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Natriumchlorit
Natriumchlorit mit der Summenformel NaClO 2 – nicht zu verwechseln mit dem Kochsalz Natriumchlorid (NaCl) – ist das Natriumsalz der Chlorigen Säure.
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Grundlagen und Bedeutung
Natriumchlorit ist das Natriumsalz der chlorigen Säure und hat die Summenformel NaClO₂. Es darf nicht mit Natriumchlorid (NaCl), dem Kochsalz, verwechselt werden. Der Stoff ist ein geruchloses weißes Pulver, fest, und wirkt als Oxidationsmittel, also als Stoff, der andere Stoffe chemisch oxidieren kann.
Seine wichtigste Bedeutung liegt in der Herstellung von Chlordioxid. Chlordioxid ist für Transport und Lagerung zu instabil; deshalb wird es bei Bedarf aus Natriumchlorit erzeugt. Es gilt als Mittel der Wahl zur Herstellung von Chlordioxid zur Desinfektion von Wasser. Für die Zellstoffbleiche und Papierherstellung ist Natriumchlorit im Allgemeinen zu teuer, obwohl Chlordioxid dort während des Bleichprozesses entsteht.
Die molare Masse beträgt 90,44 g·mol⁻¹, die Dichte bei 20 °C 2,43 g·cm⁻³. Natriumchlorit ist gut wasserlöslich: 572 g·l⁻¹ bei 20 °C. Bei 180–200 °C zersetzt es sich, statt einen gewöhnlichen Schmelzpunkt zu haben.
Herstellung und Kristallstruktur
Natriumchlorit kann entstehen, wenn gasförmiges Chlordioxid in Natronlauge eingeleitet wird. Dabei erhält man zunächst ein Gemisch aus Natriumchlorit und Natriumchlorat:
2 ClO₂ + 2 NaOH → NaClO₂ + NaClO₃ + H₂O
Durch zusätzliche Zugabe von Wasserstoffperoxid lässt sich reines Natriumchlorit gewinnen:
2 ClO₂ + 2 NaOH + H₂O₂ → 2 NaClO₂ + O₂ + 2 H₂O
Im Labor wird zunächst Bariumchlorit hergestellt. Dieses reagiert anschließend mit Natriumsulfat-Decahydrat zu Natriumchlorit-Trihydrat, Bariumsulfat und Wasser:
Ba(ClO₂)₂ + Na₂SO₄·10 H₂O → 2 NaClO₂·3 H₂O + BaSO₄ + 4 H₂O.
Eigenschaften
Wasserfreies Natriumchlorit kristallisiert monoklin, also in einem Kristallsystem mit schiefem Winkel, in der Raumgruppe I2/a (Nr. 15, Stellung 7). Die Gitterparameter sind a = 645,6 pm, b = 644,2 pm, c = 681,3 pm und β = 120,6°; eine Elementarzelle enthält vier Formeleinheiten.
Das Trihydrat NaClO₂·3 H₂O kristallisiert triklin in der Raumgruppe P1 (Nr. 2). Seine Gitterparameter sind a = 696,0 pm, b = 884,2 pm, c = 550,4 pm, α = 92,36°, β = 119,09° und γ = 104,73°. Pro Elementarzelle liegen zwei Formeleinheiten vor.
Bleichmittel, Desinfektion und medizinische Angaben
Das Hauptanwendungsgebiet ist die Erzeugung von Chlordioxid zum Bleichen von Textilien und Papier sowie zur Desinfektion von Wasser in Wasseraufbereitungsanlagen. In geringer Konzentration kommt Natriumchlorit auch in Reinigungsmitteln für Kontaktlinsen vor. Im Zusammenhang mit TTIP und dem Geflügelfleischexport der USA wurde diskutiert, ob es in der EU eingeschränkt zur Dekontamination von Geflügelfleisch eingesetzt werden darf, wenn es rückstandslos abgespült wird.
Medizinisch wird ein als „Reaktionsprodukt“ bezeichnetes Gemisch, das aus Natriumchlorit und Natriumhypochlorit entsteht, als stark verdünnte wässrige Lösung äußerlich bei Wunden und Wundheilungsstörungen verwendet. Die Wirksamkeit dieser Substanz, die die Struktur von Tetrachlordecaoxid haben soll, ist umstritten.
Natriumchlorit stört die Funktion von Makrophagen, Immunzellen, die an Entzündungen beteiligt sind. Es wird angenommen, dass bei amyotropher Lateralsklerose (ALS) eine Überaktivierung von Makrophagen zu hohen Konzentrationen von Zytokinen führt, die Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark schädigen. In den USA und der EU besitzt Natriumchlorit zur ALS-Behandlung den Status eines Orphan-Arzneimittels. Dieser Status bringt pharmazeutischen Unternehmen Vergünstigungen bei der Arzneimittelzulassung, belegt aber keine zugelassene Wirksamkeit.
Missbrauch als MMS
Unter den Namen Miracle Mineral Supplement oder Master Mineral Solution (MMS) wird eine giftige Lösung aus 28 % Natriumchlorit zusammen mit einer 10%igen „Aktivator“-Citronensäurelösung verkauft; alternativ werden Milchsäure oder 4%ige Salzsäure genannt. Säure setzt daraus hochreaktives, giftiges Chlordioxid frei. Nicht das gesamte Chlordioxid löst sich in der vorbereiteten Lösung, und wegen des Überschusses reagiert auch nicht jedes Natriumchloritmolekül mit der Säure.
MMS wird fälschlich als Nahrungsergänzungsmittel, alternatives Antibiotikum oder Heilmittel unter anderem gegen Malaria, Krebs, AIDS, Autismus und Demenz beworben. Die Behandlung wird als Quacksalberei eingestuft. Für die behaupteten „Seilwürmer“ gibt es keinen ernstzunehmenden wissenschaftlichen Hinweis. Gesundheitsbehörden warnten mehrfach: Health Canada verbot MMS im Mai 2010, die FDA warnte wiederholt, ebenso die britische Food Standards Agency, Swissmedic, das Schweizer BAG, das BfR, das BfArM und die Verbraucherzentrale. Das BfArM stufte MMS und MMS2 am 26. Februar 2015 als zulassungspflichtig und bedenklich ein. MMS2 enthält 70 % Calciumhypochlorit in Kapseln und ist laut Artikel noch gefährlicher, weil Magensäure Chlorgas freisetzt und häufig die Speiseröhre verätzt.
Die Einnahme kann Übelkeit, Erbrechen und Durchfall sowie Schädigungen der Erythrozyten, lebensbedrohliche Dehydratation und Nierenversagen verursachen. Darmflora und Darmschleimhaut können unwiederbringlich geschädigt werden. Berichtet wurden Todesfälle, auch nach Einnahme als vermeintliches Mittel gegen SARS-CoV-2. Während der COVID-19-Pandemie wurden in Bolivien Fälle schwerer Verätzungen und Todesfälle gemeldet.
Gefahren und Risikobewertung
Eine 25%ige Natriumchloritlösung ist beim Verschlucken gesundheitsschädlich. Bei Einwirkung von Säuren werden sehr giftige Gase freigesetzt, und es besteht die Gefahr ernster Augenschäden. Der Feststoff ist giftig, verursacht Verätzungen und kann bei Kontakt mit brennbaren Stoffen Feuergefahr erzeugen. Nicht stabilisiertes Pulver ist sehr giftig; es kann Augenverätzungen, Hautverbrennungen mit Rötungen und Schmerzen sowie bei Aufnahme durch die Haut gesundheitliche Schäden verursachen. Es verätzt den Magen-Darm-Trakt. Eingeatmete Dämpfe können Husten, Atembeschwerden und Verätzungen des Atemtrakts hervorrufen und auch tödlich sein.
Die orale LD₅₀ bei Ratten beträgt 165 mg·kg⁻¹. 2019 wurde Natriumchlorit nach der REACH-Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 in den CoRAP aufgenommen, einen EU-Aktionsplan zur Stoffbewertung. Anlass waren Bedenken wegen der Exposition von Arbeitnehmern, der weit verbreiteten Verwendung sowie möglicher mutagener und reproduktionstoxischer Eigenschaften. Ungarn führte die Neubewertung ab 2019 durch; anschließend wurde ein Abschlussbericht veröffentlicht.