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Volker Demuth
Volker Demuth (* 21. Juli 1961) ist ein deutscher Schriftsteller. Sein Werk umfasst Lyrik, Prosa und Essay. Demuth entwickelte innerhalb der Literatur mit …
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Person und literarisches Profil
Volker Demuth (*21. Juli 1961) ist ein deutscher Schriftsteller. Sein Werk umfasst Lyrik, Prosa und Essays. Er entwickelte mit dem „RaumPoem“ eine multimediale Form lyrischer Sprachinstallation und führte in seinen kulturtheoretischen Essays die Begriffe „Topische Ästhetik“, „Zyklomoderne“ und „Carneologie“ ein.
Demuth stammt aus einer Arbeiterfamilie. Er besuchte das Gymnasium und studierte an den Universitäten Tübingen und Oxford Philosophie, Literaturwissenschaft und Geschichte. 1993 wurde er in Tübingen mit der Dissertation „Realität als Geschichte. Biographie, Historie und Dichtung bei J. M. R. Lenz“ promoviert. Anschließend arbeitete er als freier Autor und Dozent für Medientheorie. Ab 2000 war er Professor für Mediengeschichte und Medientheorie an der Fachhochschule Schwäbisch Hall. 2004 gab er die Professur auf und kehrte zur Arbeit als freier Schriftsteller zurück. Demuth lebt in Berlin und ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.
Lyrik, RaumPoem und Prosa
Früh entwickelte Demuth in „Realität als Geschichte“ (1994) eine „Theorie der Narrativität“. Diese verknüpft Lebensgeschichte, Historie und Dichtung methodisch miteinander. Der Schwerpunkt seines literarischen Schreibens lag zunächst bei der Lyrik. Seine frühen Gedichtbände wurden mit einer „zarten und genauen Skepsis“ sowie mit Erinnerungs- und Bewusstseinsschichten verbunden, die sich zu „palimpsestartigen“ Bildern formen. Beim Gedichtband „Lapidarium“ (2010) betonte die Literaturwissenschaft dagegen das schrittweise Überschreiten gegenständlich vorstellbarer Bilder und die Weiterentwicklung einer zeitgenössischen experimentellen Poesie. Demuths Lyrik wurde ins Englische, Französische und Russische übersetzt.
Seit 1993 verfasste Demuth Hörspiele, Essays, O-Ton-Collagen und Features für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ende der 1990er Jahre entwickelte er das „RaumPoem“. Dabei wird ausgehend von Gedichten eine installative Sprachform geschaffen, die Video, Sound, Fotografie, Text, Licht und Architektur verbindet. Die räumliche, auch „spatiale“ Form der Lyrik erweitert das Verhältnis von Text, Technologie, Medien, Körper und Raum.
Mit „Das angekreidete Jahr“ erschien 2007 Demuths erstes Prosabuch. Die Erzählung setzt sich mit der Kindheit seiner Generation auseinander. Hervorgehoben werden der „große Erzählton“ und eine Sprachkomposition, die von genauer Beobachtung lebt. Das autofiktionale Buch „Niederungen und Erhebungen“ (2019) knüpft daran an. Es macht eine beispielhafte deutsche Geschichtserfahrung sichtbar und verfolgt in einer biografischen Spurensuche politische und seelische Prägungen in einer spannungsreichen Landschaft.
Im Roman „Stille Leben“ (2013) steht laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Fleisch als zentraler Bedeutungsträger im Mittelpunkt. Das Buch wurde als intellektuell und menschlich herausforderndes Sittengemälde der Gegenwart beschrieben.
Kulturtheoretische Konzepte
Der Essay „Zyklomoderne“ (2010) stellt die kulturelle Rolle des Kreisens der modernen Linearität gegenüber. Demuth beschreibt Körper-, Technik- und Mediengeschichte der Neuzeit sowie die heutige ökonomische Dynamik zunehmend durch die Figuren der Drehung, der Schleifen, Rekursionen, Loops und Kreisläufe. In der globalen Computer- und Medienrealität, die durch nichtlineare Zirkulation von Informationen und Kapitalströmen geprägt ist, wird das Kreisen zur bestimmenden Semantik der Weltkultur. Ein dialektisches und fortschrittsgeprägtes Geschichtsverständnis tritt dadurch in den Hintergrund. Das Konzept fand in der Kunst bei Wolfgang Petrick und in der Kulturtheorie bei Tilman Baumgärtel in dessen Werk „Schleifen“ Widerhall.
Der Essayband „Zur Sprache kommen oder Schreiben.doc“ (2012) untersucht vor dem Hintergrund generationstypischer Erfahrungen unter anderem die medialen Prägungen der „Fernsehgeneration“, die als „erste wirkliche Bildergeneration in der Geschichte“ bezeichnet wird. In „Mäander“ (2023) entwickelt Demuth die Theorie einer „dialogischen Plastik“. An die Stelle linearer Logik treten darin offene, geschwungene Austauschprozesse in natürlichen und sozialen Beziehungen.
In dem Essay „Fleisch“, der 2013 in „Lettre International“ (Nr. 101) erschien, schlägt Demuth den Forschungsbereich „Carneologie“ vor. Gemeint ist die Untersuchung kultureller Codierungen und wissenschaftlicher Techniken des Fleisches. Die erste wissenschaftliche Tagung zur Carneologie, „We are meat“, fand im Januar 2015 in Berlin statt und wurde von der Guardini Stiftung veranstaltet. Von Oktober 2015 bis Februar 2016 zeigte das Museum Villa Rot die erste monothematische Ausstellung zu Fleisch in Deutschland; beteiligt waren unter anderem Jana Sterbak, ORLAN und Hermann Nitsch.
Mit „Fleisch. Versuch einer Carneologie“ (2016) legte Demuth eine umfangreiche kulturgeschichtliche Untersuchung vor, die Grundüberlegungen zu einer Theorie des Fleisches entwickelt. Im Mittelpunkt steht die meist selbstverständliche und kaum bewusst gemachte materielle Grundlage menschlicher Existenz und der Umgang des Menschen mit sich selbst. Behandelt werden unter anderem die Fleischwerdung Gottes, die Vermessung des Menschen in der Renaissance und die Pornografie der Gegenwart.
„Der nächste Mensch“ untersucht die Frage, zu was der Mensch in einem humantechnologischen Zeitalter umgeformt werden kann. Demuth beschreibt das globale Fortschrittsbild des 21. Jahrhunderts als Bioutopie: Der Mensch verhält sich zu sich selbst wie zu einem bioorganischen Designobjekt. Lebenswissenschaftliche und biotechnologische Forschung ermöglichen zunehmend stärkere Eingriffe in die fleischliche Substanz. Dadurch könnte sich der Mensch schrittweise von den Bedingungen der biologischen Evolution lösen. Demuth entwirft dieses Szenario kritisch im Zusammenhang mit Körper-, Technik- und Mediengeschichte, globalen Umweltveränderungen und einer möglichen postökologischen Bioperfektion.
Landschaft, Veröffentlichungen und Auszeichnungen
Zuletzt konzentrierte sich Demuths literarische Arbeit auf Landschaft als „natural-soziales Beziehungsgefüge“. Im Roman „Niederungen und Erhebungen. Besichtigung einer Lebenslandschaft“ (2019), im Essay „Unruhige Landschaften. Ästhetik und Ökologie“ (2022) und im Gedichtband „Der hysterische Bogen des Sommers über Jakobshagen und Metzelthin“ (2024) untersucht er kulturelle und biografische Formen sowie sprachliche Räume menschlicher Landschaftswahrnehmung. Auch der Film-Essay „Wo wir leben“ (2023) behandelt eine ost- und eine westdeutsche Landschaft und richtet den Blick auf unterschiedliche deutsche Geschichtserfahrungen.
Zu Demuths Büchern gehören außerdem die Gedichtbände „Bewirtschaftung der Kälte“ (1990), „Kettenacker Elegien“ (1995), „Durch Halden“ (1996), „Bits and Bones“ (2001), „Flughaut Hirnfries“ (2006) und „Fossiles Futur“ (2021) sowie das Schauspiel „Das Opfer“ (1990), „Topische Ästhetik. Körperwelten Kunsträume Cyberspace“ (2002), „Das Material des Sanddornschattens. Ein RaumPoem“ (2003) und „Textwelten und Bildräume“ (2007). Die weiteren zentralen Veröffentlichungen sind „Realität als Geschichte“ (1994), „Das angekreidete Jahr“ (2007), „Lapidarium“ (2010), „Zyklomoderne“ (2010), „Zur Sprache kommen oder Schreiben.doc“ (2012), „Stille Leben“ (2013), „Fleisch. Versuch einer Carneologie“ (2016), „Der nächste Mensch“ (2018), „Niederungen und Erhebungen“ (2019), „Unruhige Landschaften“ (2022) und „Mäander“ (2023).
Beiträge von Demuth erschienen unter anderem in den Literaturzeitschriften „die horen“, „Das Gedicht“, „Konzepte“, „neue deutsche literatur“, „Literaturmagazin“, „Jahrbuch der Lyrik“, „Allmende“, „Sinn und Form“, „Sprache im technischen Zeitalter“ und „PARK“. Zu den Kulturzeitschriften zählen „Lettre International“, „Neue Rundschau“, „Kunst und Kultur“, „Ethik und Unterricht“, „Weimarer Beiträge“, „Das Wort“, „Scheidewege“ und „Arsprototo“. Als Hörmedium erschien 2005 die CD „Sektor A/B“ mit elektronischen Kompositionen von Fried Dähn.
Demuth erhielt 2001 ein Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg, 2003 ein Stipendium des Künstlerhauses Edenkoben und 2007 ein Gaststipendium des Writers and Translators Center of Rhodes. 2012 verlieh ihm die Deutsche Schillerstiftung die Eugen-Viehof-Ehrengabe für sein Gesamtwerk. 2018 erhielt er ein Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds.