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Manifest der 2000 Worte

Es beleuchtete nicht nur die Rolle der Kommunistischen Partei im Prozess des „Prager Frühlings“ sehr kritisch und forderte eine unbedingte Weiterführung der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Entstehung
  2. 2. Inhalt und politische Bedeutung
  3. 3. Reaktionen in Partei und Regierung
  4. 4. Sowjetische und konservative Reaktionen
  5. 5. Bewertung durch Reformer und spätere Rezeption

Kern und Entstehung

Das Manifest der 2000 Worte, vollständig „Zweitausend Worte, die an Arbeiter, Landwirte, Beamte, Künstler und alle gerichtet sind“ (tschechisch: „Dva tisíce slov, které patří dělníkům, zemědělcům, úředníkům, umělcům a všem“), war einer der wichtigsten Texte des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei von 1968. Der Prager Frühling bezeichnet hier den Reformprozess, der mehr politische Offenheit und gesellschaftliche Erneuerung innerhalb des sozialistischen Systems anstrebte.

Das Manifest erschien am 27. Juni 1968 in der kulturpolitischen Zeitschrift „Literární listy“ und wurde außerdem in den Tageszeitungen „Lidové noviny“, „Práce“, „Mladá fronta“ und „Zemědělské noviny“ gedruckt. Verfasst wurde es im Juni 1968 von dem Schriftsteller Ludvík Vaculík. Es entstand auf Anregung von Mitarbeitern der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften, darunter Otto Wichterle, Jan Brod, Otakar Poupa und Miroslav Holub. Laut Chefredakteur Liehm von „Literární listy“ soll auch František Kriegel aus der Parteiführung Vaculík mit der Idee konfrontiert haben, durch öffentlichen Druck den stockenden Reformprozess und den zögernden Alexander Dubček voranzubringen.

Inhalt und politische Bedeutung

Das Manifest gilt als Zeugnis einer Emanzipation der Öffentlichkeit, also eines selbstbewussteren politischen Auftretens der Bürgerinnen und Bürger. Es wurde von Intellektuellen unterschiedlicher Richtung unterzeichnet.

Inhaltlich kritisierte der Text die Rolle der Kommunistischen Partei im Prozess des Prager Frühlings sehr deutlich. Er forderte, die Reformpolitik unbedingt weiterzuführen und sich gegen reaktionäre Kräfte im Inland und Ausland zu stellen. Zugleich übte das Manifest allgemein heftige Kritik an den „Irrtümern des Sozialismus“.

Die Führung der Kommunistischen Partei verstand das Dokument als Misstrauenserklärung gegenüber ihrer Politik und lehnte es ab. In der Bevölkerung wurde es dagegen stark begrüßt, besonders auch von der bis dahin eher passiven Arbeiterschaft. Die „2000 Worte“ trugen insgesamt zu einer weiteren Radikalisierung sowohl konservativer als auch reformorientierter Kräfte bei. Die Regierung Černík und die Mehrheit der Parteiführung unter Alexander Dubček mussten deshalb zwischen beiden Seiten lavieren.

Reaktionen in Partei und Regierung

Die Wirkung der „2000 Worte“ war nach Darstellung des Artikels überwältigend und unbestritten. Gegner wie Befürworter der Reformen in der ČSSR mussten dazu Stellung nehmen. Ministerpräsident Oldřich Černík äußerte sich am 29. Juni deutlich. Josef Smrkovský, Vorsitzender der Nationalversammlung, warnte besonders davor, dass Aufrufe zu Streik, Boykott und ähnlichen Maßnahmen eine „elementare Sprengladung der Ungesetzlichkeit“ enthalten könnten.

Smrkovský stellte außerdem die Frage, ob ein allgemeiner Appell zur Einhaltung der Gesetze bei den Lesern wirklich mehr Autorität habe als konkrete Forderungen nach faktisch ungesetzlichen Maßnahmen. Er warnte vor politischem Romantizismus, also vor politischem Handeln auf Grundlage unvollständiger Informationen. Diese Warnung bezog sich auch auf innere und äußere Faktoren, die die Entwicklung der tschechoslowakischen Gesellschaft und das Schicksal des Reformprozesses bestimmten.

Noch am Tag der Veröffentlichung trat die Parteispitze der KPČ zu einer Krisensitzung zusammen. Die Reformer fühlten sich überrumpelt, denn das System war trotz der Reformbestrebungen weiterhin totalitär. Die „2000 Worte“ wirkten wie ein Katalysator: Sie beschleunigten Gegensätze innerhalb und außerhalb der Partei. Auf der einen Seite standen Dogmatiker in der KPČ und die sogenannte Fünfer-Koalition der Bruderparteien, die Warschauer Fünf; auf der anderen Seite Reformkommunisten, die laut Artikel von 80 Prozent der Bevölkerung unterstützt wurden. Dubček setzte auf Konfliktvermeidung und Zeitgewinn. Ein außerordentlicher Parteitag Mitte September sollte über Reformen und Personen entscheiden und seine Stellung stärken.

Sowjetische und konservative Reaktionen

Der Kreml reagierte sofort auf das Bekanntwerden des Manifests. Noch in derselben Nacht telefonierte Leonid Breschnew mit Alexander Dubček und verlangte ein sofortiges Vorgehen gegen die Konterrevolution. Die Prager Botschaft der DDR meldete nach Ostberlin, das Dokument sei „ein Aufruf zur Konterrevolution, der programmatischen Charakter trägt“.

Auch konservative Kräfte in der Tschechoslowakei lehnten das Manifest entschieden ab. Generalmajor Kodaj nannte es direkt nach seinem Erscheinen einen Aufruf zur Konterrevolution. Der konservative Kommunist Jiří Hájek bezeichnete es rückblickend als provokativ und erklärte, es habe die weitere politische Entwicklung beschleunigt oder sogar radikalisiert. ZK-Mitglied Alois Indra verschickte Warnungen vor einer drohenden Konterrevolution an alle Parteiorganisationen. Rüdiger Wenzke stellte 1990 in „Prager Frühling - Prager Herbst“ fest, erst mit dem Erscheinen des Manifests sei der Begriff „Konterrevolutionär“ in den Auseinandersetzungen aufgetaucht.

Die sowjetische Propaganda griff das Manifest rasch auf. Die „Prawda“, das Zentralorgan der KPdSU in Moskau, schrieb am 11. Juli, das Auftauchen der „2000 Worte“ sei „keineswegs eine isolierte Erscheinung“, sondern ein Beweis für das Aktivwerden rechter und konterrevolutionärer Kräfte in der Tschechoslowakei, die mit der imperialistischen Reaktion verbunden seien. In einem gemeinsamen Brief der fünf später am Einmarsch beteiligten Länder vom 15. Juli an die KSČ wurde behauptet, das Manifest enthalte einen offenen Appell zum Kampf gegen die kommunistische Partei und gegen die verfassungsmäßige Macht sowie Aufrufe zu Streiks und Unruhen. Damit wurde das Manifest benutzt, um den Eindruck zu erzeugen, Prag stehe kurz vor einer imperialistischen Konterrevolution. Der Brief machte außerdem deutlich, dass die Sowjetunion weitere Schritte in diese Richtung nicht dulden und die Lage nicht mehr unter dem Gesichtspunkt der Souveränität, sondern als gemeinsame Abwehr des Imperialismus betrachten wollte.

Bewertung durch Reformer und spätere Rezeption

Ota Šik zog in seinem Buch „Prager Frühlingserwachen“ eine gemäßigtere Bilanz. Er schrieb, er sei mit dem Inhalt des Manifests einverstanden gewesen, habe es aber für „taktisch verunglückt“ gehalten. Nach seiner Einschätzung waren die progressiven Kräfte überall deutlich stärker, und die Reaktionäre hätten die Entwicklung mit inneren Kräften nicht mehr zurückdrängen können. Das Manifest habe zu diesem Zeitpunkt daher den Konservativen und Reaktionären mehr genutzt als den Reformern.

Der progressive Teil der Regierung bewertete das Dokument in den Grundzügen ähnlich: Viele konnten sich zumindest teilweise mit dem Inhalt identifizieren, kritisierten aber Wortwahl und Zeitpunkt der Veröffentlichung. Die Warnung Smrkovskýs vor äußeren Kräften wird im Artikel als Versuch verstanden, die Schriftsteller zu Mäßigung zu bewegen, damit das Reformvorhaben nicht gefährdet werde.

Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei kursierte in Anspielung auf das Manifest der bittere Witz: „7.000 Panzer für 2.000 Worte, was für ein gigantisches Geschäft“. Damit wurde die massive militärische Reaktion auf einen politischen Text pointiert kommentiert.

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