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Nouveau roman
Der Begriff Nouveau Roman (französisch für neuer Roman) bezeichnet eine Richtung der französischen Literatur, die um die Mitte der 1950er Jahre – kurz vor …
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Entstehung und Einordnung
Der Nouveau Roman („neuer Roman“) ist eine Richtung der französischen Literatur, die um die Mitte der 1950er Jahre entstand, kurz vor der Nouvelle Vague des französischen Kinos. Auffällig waren besonders Romane des Verlags Éditions de Minuit. Der von Émile Henriot in einer Besprechung in Le Monde verwendete Name Nouveau Roman setzte sich unter verschiedenen Sammelbezeichnungen durch.
Zeitgenössische Kritiker und Teile des Publikums empfanden diese Bücher als befremdlich: Sie schienen mit der westeuropäischen Romantradition zu brechen, indem sie den Romanhelden und dessen Psychologie abschafften, Handlungen auflösten, ungewöhnlich konstruiert waren und Gegenstände ausführlich beschrieben.
Autoren und kein festes Gruppenprogramm
Die beteiligten Schriftsteller erkannten gemeinsame Punkte, vor allem die Übereinstimmung darin, Konventionen des traditionellen Romans abzulehnen. Claude Simon formulierte dies als Ablehnung bestimmter Konventionen, die den traditionellen Roman beherrschten. Nathalie Sarraute, Michel Butor und Alain Robbe-Grillet erläuterten ihre Ansichten in Essays, Interviews und öffentlichen Diskussionen.
Der Nouveau Roman verstand sich jedoch nicht als feste „Gruppe“ oder „Schule“. Anders als die Surrealisten der 1920er Jahre oder die später entstandene Gruppe Tel Quel gab es keine Manifeste, Programme oder eigene Zeitschrift. Zunächst verband die Literaturkritik die einzelnen Autoren aufgrund von Gemeinsamkeiten ihrer Werke; erst anschließend setzten diese sich mit dem so entstandenen Gruppenbild auseinander.
Erneuerung des Romans
Sarraute, Butor und besonders radikal Robbe-Grillet begründeten die Erneuerung der Romangattung. Sie wandten sich gegen den „traditionellen“ Roman, auch „Roman des 19. Jahrhunderts“ oder „Balzacroman“ genannt. Gemeint war nicht eine Kritik an Balzac selbst, sondern an einem „Roman mit leichtem Erfolg“ (Butor): Frühere erzählerische Neuerungen waren dort zu Rezepten und Klischees geworden.
Die Autoren sahen sich zugleich in einer literarischen Tradition mit „Flaubert, Dostojewski, Proust, Kafka, Joyce, Faulkner, Beckett“. Robbe-Grillet erklärte, ihr Ziel sei nicht, mit der Vergangenheit aufzuräumen oder es besser zu machen, sondern das Vorhaben dieser Vorgänger „jetzt, in unserer Zeit“ fortzuführen.
Erzählformen sollten verändert werden, weil sie veränderte Realitäten nicht mehr angemessen erfassen konnten. Butor beschrieb den Roman deshalb als „kritische Untersuchung der Wirklichkeitskenntnis“. Der Roman sollte also auch prüfen, wie er selbst Wirklichkeitsbilder herstellt, die gesellschaftliches Denken und Handeln beeinflussen. Konkurrenz durch Soziologie, Psychologie, Journalismus, Film und Fernsehen wurde als Anstoß verstanden, sich von der herkömmlichen Aufgabe zu lösen, Geschichten zu erzählen und Figuren zu gestalten. Sarraute forderte diese Befreiung; Butor betonte als besonderen Vorzug der Schrift, „dem Wort Dauer zu verleihen“.
Daher wird der Nouveau Roman in Anlehnung an Jean Paul Sartre auch Antiroman genannt. Nicht vor allem das Dargestellte, sondern die Art der Darstellung wurde wichtig: In der écriture, der sprachlich-formalen Gestaltungsweise, liegt die wesentliche Aussage über die Welt.
Literaturstreit und Nouveau Nouveau Roman
Der Nouveau Roman löste international zahlreiche kritische Stellungnahmen und in Frankreich einen besonders starken Literaturstreit aus. Roland Barthes begrüßte ihn als avancierte Form der écriture moderne und als Revolution der Romangattung. Konservative Kritiker sahen dagegen eine Bedrohung der Kultur und hielten die Krise des Romans nicht durch die „Rosskur“ der nouveaux romanciers für lösbar. Ihren „Geduldsspielen“ wurde nur eine Lebenserwartung von vier bis fünf Jahren zugeschrieben. Die Auseinandersetzung gewann gesellschaftlichen Widerhall und war von scharfen Angriffen ebenso wie vom selbstbewussten Auftreten der Befürworter geprägt.
Das Colloquium „Nouveau Roman: hier, aujourd'hui“ von 1971 war ein erster Versuch, den Nouveau Roman als tatsächlich kollektives Phänomen zu betrachten. Teil nahmen Michel Butor, Claude Ollier, Robert Pinget, Jean Ricardou, Alain Robbe-Grillet, Nathalie Sarraute und Claude Simon; Samuel Beckett und Marguerite Duras lehnten die Teilnahme ab.
Ab Mitte der 1960er Jahre wird vom Nouveau Nouveau Roman gesprochen. Während die erste Phase großenteils einem phänomenologischen Realismus verpflichtet war, erschien die neue Phase als „Konstruktionsspiel“. An die Stelle der abbildenden Darstellung einer vorgegebenen Welt trete die Präsentation einer fiktiven Welt; an die Stelle des Ausdrucks eines persönlichen Ichs trete die regelgeleitete Konstruktion eines Textes; an die Stelle einer Botschaft trete die Aufforderung, mit Sinn zu spielen.
Jean Ricardou wurde zum wichtigsten Theoretiker. Seine Formel unterscheidet den traditionellen „Bericht eines Abenteuers“ („le récit d'une aventure“) vom modernen „Abenteuer des Berichtens“ („l'aventure du récit“). Moderne Texte sollen nicht die Illusion von Wirklichkeit erzeugen, sondern Aufmerksamkeit auf die Wirklichkeit des Textes, auf seine Erzeugungs- und Organisationsprinzipien richten. Ricardous strukturalistische Analysen beeinflussten Wissenschaftler, Kritiker sowie Robbe-Grillet und Claude Simon. Als seine Position zunehmend doktrinär wurde und er eine von ihm definierte kollektive Ordnung durchsetzen wollte, kam es zum Bruch: Beim New Yorker Kolloquium im Herbst 1982 machten Sarraute und Simon ihre Teilnahme von Ricardous Abwesenheit abhängig.
Claude Simon erhielt im Oktober 1985 den Nobelpreis für Literatur. Er wertete besonders die Auswahl eines Autors aus der Generation des Nouveau Roman als Anerkennung.