Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Design für Alle

Politik und Gesetzgebung Bearbeiten. Barrierefreiheit ist in Deutschland in Landesbauordnungen und Normen (z. B. DIN 18040) technisch-funktional definiert.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Kriterien für die Gestaltung
  3. 3. Gesellschaftlicher Kontext und Beispiele
  4. 4. Recht und politische Umsetzung
  5. 5. Forschung, Netzwerke und Auszeichnungen

Grundidee und Bedeutung

Design für Alle (DfA) ist ein Konzept zur Planung und Gestaltung von Produkten, Dienstleistungen und Infrastrukturen. Ziel ist, dass möglichst alle Menschen sie ohne individuelle Anpassung oder besondere Assistenz nutzen können. Die Lösungen sollen auch bei besonderen Anforderungen, etwa aufgrund des Alters oder einer Behinderung, gebrauchsfreundlich sein und zugleich als komfortabel und attraktiv wahrgenommen werden.

Design für Alle versteht Gestaltung als Prozess, der Zugänglichkeit, Nutzbarkeit und Erlebbarkeit für möglichst viele Menschen anstrebt. Gebaute Umwelt, Produkte und Dienstleistungen sollen die Vielfalt menschlicher Fähigkeiten, Fertigkeiten, Bedürfnisse und Vorlieben berücksichtigen. Speziallösungen, die einzelne Nutzergruppen sichtbar absondern oder stigmatisieren könnten, sollen möglichst vermieden werden.

Das Konzept zielt von Anfang an auf die Inklusion aller potenziellen Nutzer und auf ihre Teilnahme an wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und Freizeitaktivitäten. Ähnliche Ansätze sind Universal Design in den USA und Japan sowie Inclusive Design im Vereinigten Königreich. Design für Alle zeichnet sich zusätzlich dadurch aus, dass es den Entstehungsprozess – einschließlich Nutzerorientierung und Nutzereinbindung – sowie die marktorientierte Gestaltung und den Vertrieb berücksichtigt.

Kriterien für die Gestaltung

Produkte im Sinne des Design für Alle sollen fünf zentrale Kriterien erfüllen:

  • Gebrauchsfreundlichkeit: Das Produkt soll einfach und sicher nutzbar sein.
  • Anpassbarkeit: Unterschiedliche Nutzer sollen es an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen können.
  • Nutzerorientierung: Nutzer und ihre Perspektiven sollen bereits frühzeitig in den Entwicklungsprozess einbezogen werden.
  • Ästhetische Qualität: Die Gestaltung soll attraktiv sein, weil nur attraktive Produkte eine breite Gruppe erreichen können.
  • Marktorientierung: Das Produkt soll breit am Markt positioniert werden, damit das gesamte Marktpotenzial möglichst gut ausgeschöpft wird.

Damit geht Design für Alle über eine rein technisch-funktionale Zugänglichkeit hinaus. Gute Lösungen verbinden praktische Nutzbarkeit, ansprechende Gestaltung, die Beteiligung der Nutzer und wirtschaftliche Verbreitung.

Gesellschaftlicher Kontext und Beispiele

Der demografische Wandel verändert in Industrienationen die Anforderungen an Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen. Durch Geburtenrückgänge und eine zunehmende Lebenserwartung altert die Gesellschaft; zugleich wächst die Zahl der Menschen mit Behinderungen sowie dauerhaften oder zeitweiligen Einschränkungen. Weitere Veränderungen sind eine höhere Mobilität, die Zuwanderung von Bevölkerungsgruppen mit neuen Anforderungen und die Zunahme von Allergien und Unverträglichkeiten.

Design für Alle richtet sich jedoch nicht nur an ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen. Es soll auch bisher wenig beachtete Nutzergruppen einbeziehen. Dazu gehören Kinder, Rechts- und Linkshänder sowie Frauen in der Arbeitswelt.

Typische Produktbeispiele sind ein flacher Stecker, der hinter Möbel passt und sich leicht aus der Steckdose hebeln lässt, eine einhändig bedienbare Salatschleuder, ein Weinetikett mit zusätzlicher Braille-Beschriftung und ein Sparschäler für Rechts- und Linkshänder. Auch mithilfe der Disability Game Studies entwickelte Spiele werden genannt.

Bei Dienstleistungen und Gebäuden gehören barrierefreie Hotels und öffentliche Gebäude, hindernisfrei anpassbare Wohnungen und barrierefreie Haltestellen zu den Beispielen. Beispiele für Infrastrukturen sind kontrastreiche Schiebetüren und Niederflurbusse.

Recht und politische Umsetzung

In Deutschland ist Design für Alle – anders als Barrierefreiheit – nicht gesetzlich verankert. Barrierefreiheit wird in Landesbauordnungen und Normen wie DIN 18040 technisch-funktional beschrieben. Festgelegt werden beispielsweise Abmessungen, Neigungen, Kontraste und das Ansprechen verschiedener Sinne. Dadurch soll eine eigenständige Nutzung von Produkten oder Einrichtungen möglich werden. Die ästhetische Gestaltung einer Vorrichtung zur Herstellung von Barrierefreiheit spielt in diesen Vorgaben keine Rolle.

Design für Alle widerspricht der Barrierefreiheit nicht, ergänzt sie aber um gestalterische und ästhetische Gesichtspunkte. Außerdem erfasst es Produkte und Umweltbereiche, für die keine Barrierefreiheitsnormen gelten.

Politische Ansätze bestehen auch außerhalb verbindlicher Gesetze und Normen. Im Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention von 2011 verpflichtete sich die Bundesregierung, geeignete Maßnahmen für Design für Alle zu ergreifen. Darauf aufbauend beauftragte das Bundeswirtschaftsministerium 2012 eine Studie zur Umsetzung des Konzepts in der Praxis deutscher Unternehmen.

Auf europäischer Ebene sieht die Richtlinie 2004/18/EG vor, Design für Alle im Vergaberecht der Mitgliedstaaten zu berücksichtigen. Die Europäische Kommission empfiehlt, es als Bedingung in öffentliche Ausschreibungen aufzunehmen.

Forschung, Netzwerke und Auszeichnungen

Design für Alle wird in Europa bislang an keiner Hochschule als grundlegende Planungswissenschaft gelehrt. Es gibt jedoch einzelne Seminare, Workshops und Forschungsprojekte. Als deutsche Beispiele werden die Universität der Künste Berlin und die Akademie für Gestaltung der Handwerkskammer Münster genannt.

Das Kompetenznetzwerk Design für Alle – Deutschland e. V. (EDAD) verbindet Wissenschaftler und Praktiker verschiedener Fachgebiete. Es gehört zum europäischen Netzwerk EIDD-Design for All Europe, dessen Mitgliedsorganisationen in 23 europäischen Staaten vertreten sind. Die Design for All Foundation in Barcelona legt einen besonderen Schwerpunkt auf Wirtschaftsunternehmen. Das European Concept for Accessibility Network (EuCAN) mit Sitz in Luxemburg ist ein europäisches Expertennetzwerk für Zugänglichkeit und Design für Alle.

Mehrere Auszeichnungen fördern die praktische Umsetzung. Die Design for All Foundation vergibt seit 2010 jährlich den internationalen Design for All Foundation Award for Good Practices. Seit 2013 zeichnet der Zentralverband Sanitär Heizung und Klima mit dem Produkt-Award Badkomfort für Generationen herausragende Badlösungen aus. Das Land Brandenburg schrieb 2014 erstmals einen Inklusionspreis für entsprechende Produkte in Tourismus, Freizeit, Sport und Kultur aus. Ebenfalls seit 2010 vergibt die Europäische Kommission jährlich den Access City Award an europäische Städte mit besonderen Leistungen bei der Zugänglichkeit von Umwelt, Verkehr, Infrastruktur, Information, Kommunikation und öffentlichen Dienstleistungen. Design for All Italia ist der einzige nationale Design-für-Alle-Verband Europas, der ein Design-for-all-Label vergibt.

Weiterlesen