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Kapitänssyndrom

Unter Kapitänssyndrom oder Kapitänssymptomatik versteht man das Phänomen, dass viele Lernende in der Mathematik versuchen, Sachaufgaben – sogenannte …

Inhalt2 Abschnitte
  1. 1. Kern des Phänomens
  2. 2. Untersuchung und typische Aufgaben

Kern des Phänomens

Unter Kapitänssyndrom oder Kapitänssymptomatik versteht man das Phänomen, dass Lernende mathematische Sachaufgaben zu lösen versuchen, obwohl die Aufgabe anhand des beschriebenen Sachverhalts gar nicht lösbar ist. Solche Aufgaben werden Kapitänsaufgaben genannt. Die entscheidende Information für die gefragte Lösung fehlt; die Angaben reichen also nicht aus, um die Frage sachlich zu beantworten.

Typisch ist, dass Zahlen aus dem Aufgabentext unabhängig von ihrer Bedeutung und ihrem Zusammenhang durch Rechenoperationen miteinander verbunden werden. Das daraus entstehende Rechenergebnis wird anschließend als Antwort angegeben. Der Name des Phänomens geht auf eine entsprechende Aufgabenstellung in einer Untersuchung zurück.

Untersuchung und typische Aufgaben

Im Jahr 1980 untersuchte eine Arbeitsgruppe über Elementarunterricht am Institut de Recherche sur l’Enseignement des Mathématiques (IREM) der Universität Grenoble Kinder aus der zweiten und dritten Klasse. Die Kinder sollten die Frage beantworten: „Auf einem Schiff sind 26 Schafe und 10 Ziegen. Wie alt ist der Kapitän?“

76 der 97 befragten Schüler kombinierten die angegebenen Zahlen auf irgendeine Weise und nannten ein Ergebnis als Antwort, obwohl aus den Angaben kein Alter des Kapitäns bestimmt werden kann. Das Verhalten zeigte sich auch bei mehreren ähnlich aufgebauten Aufgaben. Es beschränkt sich nicht nur auf unlösbare Fragen: Bei der Aufgabe „Ein 27 Jahre alter Hirte hat 25 Schafe und 10 Ziegen. Wie alt ist der Hirte?“ führten Kinder ebenfalls Rechenoperationen aus, obwohl die Antwort bereits ausdrücklich in der Frage steht. Außerdem wurde beobachtet, dass solche Rechenoperationen mit zunehmendem Alter der Kinder häufiger vorkommen.

Anlass für die Untersuchung in Grenoble war ein Brief des französischen Autors Gustave Flaubert an seine Schwester Caroline aus dem Jahr 1841. Darin beschreibt Flaubert ein von Boston kommendes, mit Baumwolle beladenes Schiff von 200 Registertonnen, das nach LeHavre segelt. Der Großmast ist gebrochen, auf der Back befindet sich ein Schiffsjunge, zwölf Passagiere sind an Bord, der Wind steht Ostnordost, die Schiffsuhr zeigt viertel nach drei am Nachmittag, und es ist Mai. Anschließend fragt der Text: „Wie alt ist der Kapitän?“ Auch diese umfangreiche Beschreibung enthält keine Angabe, aus der sich das Alter des Kapitäns berechnen lässt.

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