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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Intellektuelle Verantwortung

Menschen haben demnach die Verantwortung dafür, nur Dinge zu glauben, für die sie einen Beleg haben, und kein Urteil zu fällen, solange dieser Beleg aussteht.

Inhalt3 Abschnitte
  1. 1. Grundgedanke der intellektuellen Verantwortung
  2. 2. Cliffords strenge Begründungspflicht
  3. 3. Einwände und weitere Positionen

Grundgedanke der intellektuellen Verantwortung

Intellektuelle Verantwortung, auch epistemische Verantwortung genannt, ist ein philosophisches Konzept. Es besagt, dass Menschen nur Dinge glauben sollen, für die sie ausreichende Belege haben. Solange ein Beleg aussteht, sollen sie kein entsprechendes Urteil fällen und den Glauben nicht übernehmen. Diese Verpflichtung wird nicht nur als Frage des Wissens, sondern auch als ethische Verantwortung verstanden: Ein unbegründeter Glaube kann das eigene Handeln und dadurch andere Menschen beeinflussen.

Im Mittelpunkt steht deshalb der sorgfältige Umgang mit Belegen. Relevant sind sowohl die Frage, ob ein Glaube ausreichend begründet ist, als auch die Frage, ob vorhandene Gegenargumente oder Belege berücksichtigt werden. Verschiedene Philosophen legen dabei unterschiedlich streng fest, welche moralischen Folgen ein unbegründeter Glaube hat.

Cliffords strenge Begründungspflicht

William Kingdon Clifford formulierte die intellektuelle Verantwortung in einer Erzählung über einen Schiffsinhaber. Dieser weiß, dass sein Schiff möglicherweise Defekte aufweist. Weil eine Inspektion hohe Kosten und eine Verzögerung der Abfahrt verursachen würde, verschiebt er sie. Da ihm kein Beweis für tatsächliche Mängel vorliegt, glaubt er, das Schiff sei seetüchtig, und verkauft die Tickets. Das Schiff sinkt auf hoher See; der Schiffsinhaber erhält den Versicherungswert zurück.

Nach Clifford ist der Schiffsinhaber für den Tod der Matrosen und Passagiere verantwortlich. Er hätte seinen Glauben an die Sicherheit des Schiffes hinterfragen und die Inspektion durchführen müssen. Für Clifford bleibt der Schiffsinhaber sogar dann schuldig, wenn die Überfahrt ohne Probleme verlaufen wäre. Entscheidend ist bereits, dass er einen Glauben ohne ausreichende Belege angenommen hat. Ob daraus tatsächlich ein Schaden entsteht, ändert nichts daran, dass er epistemisch und moralisch falsch gehandelt hat.

Cliffords Grundsatz lautet: „Es ist immer und überall und für alle falsch, etwas ohne ausreichende Belege zu glauben.“ Daraus folgt eine sehr weitgehende Kritik an der Glaubensfreiheit. Clifford hält auch einen angeblich „privaten Glauben“ für nicht wirklich privat, weil Menschen über ihre Glaubenssätze sprechen und diese dadurch verbreiten. Außerdem beeinflussen Glaubenssätze das Verhalten, selbst wenn sie nicht ausgesprochen werden. Als Beispiel wird der Sexismus genannt: Wer glaubt, Frauen seien Männern unterlegen, kann danach handeln und dadurch seine Umwelt beeinflussen. Befindet sich die Person in einer Machtposition, kann ihr Verhalten zusätzlich von anderen übernommen werden.

Clifford überträgt seine Kritik auch auf religiösen Glauben. Der Glaube an einen Gott, dessen Existenz nicht bewiesen werden kann, gilt ihm als „blinder Glaube“. Dieser könne dazu führen, dass eine Person andere Fakten und Argumente ignoriert und ein unerforschtes sowie unbedachtes Leben führt.

Einwände und weitere Positionen

William James wandte sich gegen Cliffords Auffassung, der Glaube an Gott sei unmoralisch. Nach James eröffnet ein Glaube bestimmte Handlungsmöglichkeiten, die ohne diesen Glauben nicht bestehen würden. Ob der Glaube moralisch gerechtfertigt ist, hängt daher von der Art und den Auswirkungen der daraus entstehenden Handlungen ab. Weil James an positive Auswirkungen von Religion glaubte, hielt er religiösen Glauben für akzeptabel.

Dem wird entgegengehalten, dass religiöser Glaube auch negative Folgen für die Umwelt und andere Menschen haben kann. Dazu gehört, notwendige Handlungen wegen des Vertrauens auf eine ohnehin positive Entwicklung zu unterlassen, etwa Philanthropie, Umweltschutz oder Impfungen. Ebenso können negative Handlungen begangen werden, um einen Glauben zu verteidigen, beispielsweise Missionierung oder im Extremfall ein Selbstmordattentat.

Noam Chomsky beschreibt in seinem Essay „The Responsibility of Intellectuals“ eine besondere Verantwortung intellektueller Menschen. Sie sollen die Wahrheit suchen und Lügen bloßstellen. Wer als Whistleblower Missstände oder Unwahrheiten aufdeckt, folgt nach dieser Auffassung seiner ethischen und moralischen Verantwortung.

Peter van Inwagen formuliert eine Variante von Cliffords Grundsatz. Danach ist es „immer, überall und für alle“ falsch, Belege zu ignorieren, die für die eigenen Glaubenssätze und Vorstellungen relevant sind, oder solche Belege auf einfache beziehungsweise unzulässige Weise zurückzuweisen. Seine Formulierung betont damit besonders die Pflicht, relevante Belege ernst zu nehmen und nicht bequem zu verwerfen.

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