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Lyrikabend am 11. Dezember 1962

Von Stephan Hermlin vorgelesene Gedichte · Hannes Würtz, “Mir träumte neulich nachts” · Wolf Biermann, “Für Dich”, “Jahrmarkt am Rhein”, “Frühzeit.” · Kurt Bartsch …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Ereignis und Bedeutung
  2. 2. Vorbereitung und Ablauf
  3. 3. Kritik und Debatte
  4. 4. Texte und poetische Anliegen
  5. 5. Folgen für Hermlin und die DDR-Kulturpolitik

Ereignis und Bedeutung

Der Lyrikabend am 11. Dezember 1962 war eine öffentliche Lesung in Ost-Berlin, bei der Texte von 27 jungen Lyrikern der DDR vorgestellt wurden. Er wurde zu einem wichtigen Moment für die junge DDR-Lyrik: Sarah Kirsch, Wolf Biermann, Volker Braun, Bernd Jentzsch, Karl Mickel und Rainer Kirsch sowie weitere Autoren traten dort erstmals öffentlich hervor und wurden später zu bedeutenden Autoren ihrer Generation gerechnet.

Zugleich wurde die Veranstaltung kulturpolitisch bedeutsam. Die offene Diskussion ermöglichte ungewöhnlich direkte Äußerungen über Literatur, Gesellschaft und die Veröffentlichungspraxis in der DDR. Die SED-Führung wertete die Kritik als grundlegenden Angriff und reagierte mit Sanktionen gegen den Organisator Stephan Hermlin. Trotzdem galt der Abend als einer der Auslöser der sogenannten Lyrik-Welle in der DDR, auf die weitere Lesungen und Veranstaltungen folgten.

Vorbereitung und Ablauf

Seit Beginn der 1960er Jahre wuchs in der DDR das Interesse an Lyrik junger Autoren. Stephan Hermlin, Vorsitzender der Sektion Dichtkunst und Sprachpflege der Akademie der Künste der DDR, rief im Oktober 1962 junge Autoren dazu auf, ihm Texte zu schicken. Anzeigen erschienen unter anderem in der Jungen Welt am 14. November 1962 sowie im Sonntag am 28. Oktober und 18. November 1962. Aus zahlreichen Einsendungen wählte Hermlin 63 Gedichte für die öffentliche Lesung aus; offizieller Veranstalter war die Akademie der Künste der DDR.

Etwa 400 Zuhörer kamen am 11. Dezember in den dicht gefüllten Plenarsaal der Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz. Hermlin spielte zunächst Lieder von Wolf Biermann vom Tonband und las anschließend die 63 Texte von 27 Autoren. Besonders viel Beifall erhielten die zum Schluss gelesenen Gedichte Volker Brauns, vor allem „Kommt uns nicht mit Fertigem“.

Nach einer Pause begann eine Diskussion. Auf Vorschlag aus dem Publikum sollten anwesende Autoren weitere eigene Texte lesen. Hermlin kannte die meisten der jungen Autoren persönlich nicht und wusste zunächst nicht, wer von ihnen im Saal war. Es wurden nun auch zuvor nicht eingereichte Texte vorgetragen, zum Teil mit deutlich kritischen Aussagen.

Kritik und Debatte

Wolf Biermann sang unter anderem das sarkastische Lied „An die alten Genossen“ und kritisierte die im Neuen Deutschland veröffentlichte Lyrik scharf. Dafür erhielt er Beifall. Mehrfach wurde außerdem die Veröffentlichungspraxis in der DDR kritisiert.

Willi Köhler, Feuilletonchef des SED-Zentralorgans Neues Deutschland, warf der Veranstaltung daraufhin eine „gelenkte Atmosphäre“ und die Bildung einer „Plattform“ gegen seine Zeitung vor. Hermlin widersprach als Versammlungsleiter entschieden und bezeichnete die Aussprache als „sachliche, ruhige, lebendige, und parteiliche“. John Heartfield und Fritz Cremer unterstützten Hermlin. Willi Lewin, Vertreter des Zentralkomitees, vermittelte; Köhler nahm seinen Vorwurf zurück und versprach, die „Lyrik-Situation im ‚Neuen Deutschland‘ zu verbessern“.

Danach wurde bis kurz nach Mitternacht weiter diskutiert und gelesen. Insgesamt wurden 92 Texte oder Lieder vorgetragen: die 63 von Hermlin gelesenen Gedichte sowie 29 Beiträge, die die Autoren selbst lasen oder sangen.

Texte und poetische Anliegen

Die vorgetragenen Texte behandelten unter anderem Alltag, Liebe, Arbeit, Jugend und gesellschaftliche Erwartungen. B. K. Tragelehns „Ode an zwei Brötchen“ lobt zwei Brötchen zu fünf Pfennig als günstige, sättigende Hilfe „in der rauen Zeit vor Honorarempfang“ und verbindet dabei Darm, Gaumen und Brieftasche.

Volker Brauns „Kommt uns nicht mit Fertigem“ formuliert ein Programm des Experiments: „Wir brauchen Halbfabrikate!“ Anstelle fester Rezepte und „steife[r] Routine“ verlangt das Gedicht Denken, Prüfung des Alten und Erwartungen der Jugend. Der Staat erscheint darin als „Halbfabrikat auf Lebenszeit“.

Biermanns „An die alten Genossen“ richtet sich an ältere Parteimitglieder. Es kritisiert Geduld als „die Hure der Feigheit“ und fordert sie auf, der jüngeren Generation einen „neuen Anfang“ zu ermöglichen.

Folgen für Hermlin und die DDR-Kulturpolitik

Die ersten Reaktionen waren überwiegend positiv. Bodo Uhse, der neue Chefredakteur von Sinn und Form, bat viele Beteiligte um Gedichte für das Januarheft 1963. Auch Berichte in mehreren Berliner Zeitungen fielen zunächst positiv oder zurückhaltend positiv aus. Willi Lewin lobte den Abend in einem internen Bericht, während Köhler und Bernt von Kügelgen, Chefredakteur des Sonntag, deutlich kritischer urteilten.

Am 9. Januar 1963 verlangte der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Abusch vom Präsidium der Akademie der Künste Konsequenzen gegen Hermlin. Kurt Hager erklärte auf dem VI. Parteitag der SED im Januar 1963, der Abend sei für Angriffe auf das Zentralorgan der Partei sowie für Gedichte des „Pessimismus“, der „unwissenden Krittelei“ und der „Feindschaft gegenüber der Partei“ missbraucht worden.

Hermlin musste Selbstkritik üben. Im März 1963 wurde er gezwungen, sein Amt als Sekretär der Sektion Dichtkunst und Sprachpflege der Deutschen Akademie der Künste niederzulegen; wenig später verlor er auch das Amt des Vizepräsidenten des Deutschen Schriftstellerverbandes.

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