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Liebesfluchten
Liebesfluchten ist eine Sammlung von Erzählungen des deutschen Schriftstellers Bernhard Schlink, die im Jahr 2000 unter dem Titel Liebesfluchten.
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Einordnung
Liebesfluchten ist eine Sammlung von Erzählungen des deutschen Schriftstellers Bernhard Schlink. Sie erschien im Jahr 2000 unter dem Titel Liebesfluchten. Geschichten im Zürcher Diogenes Verlag.
Die Texte erzählen Episoden aus dem Leben männlicher Bildungsbürger unterschiedlichen Alters. Im Mittelpunkt stehen gegenwärtige oder vergangene Beziehungsprobleme. In keinem der Fälle gelingt deren Lösung befriedigend. Die Figuren sind häufig durch Schuld, Unentschlossenheit, Verrat, Erinnerung oder unausgesprochene Konflikte geprägt.
Zentrale Themen und Überblick
Die Erzählungen zeigen verschiedene Formen des Scheiterns in Beziehungen. Ein junger Mann wird durch Verbrechen seines Vaters in der Vergangenheit emotional gelähmt. Ein Westdeutscher wird von einem DDR-Ehepaar benutzt, um deren Beziehung zu retten. Ein Rentner entdeckt nach dem Tod seiner Frau deren Untreue. Ein Architekt kann sich zwischen mehreren Frauen nicht entscheiden.
Weitere Konflikte betreffen deutsche Geschichte, Schuld und Nähe: Ein deutscher Student fühlt sich von seiner jüdischen US-Freundin als Kryptonazi gebrandmarkt. Ein Waffenstillstandsbeobachter erlebt im Sterben seine Nichtverbundenheit zu seinem Sohn. Ein alternder Mann weiß nicht, wie er mit einem Lebenstraum umgehen soll, als dieser wirklich zu werden scheint.
Einzelne Erzählungen
In Das Mädchen mit der Eidechse ist ein Mann seit seiner Kindheit stärker von einem Gemälde angezogen als von wirklichen Beziehungen zu Frauen. Später findet er heraus, dass das Bild aus jüdischen Verhältnissen stammt, die sein Vater im 3. Reich wohl sexuell ausgebeutet hat. Als Vorlage diente Bernhard Schlink das Gemälde Das Mädchen mit der Eidechse (1884) von Ernst Stückelberg; in der Erzählung wird es dem fiktiven Maler René Dalmann zugeschrieben.
In Der Seitensprung wird ein Berliner Sozialrichter von der Frau eines ostdeutschen Freundes verführt. Sie hat erfahren, dass ihr Mann Angaben über sie bei der Staatssicherheit gemacht hatte, um die Familie zu retten. Der Seitensprung dient ihr als Ausgleich für diesen Verrat. Die Geschichte wird aus der Perspektive des Sozialrichters erzählt.
In Der Andere entdeckt ein Höherer Beamter nach dem Tod seiner Frau, dass sie einmal in einen Pleitier verliebt war. Er unterstützt diesen Mann zunächst finanziell, um ihn besser beobachten zu können. Der Mann richtet mit dem Geld einen Empfang für die Frau aus und nach der Nachricht von ihrem Tod ein Abschiedsessen, bei dem gescheiterte Existenzen ihr große Ehre erweisen.
In Zuckererbsen gelingt einem 68er beruflich und privat vieles leicht, doch er kann sich auf nichts festlegen. Auch eine asketische Wanderexistenz gibt ihm keinen Sinn. Nach einem Unglück kehrt er als Rollstuhlfall zu den drei Frauen seines Lebens zurück, die inzwischen gemeinsam Entscheidungen für ihn treffen. Daraus entsteht für ihn wenigstens ein Anlass zum Engagement gegen diese Entscheidungen.
Weitere Konflikte
In Die Beschneidung leidet ein deutscher Gaststudent in Amerika unter dem Deutschlandbild seiner jüdischen Freundin, zumal er ihr in mehreren Punkten recht gibt. Ihr zuliebe lässt er sich beschneiden. Sie bemerkt es jedoch nicht oder will es nicht würdigen, woraufhin er sie verlässt.
In Der Sohn steht ein Professor für Völkerrecht im Mittelpunkt, der schon für verschiedene internationale Organisationen gearbeitet, in Komitees gesessen, Berichte verfasst und Abkommen entworfen hat. Statt einer Friedenstruppe werden in ein vom Krieg verwüstetes Land nur wenige Beobachter geschickt. Am Ende seines Lebens hält er sich für einen Scharlatan, der sich der Wirklichkeit nicht stellt. Auch gegenüber seinem Sohn fühlt er sich schuldig, weil er nicht um ihn gekämpft hat. Aus diesem Schuldgefühl heraus nimmt er eine riskante Mission an und wird selbst Opfer eines faulen Kompromisses.
In Die Frau an der Tankstelle hat ein über 50-jähriger Mann seit seiner Jugend immer wieder denselben Traum: Eine Frau geht mit ihm hinauf, und sie lieben sich. Zur Silbernen Hochzeit reist er mit seiner Ehefrau, der er überdrüssig geworden ist, durch Amerika. Die beiden kommen sich wieder näher. An einer Tankstelle erlebt er etwas, das dem Anfang seines Traums entspricht, hat aber nicht den Mut, den Traum weiterzuverfolgen. Aus Ärger über seine eigene Unentschlossenheit verlässt er danach spontan seine Frau.
Rezeption und Ausgaben
Liebesfluchten wurde nach dem Erscheinen ein Bestseller. Auf der Bestsellerliste des Spiegels für das Jahr 2000 erreichte das Buch in der Kategorie Belletristik Rang 5. Die Erzählung Der Andere wurde 2008 unter demselben Titel in leicht veränderter Form verfilmt, mit Liam Neeson, Antonio Banderas und Laura Linney; Regie führte Richard Eyre.
Die Rezeption war gemischt. Andreas Nentwich sah in der Neuen Zürcher Zeitung Schlinks Stärke beim Darstellen des „Für und Wider in Konflikten“, kritisierte aber einen „Bodensatz von Klischees“. Kathrin Schmidt nannte die Sammlung in der Wochenzeitung der Freitag „solide Handarbeit vom Reissbrett“ und hielt die Texte für „eher ‚gut‘ zu lesen, zu gut und zu simpel“ für das Gewicht, das sie tragen wollten.
Die Erstausgabe erschien 2000 bei Diogenes in Zürich mit der ISBN 3-257-06230-3. Weitere Ausgaben erschienen 2001 als Diogenes-Taschenbuch, 2005 in der Diogenes Bibliothek und 2009 als Lizenzausgabe bei A. Springer in Berlin. 2012 erschien ein Hörbuch bei Diogenes Zürich mit 559 Minuten auf 6 CDs, gelesen von Charles Brauer, ISBN 978-3257803327.