Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Rocksaumtheorie
1926 veröffentlichte George W. Taylor, ein US-amerikanischer Ökonom der Wharton School, seine Rocksaumtheorie, wonach Phasen des wirtschaftlichen …
Inhalt4 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Die Rocksaumtheorie wurde 1926 vom US-amerikanischen Ökonomen George W. Taylor von der Wharton School veröffentlicht. Sie behauptet einen Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und der durchschnittlichen Länge der von Frauen getragenen Röcke und Kostüme: In Phasen des wirtschaftlichen Aufschwungs werden die Röcke im Durchschnitt kürzer, während sie in wirtschaftlich schlechteren Phasen länger werden. In der englischsprachigen Sekundärliteratur heißt diese Theorie auch Hemline-Index oder Hemline-Barometer.
Taylor nahm insbesondere einen direkten Zusammenhang zwischen der Rocksaumlänge und dem New Yorker Aktienindex an. Damit verband er zwei sehr unterschiedliche Bereiche: die gesellschaftlich bestimmte Mode und die vorwiegend wirtschaftlich bestimmte Entwicklung eines Aktienindex. Seine Erklärung lautete, dass wachsender Wohlstand zu Optimismus und größerer Risikofreude führt.
Indikator für die Konsumentenstimmung
Das Hemline-Barometer ist kein fachlich anerkannter Konjunkturindikator und erlaubt keine gesicherten Aussagen über die wirtschaftliche Lage. Es kann vielmehr als mikroökonomischer Stimmungsindikator verstanden werden: Die Rocksaumlänge soll eine allgemeine Gefühlslage in der Bevölkerung widerspiegeln, die sich auch auf die Stimmung und das Verhalten der Konsumenten auswirken kann.
Als ähnliche Stimmungsindikatoren werden neben der Mode auch populäre Kunst, die Wirtschaftsberichterstattung der Medien und die Haarlänge genannt. Solche Verbraucherstimmungen sind psychologische Erscheinungen. Sie fließen beispielsweise in den Konsumklimaindex der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ein oder beeinflussen das Konsumentenvertrauen. Damit können sie eine wichtige Rolle für die Konjunktur spielen.
Empirische Untersuchung
Für eine empirische Prüfung wurden Ausgaben des monatlich erscheinenden französischen Modemagazins L’Officiel ausgewertet. Das Magazin veröffentlicht regelmäßig Angaben zur Rocksaumlänge; seine digitalisierten Ausgaben sind seit 1921 online archiviert. Die ermittelten Rocklängen wurden in fünf Kategorien eingeteilt:
- Mini,
- Ballerina: Der Rocksaum endet über dem Kniegelenk,
- der Rocksaum endet unter dem Knie,
- der Rock reicht bis zum Knöchel,
- der Rock reicht bis zum Boden.
Diese Daten wurden mit den vom National Bureau of Economic Research (NBER) gesammelten Informationen über die US-amerikanischen Konjunkturzyklen verglichen. Die statistische Analyse des Zeitraums von 1921 bis 2009 kam zu dem Ergebnis, dass die Rocklänge tatsächlich in der von Taylor behaupteten Weise auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung reagiert. Die Reaktion erfolgt jedoch mit einer Verzögerung von bis zu drei Jahren.
Aussagekraft und Einschränkungen
Wegen der Verzögerung von bis zu drei Jahren wäre die Rocksaumlänge kein Frühindikator, mit dem sich die kommende Wirtschaftsentwicklung zuverlässig vorhersagen ließe. Die Rocksaumtheorie liefert vielmehr einen Spätindikator, also eine Größe, die erst nach einer wirtschaftlichen Veränderung reagiert. Als weiteres Beispiel für einen solchen Spätindikator nennt der Artikel das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts eines Jahres.
Die Gültigkeit der Theorie ist außerdem umstritten. Einzelne Beobachtungen und die Untersuchung für 1921 bis 2009 sprechen für den angenommenen Zusammenhang. Zugleich wird die Auffassung vertreten, dass Taylors Annahme heute nicht mehr zutrifft, weil sich die Mode seit seiner Zeit stark individualisiert hat und wesentlich vielfältiger geworden ist. Insgesamt ist das Hemline-Barometer daher eher eine mögliche Beschreibung gesellschaftlicher Stimmung als ein gesicherter wirtschaftlicher Mess- oder Prognosewert.