Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Proto-Keilschrift
3200 v. Chr. bis ca. 2700 v. Chr. Damit gilt die Proto-Keilschrift nach heutigem Stand der Wissenschaft als ältestes Schriftsystem der Welt. Es sind bisher …
Inhalt6 Abschnitte
Definition und Bedeutung
Proto-Keilschrift bezeichnet das Schreibsystem, mit dem die archaischen Texte der späten Uruk-Zeit, also Uruk IV und Uruk III, bis zur beginnenden frühdynastischen Zeit (fDyn I) geschrieben wurden. Der Zeitraum reicht ungefähr von 3200 v. Chr. bis 2700 v. Chr. Nach heutigem Stand der Wissenschaft gilt sie als ältestes Schriftsystem der Welt.
Bekannt sind bisher 5820 archaische Texte. Sie stehen meist auf Tontafeln, aber auch auf Stein- und Gipstafeln. Der größte Teil der Texte sind Verwaltungsdokumente; daneben gibt es lexikalische Listen, also geordnete Zeichen- und Wortlisten, die auch für die Ausbildung von Schreibern wichtig waren.
Fundorte und Textarten
Der wichtigste Fundort ist Uruk in Südmesopotamien. Von dort stammen nach den Zählungen des Projekts Archaische Texte aus Uruk 5410 Exemplare, gut 5000 davon aus dem religiösen Eanna-Distrikt. Die Ausgrabungen begannen 1912 und wurden nach einer Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg 1928 wieder aufgenommen. Die stratigraphische Situation und der archäologische Kontext sind teilweise problematisch.
In Jemdet Nasr wurden etwa 180 Proto-Keilschrift-Texte gefunden, vor allem 1925–1928 durch E. Mackay und S. Langdon. Viele Tafeln tragen Siegelabdrücke und datieren in die Uruk-III-Zeit. Die Texte behandeln Felder, Getreideernten, Speicherung, Redistribution und Personenlisten; Klein- und Großvieh spielt dort im Unterschied zu Uruk nur eine geringe Rolle. Ein bis zwei Schultexte zeigen, dass es dort Ausbildungsstätten zum Erlernen der Schrift gab.
Weitere Fundgruppen stammen oder könnten stammen aus Uqair, Larsa, Tell Asmar und der früheren Erlenmeyer-Kollektion. Die Herkunft einer Gruppe von 27 besonders gut erhaltenen Texten ist ungeklärt; Larsa wird als möglicher Fundort genannt, ist aber nicht sicher. Für die Schwäbische Alb behauptet der Artikel Funde von Proto-Keilschriften in Höhlen, verbindet sie aber mit etwa 40 000 Jahre alten Zeichenfolgen; dieser Punkt steht deutlich abseits der übrigen Darstellung und wird nicht in den Hauptzusammenhang der mesopotamischen Proto-Keilschrift eingeordnet.
Vorstufen der Schrift
Die Proto-Keilschrift entstand nicht einfach aus dem Nichts. Als Vorläufer gelten administrative Mittel wie Stempel, Zylindersiegel, Tokens, Tonbullen, numerische Tafeln und numero-ideographische Tafeln. Die Annahme, es müsse ältere, verlorene piktographische Schriftstufen auf vergänglichem Material gegeben haben, wird im Artikel als nicht überzeugendes argumentum ex silencio zurückgewiesen.
Siegel dienten dazu, Autorität und Verantwortung zu markieren. Zylindersiegel wurden in weichen Ton abgerollt; ihre Motive reichten von geometrischen Mustern bis zu Menschen- und Tierdarstellungen. Ein intaktes Siegel zeigte, dass eine Person oder Institution für ein Gut oder eine Transaktion verantwortlich war.
Tokens waren kleine Tonobjekte zur Erfassung von Gütern und Mengen. Plain Tokens sind einfache, unverzierte Tonformen, die schon in Schichten um 8000 v. Chr. nachgewiesen werden. Complex Tokens sind ähnlich geformt, aber mit Ritzungen oder Perforationen versehen. Einige Ritzungen ähneln frühen Proto-Keilschriftzeichen, doch ihre genaue Funktion ist umstritten. Nur Tokens in Tonbullen können sicher als Teil eines administrativen Systems bestimmt werden.
Tonbullen waren meist hohle Tonkugeln, in denen Tokens eingeschlossen wurden. Ihre Oberfläche wurde gesiegelt. Aus ihnen entwickelten sich numerische Tafeln: Zunächst wurden auf Tonbullen Abdrücke angebracht, die Form und Anzahl der Tokens wiedergaben; später ließ man die Tokens weg und drückte Zahlen direkt in flache Tonklumpen. Numero-ideographische Tafeln ergänzten numerische Angaben durch ein oder zwei Bildzeichen, die den Gegenstand der Notation bezeichneten, etwa Bier, Schafe oder Sklaven.
Tafeln und Zeichen
Die frühesten Proto-Keilschrift-Tafeln hatten oft nur eine geschlossene Informationseinheit, etwa eine einzelne Abrechnung. Solche Single-Entry-Tafeln waren vermutlich für kurzfristige Verwaltungsnotizen gedacht. Tags waren eine besondere Untergruppe: kissenförmige Tafeln mit einer Perforation entlang der Längsachse, wahrscheinlich zum Befestigen an Gütern. Sie enthielten keine Zahlen, sondern Ideogramme oder Piktogramme, die Personen, Körperschaften oder Produkte bezeichneten.
Complex-Entry-Tafeln enthielten mehrere Einträge. Die Oberfläche wurde in Kolumnen, Reihen und Register geteilt; jedes Register stand für eine abgeschlossene Transaktion. Auf der Rückseite wurden häufig Summen und Zwischensummen notiert.
Das Zeicheninventar bestand vor allem aus Piktogrammen, Ideogrammen und numerischen Zeichen. Piktogramme sind Bildzeichen, die einen konkreten Gegenstand darstellen, oft nur durch einen charakteristischen Teil: Menschen oder Tiere konnten etwa durch den Kopf wiedergegeben werden. Ideogramme sind Begriffszeichen: Sie stellen nicht unbedingt das dar, was sie wörtlich abbilden, sondern einen damit verbundenen Begriff. So konnte ein Rationsgefäß für Speise stehen, oder die Hand für Handlungen wie „geben“.
Neben diesen Zeichen gab es 60 Zahl- bzw. Nummernzeichen in fünf verschiedenen Nummernsystemen. Die Grundformen wurden mit dünnen und dicken runden Schreibgriffeln in den Ton gedrückt. Es entstanden kleine oder große kreisförmige Abdrücke sowie kleine oder große hufförmige Abdrücke; durch Ausrichtung, Durchstreichung oder Punktierung wurden weitere Werte und Systeme unterschieden.
Sprache und Deutung
Ob die Erfinder der Proto-Keilschrift Sumerer waren, ist nicht nachweisbar. Die Schrift war überwiegend eine Logogramm- und Piktogrammschrift. Solche Zeichenfolgen lassen sich grundsätzlich in verschiedenen Sprachen verstehen. Ein Beispiel wie „10 SCHAF JUNG PN“ kann als „10 junge Schafe für den Personennamen“ gelesen werden, ohne dass daraus sicher die Sprache der Schreiber folgt. Auch die Reihenfolge der Zeichen beweist keine Grammatik, weil Verwaltungsformulare festen Konventionen folgen können, die nicht der Alltagssyntax entsprechen.
Versuche, Sumerisch direkt in den frühesten Texten nachzuweisen, gelten im Artikel als erfolglos. Reduplikationen einzelner Zeichen wie ŠU und GI könnten zwar an sumerische grammatische Formen erinnern, reichen aber nicht als Beweis. Auch die Zeichenfolge EN E2 TI wurde früher als sumerischer Name gedeutet, doch die Belege sprechen laut Artikel nicht sicher dafür. Das Zeichen GI könnte eine sumerische Rebusschreibung enthalten, seine Bedeutung in den archaischen Texten ist aber nicht geklärt.
Der Artikel nennt mehrere Hinweise auf ein mögliches fremdsprachliches Substrat, also eine ältere Sprachschicht unter späterem Sumerisch. Zwischen den ersten archaischen Texten und den ersten klar sumerischen Schreibungen der Fara-Zeit liegen etwa 600 Jahre. Früheste Personen- und Ortsnamen lassen sich nicht sicher sumerisch erklären; als Beispiel wird Babylon genannt, das in frühen Texten als Babilia erscheint. Das Fazit des Artikels lautet: Es ist nicht nachweisbar, dass die Sprache der frühesten Schreiber Sumerisch war; einiges deute darauf hin, dass die Bevölkerung der späten Uruk-Zeit keine Sumerer waren und diese erst zu Beginn der Fara-Zeit nach Südmesopotamien einwanderten.
Listen, Zahlensysteme und Entwicklung
Von den 5820 bekannten archaischen Texten sind 670 lexikalische Listen. Sie ordnen Zeichen und Zeichengruppen nach Bedeutung, etwa Vieh nach Geschlecht, Alter oder Farbe. Manche Listen enthalten auch unlogische Kombinationen, weil Vollständigkeit wichtig war. Solche Listen wurden später immer wieder abgeschrieben und dienten als Lernmaterial für Schreiberschüler.
Für die Entzifferung waren die Listen besonders wichtig. Da spätere Abschriften auf Sumerisch und/oder Akkadisch erhalten sind, konnte man unter der Annahme gleicher Listenpositionen Bedeutungen früher Zeichen erschließen. Tatsächlich wurden viele Listen sehr genau kopiert, selbst wenn einzelne Einträge später praktisch nicht mehr wichtig waren.
Die Proto-Keilschrift nutzte mehrere Zahlensysteme. Das Sexagesimalsystem S diente vor allem zum Zählen diskreter Objekte wie Menschen, Schafe, Krüge, Textilien, Hölzer und getrockneter Fische. Seine Folge lautet: 1 → 10 → 60 → 600 → 3.600 → 36.000. Eine Variante S' mit durchgestrichenen Zeichen wurde für besondere Objekte verwendet, etwa tote Tiere oder bestimmte Flüssigkeiten. Das Bisexagesimalsystem B wurde für Produkte wie Getreideerzeugnisse, Käse und frischen Fisch benutzt; seine Folge lautet: ½ → 1 → 10 → 60 → 120 → 1.200 → 7.200. Das ŠE-Kornhohlmaß-System diente zum Abmessen von Getreide. Eine standardisierte Schüssel von etwa 0,8 Liter Inhalt entsprach 1/30 der Grundeinheit und möglicherweise einer Tagesration Getreide.
Die Entwicklung wird im Artikel in acht Phasen gegliedert: Tokens um ca. 3400 v. Chr.; Tonbullen ca. 3400–3300 v. Chr.; numerische Tafeln I ca. 3300–3250 v. Chr.; numerische Tafeln II ca. 3250–3200 v. Chr.; numero-ideographische Tafeln ca. 3200 v. Chr.; frühe Proto-Keilschrift Uruk IVa ca. 3200–3100 v. Chr.; die Hochphase Uruk III ca. 3100–3000 v. Chr.; und späte Proto-Keilschrift in frühdynastisch I ca. 2800–2700 v. Chr. In der letzten Phase erscheinen die ersten nachweislich phonetischen Schreibungen, meist in sumerischen Namen.