Chemie · Klasse 11–13 · aktualisiert
Messunsicherheit in der Chemie berechnen
Du unterscheidest Messfehler und Unsicherheit und berechnest, rundest und beurteilst chemische Messergebnisse.
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Kurz gesagt
Messunsicherheit beschreibt, wie weit Werte einer festgelegten Messgröße nach den verfügbaren Daten streuen können. Du erfasst Beiträge aus dem gesamten Messverfahren, kombinierst sie passend und berichtest Messwert, Einheit, Unsicherheit und bei erweiterter Unsicherheit den Faktor.
Ein chemischer Messwert ist erst mit Einheit und Messunsicherheit vollständig. Die Unsicherheit beschreibt anhand der verfügbaren Informationen, welche Werte der Messgröße vernünftigerweise infrage kommen. Sie ist weder ein Rechenfehler noch die Garantie, dass ein „wahrer Wert“ in einem bestimmten Intervall liegt.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Stell dir vor, zwei Labore bestimmen dieselbe Stoffkonzentration. Beide nennen denselben Messwert, aber nur eines gibt an, wie stark das Ergebnis aufgrund von Probenvorbereitung, Kalibrierung und Messstreuung unsicher ist. Erst diese Zusatzangabe macht die Aussagekraft der Ergebnisse vergleichbar.
Die Messgröße muss eindeutig festlegen, was bestimmt wird. Das kann beispielsweise die Stoffmengenkonzentration eines Analyten (des gesuchten Stoffs), der pH-Wert oder der nach einem vorgeschriebenen Verfahren extrahierbare Stoffanteil sein.
Ein Ergebnis kann zum Beispiel so berichtet werden:
(0{,}1021 \pm 0{,}0002)\,\mathrm{mol/L},\quad k=2
Dabei ist 0{,}1021\,\mathrm{mol/L} der Messwert und 0{,}0002\,\mathrm{mol/L} die erweiterte Unsicherheit. Der Erweiterungsfaktor k=2 muss mitgenannt werden.
Nicht jede Abweichung ist eine Messunsicherheit. Für die Bewertung eines Experiments brauchst du klare Begriffe.
Zufällige Einflüsse verändern Ergebnisse unvorhersagbar. Wiederholungsmessungen machen ihre Streuung sichtbar. Bei einem Mittelwert aus n unabhängigen Wiederholungen gilt für dessen Standardabweichung s_{\bar x}=s/\sqrt n. Dabei ist s die Standardabweichung der Einzelwerte.
Systematische Einflüsse wirken konstant oder vorhersagbar, etwa eine bekannte Kalibrierabweichung. Mehr Wiederholungen unter denselben Bedingungen beseitigen sie nicht.
Grobe Fehler sind beispielsweise Ziffernstürze, Luftblasen, Kontaminationen oder Gerätestörungen. Sie können eine Messung ungültig machen und werden nicht als normale Unsicherheitsbeiträge verrechnet.
Ein Ausreißer ist zunächst nur ein auffälliger Messwert. Er darf nicht allein deshalb verworfen werden, weil er statistisch ungewöhnlich aussieht.
Ein Rechenfehler muss berichtigt werden. Er ist keine Eigenschaft des Messverfahrens.
Eine Modellabweichung entsteht, wenn das verwendete Messmodell den tatsächlichen Ablauf unvollständig beschreibt. Ihre Bedeutung muss fachlich geprüft werden.
Präzision und Richtigkeit: Präzision beschreibt, wie eng unabhängige Ergebnisse unter festgelegten Bedingungen zusammenliegen. Richtigkeit betrifft die Nähe zu einem richtigen Referenzwert. Eine Messreihe kann sehr präzise sein und trotzdem durch einen systematischen Einfluss verschoben werden.
Definition
Messunsicherheit
Die Messunsicherheit ist ein nichtnegativer Parameter, der die Streuung der Werte beschreibt, die einer festgelegten Messgröße vernünftigerweise zugeschrieben werden können. Sie gehört zu einem konkret dokumentierten Messverfahren.
Definition
Standardunsicherheit, Varianz und Unsicherheitsbudget
Eine Standardunsicherheit u ist eine Unsicherheit, die wie eine Standardabweichung angegeben wird. Ihr Quadrat u^2 heißt Varianz. s ist die Standardabweichung der Einzelwerte. Ein Unsicherheitsbudget listet alle Beiträge mit ihrer Größe auf.
Definition
Messabweichung
Eine Messabweichung ist die Differenz zwischen einem einzelnen Ergebnis und einem wahren oder konventionell richtigen Referenzwert. Eine bekannte systematische Abweichung kann grundsätzlich korrigiert werden. Die Unsicherheit dieser Korrektur bleibt jedoch im Unsicherheitsbudget.
Teste dich
Bei einer chemischen Analyse entsteht Unsicherheit selten nur am Messgerät. Du musst den Weg von der Probe bis zum berichteten Ergebnis betrachten. Die typischen Unsicherheitsquellen lassen sich in sechs Gruppen ordnen.
Bei einer Titration genügt es nicht, nur die Anzeige der Bürette zu betrachten. Auch die Konzentration der Maßlösung, das pipettierte Probenvolumen, die Endpunktbestimmung, die Temperatur und die Wiederholbarkeit können zum Ergebnis beitragen. Eine Luftblase ist dagegen ein grober Fehler: Die betroffene Messung darf nicht einfach als gewöhnlicher Unsicherheitsbeitrag weiterverarbeitet werden.
Beispiel: Sechs Gruppen von Unsicherheitsquellen
- 1Probe: Probennahme, Homogenität und Lagerung.
- 2Grundgrößen: Masse, Volumen und Temperatur.
- 3Probenmatrix: Matrixeffekte (Einfluss der übrigen Probenbestandteile), Interferenzen (Störsignale anderer Stoffe) und Wiederfindung (der Anteil des gesuchten Stoffs, den das Verfahren tatsächlich erfasst).
- 4Kalibrierung: Kalibrierung, Drift (langsames Wandern der Anzeige) und Referenzwerte.
- 5Reagenzien: Reagenzienreinheit und angenommene Stöchiometrie.
- 6Auswertung: Bedienereinfluss, Rundung und Datenverarbeitung.
Definition
Typ A und Typ B
Eine Typ-A-Bewertung beruht auf der statistischen Auswertung von Beobachtungsreihen. Eine Typ-B-Bewertung nutzt andere Informationen, etwa Kalibrierzertifikate oder Gerätespezifikationen. Die Einordnung hängt von der Auswertungsmethode ab, nicht vom Alter der Daten.
Beispiel: So gehst du vor
- 1Messgröße spezifizieren: Lege Analyt, Probe, Einheit, Messbereich, Verfahren und gegebenenfalls die Messgleichung fest.
- 2Quellen identifizieren: Prüfe Probennahme, Homogenität, Lagerung, Probenvorbereitung, Standards, Kalibrierung, Analyse und Datenverarbeitung.
- 3Beiträge quantifizieren: Nutze repräsentative Wiederholmessungen, Validierungs- und Qualitätskontrolldaten, Zertifikate oder gezielte Robustheitsversuche. Vermeide Doppelzählungen zusammengefasster Effekte.
- 4Standardisieren und kombinieren: Drücke alle Beiträge als Standardunsicherheiten aus, berücksichtige Einheiten und Empfindlichkeitskoeffizienten und bilde anschließend die kombinierte Unsicherheit.
- 5Erweitern, prüfen und dokumentieren: Wähle einen begründeten Erweiterungsfaktor, untersuche dominante Beiträge und berichte Messwert, Unsicherheit, Einheit und Faktor.
Teste dich
Die absolute Unsicherheit hat dieselbe Einheit wie der Messwert. Für einen Messwert x\neq0 ist die relative Unsicherheit das Verhältnis der absoluten Unsicherheit zum Betrag des Messwerts:
u_\mathrm{rel}=\frac{u_\mathrm{abs}}{|x|}
Als Prozentwert gilt:
u_\mathrm{rel,\%}=\frac{u_\mathrm{abs}}{|x|}\cdot100\,\%
Bei einem Messwert von null ist ein relativer Prozentwert nicht definiert.
Liegt nur ein symmetrischer Bereich \pm a vor, brauchst du eine begründete Verteilungsannahme. Bei einer Rechteckverteilung, in der jeder Wert im Bereich gleich wahrscheinlich ist, gilt:
u=\frac{a}{\sqrt3}
Für einen 10\,\mathrm{mL}-Messkolben mit \pm0{,}2\,\mathrm{mL} ergibt sich:
u=\frac{0{,}2\,\mathrm{mL}}{\sqrt3}\approx0{,}12\,\mathrm{mL}
Sind Eingangsgrößen unabhängig, werden ihre Standardunsicherheiten mit Empfindlichkeitskoeffizienten in die Einheit des Ergebnisses umgerechnet. Dann kombinierst du ihre Varianzen:
u_c=\sqrt{\sum_i(c_i u_i)^2}
c_i ist der Empfindlichkeitskoeffizient. Er beschreibt den Einfluss einer Eingangsgröße auf das Ergebnis. Gehen alle Beiträge direkt, also mit c_i=1, in das Ergebnis ein, gilt u_c=\sqrt{u_1^2+u_2^2+\dots}. Bei Produkten oder Quotienten werden für unabhängige Größen entsprechend relative Varianzen kombiniert. Bei korrelierten Größen, die sich gemeinsam ändern, sind zusätzlich Kovarianzen nötig; sie beschreiben diese gemeinsame Änderung.
Beispiel
- 1Eine Konzentration beträgt 0{,}10\,\mathrm{mol/L} bei einer absoluten Unsicherheit von 0{,}01\,\mathrm{mol/L}.
- 2u_\mathrm{rel,\%}=\frac{0{,}01}{0{,}10}\cdot100\,\%=10\,\%
- 3Die absolute Unsicherheit erscheint klein. Bezogen auf den Messwert beträgt sie jedoch 10 %. Gerade bei kleinen Messwerten kann die relative Unsicherheit deshalb groß sein.
Beispiel: Für y=p-q+r seien
- 1p=5{,}02 mit u(p)=0{,}13,
- 2q=6{,}45 mit u(q)=0{,}05,
- 3r=9{,}04 mit u(r)=0{,}22.
- 4Zuerst wird der Ergebniswert berechnet:
- 5y=5{,}02-6{,}45+9{,}04=7{,}61
- 6Bei einer Summe oder Differenz unabhängiger Größen werden die absoluten Varianzen addiert. Das Minuszeichen vor q macht seinen Unsicherheitsbeitrag nicht negativ, weil der Empfindlichkeitskoeffizient quadriert wird:
- 7u_c(y)=\sqrt{0{,}13^2+0{,}05^2+0{,}22^2}\approx0{,}26
- 8Mit k=2 folgt die erweiterte Unsicherheit:
- 9U=2\cdot0{,}26\approx0{,}52
- 10Ein passend gerundeter Bericht lautet daher y=(7{,}61\pm0{,}52) mit k=2, sofern die Annahmen für diesen Faktor erfüllt sind.
Teste dich
Die erweiterte Unsicherheit folgt aus der kombinierten Standardunsicherheit:
U=k\,u_c
Für ungefähr 95 % Überdeckung wird häufig k=2 verwendet. Überdeckung heißt: der Anteil der vernünftigen Werte, den das Intervall einschließen soll. Mit k=2 sind das nicht automatisch genau 95 %; bei wenigen Messwerten kann ein größerer Faktor als 2 nötig sein, der sogenannte Student-t-Faktor. Berichte die Unsicherheit gewöhnlich mit höchstens zwei signifikanten Stellen, runde den Messwert auf dieselbe Dezimalstelle und nenne bei U den Faktor k und die beabsichtigte Überdeckung.
Bei einem oberen Grenzwert gilt: Liegen Messwert und ganzes Intervall darunter, ist das Ergebnis nach einer entsprechenden Entscheidungsregel gewöhnlich konform. Liegen sie vollständig darüber, ist es nicht konform. Überlappt das Intervall den Grenzwert, brauchst du die festgelegte Entscheidungsregel.
Untersuche zur Verbesserung die größten Unsicherheitsbeiträge. Mehr Wiederholungen verringern vor allem zufällige Streuung des Mittelwerts; Kalibrierung, Korrektur oder eine bessere Methode helfen gegen systematische Abweichung. In der klinischen Chemie können Probennahme, Lagerung, Hämolyse (zerstörte rote Blutkörperchen in der Probe), Körperlage und biologische Schwankungen stärker wirken als das Messsystem. Ein Befund braucht daher auch den medizinischen Zusammenhang und die Schritte vor der Messung, den präanalytischen Kontext.
Merke: Ein Messwert allein entscheidet nicht sicher über einen Grenzwert, wenn sein Unsicherheitsintervall die Grenze überlappt.
Beispiel: Beim Berichten gelten drei Regeln
- 1Gib die Unsicherheit gewöhnlich mit höchstens zwei signifikanten Stellen an.
- 2Runde den Messwert auf dieselbe Dezimalstelle wie die Unsicherheit.
- 3Nenne bei einer erweiterten Unsicherheit den Faktor k und die beabsichtigte Überdeckung.
Merke: Viele Dezimalstellen machen eine Messung nicht automatisch zuverlässig. Entscheidend sind eine passende Methode, Kalibrierung, repräsentative Daten und eine begründete Unsicherheitsabschätzung.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Messunsicherheit in der Chemie
Messgröße
Stoff, Probe und Verfahren festlegen
Quellen
gesamten Messablauf prüfen
Bewertung
Typ A und Typ B unterscheiden
Kombination
unabhängige Varianzen addieren
Bericht
Wert, Einheit, Unsicherheit und Faktor nennen
Grenzwert
Entscheidungsregel bei Überlappung anwenden
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Unabhängige Beiträge einer Konzentration kombinieren
- 1Ein Ergebnis ist c=1{,}80\,\mathrm{mol/L}. Die unabhängigen Standardunsicherheiten in Ergebniseinheiten gehen direkt (c_i=1) ein: u_1=0{,}03\,\mathrm{mol/L} und u_2=0{,}04\,\mathrm{mol/L}.
- 2u_c=\sqrt{u_1^2+u_2^2}
- 3Damit ist u_c=0{,}05\,\mathrm{mol/L}.
- 4Für k=2 gilt U=0{,}10\,\mathrm{mol/L}.
- 5Der Bericht lautet c=(1{,}80\pm0{,}10)\,\mathrm{mol/L} mit k=2, wenn die Voraussetzungen für den Faktor erfüllt sind.
Fehler finden
Unsicherheit einer Konzentrationsmessung In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Die dritte Zeile addiert Standardunsicherheiten direkt. Richtig ist u_c=\sqrt{u_1^2+u_2^2}. Mit u_1=0{,}06\,\mathrm{mol/L} und u_2=0{,}08\,\mathrm{mol/L} folgt u_c=0{,}10\,\mathrm{mol/L}. Bei k=2 gilt U=0{,}20\,\mathrm{mol/L}.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Eine Typ-A-Bewertung nutzt . Bei einem Messwert ungleich null ist die relative Unsicherheit ein aus Unsicherheit und Betrag des Messwerts. Bei einer erweiterten Unsicherheit nennst du den k.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback