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Tscharner (Patrizierfamilie)

Die Familie von Tscharner ist eine ursprünglich aus Graubünden stammende Patrizierfamilie. Die 1558 geadelte Familie teilte sich im 16.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Herkunft und Bedeutung
  2. 2. Churer Linie
  3. 3. Berner Linie
  4. 4. Bekannte Angehörige
  5. 5. Besitzungen und Wappen
  6. 6. Familienarchive

Herkunft und Bedeutung

Die Familie von Tscharner ist eine ursprünglich aus Graubünden stammende Patrizierfamilie. Als Patriziat bezeichnet man die politisch und gesellschaftlich führenden Familien einer Stadt. Die 1558 geadelte Familie teilte sich im 16. Jahrhundert in eine Churer und eine Berner Linie. Die Berner Linie besitzt seit dem 16. Jahrhundert das Burgerrecht der Stadt Bern, gehörte zum Berner Patriziat und ist mit der Gesellschaft zu Pfistern verbunden.

Die Familie stammte aus dem Domleschg im damaligen Hochstift Chur. 1471 werden Matthäus und Wilhelm Tscharner als Besitzer von Mühlen genannt; 1472 erscheinen Martin, Diebold und Jakob Wilhelm als freie Bauern in Feldis. Ein weiterer Wilhelm Tscharner war als Bauer vom Grafen Jörg von Werdenberg-Sargans abhängig. Im 16. Jahrhundert stiegen die Tscharner zu einem der führenden Ratsherrengeschlechter Churs auf. Kaiser Ferdinand I. erhob sie 1558 in den Adelsstand. Das Adelsprädikat „von“ führte die Churer Linie allerdings erst seit dem 18. Jahrhundert und die Berner Linie seit dem 19. Jahrhundert durchgängig.

Churer Linie

Die Churer Linie gewann durch politische Ämter, Heiraten, persönliche Abhängigkeitsnetze, Fernhandel und Söldnerdienste erheblichen Einfluss und Grundbesitz. Johann, auch Jann oder Hans Tscharner genannt (1593–1659), war ein entschiedener Förderer der Reformation in der Schweiz. Er betrieb Speditionshandel auf der Nord-Süd-Route über Alpenrhein, Chur, Albula-, Julier- und Malojapass bis nach Chiavenna und erlangte im Dreibündenstaat grosses Ansehen. Zwischen 1643 und 1652 war er fünfmal Bürgermeister von Chur und damit zugleich Präsident des Gotteshausbunds.

Mehrere Angehörige übernahmen hohe militärische, städtische und diplomatische Aufgaben. Simeon war 1575 Hauptmann auf der Fürstenburg und 1576 bischöflich-churischer Hofmeister. Hans wurde Oberst und Churer Seckelmeister; ein Seckelmeister verwaltete die öffentlichen Finanzen. Johann Baptista war Stadtschreiber und Gesandter der Drei Bünde, unter anderem in Venedig, Mailand und Paris. Dessen Sohn Johann Baptista Tscharner (1670–1734) regierte Chur nach den Bündner Wirren als Bürgermeister. Seit dem 18. Jahrhundert stellte die Familie zahlreiche Säckelmeister und vier Bürgermeister in Chur. Schloss Reichenau GR und das zugehörige Weingut in Jenins befinden sich bis heute im Besitz eines Zweiges der Churer Linie.

Berner Linie

Die Berner Linie geht auf den Churer Seckelmeister Luzius Tscharner (ca. 1481–1562) zurück. Er heiratete in zweiter Ehe Margaretha von Wattenwyl und wurde 1530 in das Berner Bürgerrecht sowie in die Gesellschaft zu Pfistern aufgenommen. Im selben Jahr erwarb er die Herrschaft Reichenbach. Sein Sohn David (1536–1611) wurde 1564 Mitglied des Grossen Rates und 1583 Mitglied des Kleinen Rates.

Innerhalb des Berner Patriziats gehörten die Tscharner zur zweiten Klasse der „edelvesten“ Geschlechter. Im 18. Jahrhundert waren sie eine der fünf Familien mit den meisten Mitgliedern im Grossen Rat. Bis zum Ende des Ancien Régime der Stadt und Republik Bern stellte die Familie sieben Mitglieder des Kleinen Rates sowie mehrere Landvögte, also Amtsträger, die ein Herrschaftsgebiet verwalteten. Seit 1844 nannte sich auch diese Linie durchgängig von Tscharner.

Beat Jakob Tscharner (1679–1770), Kleinrat und Venner zu Pfistern, liess ab 1733 am Berner Münsterplatz das repräsentative Tscharnerhaus errichten. Elisabeth de Meuron-von Tscharner (1882–1980) verkaufte es 1927 an den Kanton Bern.

Bekannte Angehörige

Zahlreiche Familienmitglieder wirkten in Politik, Militär, Wissenschaft, Kunst und Diplomatie. Zur Bündner Linie gehörten neben mehreren Churer Bürgermeistern der Ständerat Johann Baptista von Tscharner (1815–1879), der Maler Johann Wilhelm von Tscharner (1886–1946), der Önologe Gian-Battista von Tscharner (* 1948) und der Winzer und Bündner Politiker Johann-Baptista von Tscharner (* 1986).

Aus der Berner Linie stammen unter anderem Generalmajor Nicolaus beziehungsweise Niklaus Tscharner (1650–1737), Oberbefehlshaber der Berner Truppen sowie Gross- und Kleinrat; der Ökonom und Magistrat Niklaus Emanuel Tscharner (1727–1794); der Historiker und Literat Vincenz Bernhard Tscharner (1728–1778); der Physiker Beat Friedrich von Tscharner (1791–1854); der Bildhauer Karl Emanuel Tscharner (1791–1873); der Schultheiss Karl Friedrich Tscharner, der Bern von 1835 bis 1846 vorstand; sowie der Diplomat und Publizist Benedikt von Tscharner (1937–2019).

Besitzungen und Wappen

Mit beiden Familienzweigen sind zahlreiche bedeutende Gebäude und Landsitze verbunden. Zu den Berner Besitzungen zählen unter anderem Schloss Reichenbach, das Tscharnerhaus am Münsterplatz 12, das Tscharnerhaus an der Herrengasse 4, Schloss Gümligen, das Neue Schloss Bümpliz, Schloss Kehrsatz, der Landsitz Lohn sowie die Schlösser Amsoldingen und Rümligen. Weitere genannte Güter sind die Campagnen Bellevue, Blumenhof und Rothaus, das Tscharnerhaus in Merlach, die Villa Morillon, der Fellerstock und die Villa von Tscharner. Der Bündner Zweig ist mit dem Haus Tscharner in Rothenbrunnen von 1584 sowie den Schlössern Ortenstein GR und Reichenau GR verbunden.

Das Familienwappen zeigt auf rotem Grund einen blauen Greifen. Der Greif besitzt goldene Flügel, eine goldene Bewehrung und ein goldenes Halsband.

Familienarchive

Die Burgerbibliothek Bern bewahrt mehrere Familienarchive auf. Im Online-Archivkatalog sind die Bestände FA von Tscharner A sowie FA von Tscharner B aus Gümligen, FA von Tscharner D aus Morillon, FA von Tscharner E aus Rümligen und FA von Tscharner F aus Burier verzeichnet. Sie dienen als Quellen zur Geschichte der verschiedenen Familienzweige und ihrer Besitzungen.

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