Deutsch · Klasse 9–10 · aktualisiert
Sprachwandel im Deutschen: Arten erkennen
Smartphone, buk oder backte, geil: Du lernst, welche Arten von Sprachwandel es gibt, was ihn antreibt und wie du ihn belegst und sachlich bewertest.
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Kurz gesagt
Sprachwandel ist die Veränderung einer Sprache im Verlauf der Zeit – bei Wortschatz („Smartphone“), Bedeutungen („geil“), Wortformen („buk“/„backte“), Satzbau und Lauten. Er ist bei lebenden Sprachen normal. Belegt ist er erst durch den Vergleich vieler Beispiele aus verschiedenen Zeiten.
Sprachwandel bedeutet: Eine Sprache verändert sich mit der Zeit – bei Lauten, Wörtern, Bedeutungen und Grammatik. Das ist bei lebenden Sprachen normal. Entscheidend ist, eine neue Form zuerst genau zu beschreiben und erst danach passend zum Kontext zu bewerten.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
3 Abschnitte
Menschen brauchen Sprache für neue Gegenstände, neue Situationen und neue Formen der Kommunikation. Deshalb entstehen Bezeichnungen wie Smartphone. Wenn ein Gegenstand aus dem Alltag verschwindet, kann auch sein Name seltener werden, etwa Walkman oder Bandsalat. Außerdem treffen Sprachen, Gruppen und Medien aufeinander. Wörter werden übernommen, Formen verkürzt oder vorhandene Muster auf neue Fälle übertragen. Solche Veränderungen verlaufen häufig unbewusst. Sie können gleichzeitig neben älteren Formen bestehen und sich regional, sozial oder situationsabhängig unterschiedlich ausbreiten. Du kannst Wandel danach ordnen, welcher Bereich der Sprache betroffen ist (Tabelle). Beim semantischen Wandel können alte und neue Lesarten nebeneinander bestehen: Geil konnte früher „fruchtbar“ oder „üppig“ bedeuten, heute kann es umgangssprachlich „toll“ heißen, aber auch eine sexuelle Bedeutung haben. Der Kontext entscheidet, welche Lesart passt. Bei Verben können starke und schwache Formen konkurrieren. Ob eine verkürzte Form wie „Ich geh’ Schulhof“ eine einzelne Abweichung, eine gruppentypische Variante oder Teil eines Wandels ist, muss untersucht werden. Und die regionalen Unterschiede bei Apfel und Appel zeigen, dass sich ein Lautwandel nicht überall gleich durchsetzen muss.
Definition
Sprachwandel
Sprachwandel ist die Veränderung einer Sprache im Verlauf der Zeit. Betroffen sein können Aussprache, Wortschatz, Wortformen, Satzbau und Bedeutungen.
| Wandeltyp | Was ändert sich? | Beispiel |
|---|---|---|
| lexikalischer Wandel | Wortschatz: neue, übernommene oder seltener werdende Wörter | Smartwatch, skypen; „Bandsalat“ wird seltener |
| semantischer Wandel | Bedeutung oder Wertung eines Wortes | „geil“: früher „fruchtbar“, heute auch „toll“ |
| morphologischer Wandel | Wortformen | buk – backte |
| syntaktischer Wandel | Satzbau | „Ich geh’ Schulhof“ – ob hier Wandel vorliegt, muss geprüft werden |
| Lautwandel | Aussprache über längere Zeit | Apfel – Appel (regional) |
Merke: Eine auffällige Form ist noch kein Beweis für Sprachwandel. Wandel erkennst du erst durch den Vergleich von Sprachgebrauch zu verschiedenen Zeiten und in passenden Gruppen oder Situationen.
Teste dich
Mehrere Mechanismen können zusammenwirken. Eine Ursache darfst du nicht allein aus der Form erraten. Benennungsbedarf: Neue Technik oder neue Lebensbereiche benötigen Namen. Sprachkontakt: Eine Sprache übernimmt Wörter oder andere Einflüsse aus einer Kontaktsprache. Viele Anglizismen gelangen so aus dem Englischen ins Deutsche. Analogie: Eine Form nähert sich einem bekannten Muster an. Als mögliche Erklärung wird etwa genannt, dass sich backen an das ähnlich klingende packen anlehnt. Regularisierung: Seltene unregelmäßige Formen können nach einem häufigen regelmäßigen Muster gebildet werden. gesellschaftliche Neubewertung: Gruppen können die Wertung und Verwendung eines Wortes verändern. mediale Bedingungen: Zeitnahe schriftliche Gespräche in Chats begünstigen kurze, kontextabhängige Formulierungen. Mögliche Erklärungen sind Hypothesen, solange passende Belege fehlen. Ähnlicher Klang kann zum Beispiel eine Analogie vermuten lassen; beweisen kann er sie allein nicht. Eine einzelne neue Form kann ein Versprecher, Tippfehler, persönlicher Stil oder eine situationsbedingte Variante sein. Um Sprachwandel zu belegen, brauchst du einen diachronen Vergleich: Du vergleichst Sprachmaterial aus verschiedenen Zeiten. Gehe in vier Schritten vor: (1) Beobachten: Was ist tatsächlich anders – Laut, Wort, Bedeutung, Wortform oder Satzbau? (2) Vergleichen: Wie wurde dieselbe Funktion früher oder in anderem Material ausgedrückt? (3) Verbreitung prüfen: Kommt die Form wiederholt vor? In welchen Gruppen, Regionen, Medien und Situationen? (4) Deuten: Welche Erklärung passt zu den Belegen, und welche bleibt nur eine Vermutung?
Beispiel: Eine Person schreibt im Chat: „Nein, erst Mensa.“
- 1Die Äußerung ist verkürzt, bleibt aber im passenden Gespräch verständlich: Der gemeinsame Kontext ergänzt sinngemäß die fehlenden Informationen.
- 2Daraus folgt noch nicht, dass diese Form in jedem Medium üblich oder in einem formellen Text passend ist.
- 3Für einen Wandelbefund müsste man viele vergleichbare Belege aus unterschiedlichen Zeiten untersuchen.
Definition
Variante
Eine Variante ist eine von mehreren Formen, die dieselbe oder eine ähnliche sprachliche Funktion erfüllen. Varianten können an Region, Gruppe, Medium oder Situation gebunden sein. Nicht jede Variante verdrängt eine andere Form.
Beispiel: Du findest einmal „Ich geh’ Schulhof“.
- 1Sicher beobachten kannst du die ausgelassene Präposition und den ausgelassenen Artikel gegenüber „Ich gehe auf den Schulhof“.
- 2Noch nicht sicher ist, wie verbreitet die Kurzform ist oder ob ihre Häufigkeit zunimmt.
- 3Dafür brauchst du weitere, zeitlich zuordenbare Belege.
Teste dich
Ein deskriptiver Befund beschreibt, welche Form wo, wann und von wem verwendet wird. Ein normatives Urteil bewertet eine Form als passend, unpassend, richtig oder falsch. Beides darf nicht unbemerkt vermischt werden. Ein tragfähiges Urteil berücksichtigt den Kontext. Eine knappe Form kann in einem schnellen Chat verständlich und funktional sein, während in einer Bewerbung andere Erwartungen an Vollständigkeit, Höflichkeit und Standardsprache gelten. Das ist eine Beurteilung der Verwendungssituation, keine Abwertung der sprechenden Person. Nutze diese Prüffragen: Was ist der überprüfbare Sprachbefund? Welcher Wandeltyp oder welche Variante liegt vor? Welche Belege stützen die behauptete Entwicklung? Welcher Wertmaßstab steckt im Urteil? Passt die Form zur Situation und zum Zweck?
Beispiel: Befund oder Wertung?
- 1Befund: „Smartphone“ ist eine aus dem Englischen übernommene Bezeichnung für ein technisches Gerät.
- 2Wertung: „Das Wort schadet dem Deutschen.“
- 3Der Befund ordnet das Wort als Anglizismus und damit als Sprachkontakt ein. Die Wertung geht weiter: Wer sie begründen will, muss einen Maßstab nennen und Belege liefern.
- 4Allein die englische Herkunft beweist weder einen Schaden noch einen Nutzen.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Sprachwandel
Begriff
Veränderung einer Sprache im Verlauf der Zeit
Bereiche
Wortschatz, Bedeutung, Wortform, Satzbau, Laut
Mögliche Kräfte
Benennungsbedarf, Sprachkontakt, Analogie, Neubewertung, Medien
Nachweis
Zeitvergleich, Wiederholung, Kontext, Verbreitung
Beurteilung
Befund beschreiben, Maßstab nennen, Kontext prüfen
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Untersuche: In einem alten Kochbuch steht „Sie buk einen Kuchen“, in einer heutigen Nachricht „Oma backte einen Kuchen“.
- 1Beobachten: Die Vergangenheitsform von „backen“ unterscheidet sich – eine Wortform, also ein Fall für den morphologischen Bereich.
- 2Vergleichen: Das ältere Material zeigt die starke Form „buk“, das neuere die schwache Form „backte“.
- 3Verbreitung prüfen: Zwei Belege reichen nicht. Du brauchst viele vergleichbare Texte aus verschiedenen Zeiten.
- 4Deuten: Mögliche Erklärungen sind Regularisierung oder eine Analogie zu „packen“. Ohne weitere Belege bleibt das eine Hypothese.
Fehler finden
Ben untersucht, warum das Wort „Walkman“ heute kaum noch vorkommt. In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 4Eine einzelne Person ist kein Wandelbeleg. Richtig: 4. Beleg: Viele vergleichbare Texte aus verschiedenen Zeiten müssen zeigen, dass „Walkman“ seltener verwendet wird.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Neue Geräte erzeugen oft . Die Übernahme aus dem Englischen ist ein Fall von . Die Angleichung an ein bekanntes Muster heißt . Kurze Chatäußerungen können durch den gemeinsamen Kontext verständlich bleiben.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback