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En-hedu-anna
En-ḫedu-ana (auch En-hedu-anna, En-chedu-ana; sumerisch En-he 2-du 7-an-na, auch Enḫeduanna/Encheduanna/Enheduanna) war En-Priesterin des Gottes Nanna-Suen …
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Bedeutung und Quellenlage
En-ḫedu-anna (auch En-hedu-anna, En-chedu-ana und weitere Schreibweisen) war im 23. Jh. v. Chr. En-Priesterin des Mondgottes Nanna-Suen in der südmesopotamischen Stadt Ur und eine Tochter Sargons von Akkad. Sie gilt als erste namentlich bekannte Autorin der Menschheitsgeschichte, deren Werke schriftlich überliefert sind. Ihre besondere Bedeutung liegt darin, dass sie sich als erste bekannte Schriftstellerpersönlichkeit selbst in ihren Texten nennt und persönliche Erfahrungen literarisch verarbeitet.
Die zeitgenössischen Zeugnisse zu ihrem Leben sind spärlich. Eine im E-gipar von Ur gefundene Alabasterscheibe, heute im Penn Museum in Philadelphia, zeigt En-ḫedu-anna bei einer Kulthandlung. Die zerbrochen aufgefundene Inschrift lässt sich anhand einer altbabylonischen Abschrift rekonstruieren. Sie berichtet von der Stiftung eines Sockels für den Gott An in Ur und bezeichnet En-ḫedu-anna als Tochter Sargons von Akkad, als zirru-Priesterin und als Gemahlin des Mondgottes Nanna. Zwei Rollsiegel und eine Siegelabrollung, die auf ihren Friseur, Haushofmeister und Schreiber zurückgehen, bestätigen ebenfalls ihre Abstammung von Sargon.
Amt in Ur und religiöse Stellung
En-ḫedu-anna war die Hohepriesterin des Mondgottes Nanna in Ur und galt zugleich als dessen Gemahlin. Ihr Name wird aus dem Sumerischen als „Hohepriesterin, Zierde des Himmels(gottes) An“ übersetzt. Ihr Amtssitz war das E-gipar, der Tempelbereich der Hohepriesterin.
Um 2350 v. Chr. eroberte Sargon von Akkad das gesamte Zweistromland und gründete mit dem Akkadischen Reich den ersten Flächenstaat des Alten Orients. Wahrscheinlich setzte er seine Tochter als En-Priesterin des Nanna in Ur ein; ein solches Vorgehen ist auch für spätere Könige belegt. Das Amt hatte daher nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Bedeutung.
Das sumerische Wort En bedeutet wörtlich „Herr“. In Städten wie Uruk konnte es tatsächlich ein Königstitel sein, bezeichnete aber auch das höchste weibliche Priesteramt; die entsprechende akkadische Bezeichnung lautet entu(m). In Ur wurde die En-Priesterin als Gemahlin des Stadtgottes Nanna beziehungsweise Suen verstanden und deshalb mit der Göttin Ningal identifiziert.
Die Rebellion des Lugal-Ane
Gegen Ende der Regentschaft von Sargons Enkel Narām-Sîn erhoben sich zahlreiche ehemalige Stadtstaaten gegen die akkadische Zentralgewalt. Hinweise im Lied Nin me šara erlauben eine Rekonstruktion der Ereignisse aus der Sicht En-ḫedu-annas.
In Ur gelangte ein Herrscher namens Lugal-Ane an die Macht. Er berief sich auf die Legitimation durch den Stadtgott Nanna und verlangte vermutlich von En-ḫedu-anna, als Hohepriesterin und Gemahlin des Gottes seine Herrschaft zu bestätigen. En-ḫedu-anna verweigerte dies, weil sie die sargonidische Dynastie vertrat. Daraufhin wurde sie aus ihrem Amt suspendiert und aus Ur vertrieben. Wahrscheinlich fand sie in der Stadt Ĝirsu Zuflucht; darauf deutet die Erwähnung des dortigen Tempels E-ešdam-ku hin.
Im Exil komponierte sie vermutlich Nin me šara. Das Lied sollte die Göttin Inanna zum Eingreifen zugunsten En-ḫedu-annas und des Akkadischen Reiches bewegen. Inanna war als Ištar die Schutzgöttin der sargonischen Dynastie. Narām-Sîn schlug schließlich die Rebellion Lugal-Anes und weiterer Könige nieder und stellte die akkadische Zentralgewalt für den Rest seiner Regentschaft wieder her. Wahrscheinlich kehrte En-ḫedu-anna anschließend in ihr Amt in Ur zurück.
Zentrale Werke und Zuschreibungen
Mit En-ḫedu-anna werden mehrere religiöse Literaturwerke in sumerischer Sprache verbunden:
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Nin me šara („Herrin der unzähligen Me“, modern auch The Exaltation of Inana oder Inana B) ist ein Preislied an Inanna mit 154 Zeilen. Der Text bezieht sich auf die Rebellion des Lugal-Ane und En-ḫedu-annas Verbannung. In einem erzählten Mythos stattet An, der König der Götter, Inanna mit göttlichen Kräften aus. Sie vollstreckt sein Urteil über die Städte von Sumer, wird zur Herrscherin des Landes und zur mächtigsten der Götter. Als Ur gegen ihre Herrschaft rebelliert, fällt Inanna ihr Urteil über die Stadt und lässt es durch Nanna, den Stadtgott von Ur und ihren Vater, vollstrecken. Die Zerstörung von Ur und Lugal-Ane erscheint dadurch als göttlich legitimiert. Der Text wurde als mächtiges Ritual verstanden, das den Ausgang des Krieges beeinflussen sollte. En-ḫedu-anna nennt sich in den Zeilen 67 und 81 selbst als Autorin und Sprecherin. Das Werk gilt als besonders schwierig innerhalb der sumerischen Literatur.
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Innin ša gura („Herrin des großen Herzens“, modern auch Inana C) ist eine 274 Zeilen umfassende Hymne an Inanna. Auch hier identifiziert sich En-ḫedu-anna selbst. Ein unmittelbarer historischer Zusammenhang wie in Nin me šara fehlt jedoch. Der Text preist Inannas Allmacht und Zerstörungskraft, erwähnt ihre Erhöhung durch An und bezieht sich auf den Mythos von Inanna und Ebiḫ. Die Auflistung ihrer Machtmittel, der Me, weist Parallelen zu lexikalischen Listen auf.
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Die Tempelhymnen umfassen 40 kurze Hymnen an Tempel mesopotamischer Städte mit insgesamt 545 Zeilen. Die Reihenfolge reicht von Eridu im Süden bis zu Akkade, Sippar und Ešnunna im Norden und erfasst die wichtigen Städte von Sumer und Akkad zur Zeit Sargons. Die Sammlung ist eine wichtige Quelle für Tempel, Götter, religiöse Vorstellungen, Ritualhandlungen und mit Tempeln verbundene Mythen.
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In einem balbale-Lied an Nanna, konventionell Nanna C genannt, wird En-ḫedu-anna mehrfach erwähnt. Die genaue Verbindung zu ihrer Biografie bleibt jedoch unklar.
Alle diese Texte sind nur durch Abschriften aus der altbabylonischen Zeit, etwa 2000–1600 v. Chr., erhalten. Manuskripte aus En-ḫedu-annas eigener Zeit fehlen bislang. Für Nin me šara sprechen orthografische, literarische und historische Kriterien für eine Entstehung in der altakkadischen Zeit und damit möglicherweise durch En-ḫedu-anna selbst. Bei den übrigen Werken ist weniger sicher, ob sie von ihr verfasst oder ihr später zugeschrieben wurden. Die Erwähnung des neusumerischen Königs Šulgi, der von 2092 bis 2045 v. Chr. regierte, in den Tempelhymnen (Zeilen 129 ff.) zeigt, dass dieser Text später noch überarbeitet wurde. Auch das Epos Inanna und Ebiḫ (Innin me ḫuša) wurde ihr gelegentlich zugeschrieben. Es weist zwar inhaltliche Parallelen zu Nin me šara und Innin ša gura auf, unterscheidet sich aber in der politischen Geographie und der Darstellung der göttlichen Hauptfiguren.
Nachwirkung und Überlieferung
Die Besetzung höchster Priesterämter mit Töchtern der Herrscher blieb auch nach Sargons Herrschaft üblich. Dies diente wahrscheinlich der Herrschaftssicherung und der Integration der unterworfenen sumerischen Bevölkerung. En-men-ana, eine Tochter Narām-Sîns, folgte En-ḫedu-anna als En-Priesterin.
Die En-ḫedu-anna zugeschriebenen Literaturwerke wurden noch Jahrhunderte nach ihrem Tod weitertradiert. In der altbabylonischen Zeit, etwa 2000–1600 v. Chr., dienten sie unter anderem der fortgeschrittenen Schreiberausbildung. Nin me šara gehörte zur Dekade, einem Lehrplan aus zehn bedeutenden literarischen Werken.
2015 benannte die Internationale Astronomische Union einen Krater auf dem Merkur nach En-hedu-anna. Sie bezeichnete sie dabei als „sumerische Dichterin und weltweit erste namentlich bekannte Autorin“ und datierte ihr Leben mit 2285 v. Chr. bis 2250 v. Chr.