
- 2Massenzahlen: links 6+1=7, rechts 4+3=7.
- 3Kernladungszahlen: links 3+0=3, rechts 2+1=3.
- 4Beide Summen stimmen. Die Gleichung ist hinsichtlich Nukleonenzahl und elektrischer Ladung ausgeglichen.
Beispiel: Gehe immer in dieser Reihenfolge vor
- 1Schreibe für jedes Teilchen A und Z auf.
- 2Addiere links und rechts zuerst alle Massenzahlen.
- 3Addiere danach links und rechts die Ladungszahlen aller Teilchen, auch die des Elektrons.
- 4Fehlt ein Teilchen, bestimme seine Massenzahl und Ladungszahl aus beiden Differenzen.
Teste dich
Beim Einfang nimmt ein Kern ein Teilchen auf. Beim Neutroneneinfang kann anschließend Gammastrahlung abgegeben werden:
^{107}\mathrm{Ag}(n,\gamma){}^{108}\mathrm{Ag}
Der Targetkern ist der getroffene Ausgangskern. Das Projektil trifft ein, das Ejektil tritt aus; im Beispiel ist das austretende Photon das Ejektil. Die Kurzschrift bedeutet:
\mathrm{Target}(\mathrm{Projektil},\mathrm{Ejektil})\mathrm{Endkern}
Hier trifft also ein Neutron auf Silber-107, Gammastrahlung tritt aus und Silber-108 bleibt zurück. Bei der Spaltung zerfällt ein schwerer Kern in kleinere Kerne. Ein möglicher Kanal ist:
^{235}_{92}\mathrm{U}+{}^{1}_{0}n\rightarrow{}^{140}_{56}\mathrm{Ba}+{}^{94}_{36}\mathrm{Kr}+2\,{}^{1}_{0}n
Die Bilanz lautet 235+1=140+94+2=236 und 92=56+36. Ein eingehendes Neutron löst den Vorgang aus; zwei Neutronen treten aus. Austretende Neutronen können weitere Spaltungen anstoßen. Ob daraus eine Kettenreaktion entsteht, hängt davon ab, wie viele dieser Neutronen tatsächlich weitere Kerne spalten. Bei der Fusion verbinden sich leichte Kerne zu einem schwereren Kern. Dieser muss nicht als Endprodukt bestehen bleiben. Im Lithium-Deuteron-Beispiel lässt sich der Ablauf über einen kurzzeitig gebildeten Beryllium-8-Kern erklären, der in zwei Alphateilchen zerfällt:
^{6}_{3}\mathrm{Li}+{}^{2}_{1}\mathrm{H}\rightarrow2\,{}^{4}_{2}\mathrm{He}
Merke: Erkenne zuerst die Veränderung: Aufnahme eines Teilchens ist Einfang, Zerlegung eines schweren Kerns ist Spaltung, Verbindung leichter Kerne ist Fusion.
Teste dich
Vor und nach einer Kernreaktion können die Summen der Ruhemassen verschieden sein. Die Ruhemasse ist die Masse eines Teilchens in seinem eigenen Ruhesystem; die Massenzahl A ist dagegen nur eine Anzahl. Die Massendifferenz entspricht nach der Masse-Energie-Beziehung einer Energiedifferenz:
Q=(M_{\mathrm{vor}}-M_{\mathrm{nach}})c^2
Dabei sind M_{\mathrm{vor}} und M_{\mathrm{nach}} die Summen der Ruhemassen aller Teilchen vor und nach der Reaktion; c ist die Lichtgeschwindigkeit. Wir betrachten hier Kerne im Grundzustand, also in ihrem niedrigsten Energiezustand. Die frei werdende Energie kann als Bewegungsenergie der Produkte oder als Strahlung auftreten.
Der Q-Wert gibt die Energiebilanz an: Bei Q>0 setzt die Reaktion insgesamt Energie frei. Bei Q<0 benötigt sie Energiezufuhr.
In der Kernphysik nutzt du oft die Energieeinheit Megaelektronenvolt: 1\,\mathrm{MeV}=10^6\,\mathrm{eV}. Wenn Massen in atomaren Masseneinheiten \mathrm{u} gegeben sind, nutzt du näherungsweise
1\,\mathrm{u}\,c^2\approx931{,}49\,\mathrm{MeV}
Der Q-Wert allein sagt nicht, wie wahrscheinlich eine Reaktion ist. Selbst eine Reaktion mit Q>0 kann zunächst Energie benötigen, etwa damit zwei positiv geladene Kerne ihre elektrische Abstoßung überwinden.
Beispiel: Q-Wert beim Neutroneneinfang in Bor-10
- 1Wir betrachten den Kanal, in dem Lithium-7 im Grundzustand entsteht:
- 2^{10}_{5}\mathrm{B}+{}^{1}_{0}n\rightarrow{}^{7}_{3}\mathrm{Li}+{}^{4}_{2}\mathrm{He}
- 3Wir verwenden gerundete Atommassen neutraler Atome und die Neutronenmasse:
- 4M(^{10}\mathrm{B})=10{,}012937\,\mathrm{u}
- 5M(n)=1{,}008665\,\mathrm{u}
- 6M(^{7}\mathrm{Li})=7{,}016003\,\mathrm{u}
- 7M(^{4}\mathrm{He})=4{,}002603\,\mathrm{u}
- 8Ein neutrales Boratom hat fünf Elektronen; ein Lithiumatom und ein Heliumatom haben zusammen 3+2=5 Elektronen. Ihre Ruhemassen heben sich in der Differenz auf. Die viel kleineren Unterschiede der Elektronenbindungsenergien vernachlässigen wir. Atom- und Kernmassen darfst du nicht beliebig mischen.
- 9Ausgangsmasse: 10{,}012937\,\mathrm{u}+1{,}008665\,\mathrm{u} =11{,}021602\,\mathrm{u}.
- 10Produktmasse: 7{,}016003\,\mathrm{u}+4{,}002603\,\mathrm{u} =11{,}018606\,\mathrm{u}.
- 11Massendifferenz: 11{,}021602\,\mathrm{u}-11{,}018606\,\mathrm{u} =0{,}002996\,\mathrm{u}.
- 12Dann rechnest du mit 1\,\mathrm{u}\,c^2\approx931{,}49\,\mathrm{MeV} in Energie um:
- 13Q=0{,}002996\,\mathrm{u}\cdot931{,}49\,\mathrm{MeV/u}
- 14Q\approx2{,}791\,\mathrm{MeV}
- 15Der Q-Wert ist positiv. Für diesen Kanal werden gerundet etwa 2{,}79\,\mathrm{MeV} frei.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Kernreaktionen
Auslöser
Zusammenstoß mit Kern oder Teilchen
Schreibweise
^{A}_{Z}X
Erhaltung
Nukleonenzahl und elektrische Gesamtladung
Typen
Einfang, Spaltung und Fusion
Energie
Q-Wert aus der Massendifferenz
Grenze
Der Q-Wert zeigt die Energierichtung, nicht die Reaktionswahrscheinlichkeit
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Fehlendes Teilchen in einer Reaktion
- 1Gegeben ist ^{14}_{7}\mathrm{N}+{}^{1}_{0}n\rightarrow{}^{14}_{6}\mathrm{C}+X.
- 2Für die Nukleonenzahl gilt 14+1=14+A_X; daraus folgt A_X=1.
- 3Für die elektrische Ladung gilt 7+0=6+Z_X; daraus folgt Z_X=1.
- 4Damit ist X={}^{1}_{1}\mathrm{H}, also ein Proton. Die Bilanzen allein beweisen keinen tatsächlichen Ablauf.
Fehler finden
Ladung mitprüfen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Die Gleichung ist nicht vollständig bilanziert: Links beträgt die elektrische Ladung 1+0=1, rechts 2. Die richtige Schlussfolgerung lautet: Ohne ein zusätzliches geladenes Teilchen kann diese Reaktion so nicht stattfinden.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Bei einer Kernreaktion prüfst du die Summe von und die elektrische . Ein positiver Q-Wert beschreibt eine Energiebilanz.
Karteikasten
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