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Die Macht der Fabel
Die Macht der Fabel (franz. Le pouvoir des fables) ist die vierte Fabel im achten Buch der Fabelsammlung Fables choisies, mises en vers des französischen …
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Kernidee und politischer Anlass
„Die Macht der Fabel“ (französisch: „Le pouvoir des fables“) ist die vierte Fabel im achten Buch der Sammlung „Fables choisies, mises en vers“ des französischen Dichters Jean de La Fontaine. Ihr zentrales Thema ist die Fähigkeit der Fabel, Menschen durch Unterhaltung zu belehren und für wichtige Fragen zu gewinnen.
La Fontaine widmete die Fabel Jean-Paul de Barillon, dem französischen Botschafter am englischen Hof. Er fordert ihn darin auf, eine gegen Frankreich gerichtete kriegerische Allianz Englands mit anderen Staaten zu verhindern und dadurch den Frieden zu bewahren. Die Einmischung in diplomatische Angelegenheiten wird ironisch dargestellt: Für den erfolgreichen Botschafter stellt der Dichter hundert Schafe als Belohnung in Aussicht. Trotz dieser Ironie bleibt das politische Anliegen ernst.
In vielen Fabeln La Fontaines werden Tiere vermenschlicht. Hier verfährt er umgekehrt: Menschen werden durch die Metapher „Das Tier mit den frivolen Köpfen“ beschrieben. Damit kritisiert er ihre Gedankenlosigkeit und ihre Neigung, sich von unterhaltsamen Dingen ablenken zu lassen.
Handlung und Wirkung der Fabel
Die eigentliche Fabelanekdote handelt von einem Redner, der die gedankenlosen Athener vergeblich vor einer äußeren Bedrohung warnt und sie zum Handeln bewegen will. Das Publikum hört ihm zunächst nicht aufmerksam zu. Erst als der Redner beginnt, eine Fabel zu erzählen, wird es interessiert und fordert ihn auf, die Geschichte fortzusetzen.
Der Redner führt die Fabel jedoch nicht weiter. Stattdessen formuliert er die Moral auf der Ebene der énonciation, also der Aussage beziehungsweise des Sprechakts. Er wirft seinen Zuhörern vor, dass sie an solchen Kinderfabeln („contes d’enfant“) größeres Interesse zeigen als am Wohlergehen ihres eigenen Staates. Durch diese Zurechtweisung erkennen die Athener ihren Fehler und folgen schließlich der politischen Argumentation des Redners.
Die Macht der Fabel besteht somit in ihrer sprachlichen Wirkung: Sie lenkt Zuhörer oder Leser zunächst durch Unterhaltung ab und bringt sie gerade dadurch dazu, sich mit Themen zu beschäftigen, denen sie sonst ausweichen würden. Die Fabel ist daher zugleich unterhaltsam und erzieherisch; ihre Ablenkung wird zum Mittel, um Aufmerksamkeit für eine wichtige politische oder gesellschaftliche Frage zu schaffen.