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Die gelbe Tapete
Die gelbe Tapete ist eine autobiografisch geprägte Kurzgeschichte der US-amerikanischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman, …
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Gegenstand und Handlung
Die gelbe Tapete ist eine autobiografisch geprägte Kurzgeschichte der US-amerikanischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman. Sie erschien erstmals im Januar 1892 im New England Magazine. Im Mittelpunkt steht eine junge Mutter, deren Depression durch eine ärztlich verordnete „Ruhekur“ nicht geheilt wird, sondern in Wahnsinn übergeht. Die gelbe Tapete in ihrem Krankenzimmer wird dabei zum Abbild ihres sich verschlechternden psychischen Zustands.
Die namenlose Protagonistin berichtet in Tagebucheinträgen über die Behandlung ihrer nach der Geburt des ersten Kindes diagnostizierten „leicht hysterischen Tendenz“. Ihr Ehemann John, der zugleich ihr Arzt ist, verbietet ihr jede körperliche oder geistige Anstrengung. Für die Behandlung mietet die Familie ein Sommerhaus. Die Frau muss im obersten Stock in einem Raum wohnen, den sie für ein früheres Kinderzimmer hält. Dafür sprechen die vergitterten Fenster, die beschädigte Tapete, das am Boden festgenagelte Bett und die zerkratzten Dielen.
Da sie weder lesen noch schreiben und sich kaum beschäftigen darf, richtet sich ihre Aufmerksamkeit immer stärker auf die gelbe Tapete. Zunächst beobachtet sie deren Farbe, Muster und „gelben“ Geruch. Später glaubt sie, dass sich das Muster besonders im Mondlicht verändert. Schließlich ist sie überzeugt, dass sich hinter der Tapete eine eingesperrte Frau kriechend bewegt.
Die Protagonistin beginnt, die Frau befreien zu wollen, und reißt die Tapete von der Wand. Sie schließt sich ein, damit ihre Familie sie nicht daran hindert. Als John mit einem Schlüssel die Tür öffnet, sieht er seine Frau auf allen vieren an der Wand entlangkriechen. Sie erklärt, sie sei nun freigekommen und könne nicht wieder hinter die Tapete gebracht werden. John fällt in Ohnmacht; die Protagonistin kriecht weiter und über ihn hinweg.
Autobiografischer Hintergrund
Die Geschichte weist deutliche Parallelen zu Charlotte Perkins Gilmans Leben auf. Gilman heiratete 1884 den Künstler Charles Walter Stetson (1858–1911) und bekam kurz danach ihre Tochter Katherine. Nach der Geburt litt sie an Depressionen. Rückblickend ist nicht sicher geklärt, ob es sich um eine postpartale Depression oder eine andere psychische Erkrankung handelte.
Nach drei Jahren Krankheit suchte Gilman den Nervenarzt Dr. Silas Weir Mitchell auf. Er verordnete ihr eine „Ruhekur“ mit viel Bettruhe und dem Verbot körperlicher oder intellektueller Betätigung. Nachdem sich ihr Zustand zunächst besserte, wurde sie entlassen. Sie sollte sich aber höchstens zwei Stunden täglich beschäftigen und „Zeit ihres Lebens nie wieder einen Füller, Pinsel oder Bleistift in die Hand nehmen“.
In ihrem 1913 im Magazin The Forerunner veröffentlichten Text „Warum ich die gelbe Tapete schrieb“ erklärte Gilman, dass sie durch diese Anweisungen „nah an die Grenze äußersten geistigen Ruins“ gelangt sei. Sie missachtete schließlich die ärztlichen Ratschläge und nahm ihre Arbeit wieder auf; dadurch verbesserte sich ihr Zustand deutlich.
Gilman schrieb die Kurzgeschichte als Protest gegen die Unterdrückung von Frauen durch Mediziner und gegen die damalige medizinische Auffassung, Frauen seien schwächer und weniger leistungsfähig als Männer. Weibliche Beschwerden wurden häufig nicht ernst genommen oder auf den „weiblichen Geist“ zurückgeführt. Gilman vertrat dagegen die Ansicht, dass sich der männliche und der weibliche Geist nicht unterscheiden. Sie wollte Dr. Mitchell dazu bringen, seine Behandlungsmethoden zu ändern, damit andere Frauen nicht „fast bis in den Wahnsinn“ getrieben würden.
Feministische Deutung und zentrale Symbole
Aus feministischer Sicht zeigt die Kurzgeschichte eine patriarchalisch geprägte Gesellschaft und eine Medizin, deren Forschung und Behandlung vor allem auf Männer ausgerichtet war. Die Protagonistin bleibt namenlos, während John und seine Schwester Mary Namen mit Beispielcharakter tragen. Sie erscheinen als flache Stereotypen. Dadurch wird die Lage der Protagonistin als nicht nur persönliches, sondern auch gesellschaftliches Problem dargestellt.
Das Ende wird unterschiedlich bewertet. Einige Deutungen sehen die Protagonistin als von sozialen und gesellschaftlichen Zwängen befreit. Paula A. Treichler bezeichnet sie dagegen in „Escaping the Sentence: Diagnosis and Discourse in ‚The Yellow Wallpaper‘“ nur als „zeitweise frei“. Ihrer Ansicht nach hat die Protagonistin vor allem die Bedingungen erkannt, die verändert werden müssten, damit sie und andere Frauen frei sein können.
Die gelbe Tapete kann als Symbol für den psychischen Zustand der Protagonistin verstanden werden. Zugleich steht sie für sexuelle Unterdrückung und für die gesellschaftliche Lage von Frauen im Amerika des 19. Jahrhunderts. Weil die Protagonistin nicht lesen oder schreiben darf, beginnt sie, die Tapete zu „lesen“. Die Frau hinter dem Muster erkennt sie schließlich als sich selbst: Sie ist in ihrer Ehe und in den gesellschaftlichen Erwartungen gefangen. Nach Treichlers weiterführender Deutung kann die Tapete außerdem den männlichen Diskurs darstellen, der den weiblichen Diskurs beherrscht und mit Frauen gegenüber unterdrückender Sprache arbeitet.
Das frühere Kinderzimmer spiegelt den kindähnlichen und entmachteten Status der Protagonistin wider. Dies betrifft ihre rechtliche, soziale und wirtschaftliche Lage. Als Ehefrau ist sie von John abhängig; er weist ihr das Zimmer zu und lehnt ihren Wunsch nach einem anderen Raum ab. Das am Boden festgenagelte Bett wird außerdem mit ihrer unterdrückten Sexualität verbunden. Die vergitterten Fenster machen das Zimmer zu einem Gefängnis. Zusammen mit dem Kinderzimmer symbolisieren sie die Unfähigkeit der Protagonistin, sich aus ihrer gesellschaftlichen Lage zu befreien.
Weitere literarische Einordnung
Die gelbe Tapete wird auch als Beispiel für Schauerliteratur betrachtet. Die Geschichte beschreibt die Entwicklung des Wahnsinns, die Behandlung der Protagonistin und ihre zunehmende Ohnmacht. Alan Ryan bezeichnete sie als eine besonders eindrucksvolle Horrorgeschichte und stellte die beunruhigende Möglichkeit heraus, dass es sich um eine Geistergeschichte handeln könnte – oder gerade nicht.
Auch H. P. Lovecraft ordnete die Erzählung der Tradition der Schauergeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts zu. In seinem Essay Supernatural Horror in Literature nannte er sie als Beispiel für eine gute Schauergeschichte. Eine solche Geschichte müsse seiner Ansicht nach eine Atmosphäre „atemlosen und unerklärlichen Grauens“ erzeugen, die er in Gilmans Erzählung verwirklicht sah.
Rezeption und Medienadaptionen
Zunächst fand Gilman nur schwer einen Verleger. Horace Elisha Scudder lehnte die Geschichte ab, weil sie ihn beim Lesen so unglücklich gemacht habe und er nicht wollte, dass andere Leser ähnlich empfänden. Nach der Veröffentlichung 1892 waren die Reaktionen gemischt. Ein Bostoner Arzt kritisierte in The Transcript, eine solche Geschichte dürfe nicht geschrieben werden, da sie jeden Leser in den Wahnsinn treiben könne. Ein anderer Arzt lobte sie dagegen als „beste Beschreibung beginnenden Wahnsinns“, die er je gelesen habe.
1920 wurde die Kurzgeschichte in William Dean Howells’ Sammelband Great Modern American Stories aufgenommen. Danach geriet sie mehr als 50 Jahre lang weitgehend in Vergessenheit. 1973 wurde sie durch eine neue Ausgabe von The Feminist Press und anschließende, vor allem feministische Diskussionen wieder bekannt. 1978 erschien eine deutsche Übersetzung von Adelheid und Christine Zöfel in der feministischen Zeitung COURAGE.
Zu den Verfilmungen gehören die BBC-Produktion für Masterpiece Theatre von 1989 unter der Regie von John Clive nach einem Drehbuch von Maggie Wadey sowie The Yellow Wallpaper von 2012 unter der Regie von Logan Thomas. Die Produktion von 2012 ist eine an die Kurzgeschichte angelehnte Neuerzählung und keine direkte Adaption.
Für das Theater wurde 2013 eine von Katie Mitchell adaptierte Version an der Schaubühne Berlin aufgeführt und von Kritikern überwiegend positiv bewertet. Eine weitere Inszenierung entstand 2022 am Schauspiel Köln unter der Regie von Sarah Larisch.