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Kastenstreit
Als Kastenstreit wird die Diskussion der europäisch christlichen Missionsgruppen in Indien über den richtigen Umgang mit dem von ihnen vorgefundenen …
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Kern des Kastenstreits
Als Kastenstreit wird die Diskussion europäisch-christlicher Missionsgruppen in Indien über den richtigen Umgang mit dem dort vorgefundenen Kastenwesen im 18. Jahrhundert bezeichnet. Im Zentrum stand die Frage, ob und wie christliche Gemeinden mit sozialen Trennungen nach Kaste vereinbar sein konnten. Für die Missionare war das ein praktisches und theologisches Problem: Das Christentum betonte die Gleichheit der Menschen vor Gott, während das Kastensystem Menschen in feste soziale und religiöse Gruppen einordnete.
Der Streit betraf nicht nur Glaubensfragen, sondern auch den Alltag der Gemeinden: Sitzordnung in der Kirche, gemeinsames Abendmahl, gemeinsames Essen, Aufnahme von Lehrern aus niedrigeren Kasten und die Frage, ob Konvertierte ausdrücklich mit dem Kastensystem brechen mussten. Die Antworten der Missionsgesellschaften waren unterschiedlich. Einige verlangten eine klare Abschaffung kastengebundener Trennungen in christlichen Gemeinden, andere suchten Kompromisse, weil ein vollständiger Bruch mit der Kaste für indische Christen soziale Ausgrenzung bedeuten konnte.
Missionen in Tranquebar
Die christliche Mission in Indien war eng mit europäischen Kolonialmächten verbunden. Unter der britischen East India Company wurde Mission zunächst eher unterbunden; die Politik war anfangs missionskritisch. Das änderte sich nach der Übernahme der Gebiete der East India Company durch die britische Krone im Jahr 1858. Danach gewann besonders die anglikanische Mission an Einfluss. Neben den Briten waren auch Portugiesen, Niederländer mit der Niederländischen Ostindien-Kompanie und Dänen in Indien aktiv.
Über die dänische Kolonie Tranquebar kamen auch deutsche Missionare nach Indien. Die Dänisch-Hallesche Mission begann 1706 mit der Ankunft der ersten Missionare Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau. Sie endete 1837 mit dem Tod ihres letzten Missionars August Friedrich Crämer.
Die Evangelisch-Lutherische Mission zu Leipzig, auch Leipziger Missionswerk genannt, verstand sich als Nachfolgeorganisation der Dänisch-Halleschen Mission. 1840 schickte sie ihren ersten Missionar, Heinrich Cordes, nach Indien. 1845 wurden die dänischen Güter an die Engländer übergeben, und anglikanische Missionsgesellschaften übernahmen die Leitung der Mission vor Ort. Während des Ersten Weltkrieges übernahm die Schwedische Kirchenmission die Arbeit der deutschen Missionare, die von den Briten interniert wurden. 1919 wurde die unabhängige Tamil Evangelical Lutheran Church gegründet, mit der das Leipziger Missionswerk bis heute eine Partnerschaft besitzt.
Kaste, Varna und Jati
Der Begriff Kaste stammt wohl vom portugiesischen Wort „Casta“ ab, das so viel wie „etwas nicht Vermischtes“ bedeutet. Die Portugiesen verwendeten ihn für die „Vielfalt sozialer und religiöser Gruppierungen“, die sie in Indien vorfanden. Im Verlauf der Kolonisation setzte sich der Begriff durch und wurde ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Europa zur Beschreibung verschiedener Gruppen innerhalb der indischen Gesellschaft verwendet. Ziegenbalg schrieb im frühen 18. Jahrhundert noch nicht von Kasten, sondern von „Geschlechtern“.
Wichtige Texte zum Ursprung des Kastenwesens sind der Purusa-Mythos und der Manavadharmasastra, ein von Brahmanen verfasster Gesetzestext aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Europäer unterschieden mit dem Begriff Kaste oft nicht genau zwischen Varna und Jati, sondern vermischten beide Begriffe.
Varna bedeutet „Stand“ und teilt die Gesellschaft in vier Klassen: Brahmanen stehen an oberster Stelle, danach folgen Kshatriya, Vaishya und Shudra. Kastenlose und Unberührbare gehören nicht zum Kastensystem und stehen außerhalb davon. Jati bezeichnet dagegen Familienverbünde und Berufsgruppen. Die Jati sind voneinander abgegrenzt, verstehen sich als Einheit und ordnen sich einer Kaste zu.
Hugald Grafe beschreibt Kaste als eine feste sozio-religiöse Identität der Geburt, die Menschen durch Abstammung, Heirat, Familie, Sprache, Gestik, Küche, Namen, Kleidung, Tischgemeinschaft, Beruf, gesellschaftlichen Verkehr, Verehrung von Gottheiten, Riten und vieles mehr verbindet und trennt. Ziegenbalg beschrieb vier „Haupt-Geschlechter“, die weiter unterteilt seien und sich unter anderem in „Trau-Ceremonien“, „Esz-Ceremonien“, Kleidung, Würde und Beruf unterschieden. Sein Hauptaugenmerk lag auf den Shudras, die er in 71 Familien, also Jati, einteilte.
Positionen der Missionare
Die Vereinbarkeit von christlicher Mission und Kaste beschäftigte protestantische Missionare dauerhaft. Wie die Dänisch-Hallesche Mission damit umging, ist nicht ganz eindeutig zu bestimmen. Es lässt sich aber vermuten, dass in der Gemeinde symbolisch die Gleichheit aller Mitglieder galt, während bestimmte Trennungen beibehalten wurden. Ziegenbalg schrieb zwar von der Möglichkeit der Heirat zwischen verschiedenen Jati innerhalb der christlichen Gemeinde; zugleich wurden vermutlich getrennte Sitzordnungen und getrennte Abendmahlskelche beibehalten.
Die anglikanische Mission unter Bischof Daniel Wilson forderte dagegen die Abschaffung der Institution Kaste in den Gemeinden, und zwar „entschieden, unverzüglich und ein für alle Mal“. Zu seinen Forderungen gehörten die Abschaffung der getrennten Sitzordnung in der Kirche, das gemeinsame Einnehmen des Abendmahls und die Pflicht für Gemeindemitglieder höherer Kasten, auch Lehrer aus niedrigeren Kasten anzunehmen.
Diese Maßnahmen stießen auf Widerstand. Gemeinden fürchteten einerseits den vollständigen Ausschluss aus ihrer Hinduverwandtschaft. Andererseits wollten sie nicht als ungehorsame Christen gelten, wenn sie die Forderungen nicht erfüllten. Dadurch kam es zu Abspaltungen. Einige schlossen sich den deutschen Lutheranern an, die eine moderatere Kastenpolitik verfolgten.
Folgen und Kompromisse
1850 gingen angelsächsische Missionsgesellschaften weiter und verlangten von zum Christentum Konvertierten einen konkreten Bruch mit dem Kastensystem. Dieser Bruch sollte durch ein Gemeinschaftsmahl sichtbar werden, bei dem Speisen mit allen gemeinsam eingenommen werden mussten. Gemeinden mussten diese Praxis durchsetzen und Rechenschaft darüber ablegen.
Diese Politik hatte unerwartete Folgen. Häufig konvertierten fast nur Mitglieder derselben Jati innerhalb einer Gemeinde. Für obere Klassen, besonders Brahmanen, blieb das Christentum unattraktiv. Untere Kasten nahmen eher das von Missionaren eingerichtete Bildungssystem an, in der Hoffnung auf gesellschaftlichen Aufstieg. Weil sich bestimmte Jati in bestimmten Gemeinden konzentrierten, wurde das Kastensystem nicht abgeschafft, sondern teilweise sogar gestärkt. Viele Gemeinden mussten einräumen, dass die Abschaffung in der Realität kaum durchsetzbar war, weil das Kastenwesen tief in der indischen Kultur verankert war.
Die Leipziger Nachfolge-Mission unter Karl Graul sah Bildung als wichtiges Mittel zur Überwindung des Kastendenkens. Auch dort kam es aber zu Streit, besonders bei der Ordination. Wenigstens bei einer Ordination sollte ein Gemeinschaftsessen stattfinden. Der erste tamilische Ordinand, Nallatambi, wurde im Februar 1854 von Carl Ochs dazu aufgefordert, lehnte dies aber ab, sodass ein Kompromiss nötig wurde. 1857 trat ein Erlass in Kraft: Ordinanden mussten geloben, sich in ihren Aufgaben nicht durch Kastendenken behindern zu lassen. Dieser Vorschlag fand bei Gemeinden und bei Nallatambi Anklang; er ließ sich später ordinieren. Für viele Missionare war der Kompromiss jedoch zu schwach. Deshalb traten einige aus dem Dienst aus, darunter 5 von 13 Missionaren, unter ihnen Carl Ochs.
Zentrales Problem der Debatte
Die Diskussionen über den richtigen Umgang mit dem Kastenwesen gingen weiter. Zwischen deutschen Missionsgesellschaften entstanden Streitigkeiten über die richtige Haltung, und auch innerhalb einzelner Missionsgesellschaften kam es zu Spaltungen. Das Grundproblem blieb, wie weit christliche Mission auf das bestehende Kastensystem Rücksicht nehmen sollte, da es weiterhin ein wichtiger Bestandteil der indischen Kultur war und bis heute geblieben ist.
Für Konvertierte war die Entscheidung besonders schwierig. Wer zum Christentum übertrat, riskierte die Anerkennung durch Verwandte und den Ausschluss aus der Gesellschaft. Für Missionare entstand daraus ein weiteres Problem: Wenn ein Christ durch die Ablehnung des Kastensystems isoliert wurde, konnte er kaum noch missionarisch in seinem Angehörigenkreis oder unter seinen Kastengenossen tätig sein. Diese Spannung zwischen christlichem Gleichheitsanspruch, sozialer Wirklichkeit und missionarischer Praxis blieb das zentrale Thema der weiteren Kastendebatte.